Verpasste Chancen beim WM-Kampf

von Yasser Seirawan
08.12.2016 – Die Schachweltmeisterschaft in Manhattan, im Herzen von New York, dem Finanz- und Medienzentrum der Welt, zu spielen, klingt wie ein Traum. Eine phantastische Möglichkeit, Schach ins Rampenlicht zu rücken, drei Wochen Schachfieber zu genießen und der Welt zu zeigen, warum das Spiel so aufregend ist. Doch in seinem Rückblick auf den WM-Kampf Carlsen vs Karjakin stellt Yasser Seirawan fest, dass viele Chancen verpasst wurden.

Verpasste Chancen beim WM-Kampf

Hoffnung und Aufregung vor dem Match

2015 hatten die Fide und Agon angekündigt, der WM-Kampf 2016 würde in den USA stattfinden. Die amerikanischen Schachfans waren begeistert und wollten mehr erfahren: in welcher Stadt und wo genau würde der Kampf gespielt werden, wo konnte man Tickets reservieren und wie teuer waren sie?

Auch die Mitglieder des US-Schachverbands waren aufgeregt. Schließlich versprach der Wettkampf eine Gelegenheit, Werbung für das Schach und den Verband zu machen. Auch Händler witterten ihre Chance: Würden viele Besucher kommen? Durfte man vor Ort verkaufen? Und was war mit Merchandising? Gab es Briefmarken, Anstecknadeln, Postkarten, Poster, Kleidung oder Reproduktionen von Brett und Figuren, traditionell begehrte Sammlerobjekte. Würde es eine DVD oder ein Buch über das Match geben? Und konnte man Autogramme der Spieler bekommen?

Round 12 in New York City

Partie 12 in New York City, alle Fotos stammen von Max Avdeev / Agon

Diese Fragen wurden gestellt, die Antworten blieben aus. Im März 2016 stand Sergey Karjakin zwar als Sieger des Kandidatenturniers in Moskau als Herausforderer fest, doch auch dann gab es keine klaren Antworten auf die immer lauter werdenden Fragen. Dafür kursierten Gerüchte, dass drei Städte als mögliche Ausrichter in die engere Wahl kamen: Los Angeles, Chicago oder Manhattan.

Doch Monate sollten vergehen, bevor Manhattan als Ausrichter feststand. Aufgeregt wie ich war, fragte ich Freunde in Manhattan sofort nach Einzelheiten über das Match. Aber selbst diejenigen, die es eigentlich am Besten wissen müssten, wussten nichts. Nicht einmal, wer für die Organisation des Wettkampfs eigentlich verantwortlich war. Kurz gesagt, war die Organisation im Vorfeld des Wettkampfs miserabel und hat bei vielen, die mit dem Gedanken gespielt haben, zum Wettkampf nach New York zu reisen, aber nichts planen konnten, vermutlich zu Verwunderung und Verärgerung geführt.

Magnus Carlsen hinter der Bühne

Schlussspurt im Blitztempo

Erst nach der Olympiade in Baku im September 2016 standen wichtige Eckpunkte des Weltmeisterschaftskampfes fest. Die Nachrichten darüber schienen plötzlich im Blitztempo einzutreffen. Zwei wichtige Sponsoren wurden bekannt gegeben, PhosAgro, ein weltweit operierender Düngemittelhersteller, und EG Capital Advisors, eine Investmentgruppe, die sich auf Börsengänge spezialisiert hat, garantierten den Preisfonds von einer Million Euro ($1,06 Millionen USD).

Auch der Zeitplan des Wettkampfs wurde veröffentlicht, aber die Preise für Tickets, Reservierungen für Eröffnungs- und Abschlussfeier sowie eine Reihe anderer wichtiger Details wurden noch nicht verraten, da Agon kurz vor dem Abschluss einer Vereinbarung mit einem Partner vor Ort stand, der sich auf VIP-Arrangements spezialisiert hat.

Austragungsort war das frisch renovierte Fulton Market Building im Seaport District von  Manhattan. Als ich das hörte, kontaktierte ich meine Freunde erneut, um herauszufinden, was es mit diesem Spiellokal, das ich nicht kannte, auf sich hatte. Ihr Feedback war nicht gerade ermutigend: das Gebäude wurde gerade umfassend renoviert; die Bühne selbst wurde gerade unter großem Zeitdruck gebaut und würde mit viel Einsatz und Mühe vielleicht gerade rechtzeitig fertig sein. Meine Güte. Und niemand wusste, wer der (amerikanische) Event-Koordinator in NYC sein könnte.

Sergey Karjakin betritt die Bühne

Der katastrophale Mangel an Planung führte dazu, dass es in den Mainstream-Medien vor dem Match wenig bis gar keine Berichterstattung gab.

Verpasste Gelegenheiten

Die miserable Organisation bei der Planung des Wettkampfs hat vielleicht dazu geführt, dass so mancher, der gerne live beim Wettkampf dabei gewesen wäre, seine Urlaubspläne auf Eis gelegt hat, aber wenn man schon nicht vor Ort sein konnte, so konnte man die Show doch immerhin online verfolgen. Doch wie schon beim Kandidatenturnier in Moskau drohte Agon allen und jeden mit juristischen Konsequenzen, wenn sie die gespielten Züge in Echtzeit kommentieren würden. Ein Eilantrag auf einstweilige Verfügung, den ein Anwalt von Agon bei einem New Yorker Gericht eingereicht hatte, wurde von einem Richter brutal abgewiesen. Ein weiterer Rückschlag für Agon in ihrem fürchterlichen weltweiten Streit um das Urheberrecht an Schachpartien.

Und was war mit Agons offizieller Übertragung? Ich war froh, als Agon bekannt gab, dass man Judit Polgar als Kommentatorin gewinnen konnte. Judit würde ihr Debüt als Kommentatorin bei einem großen Wettbewerb feiern, und ich wusste, sie würde phantastisch sein. Sie kann wunderbar vor Publikum reden, versteht unglaublich viel vom Schach und kennt den Druck bei Spitzenturnieren aus eigener Erfahrung - all das macht sie zu einer idealen Kommentatorin.

Zur Seite stand ihr Kaja Snare, eine norwegische Fernsehmoderatorin, die ich bei etlichen Schachveranstaltungen kennengelernt habe. Kaja ist wunderbar professionell, sie fühlt sich vor der Kamera wohl, hat immer ein Lächeln auf den Lippen und eine lebhafte Ausstrahlung. Judit und Kaja haben sich gut ergänzt. Einfach eine ausgezeichnete Wahl. Ich habe mich für das Online-Publikum sehr gefreut. Hut ab - das hat Agon gut hinbekommen.

Nach der viel versprechenden Ankündigung, dass neben Judit und Kaja eine Reihe von Gästen, Prominenten und Großmeistern im Studio sein würden, konnte man mit einer grandiosen Online-Show rechnen. Doch dann gingen die Dinge gründlich schief. Die Online-Show war nur als "Pay-per-View" konzipiert. Du liebe Zeit. Was? Warum sollte man die Zahl der Zuschauer auf einen Bruchteil eines Bruchteils des möglichen Publikums reduzieren?

Die neuartige 360 Grad Webcam, die Bilder des Wettkampfs in Virtual Reality lieferte, war viel versprechend. Millionen von Fans, die nicht persönlich vor Ort sein konnten, würden eine solche Neuerung begeistert begrüßen, gar nicht zu reden von den Kommentaren und den Interviews mit den Spielern nach der Partie. Es war ein Kinderspiel und eine totsichere Sache, dieses Match zur meist gesehenen WM-Online-Show aller Zeiten zu machen. Schließlich fand der Wettkampf in NYC statt, der Finanz- und Medienhauptstadt der USA.

Die Show frei und öffentlich zugänglich für alle zu machen, hätte bedeutet, dass Fernsehen, Kabel und andere Formen der Massenmedien die Webcam für ihre eigenen Programme, Seiten und Nachrichtenmeldungen nutzen könnten. Facebook, Twitter, Yahoo!, Microsoft’s Zone und andere Social Media Riesen hätten die Show für ihre Kunden vielleicht auch gestreamt. So hätte man ein Publikum erreicht, das viel größer ist als das traditionelle Online-Schachpublikum. Schachseiten in etlichen Ländern hätten vielleicht sogar Programme entwickelt, die auf dem Webcam-Feed beruhen, um in der jeweiligen Landessprache zu kommentieren, und so einheimischen Stars die Möglichkeit gegeben, ihr Können zu zeigen. Es gab zahllose Möglichkeiten, ein weltweites Publikum zu fesseln. Die Sponsoren, PhosAgro und EG Capital Advisors, wären begeistert gewesen, ihre eigenen, professionell produzierten ein-minütigen Werbeclips einem so großen Publikum zu zeigen.

Das von Agon entwickelte Geschäftsmodell ist hingegen erschütternd kurzsichtig: man möchte, dass 100.000 Schachfans jeweils 15 Dollar  zahlen. Bei Einnahmen von 1,5 Millionen Dollar würde sich der Wettkampf selber finanzieren. Huch. Bei einer Million zahlender Abonnenten würde man in Agons Vorstandsetage Freudentänze aufführen! Aber da steckt kein Genie dahinter. Niemand bei Agon scheint das Konzept des Sponsorings im Zusammenhang mit Medieninteresse und Zugriffszahlen zu verstehen. Da wurden viele Möglichkeiten verpasst.

Sergey Karjakin, Tag 10 des WM-Kampfs

Alternativvarianten

Stellen wir uns doch für einen Moment ein anderes Modell vor: Stellen wir uns vor, die Online-Show wäre von etlichen Partner mittels Stream übertragen worden und hätte so Millionen von Menschen gleichzeitig erreicht. Immer wieder hätte man die Zuschauer eingeladen, sich auf Gratis-Mailing-Listen einzutragen, und hätte Gewinnspiele angeboten, bei denen signierte Merchandise-Produkte zu gewinnen wäre und Sonderangebote für bestimmte Merchandise-Produkte angeboten.

Wer Briefmarken sammelt, Postkarten, Poster, DVDs, Reproduktionen der Bretter und Figuren, mit denen Carlsen und Karjakin spielen, hätte Rabatte bekommen können, Bestellungen hätte man in einem virtuellen Shop aufgegeben. Millionen von Fans hätten sich vielleicht in eine Mailing List eingetragen, um sich über zukünftige Ereignisse zu informieren. All das ist kein Hexenwerk. Das geschieht Tag für Tag.

Professionelle Event-Organisatoren widmen sich genau solchen Dingen. So weit ich weiß, wurde nichts von all dem, was mit Merchandising in der hier erwähnten Form zu tun hat, gemacht. Das ist schade. Meiner Meinung nach hat Agon eine große Chance vertan, ein phantastisches Geschäftsmodell zu schaffen, das Potenzial gehabt hätte, in zahlreichen Ländern unerhörte Erfolge zu feiern. Ich kann es nicht glauben und einfach nur den Kopf schütteln. Und so weit ich weiß, wurde auch der US-Schachverband nie kontaktiert. Einen solch motivierten Partner mit 100.000 Mitgliedern einfach zu ignorieren, ist... nun, mir fehlen die Worte.

Zum Glück für alle Beteiligten begann das Match dann wie geplant. Es wurde von einer gut besuchten Eröffnungsveranstaltung berichtet, einem Spielort, der ein wenig zu klein war, sehr guten Kartenverkäufen, guter Stimmung unter Fans und Besuchern. Neue Freundschaften wurden geschlossen. Und dann wurde gespielt.


Der Internationale Schachgroßmeister Yasser Seirawan ist einer der führenden Spieler in den USA, einen Rang, den er seit Jahrzehnten innehat. Mit 19 errang er den Großmeistertitel und wurde 1979 Juniorenweltmeister, gewann viermal die US-Meisterschaft, ist zehnmaliges Mitglied des US-Olympiateams sowie zweimaliger Weltmeisterschaftskandidat. Besonders hervor tat er sich außerdem dadurch, dass er sowohl Anatoly Karpov als auch Garry Kasparov im Turnierspiel besiegte, während sie amtierende Weltmeister waren. 2006 wurde er in die Chess Hall of Fame aufgenommen. Seirawan hat als Autor 16 Bücher verfasst, zuletzt "Chess Duels", welches im Jahr 2010 erschien.
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Mhoram Mhoram 08.12.2016 04:35
Das ist eine Meinung. Ich frage mich aber, ob Herr Seirawan von dem Thema viel Ahnung hat.

Rechnen wir einmal anders: Angeblich hatte der Live Stream mehr als 10 Mio. Zuschauer. Dividieren wir das durch 13 Tage (Wir wissen ja wie solche User Veröffentlichungen berechnet werden ..:)), so erhalten wir immer noch 770.000 Online Zuschauer pro Tag. Unterstellen wir einmal, dass jeder von denen einen Rabatt erhalten hat und nur 10 USD gezahlt hat, dann hat sich das Ganze für den Initiator immer noch mehr als gerechnet bei einem Umsatz von USD 7,7 Mio.

Um es zu verstärken: Dann hätte sich erstmal ein WM Kampf aus sich selbst heraus gerechnet, bzw. der Initiator damit sogar Geld verdient. Das wäre fantastisch weil es ein noch niemals dagewesenes Ereignis im Schach wäre. Bisher fanden sich doch immer nur Sponsoren die Schach liebten und mehr oder weniger selbstlos in solche Veranstaltungen investierten ohne jede Hoffnung auf einen wirtschaftlichen Gewinn.

Seirawans These lautet zusammengefasst: Biete etwas umsonst an, hinten raus verdienst Du dann umso mehr. Das mag er so sehen, nur belegen kann er es nicht ansatzweise. Ich wüsste nicht, dass bisher jemand mit Wackelpuppen von Kasparov Geld verdient hätte.

Den gegenteiligen Ansatz des Initiators dagegen finde ich klasse. Ich fand es doof dafür zahlen zu müssen, ich fand es aber klasse dass der Initiator es versucht hat mit der Live Übertragung eines WM Matches Geld zu verdienen.
Sollte das geklappt haben, würden die Kampfbörsen in den nächsten WM Kämpfen deutlich nach oben gehen. Und das würde dem Schach insgesamt gut tun.




flachspieler flachspieler 08.12.2016 08:51
Auch in meinen Augen waren die Organisatoren kleinkariert und zu ängstlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie von ihren 15-Dollar-Paketen auch nur annähernd 100.000 Stück verkauft haben.
DoktorM DoktorM 08.12.2016 10:40
Für die Sponsoren sind ein paar Millionen Geld aus der Portokasse. Daher wäre es möglich gewesen, die Berichterstattung anders aufzuziehen, z.B. mit interessanten Zusatzevents. Wer hätte nicht gerne eine Figur, mit der gerade gespielt wird, live und online ersteigert? Oder an Spielen mitgemacht (gesponsort von lokalen Firmen), die rund um den Wettkampf durchgeführt werden? Das Schach hat jede Form von Werbung nötig. Leider verstehen das auch viele Schachprofis nicht.
FOffermann FOffermann 08.12.2016 11:43
Mhoram, wir möchten Sie bitten, den Tonfall auf ein respektvolleres Maß herabzuregeln. Sie zweifeln die Kompetenz des Autors an, bieten selbst aber nur angenommene Zahlen an. Woher sind diese Zahlen? Wie viele haben das günstigste Paket, wie viele das zweitgünstigste, wieviele das teuerste Paket gekauft? Weitere Schwachstelle in der Argumentation: Die Veranstaltung hat Geld gekostet. Wie viel Geld? Was hat die Miete, die Werbung, was die Angestellten und Honorarkräfte gekostet, die Medienarbeit und die Logistik? Gewissheit hat man nur über das Preisgeld. Woher weiß man, dass Ihre angenommenen 7,7 Mio. US-Dollar ansatzweise an die Gesamtkosten herankommen?
karpov84 karpov84 09.12.2016 01:55
Is it a bird? Is is a plane?

No! It's Captain Hindsight!
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