Schneller Weg zum Titel

von Dejan Bojkov
26.06.2014 – "Sleepy Hollow" ist eine Gruselgeschichte von Washington Irving (1783–1859), die 1999 mit Johnny Depp verfilmt wurde. Sie spielt in Tarrytown, einem idyllischen Ort nahe New York. Dort fanden vor kurzem die Nordamerikanischen Jugendmeisterschaften statt. Ein Turnier mit straffem Zeitplan, aber verlockenden Preisen. Dejan Bojkov berichtet......

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Jugendschach in Sleepy Hollow

Man startet in New York, Grand Station, und nach kurzer Fahrt bringt einen die Metro-North Hudson Line zu einem berühmten Dorf: Tarrytown. Manch einer meint, Tarrytown sei noch Teil von New York, aber offiziell ist der Ort eigenständig und liegt idyllisch inmitten von Wäldern am Ufer des Hudson River. Dass Tarrytown unweit von New York liegt, aber zugleich vom Schmutz und Lärm der Stadt entfernt bleibt, macht den Ort anziehend und attraktiv. Kein Zufall, dass die Villen von Lyndhurst und Rockefeller hier stehen.

Doch wirklich berühmt wurde die Stadt durch das Buch Sleepy Hollow (und vermutlich auch den gleichnamigen Film mit Johnny Depp). Die unheimliche Geschichte stammt aus der Feder des bekannten amerikanischen Autors Washington Irving. Sunnyside, das mittlerweile historische Haus, in dem der Autor wohnte und seine Bücher schrieb, liegt in der Nähe des Double Tree Hilton Hotels in Tarrytown. Dort fanden vom 12. bis zum 16. Juni die Nordamerikanischen Jugendmeisterschaften statt.

Nach Kanada (2013) und Mexiko (2012) war die USA dieses Jahr Gastgeber. Im Prinzip können alle Länder Nordamerikas am Turnier teilnehmen, aber aus verschiedenen Gründen machen die oben erwähnten Länder die Medaillen immer unter sich aus. Doch alle Altersgruppen unter 20 sind vertreten. Der Zeitplan ist straff. Neun Runden in fünf Tagen, 90 Minuten pro Partie und Spieler (dazu noch 30 Sekunden Zeitaufschlag pro Zug) und abgesehen von Runde 1 täglich eine Doppelrunde.

Entschlossen

Dennoch zieht das Turnier eine Menge Teilnehmer an, was vor allem an den Normen und Titeln liegt, die man hier gewinnen kann. So werden die Sieger in der U18 und U16 mit IM oder WIM-Titel belohnt und die Sieger in der U14 und U12 erhalten FM-Titel. Deshalb gehen manche der jungen Teilnehmer auch lieber in den Gruppen der Älteren an den Start.

Für die meisten Ratingfavoriten verlief das Turnier glatt. Annie Wang und Aleksander Katz gewannen in der U18. Annie Zhao und Viswanadha Kesav holten in der U16 Gold. Sie alle sind jetzt Internationale Meister.

Die weiteren Sieger:

U14: Jason Shi
U12: Martha Samadashvili und David Brodsky
U10: Kylie Tan und Maximillian Lu
U8: Julia Kuleshova und Arthur Guo

Die meisten Medaillen gingen an die USA, die Kanadier konnten allerdings zwei Goldmedaillen mit nach Hause nehmen.

Ein paar Bemerkungen zum Turnier. Die Organisation war ausgezeichnet, allerdings war es meiner Meinung nach keine gute Idee, Jungs und Mädchen in der U8 zusammen spielen zu lassen. Allzu viele Teilnehmer gab es nicht, aber acht Mädchen gingen an den Start und die hätten sehr gut ein Rundenturnier spielen können. Indem man die Gruppen zusammenlegte, spielte das Los eine sehr viel größere Rolle. Ich habe auch nicht ganz verstanden, nach welchem System die Schiedsrichter die Paarungen ermittelten. So spielten in Runde zwei drei Spieler mit je zwei Punkten gegen drei Spieler mit je einem Punkt, aber nicht gegeneinander. Später kam es erneut zu diesen merkwürdigen Dingen.

Ruhig

Auffällig war auch das Verhalten einer Teilnehmerin, die in der U12 an den Start ging und bereits über ein erstaunliches Repertoire an schmutzigen Tricks verfügt. Als sie in der siebten Runde auf Verlust stand, suchte sie Rat bei ihrem Vater (was verboten ist). Er meinte, sie sollte Remis anbieten. Was sie dann auch (mindestens) vier Mal tat. Der Vater beteiligte sich an dem ganzen Geschehen. Er kam auf die Mutter der Gegnerin zu und meinte, ihre Tochter solle das Remis annehmen, da im Turnier doch für beide Mädchen nichts mehr zu holen sei.

In Zeitnot griff das Mädchen dann tief in die Kiste mit billigen Tricks (zum Beispiel, indem sie ihrer Gegnerin, die gerade noch zehn Sekunden auf der Uhr hatte, etwas Süßes anbot). Mit Erfolg, die Gegnerin überschritt die Zeit. Leider war dies nicht der einzige Vorfall dieser Art. Das Mädchen wurde dabei offensichtlich von ihren Eltern unterstützt und angeleitet. Tatsächlich schaffte es die betreffende junge Dame fast in die Medaillenränge.

Doch am Ende rächte sich dieses Verhalten. Das Mädchen wurde dabei fotografiert, wie sie sich mit ihrem Vater beriet. Und die Partie ging an ihre Gegnerin. Doch die Frage bleibt: Müssen wir so ein Verhalten tolerieren? Das Turnier war nur kurz und die Zeit verging schnell. Zum Glück ist New York die Stadt, die nie schläft, denn so hatte ich Gelegenheit, anschließend noch einmal bei meinem Freund Ted Castro, dem Gründer und Cheftrainer des Norcal House of Chess, vorbeizuschauen.

Aufmerksam

Konzentriert

Nachdenklich

 

Fotos: Dora Leticia für die Turnierseite

Impressionen

Der Hudson River - schwer zu glauben, dass New York ganz in der Nähe ist.

Es gibt Schlösser...

...Anwesen...

und Häuser in Tarrytown.

Idyllisch...

...aber manchmal auch unheimlich.

Auf jeden Fall sehr grün

Fußball wird jedenfalls...

...auch hier gespielt.

Fotos: Dejan Bojkov

Turnierseite



Dejan Bojkov, 1977 in Bulgarien geboren, ist Großmeister und leidenschaftlicher Schachtrainer. Er wurde auf der Sportakademie Sofia ausgebildet und hat Spieler und Spielerinnen in der ganzen Welt zum Erfolg geführt, unter anderem die Ex-Frauenweltmeisterin Antoaneta Stefanova. 2009 wurde Bojkov bulgarischer Meister und spielte für Bulgarien bei den Mannschaftseuropameisterschaften. Bojkov schreibt regelmäßig für ChessBase, ist Autor einer Reihe beliebter ChessBase-DVDs und hat zusammen mit Vladimir Georgiev den Taktikratgeber "A Course in Chess Tactics" (Gambit 2010) verfasst.
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