Wer war Lionel Kieseritzky?

07.11.2001 – Lionel Kieseritzky ist so gut wie jedem Schachfreund als einer der beiden Spieler bekannt, die die Unsterbliche Partie Adolf Anderssen gegen Lionel Kieseritzky, London 1851 gespielt haben. Der strahlende Gewinner war Anderssen, doch der Umstand, dass die Partie veröffentlicht und für die Nachwelt überliefert wurde, ist dem Verlierer Kieseritzky zu verdanken, der den freien Wettkampf von 15 Partien damals am Rande des Londoner Turniers mit +8 -5 =2 klar für sich entschied. Wer aber war Lionel Kieseritzky? Ingomar von Kieseritzky beschäftigt sich in seinem Roman "Da kann man nichts machen" auf dichterische Weise mit seinem berühmten Ahnen. Gerald Schendel liefert uns nun ein Bild des wohl bekanntesten unbekannten Schachspielers der Welt anhand der überlieferten Quellen. Beitrag zu Lionel Kieseritzky...

 

Lionel Kieseritzky (1806-1853)

 

Für seinen neuen Roman "Da kann man nichts machen" (Verlag C. H. Beck, München 2001) hat der Berliner Schriftsteller Ingomar von Kieseritzky umfangreiche Recherchen angestellt. Diejenigen Quellen, die sich auf den berühmten Vorfahren des Familienclans 'Kieseritzky' beziehen, den Schachspieler Lionel Kieseritzky nämlich, werden in dem Roman ausdrücklich genannt - sie fallen freilich nur demjenigen auf, der sich in der Materie etwas auskennt.

Im Text selbst wird ein Mal Bezug genommen auf das ChessBase Magazin (S. 192) und mehrfach auf die Baltischen Schachblätter.

Baltische Schachblätter - das war eine Schachzeitschrift, die in acht Heften zwischen 1889 und 1901 von dem baltischen Altmeister Friedrich Amelung (1842-1909) herausgegeben wurde (vergl. die Einleitung zum Turnierbuch Kemeri 1937 [Riga 1938], S. 4 f.). In Heft 2 (Verlag von Julius Springer, Berlin, 1890) beschäftigte sich Amelung mit dem "berühmtesten baltischen Schachspieler und zugleich einem der größten Schachmeister aller Zeiten" (Amelung): Lionel Kieseritzky.





Kieseritzky im Pariser Schachcafé "La Régence"

 

Als Amelung über Lionel Kieseritzky (künftig: K.) schrieb, hatte dieser bereits einen Ruf, der ihm bis heute anhängt. K. galt und gilt als Inbegriff des gescheiterten Schachprofis. Die Wiener Schachzeitung schrieb nach seinem Tode über K., er sei in Paris gestorben "arm und verlassen, wie er gelebt hatte, von wenigen gekannt und von niemandem betrauert" (zitiert nach H.v. Gottschall, Adolf Anderssen, Leipzig 1912, S. 101), nur ein Kellner des Schachcafés sei dem Leichenzug gefolgt. Die K.-Legende wurde als warnendes Beispiel genannt, als der Weltschachbund FIDE 1931 einen Hilfsfonds für Not leidende Schachmeister schuf (Silbermann/Unzicker, Geschichte des Schachs, München 1975/77, S. 144). K. - ein Symbol des ewigen Verlierers!

Dabei müsste schon das Schicksal derjenigen Partie, mit der K. als Verlierer in unzählige Schachlehrbücher einging ("die unsterbliche Partie" Anderssen-K., London 1851, 1-0 nach 23 Zügen), zur Vorsicht im Umgang mit K.'s Biographie mahnen. Diese Partie wurde nämlich in verfälschter Form überliefert!

Am Rande des ersten internationalen Schachturniers 1851 in London spielten der spätere Turniersieger Anderssen und K. insgesamt 15 freie Partien, von denen K. die meisten gewann. Sein Resultat: +8 -5 =2 (Deutsche Schachzeitung [DSZ], 7/1941, S. 102). Eine dieser Partien, gespielt am 21. Juni 1851, veröffentlichte K. selbst (La Régence, Paris, Juli 1851) - Gambit Bryan: 1.e4 e5 2.f4 exf4 3.Lc4 Dh4+ 4.Kf1 b5 5.Lxb5 Sf6 6.Sf3 Dh6 7.d3 Sh5 8.Sh4 Dg5 (GM Robert Hübner hob an dieser Stelle in "Abfall Nr.4" [ChessBase Magazin Mai/Juni 1989, S.96] die "vornehme und sachliche Einstellung" K.'s hervor, der wir die Erhaltung der Partie verdanken). 9.Sf5 c6 10.g4 Sf6 11.Tg1 cxb5 12.h4 Dg6 13.h5 Dg5 14.Df3 Sg8 15.Lxf4 Df6 16.Sc3 Lc5 17.Sd5 Dxb2 18.Ld6 Lxg1 19.e5 Dxa1+ 20.Ke2 Schluss! Schwarz gab auf. K. merkte am Ende der Partie an: "Cette partie a été conduite par M. Anderssen avec un remarquable talent." (zitiert nach dem Faksimile der Urquelle in Tomasz Lissowski/Bartlomiej Macieja, Zagadka Kieseritzky´ego, Warschau 1996, S. 20)

In der von Ernest Falkbeer redigierten "Wiener Schach-Zeitung" war im Januar 1855 unter der Überschrift 'Eine unsterbliche Partie' zu lesen: "Dieselbe Partie findet sich in der zweiten Auflage des von Bilguerschen Handbuches, S. 353, Nr. II, entbehrt jedoch (...) dort aller weiteren Glossen über die interessanten Variationen, zu deren Erforschung das fürchterliche materielle Uebergewicht von Schwarz, besonders nach dem neunzehnten Zuge aufzufordern scheint. Wir haben nun (...) die, vorzüglich im 20. Zuge möglichen Vertheidigungsarten von Schwarz untersucht (...)" (zitiert nach Lissowski/Macieja, aaO. S.22). Nun - K. war schon verstorben - wird die Partie fortgeführt mit 20... Sa6, dem Diagramm der jetzt erreichten Position und dem Hinweis: "Weiss bietet in 3 Zügen Matt." 20... Sa6 21.Sxg7+ Kd8 22.Df6+ Sxf6 23.Le7 matt.

Seither, so erklärte v. Gottschall in seiner Anderssen-Biographie, erhielt die Partie den Namen "die unsterbliche Partie": "Die Deutsche Schachzeitung veröffentlichte sie wunderbarerweise erst im Jahre 1880 nach dem Tode Anderssens, um die deutsche Schachwelt daran zu erinnern, was sie mit dem Heimgang ihres Nationalhelden verloren hat." (H.v. Gottschall, aaO. S. 99).

K. als Steigbügelhalter für den Ruhm eines deutschen Nationalhelden - aus dieser Instrumentalisierung K.'s lassen sich vielleicht die Verzerrungen in biographischen Abbildungen K.'s erklären.

So wurde K. als Franzose bezeichnet oder - wie in den Aljechin zugeschriebenen Artikeln über 'Jüdisches und arisches Schach' (1941) - als "polnischer Jude" (vergl. DSZ 4/1941, S. 50).

Tatsächlich war der Deutschbalte Lionel Adalbert Bagration Felix Kieseritzky geboren am 20. Dezember 1805 (das Kalenderdatum alten Stiles entspricht dem 1. Januar 1806 neuen Stiles) in Dorpat/Livland (heute Tartu/Estland) als Sohn des dortigen Advokaten Otto Wilhelm K. (1755-1814) und dessen Ehefrau Felicitas Catharina, geborene von Hoffmann (1765-1837). Das baltische Livland gehörte damals zum russischen Zarenreich.

Amelung war die Herkunft der Familie 'Kieseritzky' nicht ganz klar. Vorsichtig formulierte er: "Lionel Kieseritzky stammt aus einer um die Mitte des 18. Jahrhunderts von Polen nach Livland eingewanderten Familie, welche in der Gegenwart bei uns noch recht zahlreich vertreten und blühend ist. Der Ursprung seiner Familie lässt sich, soweit uns bekannt geworden, nur bis auf den Anfang des 18. Jahrhunderts in Polen zurückverfolgen. Wenn auch der Vater und Grossvater unseres Schachmeisters sich in Livland mit deutschen Frauen verheirathet hatten, so scheint es doch, das sich das in seinen Adern rollende polnische Blut bei ihm nicht verläugnete." (Baltische Schachblätter, 2/1890, S. 56).

Polnisches Blut? Der in Warschau lebende (Schach-) Historiker Tomasz Lissowski ist der Frage in einer detaillierten, wissenschaftlich fundierten Biographie nachgegangen und fand keine Beweise dafür, dass irgendjemand in Kieseritzky's Familie polnischen Ursprungs war. Eine englische Rezension der vorbildlichen, in polnischer Sprache geschriebenen Biographie von Lissowski/Macieja (Zagadka Kieseritzky´ego, Warschau 1996) findet sich im Internet bei http://www.chesscafe.com.

Ingomar von Kieseritzky erwähnt übrigens in seinem Roman "Da kann man nichts machen" die Biographie seines Vorfahren (S. 158 f.): "ein Buch von einem gewissen Lissowski, leider in polnischer Sprache, mit dem schönen Titel Zagadka Lionel K. ego, also Rätsel oder Geheimnis K., und ich müsse nur noch Polnisch lernen, um dem großen Thema gerecht zu werden." Vor der Veröffentlichung des Romans haben der Berliner Schriftsteller und der Warschauer Historiker miteinander korrespondiert.

Von Lionels Bruder Guido (1803-1862), einem Mathematiker, sind durch Hofrat Dr. v. Guttceit Mitteilungen überliefert, die Familienforscher vor ein Rätsel stellten: "Lionel Adalbert Bagration Felix Kieseritzky (von Rechtswegen eigentlich des heil. röm. Reichs Freiherr von Koseritz und polnischer Graf Kizericki) ward geboren" etc. (Deutsche Schachzeitung 1855, zitiert nach DSZ 7/1941, S. 102 Anm.). Der Genealoge E. Seuberlich (Stammtafeln deutsch-baltischer Geschlechter; 1924) fand keine Anhaltspunkte dafür: "Ein Zusammenhang der Kieseritzkys mit der sächsisch-anhältischen Familie von Koseritz, die ein Wappen mit einem silbernem Stierkopf in blauem Felde führt, ließ sich bisher nicht nachweisen."

Der russische Zweig der Familie Kieseritzky wurde 1864 in St. Petersburg in den russischen Adelsstand erhoben. Um so merkwürdiger ist es, dass es der aus russischem Adel stammende Alexander Aljechin gewesen sein soll, der 1941 in den berüchtigten Artikeln über 'Jüdisches und arisches Schach' Lionel Kieseritzky als "polnischen Juden" bezeichnet hat.

Diese familiengeschichtlichen Fragen sind nicht zuletzt deshalb von Bedeutung, weil zu den fragwürdigen Artikeln (zunächst 1941 in der "Pariser Zeitung" erschienen, dann in der "Deutsche Zeitung in den Niederlanden", danach - gekürzt - in der "Deutschen Schachzeitung" [DSZ] und in einer Übersetzung der gekürzten Version in der englischen Zeitschrift "Chess") in der DSZ seinerzeit eine öffentliche Diskussion nur zu einem Thema stattfand: Kieseritzky!

Schon zu Beginn des Nachdrucks in der DSZ fragte DSZ-Herausgeber Max Blümich: "War Kieseritzky wirklich Jude?" (DSZ 4/1941, S. 50 Anm. 1) Die Fortsetzung des Nachdrucks in der Mai-Ausgabe der DSZ leitete Blümich mit der Feststellung ein: "Kieseritzky ist übrigens, wie wir schon vermuteten, nicht Jude gewesen. G. Jirikoff (der ähnlich wie H. Kühne und M. Karstedt sich um die Aufklärung bemüht), weist darauf hin, dass schon die Tatsache, dass K. am 1.1.1806 in Dorpat (Livland, nicht Polen!) geboren ist, das zeigt. Dorpat gehörte zu den Städten Rußlands, in denen keine Juden leben durften." (DSZ 5/1941, S. 65) Nach Abschluß des Nachdrucks in der DSZ wurde in der Juli-Ausgabe der DSZ ausführlich aus einem Leserbrief von Superintendent Dr. Artur Rhode in Posen zitiert, der nicht nur die "arische" Abstammung Kieseritzkys betonte, sondern sich insbesondere auch gegen den "Vorwurf" wandte, dass K. von Anderssen "zerschmettert" worden sei, indem er auf das Gesamtresultat der freien Partien zwischen den beiden Spielern in London 1851 hinwies. Ohne weiteren Kommentar ist in diesem Zusammenhang in einer separaten Anmerkung die von Dr.v. Guttceit 1855 überlieferte ominöse Mitteilung von K.'s Bruder Guido angefügt.

Nach den Forschungen des Genealogen Seuberlich fällt die Einwanderung der Kieseritzkys nach Livland spätestens in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts. Als ältesten Namensträger ermittelte er Jürgen Kieseritzky, der Schneidermeister in Wolmar war und dort 1688 ein Haus in der Nähe des Rathauses besaß, also in der besten Lage der Stadt. Die bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts auftretenden Kieseritzkys sind fast alle Gutsverwalter auf Gütern um Dorpat und Fellin. Lionels Vater studierte als erster der Familie. Juristen in Dorpat wurden auch Lionels Brüder Felix (1784-1849) und Artemius (1795-1881). Lionels Bruder Edmund (1785-1847) wurde russischer Generalmajor, der ihm vom Alter her am nächsten stehende Bruder Guido arbeitete als Privatlehrer der Mathematik. Lionel war als 14. Kind das Nesthäkchen der Familie; außer zu Guido hatte er enge Beziehungen zu seiner Schwester Lydia, die erst im Jahre 1882 "hochbetagt" (Amelung) verstarb.

Wie eng K.'s Beziehung zu seiner Schwester Lydia war, ist unklar. In einem Roman darf man ihn des Inzests verdächtigen (vergl. Ingomar von Kieseritzky, Da kann man nichts machen), Amelung beschränkte sich 1890 auf die Mitteilung, dass K. in einem Beleidigungsprozess als Kläger eingetreten war: "Die Prozessakten sind noch vorhanden, es soll hier nur soviel daraus mitgetheilt sein, dass er den Prozess gewann, doch drohte ihm jederzeit wiederum dieser Prozess möglicher Weise nochmals aufzuleben und infolge dessen entschloss der ehrgeizige Mann sich schweren Herzens, Livland ganz zu verlassen." (Baltische Schachblätter, 2/1890, S. 64)

Kurz vor seiner Abreise, am 5. Mai 1839, arrangierte er noch eine 'lebende Partie', dann verliess K. seine Vaterstadt Dorpat, was er - laut Amelung - immer für ein Unglück ansah. Er war damals Privatlehrer, erteilte Unterricht in der Mathematik und war bei den Bürgern von Dorpat ein "sehr gesuchter und beliebter Lehrer" (Amelung). An der Universität hatte er zunächst Philologie studiert, dann Jura - er beschäftigte sich aber vorwiegend mit der Mathematik. Amelung: "Im Jahre 1829 verliess er die Universität und liess sich nach stattgehabter Prüfung als Mathematiklehrer in seiner Vaterstadt nieder. Nachdem er als solcher vom Curator der Universität bestätigt worden, ertheilte er Privatunterricht" etc (Baltische Schachblätter, 2/1890, S. 60).

Es trifft also nicht zu, was heute noch gelegentlich in Schachzeitschriften zu lesen ist, nämlich dass K. als "verbummelter Student" 1839 seine Heimat verlassen haben und in die Schachmetropole Paris gereist sein soll, um in einem Schachcafé seiner Leidenschaft zu frönen!

Als sich K.'s Leben dem Ende näherte und er am 4. April 1853 in ein Pariser Krankenhaus kam, wurde in die Akten aufgenommen: "Profession: professeur de mathématiques" (vergl. Lissowski/Macieja, aaO. S. 288). Es war eine Hemiplegie diagnostiziert worden, also eine halbseitige Körperlähmung durch einen Krankheitsherd im Hirnstamm. In diesem Krankenhaus starb K. am 19. Mai 1853.

Die Ansicht, dass K. in Paris in Armut und Elend versunken sei, wies Amelung als irrig und falsch zurück: "Das Wahre ist, dass er stets unbemittelt blieb und in bescheidener Weise lebte, ohne jedoch zu irgendeiner Zeit ganz zu verarmen und etwa anderen Menschen zur Last gefallen zu sein. Im Gegentheil, er konnte sogar einiges erübrigen und bei seiner eigenen völligen Bedürfnislosigkeit vermochte er von einem Jahreseinkommen, welches zwischen blos 1500 bis 2000 Francs sich bewegte, noch an seine Geschwister in Dorpat gelegentlich ganz stattliche Geldpräsente zu übersenden." (Baltische Schachblätter, 2/1890, S. 65).

In seiner Zeitschrift publizierte Amelung einige Briefe K.'s, die ihm von Dr.med. Walter Kieseritzky (1853-1912) zur Benutzung überlassen worden waren. Diese stammten aus der Zeit vor 1850. Amelung kannte K.'s Bruder Guido persönlich und wusste, dass Briefe K.'s seit 1850 sich noch 1858 im Besitze Guidos befanden. Er plante damals die Herausgabe der Briefe. Doch Guido K. starb 1862 und die Briefe gingen verloren. (vergl. Baltische Schachblätter 2/1890, S. 65 Anm.).



Kieseritzkys Unterschrift aus einem Brief.



K. korrespondierte von Paris aus mit Schachgrößen in Deutschland. Es gibt anscheinend noch Briefe K.'s z.B. an den preußischen Diplomaten und Schachförderer Baron Tassilo von der Heydebrand und der Lasa (1818-1899).

Möglicherweise werden diese noch unbekannten Dokumente in der (geplanten) zweiten Auflage der K.-Biographie von Lissowski/Macieja enthalten sein, der eine deutsche Übersetzung zu wünschen ist.

Gerald Schendel/5.11.2001

 

 

 

 


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