Stefan Zweigs Schachnovelle

13.02.2002 – Heute vor fast 60 Jahren, am 22.Februar 1942, nahm sich Stefan Zweig in seinem brasilianischen Exil in Petropolis das Leben. Stefan Zweig war zu seiner Zeit einer der bekanntesten und meist gelesenen Autoren. Heute kennt man ihn vor allem als Verfasser der Schachnovelle. In Zweigs letztem Werk dient Schach dem Helden als Mittel zum Überleben in der Gestapo-Haft und führt später zur monomanen Besessenheit. Anlässlich des 60.Todesjahr von Stefan Zweig wurde im Kieler Literaturhaus ein Schachabend veranstaltet. Der Kieler Rezitator Henning Westphal las aus Zweigs Schachnovelle und die Künstlerin Elke Rehder zeigte Holzschnitte und Bilder um das Thema Schach und die Schachnovelle. Ein Beitrag von Peter Münder: Vom Schachfieber gepackt...

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VOM SCHACHFIEBER GEPACKT
Von Peter Münder

Stefan Zweigs legendäre "Schachnovelle" erschien im November 1941. Im Februar 1942, also vor sechzig Jahren, nahm sich der berühmte Autor im brasilianischen Exil das Leben. Im Kieler Literaturhaus fand aus diesem Anlass mit Schachmotiven von Elke Rehder und eine Lesung des Rezitators Henning Westpfahl statt.

Vom birneförmigen Kopf flattert ein wirres Haar-Geflecht empor, das als Schachbrett gestaltet ist. Der fließende Übergang vom Kopf zum Schachbrett vermittelt eindrucksvoll die düstere Quintessenz von Stefan Zweigs „Schachnovelle": Ein Mensch wird vom Schachfieber gepackt, entdeckt das Spiel als Überlebensstrategie während der Gestapo-Haft, doch als dazu übergeht, gegen sich Selbst zu spielen, erfasst ihn eine Art Schizophrenie. 

Die Hamburger Künstlerin Elke Rehder, die dieses Motiv gestaltet hat, befasst sich schon seit vielen Jahren mit dem Thema Schach, sie hat die „Schachnovelle“ als bibliophile Ausgabe in ihrer eigenen mit handbetriebenen Presse im Bleisatzverfahren herausgebracht und mit Holzschnitte illustriert. „Schachfaszination“ hat sie ihre Ausstellung eindrucksvoller Einblattdrucke, Radierungen und Holzschnitte genannt. 


Elke Rehder

Vor diesen Bildern erklärt die Künstlerin vor der Lesung Rezitators Westphal, was sie am Schach so fasziniert: „Für mich ist Schach eine intellektuelle Duell-Situation, ein geistiger Kampf von zwei Kontrahenten, spannend finde ich den abstrakten Prozess der sich im Kopf abspielt“. Mit einer Idealisierung und Verklärung der Geistestitanen hat sie nichts am Hut; der Personenkult um Bobby Fischer nach dessen WM Sieg in Reykjavik interessiert sie eben sowenig wie die Diva-Allüren des dollargierigen Gari Kasparow. Man findet keine Porträts dieser Weltmeister und ihren Schachbildern; auch keine am Brett grübelnden Spieler mit zerfurchter Stirn. Dafür reizt es sie, den hölzernen Figuren Leben einzuhauchen und sie als charakterstarke Herrscher über ihre Felder zu zeigen. Eins ihrer Bilder heißt etwa „Läufer nach b3“.


Elke Rehder: Angriff der Bauern


Elke Rehder: Die irrationale Stellung

Das Malerische in einem kleinen Park beim Schwedenkai gelegene Kieler Literaturhaus führte aus Anlass des 60. Todestages von Stefan Zweig einen originellen wie gelungenen Schachabend durch: In einer Ausstellung wurden Elke Rehders Schachmotive gezeigt und in einer Auslesung des Kieler Rezitators Henning Westphal die „Schachnovelle“ sehr lebendig und mitreißend vorgetragen.

Stefan Zweig spielte ja schon während seiner Salzburger Zeit nach dem Ersten Weltkrieg Schach. Während seiner letzten Jahre im brasilianischen Exil hatte er sich ein Schachbuch besorgt, bekannte Partien berühmter Meister analysiert und mit seinem Freund Ernst Feder regelmäßig Schach gespielt. Wenige Monate später vor seinem Freitod im Februar 1942 hatte er die Idee die Schachnovelle, die er allerdings  viel zu selbstkritisch als „zu abstrakt für das große Publikum“ einschätzte- ein klares Fehlurteil in eigener Sache. Denn kaum ein Werk wurde vom breiten Lesepublikum  so begeistert aufgenommen (was ja auch die Verfilmung beweisen) wie die „Schachnovelle“.

Das während der Überfahrt nach New York nach Buenos Aires auf einen Luxusdampfer stattfindende Schachduell der beiden Kontrahenten Dr. B. und dem eher tumben, halb alphabetischen Bauerntölpel und „Schachautomaten“ Mirko Czentovic  wird zum Konflikt zweier gegensätzlicher Weltanschauungen und Kulturen. Der zivilisierte Österreicher Dr. B., ehemaliger  Verwalter großer Klöster, aus dessen Familie Leibarzt des Kaisers stammt, repräsentiert den liberaldemokratischen aufgeklärten Geist Europas, während der ungehobelte, dreiste, größenwahnsinnige und geldgierige Czentovic den rücksichtslosen neuen Barbaren verkörpert. „Ist es nicht eigentlich verflucht leicht, sich für einen großen Menschen zu halten, wenn man Beethoven, ein Dante, ein Napoleon je gelebt haben?“, Heißt es bei Zweig. „Dieser Bursche weiß in seinem vermauerten Gehirn nur das eine, dass er ebene nicht ahnt, dass es außer Schach und Geld noch andere Werte auf unserer Erde gibt, hat er allen Grund, von sich begeistert zu sein“. Der Schach-Roboter Czentovic, dieses „Spezimen intellektueller Eingleisigkeit“, kann sein „Phlegma und seine Imbezilität mit ordinärer Habgier“ überspielen und sich als Kulturbanause über die feinsinnigen Kulturträger, über gute Manieren und zivilisatorische Errungenschaften kaltlächelnd hinwegzusetzen. Er ist als Inkarnation einer dumpfen, gefühllosen Monomanie genau jener Prototyp des unzivilisierten  „neuen Menschen“, vor dem es Stefan Zweig so grauste. Zutiefst deprimierte ihn Erfolg der Nazi-Truppen in Europa. Als die Wehrmacht auch in Nordafrika mit einer Gegenoffensive in Libyen die britische Armee zu überrollen schien und schließlich auch Singapur von den Japanern erobert wurde, war der anglophilie Zweig, dessen erste Exilstation ja London gewesen war, zutiefst erschüttert und verzweifelt. Für ihn schien damit der „Untergang des Abendlandes“ besiegelt, den Oswald Spengler ja in seinem Buch prophezeit hatte.

Im Schachduell zwischen den kultivierten Österreicher Dr. B., ohnehin Czentovic beschrieb  Stefan Zweig die Auseinandersetzung zwischen einer dem Untergang verdammten Kultur und dem Vertreter der neuen Barbarei. Im Unterschied zu Thomas Mann, der im amerikanischen Exil ziemlich spät, aber entschlossen, den Kampf gegen die Nazi-Barbarei unterstützte und den geistigen Verflachungsprozess für umkehrbar und verhinderbar hielt, sah der deprimierte Verfasser der „Sternstunden der Menschheit“ für den aufgeklärten Liberalismus und Humanismus keine Hoffnung mehr und nahm sich zusammen mit seiner Frau Lotte am 22. Februar 1942 in Petropolis das Leben.

In seiner Lesung konnte der junge Kieler Rezitator Westphal die facettenreichen, ironischen Aspekte des dramatischen Psycho-Duells wunderbar  herausarbeiten. Das Großartige an der „Schachnovelle“ ist ja nicht nur die dramatische Schilderung des Duells am Brett, sondern auch das subtile Psychogramm eines Mannes, für den die Analyse der 150 Meisterpartien, die Beschäftigung mit dem Schach während der Gestapo-Haft einerseits zu erfolgreichen Überlebensstrategie wird, andererseits aber auch zur monomanen Besessenheit gerät und damit eine neue Gefährdung darstellt: „War es damals in der Zelle noch Schachspiel oder Wahnsinn.“ –dies will Dr. B. eben im Wettkampf mit dem Weltmeister herausfinden. Tatsächlich gewinnt Dr. B. die erste Partie, doch bei der zweiten gerät er in einen Fieberwahn und beginnt zu halluzinieren, weshalb der Erzähler zum Abbruch der Partie rät.


Henning Westphal liest
"Die Schachnovelle".

Keinesfalls abbrechen will die Künstlerin Elke Rehder die Auseinandersetzung mit dem Thema Schach: „Es ist so spannendes Gebiet mit immer neuen Facetten und Konstellationen-  das werde ich auf jeden Fall noch lange weiter gestalten. Auch für mich ist Schach eine unendliche Geschichte“. Begeistert und nachdenklich regierten die zahlreich erschienenen Zuhörer auf diese gelungene Kombination von Ausstellung und Lesung.

Info:
Die Ausstellung „Schachfaszination“ ist bis zum 28.2 im Kieler Literaturhaus, Schwanweg 13 (Tel. 0431 5796840) zu sehen.
Die Künstlerin Elke Rehder ist über Tel. 040-711 92 37 zu erreichen.

 

 

Mehr zu Stefan Zweig:



Stefan Zweig, am 28.November 1881 in Wien geboren. Erste Gedichte als Gymnasiast unter dem Einfluss von Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke. Erste Veröffentlichungen seit 1901, anfangs Gedichte, später Erzählungen. Es folgen Übersetzungen französischer Autoren. Zweig veröffentlicht Feulletons, Dramen und eine erste Biografien. Viele Reisen und Begegnungen mit anderen Schriftstellern. Während des ersten Weltkrieges leistet Zweig Dienst im Kriegspressequartier (-1917). Später unter dem Einfluss von Romain Rolland (1866-1944) zunehmend pazifistische Weltsicht, auch verursacht durch eigene Erlebnisse in den Kriegsjahren in Galizien. Korrespondent der Wiener Neuen Freien Presse, ab 1919 Übersiedlung nach Salzburg (bis 1934), dort Veröffentlichung zahlreicher Erzählungen und Essays. Durch Vermittlung Maxim Gorkis Übersetzung der Werke ins Russische. 

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme Flucht nach London (1934). Beschlagnahme und Verkaufsverbot seiner Bücher durch die Nazis 1936. 1940 nimmt Zweig die englischen Staatsbürgerschaft an, er verlässt Europa, geht erst nach New York, reist nach Argentinien, Paraguay und Brasilien, wo er sich 1941 niederlässt. Im gleichen Jahr veröffentlicht er die Schachnovelle. Am 22. Februar 1942 scheiden Stefan Zweig und seine Frau in Petropolis (Brasilien) "aus freiem Willen und mit klaren Sinnen" aus dem Leben.



Zu seiner Zeit war Stefan Zweig der erfolgreichste, meistgelesene und meistübersetzte deutschsprachige Schriftsteller. Sein letztes Werk "Die Schachnovelle" hielt er selbst für zu kompliziert, um erfolgreich zu sein. 

Heute ist es die bekannteste Arbeit Stefan Zweigs. Ebenso erfolgreich wie das Buch (Fischer Taschenbuch, ca. Euro 5,00, Infos bei Amazon...), war die Verfilmung von Gerd Oswald aus dem Jahr 1960, mit Curd Jürgens und Mario Adorf (Als Video bei Amazon...).

Bilder aus dem Film:

André Schulz/13.02.02

 

 

 

 

 


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