Wolfgang Unzicker wird 80

26.06.2005 – In seinen Glanzzeiten in den 50er und 60er Jahren gehörte Wolfgang Unzicker zu den besten Schachspielern der Welt. (Bester Rang: Nr. 14, beste Wertung 2686*, s. Jeff Sonas). Obwohl er hauptberuflich als Richter arbeitete, konnte er noch bis in die Siebziger Jahre hinein mit den besten der Welt mithalten und vertrat Deutschland auf zahlreichen Olympiaden. Neben seinen schachlichen Fähigkeiten ist Unzicker als eloquenter  Gesprächspartner weithin geschätzt. Heute feiert Wolfgang Unzicker seinen 80sten Geburtstag. Anlässlich dieses Jubiläums veranstalten die Chesstigers im Rahmen der Chess Classic Mainz eine Unzicker-Gala, bei der neben dem Jubilar selbst noch Boris Spasski, Viktor Kortschnoj und Anatoli Karpov ihre Kunst zeigen werden. Hartmut Metz zeichnet ein Portrait des der deutschen Schachlegende. Hans-Dieter Müller: Wolfgang Unzicker im Shop kaufen...U wie Unzicker...

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„U wie Unzicker“
Gala in Mainz zum 80. Geburtstag mit Karpow, Kortschnoi und Spasski
Von Hartmut Metz

Der Schach-Meister weilte 1951 in Jugoslawien, um Simultanvorstellungen mit einer Urlaubsreise zu verbinden. Auf dem Heimweg sollte er nach Ljubljana fahren, um das jugoslawische Team mit nach Krefeld zu nehmen. Dort stand der erste Länderkampf nach dem Krieg an. Vom Bahnhof aus wollte der deutsche Nationalspieler im Hotel „Union“ den ortsansässigen slowenischen Schachverband telefonisch von seinem Eintreffen in Kenntnis setzen. „Ich bin hier. Mein Name ist Unzicker“, gab er durch die Leitung. „Wie?“, schallte es zurück, „können Sie das bitte buchstabieren?“ Wolfgang Unzicker tat, wie ihm geheißen: „U.“ Woraufhin sich sein Gesprächspartner rückversicherte: „U wie Unzicker?“ „Ich bin Unzicker!“

Der deutsche Vorkämpfer wurde am 26. Juni 1925 in Pirmasens geboren. Seinen 80. Geburtstag feiert der pensionierte Richter zusammen mit seiner Gattin Freia, seinen drei Söhnen und deren Ehefrauen sowie drei Enkeln. Zu Ehren des Jubilars findet zudem bei den Chess Classic Mainz am 9. und 10. August (jeweils ab 16 Uhr) die „Unzicker Gala 80“ statt. Gemeinsam mit dem 386fachen deutschen Rekordnationalspieler treten drei Legenden an: Anatoli Karpow, Viktor Kortschnoi und Boris Spasski. „Ich freue mich darauf, mit meinen alten Freunden und Kollegen zusammenzutreffen. Die Ergebnisse stehen dabei im Hintergrund“, erklärt der Jubilar und meint bescheiden wie immer, „über meine Chancen mache ich mir angesichts dieses Klassefeldes keine Illusionen.“ Schiedsrichter des Wettbewerbs wird sein langjähriger Weggefährte Lothar Schmid sein. Der Bamberger Karl-May-Verleger und Großmeister wurde vor kurzem zum „Schiedsrichter des Jahrhunderts“ gekürt, weil er pikante WM-Zweikämpfe wie jenen 1972 zwischen Bobby Fischer und Spasski souverän über die Runden brachte. Schmid wie Unzicker zählen seit 1997 zu den Stammgästen im Schnellschach-Mekka Mainz. Organisator Hans-Walter Schmitt sah es daher als Ehre an, einem „Großmeister, der es trotz seines Berufs so weit brachte und faszinierend oft, fast 400 Mal, Deutschland würdig vertrat“, eine besondere Bühne zu bieten.

Trotz seiner 80 Jahre spielt der Großmeister immer noch in der Oberliga beim SC Tarrasch München am ersten Brett. Ganz von den 32 Figuren will der pensionierte Richter auch nicht lassen. „Man muss sich bewusst sein, dass es in meinem Alter mit den Erfolgen vorbei ist“, erläutert Unzicker die Philosophie, die ihm die Freude auf den 64 Feldern erhält. Nichtsdestoweniger bewundert er den sechs Jahre jüngeren Viktor Kortschnoi: „Dass sich der noch so lange hält. Er ist ein ganz eiserner Kämpfer und schachlich so vielseitig:  kombinatorisch gewaltig und ganz groß im Endspiel. Eine kleine Schwäche, die ihn vielleicht daran gehindert hat, Weltmeister zu werden, ist seine Zeitnot und dass er manchmal die Stellungen überzogen hat. Manchmal prallten an ihm gegnerische Attacken ab wie Wasserperlen an schroffen Felsenwänden.“ Auch von Filius Alexander musste sich der Papa einmal anhören, „du beherrscht das Endspiel sicher wunderbar, aber der Kortschnoi kann’s noch besser!“ Neben Alexander spielt ebenso Ferdinand Schach und ist Unzickers spielstärkster Nachwuchs mit einer Elo-Bestleistung  von 2305, während Stefan nur kurz der Passion seines Vaters frönte.

Obwohl sich der vieljährige Bundesrechtsberater des Deutschen Schachbundes hauptberuflich der Juristerei verschrieb („Ich hatte nie das Gefühl, ich sollte Schach-Profi werden: Mir schien es im Westen zu unsicher. Zweitens wollte ich mein Leben nicht nur dem Schach widmen.“), feierte der zeitweilig weltbeste Amateur schöne Erfolge.

Den geteilten ersten Platz mit Boris Spasski in Sotschi 1965, die Siege 1967 in Maribor und Krems sowie die Olympiade 1964 in Tel Aviv zählt der rüstige Unzicker zu seinen „Turnieren, auf die ich stolz bin“. Vor allem in Israel brillierte er beim Gewinn der Bronze-Medaille sowie dem 3:1 über die Sowjetunion. 13:5 Einzelpunkte verbuchte der Wahl-Bajuware in Tel Aviv am Spitzenbrett. Zu dem dritten Platz trugen zudem Schmid und Helmut Pfleger sowie Klaus Darga, Jürgen Mohrlok und der inzwischen verstorbene Wolfram Bialas ihr Scherflein bei. Aber auch den geteilten Rang vier mit Lajos Portisch 1966 beim Piatigorsky-Cup in Santa Monica wertet der Münchner als eine seiner herausragenden Stationen.

Zwar hinter Boris Spasski, Bobby Fischer und Bent Larsen, aber, „das war sehr wichtig, vor Weltmeister Tigran Petrosjan, Samuel Reschewski, Miguel Najdorf, Borislav Ivkov und Hein Donner“. Der weltberühmte Cellist Gregor Piatigorsky, der das Weltklasseturnier organisierte, charakterisierte Unzicker im Turnierbuch treffend: „Mit gepflegtem Äußeren, frisch rasiert und passendem Anzug war er der Inbegriff an Ordnung. Das Klacken seiner Absätze verriet eine unbeugsame Tradition und seine Augen und das Lächeln die Wärme des Herzens. Während der folgenden Wochen erwarb er sich Respekt als Person mit vielfältigen Meinungen und hoher Intelligenz. Ich genoss unsere Unterhaltungen in deutscher Sprache und wünschte, jeder hätte hören können, was er sagte, um so die Gefühle und Gedanken dieses freundlichen und kultivierten Mannes zu verstehen.“

Mit zehn Jahren erlernte der kleine Wolfgang von seinem Vater, der von Beruf Gymnasiallehrer war, das Spiel eher zufällig. Der Sohn wollte kein Außenseiter sein. Sein vier Jahre älterer Bruder, der gegen Ende des Zweiten Weltkriegs an der Ostfront fiel, konnte es schon. Auch zwei gleichaltrige Freunde waren in den Sommerferien 1935 mit Feuerseifer dabei. Dieses Umfeld spornte ebenso an wie die Besuche bei der Schach-Olympiade 1936 in München. „Gebannt blickte der nun bereits leidenschaftlich interessierte Junge auf das Brett von Kurt Richter, der mit Turm- und Läuferopfer sein berühmtes Kombinationsfeuerwerk gegen den Rumänen Gheorghe Alexandrescu abbrannte“, berichtete Harald Fietz von Unzickers schachlichem Lebensrückblick bei der Lasker-Gesellschaft 2003 und schrieb weiter, „fortan wird das Buch ,Richtig kombinieren!’ des ,Scharfrichters von Berlin’ ein Quell der Inspiration. Im Rückblick hält sich Unzicker denn auch eher für einen taktisch orientierten Kämpfer als einen vorrangig strategisch ausgerichteten Spielertypen.“

Nach dem Krieg besaßen Turniereinladungen einen unschätzbaren Vorteil: Die Teilnehmer bekamen ausreichend Verpflegung. Zusammen mit Fritz Sämisch wurde Unzicker als erster Deutscher 1948 ins Ausland gebeten. In Luzern belegte er auf Anhieb Platz eins. Seine Karriere scheint dem Jubilar nicht nur „wegen der guten Verpflegung in dieser Zeit“ günstig verlaufen zu sein - auch wenn man „natürlich immer ein Haar in der Suppe findet und nie zu 100 Prozent zufrieden ist. Wenn man überlegt, was für Schwächen ich hatte: Die rein strategische Ausnutzung von Vorteilen, die noch nicht ganz den Gewinn bedeuteten, gelang mir nicht wie Botwinnik, Smyslow oder Karpow. Vor allem Karpow holte das Letzte aus einer Stellung heraus“, referiert Unzicker und klopft zum Unterstreichen des Gesagten mit dem Finger auf den Tisch: „Da hat es mir gefehlt!“ Weltmeister, fällt der Richter sein gestrenges Urteil, wäre er auch nicht als staatlich geförderter Profi nach sowjetischem Vorbild geworden. „Die Teilnahme am Kandidatenturnier hätte mir schon gelingen können, aber selbst Keres, Kortschnoi und Geller schafften es nicht auf den Thron.“ Das Trio zählt Unzicker – dabei Jewgeni Geller „mit gewissen Einschränkungen“ – zu den Spielern, die „nie Titelträger waren, aber wirkliches Weltmeister-Format besaßen. Dazu gehören auch noch Zukertort, Rubinstein, Tarrasch und Bronstein“.

Bei den drei Legenden, die an seiner Gala in der Mainzer Rheingoldhalle teilnehmen, gerät der Münchner ins Schwelgen. „Kortschnoi ist einer der härtesten Kämpfer, die es je gab. Darin war er Keres und Smyslow überlegen, auch wenn sein Spiel nicht über deren Eleganz verfügte.“ Bei Kortschnois 70. Geburtstag in Zürich 2001 zitierte Unzicker in seiner Ansprache Tarrasch, der drei Meister gelobt hatte, die „immer mit gleicher Kraft spielten: Morphy, Pillsbury und Lasker“. In diesen Reigen erhob Unzicker den mehrfachen Vizeweltmeister, der gegen Karpow knapp das Nachsehen hatte. Letzterer adelt den Jubilar als „Amateur-Weltmeister, dessen Partien man studiert haben muss“. Unzicker gibt die Blumen an Karpow gerne zurück und zählt den Weltmeister mit den meisten Turniersiegen (161 an der Zahl) „zweifellos zu den Größten der Großen der Schach-Geschichte. Es war bedauerlich, dass er 1975 keine Gelegenheit bekam, gegen Bobby Fischer zu spielen“. Dem Amerikaner, den Unzicker einmal bezwingen konnte, hätte er zwar „bessere Chancen eingeräumt“ im Kampf der Titanen, aber danach habe Karpow gezeigt, dass er den „WM-Titel verdient und war lange Zeit unbestritten der Beste“. Eine hohe Meinung besitzt der deutsche Rekordnationalspieler auch von dem letzten Großmeister bei seiner Chess-Classic-Gala: „Spasski ist zwar das Gegenteil von dem Kämpfer Kortschnoi. Wenn man jedoch den russischen Bär reizt, dann kann er gefährlich werden. Spasski war ein ungeheures Naturtalent, sicher eines der größten.“ Dass er nur von 1969 bis 1972 Weltmeister war, lag an dem übermächtigen Fischer. „Gegen den hätte jeder verloren“, ist Unzicker überzeugt. 

Der Jubilar fasziniert auch noch mit 80 als gewandter Redner, der bei seinen Zuhörern keine Langeweile aufkommen lässt. Manche Anekdote fällt ihm ein. So berührte ein älterer Herr, der sehr zitterte, eine Figur. Sein Gegner bestand darauf, dass er damit ziehen müsse. Vornehm zurückhaltend äußerte Unzicker: „Der ist auch nicht gerade der Inbegriff eines Gentleman.“ Sein Freund Ludek Pachmann, Verfechter von klaren Worten, dazu: „Du hast vielleicht Formulierungen. Sag, er ist ein Schwein und du liegst richtig!“

Beim Empfang zum legendären Schachkongress in Hastings 1954/55 war erneut Pachmann einer der Protagonisten von Unzickers Lieblingsanekdoten. Als der Prager berichtete, dass seine Mutter, die Stellung der Springer und Läufer auf dem Brett vertauscht hatte, als sie ihm Schach beibrachte, bemerkte Paul Keres nur trocken: „Das muss man in Betracht ziehen, wenn man deine Eröffnungsbücher studiert!“ Als äußerst schlagfertig erwies sich der Este zudem bei einer Begegnung mit Max Euwe in Varna. Als der Ex-Weltmeister ihm und Unzicker von seiner legendären Partie 1934 in Zürich gegen Alexander Aljechin erzählte, entsponn sich folgender Dialog: „Als ich das Springeropfer brachte, zog Aljechin die Jacke aus.“ Keres: „Und wenn du die Dame geopfert hättest, hätte er wahrscheinlich die Hose ausgezogen ...“ 

Nachstehend vier Begegnungen des Jubilars, die er zu seinen besten Partien erkor und überwiegend selbst kommentierte. Darunter sein einziger Sieg über seinen Freund Paul Keres in Moskau 1956 sowie der Erfolg über Samuel Reschewski, gegen den Unzicker ansonsten noch achtmal remisierte. Viel Freude bereitete ihm Mosche Czerniak 1954 in Amsterdam, aber auch vier Jahre später in Moskau. Da der Sieg des Münchners über den ehemaligen Weltmeister Michail Tal (Mailand 1975) als „beste Partie seiner Karriere“ tituliert wurde, ist diese  ebenfalls aufgeführt. 

Wolfgang Unzicker: Vier Partien...

Wer noch mehr über Unzickers Werdegang erfahren möchte, dem sei eine CD-ROM aus dem Hause ChessBase (25,50 Euro, ISBN 3-935602-48-0) empfohlen. Der Kölner Schachhistoriker Hans-Dieter Müller legte 2003 eine Biographie mit 1750 Partien vor, die die Karriere des Münchners nachzeichnet. Zu den Höhepunkten zählen die insgesamt rund halbstündigen Videosequenzen mit Unzicker.

 

 

 

 

 

 

 


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