Werkstatt: Die Engines und Caruanas Damenopfer

22.12.2016 – Die Partie bei den London Chess Classic zwischen Fabiano Caruana und Hikaru Nakamura, in der Caruana ein positionelles Damenopfer brachte, hat die Zuschauer neben vielen anderen ereignisreichen Partien besonders gefesselt. Eine interessante Frage ist: Sind Engines inzwischen in der Lage, ein solches Damenopfer und seine Folgen korrekt zu beurteilen? Arno Nickel hat die kritische Phase aus der Sicht des Fernschach-Großmeisters beleuchtet. Mehr...

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Von Arno Nickel

Einige Anmerkungen zur Partie Caruana-Nakamura aus der Sicht als Fernschachspieler mit gewisser Engine-Erfahrung:

Im Najdorf-Sizilianer gibt es immer wieder neue Versuche im frühen Partiestadium, was eigentlich nur die Lebensfähigkeit des Systems widerspiegelt.

Fabiano Caruana und Hikaru Nakamura  am 15. Dezember bei dem London Chess Classic. Foto: Lennart Ootes 


Wenn sich im konkreten Fall und in nächster Zeit das ganze Abspiel mit 13...g5 als fragwürdig herausstellen sollte, würden vermutlich wieder mehr Spieler zu 13...Lb7 greifen, was die Idee g7-g5 nicht aufgibt, sondern nur aufschiebt, z. B. 14. Lg2 Tc8 15. Kb1 g5 16. Dh3 Sh7. Dazu gibt es lediglich 4 Fernpartien in der Online-Datenbank, aber diese Partien sind relativ frisch und endeten alle remis.

 


Aber auch im Abspiel 13...g5 14.h4 gxf4 15.Le2, und nun (statt Nakamuras 15...b4?! und statt Vachier-Lagraves 15...Tg8) 15...Se5 scheint mir Schwarz gute Ausgleichschancen zu haben, wenn man der von Vachier-Lagrave angegebenen Variante (zitiert nach Michal Krasenkow auf ChessBase) folgt und im 21.Zug eine kleine Korrektur vornimmt, wiederum orientiert an Fernschachmaterial, das auch von der Live-Database bereitgestellt wird:

 

 

16. Dxf4 Sexg4 17. Lxg4 e5 18. Sd5 Sxd5 19. Df3 Lxg4 20. Dxg4 Sf6 21. Df3 und nun (statt 21...exd4?) 21...Tc8.

Die resultierende Stellung mit 21...Tc8 mag nicht jedem für Schwarz gefallen, aber die Engines sind sich hier auch in größeren Tiefen (z. B. Stockfish 8 in Tiefe 35) erstmal einig, dass die Stellung gleiche Chancen bietet. Keine Ahnung, ob das jemand mal gründlich untersucht hat, aber außer zwei remis ausgegangenen Fernpartien von 2013 und 2014 finden sich keine weiteren Partien in der Online-Datenbank.

Beim Vergleich Turnierschach/Fernschach muss man sich über einige grundlegende Unterschiede in der Herangehensweise im Klaren sein:

1.) Der Turnierschachspieler will und kann sich keine ellenlangen Variantenbäume merken, sondern sucht in der Regel ein Repertoire, das dies zu meiden versucht, indem es vor allem seinem Stellungsverständnis und seinen Neigungen bzw. seinem Spielstil entsprechen soll. Der Fernschachspieler braucht sich keine Variantenbäume zu merken, aber er muss wissen, worauf er sich einlässt, wenn er variantenreiches Spiel zulässt oder anstrebt. Er möchte sich auch gern auf sein Stellungsverständnis verlassen können, muss dabei aber sehr selbstkritisch bleiben und stets bereit sein, avisierte Pläne zu ändern, wenn die nüchterne Analyse dies erfordert.

2.) Der Turnierschachspieler hat gute Gründe, auch mit Schwarz auf Gewinn zu spielen, abhängig natürlich vom Gegner und der konkreten Situation. So vermute ich auch, dass Nakamura durchaus mit Gewinnchancen nach 15...b4 gerechnet oder sie sich erhofft hat. Der Fernschachspieler kann sich diesen Luxus im Computerzeitalter nur äußerst selten erlauben. Er muss prinzipiell davon ausgehen, dass der Gegner fehlerfrei spielt. Kleinere Ungenauigkeiten mögen bei Weiß durchgehen, aber bevor man mit Schwarz echte Gewinnchancen bekommt, muss schon einiges bei Weiß schief gelaufen sein. Ein unverhoffter Patzer reicht allerdings, dann wird nur noch exekutiert, auch wenn’s noch 30 oder 50 Züge dauert.

3.) Der Fernschachspieler muss in kritischen Stellungen bzw. in kritischen Entscheidungssituationen alles aus dem Computer herauspressen, was der hergibt. Das ist weniger das stupide in die Tiefe rechnen lassen (gern sagen die Leute "über Nacht"), sondern das Abarbeiten von Variantenbäumen. Da er nicht alles und jedes untersuchen kann, muss er, ein bisschen so wie bei einer wissenschaftlichen Arbeit, geeignete Arbeitspläne für kritische Stellungen aufstellen, die es ihm später ermöglichen, die richtigen Entscheidungen zu fällen. Viele Züge mögen wenig Analysezeit erfordern, aber einzelne Züge (Schlüsselzüge) häufig sogar Wochen. Daraus resultiert, dass ein Fernschachspieler den Computer heute, um einen Vergleich zu wagen, wie einen Formel 1 Rennwagen nutzt und pflegt, während der Turnierschachspieler ihn meistens nur wie einen VW Golf nutzt, um gerade mal von A nach B zu kommen. Deshalb sind Computerangaben von Turnierschachspielern bei ihren Partieanalysen mit gewisser Vorsicht zu genießen.

Hikaru Nakamura hatte bei dem Überfall ordentlich zu tun. Besonders nach 21. Sf5 - Foto: Lennart Ootes

Ich möchte ein Beispiel aus der Kommentierung von Großmeister Michal Krasenkow geben (zum Nachspielen am Ende des Artikels), den ich ungeachtet meiner nur am Rande formulierten Kritik sehr schätze, und ich habe durchaus in guter Erinnerung, dass ich einmal ein remisliches Turmendspiel in einer Freestyle-Partie gegen das von ihm geleitete Rybka-Team verloren habe, weil ich in Zeitnot den Einflüsterungen der Maschine erlegen bin (mit Turmendspielen haben sie auch heute noch öfter Probleme; allerdings weniger als die Menschen).

Nun schreibt Krasenkow zu Caruanas kräftigem Zug 21. Sf5 als der Pointe des vorausgegangenen Damenopfers: "I must say that such 'real' queen sacrifices are an Achilles' heel of analytic engines. They almost always evaluate positions with, say, two minor pieces for a queen in favour of the strongest piece, while in reality, in human play, there may be a more than sufficient compensation for the material."

Dieses Urteil hätte ich vor einigen Jahren vielleicht noch in manchen Fällen unterschrieben, doch mit Blick auf die heutigen Spitzenengines trifft es meines Erachtens nicht mehr zu und muss als veraltet gelten. Zunächst einmal zeigen wohl alle Engines eine leicht positive Bewertung für Weiß zum Zeitpunkt des Damenopfers an. Selbst Fritz 12 mit einem Kern rechnend hat da keine Berührungsängste mit 19. Dxf6. Was die eigentliche Pointe angeht, 21. Sf5, so ist es gar nicht erforderlich, dass Engines diesen Zug aus dem Stand heraus als Gewinnzug erkennen.

21. Sf5 wie in der Partie von Caruana-Nakamura gespielt - im Live-book seit April 2016

Auch die Engines, die zunächst 21. Sc6 den Vorzug geben (mit leichtem weißen Plus), verwerfen ja keineswegs 21. Sf5 als viel schlechter. Das sieht man, wenn man den Zug entweder eingibt oder sich gleich mehrere Hauptvarianten anzeigen lässt, z. B. im 3-Varianten-Modus. Und dann wird deutlich, dass es allein etwas Rechenzeit benötigt, bis alle Engines darin einen Gewinnzug erkennen; d. h. die Engines sind sehr wohl – und mittlerweile sehr gut - in der Lage, positionelle Kompensation für eine Minusfigur zu erkennen. Dass es sogar mehr ist als nur Kompensation, erkennen einige früher, andere später. Verblüfft hat mich, dass das mittlerweile schon als Oldie geltende Komodo 8 in weniger als einer Minute 21. Sf5 (auf einem 6-Kern-Rechner) als Gewinnzug klassifiziert. Das hat offenbar auch etwas mit der Einstellung der selektiven Suche zu tun. Es bedeutet aber keineswegs, dass Komodo 8 im Vergleich zu anderen Engines ein Taktikriese wäre. Aber immerhin..., Hut ab! Keine Ahnung, ob Caruana den Zug erst am Brett gefunden hat, Möglich ist das schon, da die Lage für Schwarz doch allzu bedrückend ist nach diesem unternehmungslustigen Springerzug, der – was das Feld f5 betrifft – häufiger in Najdorf-Partien auftaucht. Es könnte aber auch gut sein, dass er das Motiv an sich (positionelles Damenopfer auf f6 und fortgesetztes Druckspiel) schon vorher mal zu Hause auf dem Brett gehabt hat in einer leicht abgewandelten Stellung ohne b5-b4.

 

 

Anzeige im Live-Book mit 20. Sf5 (ohne b5-b4): bekannt seit April 2016

Im Lichte von Caruanas Damenopfer stellt sich allerdings die Frage, ob dieses nicht auch in der Variante mit 15...Se5 funktioniert, nämlich nach 16.Dxf4 Sexg4 17.Lxg4 e5 statt 18.Sd5 (Krasenkow/Vachier-Lagrave) 18. Dxf6(!?) und nach 18...Lxf6 19. Sd5 Dd8 wiederum 20. Sf5! (im Live-Book seit April 2016) – der einzige, aber vielleicht entscheidende Unterschied zur Partiestellung ist, dass Schwarz noch nicht b4 gezogen hat und somit seine Bauernstellung am Damenflügel noch einigermaßen intakt ist. Mit Sicherheit wird dies jemand demnächst ausprobieren (die "Macht", in Gestalt der Engines, ist mit ihm oder ihr), spätestens in einer Fernpartie, und damit wird dann eine weitere Seite in dem endlosen Najdorf-Kapitel aufgeschlagen.

Für mich als Fernschachspieler ist neben den Engines die Online-Datenbank am wichtigsten, um mich eröffnungsmäßig zu orientieren, gerade deshalb, weil ich in diesem Bereich eher faul bin. Aber wenn man die mit der Online-Datenbank verbundenen Zugstatistiken (links) richtig liest und interpretiert, kann man sich in kurzer Zeit einen phantastischen Einblick in aktuelle und gewesene Eröffnungstrends und die damit verbundenen Chancen und Risiken verschaffen. Man erstellt sich seinen eigenen individuellen Variantenbaum, indem man die für wichtig befundenen Partien miteinander "verschmelzt", wobei ich es bevorzuge, dass eine gewisse Übersichtlichkeit gewahrt bleibt. Wenn die nicht mehr gegeben ist, splitte ich das Material in verschiedene Dateien, sprich verschiedene Variantenbäume auf. Wichtig sind die Bewertung der enthaltenen Partien und das Verständnis, warum sie wie ausgegangen sind.



Einen guten Einblick in aktuelle Bewertungstrends von Engines bekommt man durch Let’s Check (online verfügbar bei aktivierter Engine), insofern hier einige wichtige Informationen gebündelt präsentiert werden:

Die Bewertungen dreier von einander unabhängigen Engines oder zumindest Analysevorgängen (manchmal taucht eine Engine zweimal auf). Sie repräsentieren oft sehr tiefe Berechnungen, was dem Anwender Rechenzeit erspart, wenn er nur an einem ersten Check interessiert ist. Da nur drei Halbzüge angezeigt werden, ist es natürlich nicht mehr als ein Hineinriechen. Die Datumsanzeige ist ein Hinweis auf Aktualität. Man muss sich natürlich in vielen Fällen bewusst sein, dass ein ganz anderer Zug als der von den Engines favorisierte "gut" oder "besser" sein kann, besonders in solchen Stellungen, wo nichts los zu sein scheint oder die eben noch recht unentwickelt sind. Auch die Suche mit der Methode von Let’s Check unterliegt gewissen Moden.

Das Live-Buch nutze ich ziemlich selten, weil es mir außer dem bereits ermittelten Material kaum neue brauchbare Hinweise gibt. Die Anzeige, dass irgendein Zug dort auftaucht, der in der Online-Datenbank und bei Let’s Check nicht auftaucht, macht mich erstmal stutzig, ob der denn etwas taugt bzw. relevant ist. Die im Live-Buch angegebenen Bewertungen sind oft nicht konsistent, wenn man in die Varianten geht, und ebenso wenig nachvollziehbar, warum der eine Zug besser als ein anderer sein soll, wie behauptet. Die zugrundeliegenden Partien sind hier nicht enthalten. Man weiß also nie, wieviel diese taugen. Man kommt schließlich, wenn man es denn wirklich wissen will, nicht umhin, selbst den Zug zu analysieren. 

Soweit meine Sichtweise. Das Live-Book ist durchaus sinnvoll, wenn man seine Funktionen im Zusammenspiel mit Let’s Check beachtet. Man erhält durch das Live-Book eine breitere Datenbasis zum Umgang der Engines mit der jeweiligen Stellung.

Michal Krasenkows Analyse zur Partie

 

 


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Mendheim Mendheim 23.12.2016 12:48
Dazu sind eine Reihe von Büchern geschrieben worden. Eines heißt "Faszination Fernschach" von Ludwig Steinkohl, wohl nur noch antiquarisch zu bekommen. Zwar aus der Vorcomputerzeit, aber historisch interessant. Dann von 2014: "Fernschachdramen" (Baumbach/Busemann), ein Turnierbuch. Die Frage nach der Faszination wird jeder Fernschachspieler etwas anders beantworten, genauso wie die Frage, was man am Schach überhaupt liebt. Aber allen gemeinsam ist wohl die Freude an der praxisorientierten tiefschürfenden Analyse, die es hin und wieder erlaubt, Partien zu spielen, wie sie am Brett unter Zeitdruck kaum möglich sind.
knight100 knight100 22.12.2016 11:33
Was ist das faszinierende an Fernschach?
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