Vincent trifft Garry

von Frederic Friedel
23.10.2015 – Er stammt aus einer Musikerfamilie: der Vater unterrichtet an der Universität, die Mutter spielt auf Konzerten Cello. Vincent ist angehender Pianist - und ein sehr starker Schachspieler. Um eine genauere Einschätzung seines Talents zu erhalten, verabredeten wir ein Treffen mit dem 13. Schachweltmeister. Garry Kasparov bestätigte: ein außerordentliches Talent. Mehr...

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Schachtalent: Vincent trifft Garry

Und so fing alles an. Vor kurzem  – genauer gesagt, Ende August – verbrachten wir einen sehr angenehmen Nachmittag mit interessanten Gästen im ChessBase-Büro in Hamburg. Unsere Gäste waren:

Heike und Christof Keymer, beide Musiker. Heike spielt im Orchester Cello, Christof unterrichtet Musik an der Universität Hannover. Sie ist lebhaft und voller Geschichten; er ist akademisch und gelehrt, ein Konzertpianist – diesen Monat gibt Christof ein Konzert in Gibraltar.

Mit dabei war ihre Tochter Cecilia, sieben Jahre alt und eins der niedlichsten kleinen Mädchen, die ich seit langer Zeit getroffen habe. Wir scherzten eine Weile miteinander, was viel Spaß gemacht hat, da sie einen ausgeprägten Sinn für Humor hat. Sie spielt Cello und Klavier.

Und dann war da noch Vincent, intelligent und höflich, ein angehender Pianist - aber auch ein sehr starker Schachspieler. Im Moment reden wir über 2350 Elo-Punkte auf der aktuellen FIDE-Weltrangliste. ChessBase hatte ihn zu einer Trainingssitzung mit einem unserer erfahrensten Jugendtrainer eingeladen, Gisbert Jacoby (der für ChessBase  eine Reihe von DVDs veröffentlicht hat, alle auf Deutsch).

Nach einer zweistündigen Trainingssitzung fragte ich Gisbert, was er von Vincents Talent und Schachverständnis denkt. "So etwas habe ich noch nie gesehen," meinte der Trainer, sichtlich aufgewühlt. "Er ist definitiv besser als seine Ratingzahl." Wirklich. "Hast du schon einmal gegen einen Großmeister gespielt?" fragte ich Vincent. Er guckte leicht überrascht: "Klar," meinte er, "und drei habe ich geschlagen."

Übrigens ist Vincent ist zehn Jahre alt. Und er wird als Deutschlands größtes Schachtalent seit Lasker gefeiert (siehe Titelbild oben).

Die Zeit war reif, ihn richtig zu testen. Wie der Zufall es wollte, war Garry Kasparov zur 2. Transatlantischen Konferenz des Aspen Instituts in Berlin eingeladen, um dort eine Grundsatzrede zu halten. Eine gute Rede. Sie sollten sie lesen.

Nun haben Garry und ich eine Tradition: einmal im Jahr darf ich ihn bitten, ein (meiner Meinung nach) außergewöhnliches Talent zu testen. Der Test sieht so aus, dass er sich Partien meines Kandidaten anschaut oder manchmal auch eine Stunde persönlich mit ihm analysiert und dann eine Meinung abgibt. Die ich mit dem größten Respekt behandle: Garry hat eine Reihe von späteren Weltklassespielern entdeckt, bevor irgendjemand von ihnen gehört hat.

Ich hatte ihm schon eine ganze Weile niemanden mehr vorgestellt, doch da Kasparov im Oktober in Berlin war, ergriff ich die Gelegenheit und führte Vincent und seinen Vater zu einem Treffen mit dem legendären 13. Schachweltmeister ins schöne WestIn Hotel in Berlin. Ich warnte sie jedoch: er wird wenig Zeit haben - er ist für einen zweitägigen Blitzbesuch in der Stadt, als Gast des Aspen Instituts und der deutschen Regierung, er gibt Zeitungen und Fernsehen Interviews und ist zu Dinnerbanketts eingeladen. Ein Händeschütteln und ein signiertes Buch sollten genug sein. Christof war absolut zufrieden: "Wenn Vincent Garry Kasparov einfach nur treffen kann, ist das schon ein großer Moment für ihn, eine große Motivation für seine Schachkarriere."

Nun, Garry kam ins Hotel, von Helfern des Aspen Instituts begleitet, sah uns und kam zu uns. Nachdem er die Erwachsenen begrüßt hatte, wandte er sich an den Jungen und meinte: "Du bist also Vincent?! Hast du ein Schachspiel mitgebracht?" Er hatte und Garry lud uns alle in seine Suite im WestIn ein.

Was folgte war eine aufregender, fast zwei Stunden dauernder, Schachaustausch mit Analyse. Garry begann, indem er Vincent bat, ihm ein paar seiner vor kurzem gespielten Partien ("gegen starke Gegner") zu zeigen. Dabei fragte er Vincent, warum er bestimmte Eröffnungen und bestimmte Züge gespielt hatte - und andere nicht.

Erich Follath (Mitte), leitender Redakteur beim SPIEGEL, das größte Nachrichtenmagazin Europas, war dabei - er hatte Kasparov zu seinem neuen Buch "Winter is Coming" befragt, das vor kurzem erschienen ist. Lesen Sie es - es wird Ihnen (passend zum Titel) kalte Schauer über den Rücken jagen. Ich wage die Vorhersage, dass Erichs nächste Schachgeschichte im SPIEGEL über Vincent und diese Trainingssitzung gehen wird.

Aber zurück zum Kasparov-Training, das manchmal extrem intensiv war.

Garry gab oft konstruktive Ratschläge - und Vincent sog sie alle in sich auf.

Es war eine bemerkenswerte Lehrstunde am Beginn einer viel versprechenden Schachkarriere.

Nachdem er sich ein paar von Vincents Partien angeschaut hatte, ging Garry zu etwas anderem über: er gab dem Jungen drei Studien, die er lösen sollte. Alle drei waren sehr schwer und manchmal gab Garry ein wenig Hilfestellung und verwies auf die geometrischen Motive der Studie.

Irgendwann, als Vincent Probleme mit einer Studie hatte, tat Garry das, was auch Bruce Pandolfini mit Josh Waitzkin in dem Film "Searching for Bobby Fischer" getan hatte: er fegte die Figuren vom Brett und meinte zu Vincent, er solle die Lösung im Kopf finden.

Ein zehnjähriger, der eine schwierige Studie ohne Ansicht des Brettes löst.

Wirklich, wirklich schwer, aber Vincent gab nicht auf und fand am Ende auch die Lösung!

Wir verraten hier nicht, welche Studien Garry Vincent zum Lösen gegeben hat – das kommt in einem späteren eigenständigen Artikel. Und dann können Sie Ihr Schachkönnen unter ähnlichen Umständen testen.

Am Ende erhielt Vincent eine Reihe von Büchern aus Kasparovs Serie "My Great Predecessors"

Nach dieser ausführlichen Sitzung teilte mir Garry seine Einschätzung mit. Soviel sei verraten: Vincent ist unglaublich talentiert und kann definitiv in die Spitze der Schachwelt aufsteigen. Aber er hat noch nicht angefangen, voll und systematisch zu trainieren - natürlich nicht, der 10-jährige hat eine Reihe von Interessen und Talenten und verbringt nur eine oder zwei Stunden am Tag mit Schach. "Folgende Situation wird er erleben: bei großen Turnieren wie der Jugendweltmeisterschaft in Griechenland, die am 24. Oktober im griechischen Chalkidiki beginnt, wird er gegen 12-jährige aus Russland, der Ukraine, Kasachstan, aus welchem Land auch immer, spielen, die bereits seit acht Jahren von professionellen Schachtrainern viele Stunden am Tag trainiert worden sind. Vincent muss ganz allein auf sein Talent vertrauen. Warten wir ab, wie es ihm ergeht. Ich werde das verfolgen."

Im Moment sucht Vincents Familie nach einem Sponsor, der hilft, die Kosten zu tragen, die ein solches Schachtalent erfordert: regelmäßiges Großmeistertraining, Reisen zu internationalen Turnieren (mit einem Elternteil), etc. Die Dinge sehen gut aus und ich bin sicher, ein großes Unternehmen wird helfen, seine Karriere zu unterstützen.



Chefredakteur der englischen ChessBase-Seite. Hat in Hamburg und in Oxford Philosophie und Linguistik studiert und sein Studium mit einer Arbeit über Sprechakttheorie und Moralsprache abgeschlossen. Eine Karriere an der Universität gab er auf, um Wissenschaftsjournalist zu werden und Dokumentationen für das deutsche Fernsehen zu produzieren. Er ist einer der Mitbegründer von ChessBase.
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Radost Radost 24.10.2015 01:58
Vielleicht sollte Vincent Keymer ja lieber doch Konzertpianist werden! Was will er eigentlich?
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