Zu kleine Gehirne

von André Schulz
21.04.2015 – Schach zeichnet sich dadurch aus, dass es von den Medien weitgehend ignoriert wird, was viele bedauern. Aber möglicherweise ist dies eine ganz bevorzugte Behandlung durch die Medienvertreter. Nigel Short hat es ungewollt geschafft, Schach in die Medien zu bringen. Nach einem Essay in New In Chess brach ein Mediensturm über ihn herein. Mehr...

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Zu kleine Gehirne

Der englische Großmeister Nigel Short ist ein überaus geistreicher Kommentator. Das gilt für seine schriftlich niedergelegten Äußerungen wie für seine mündlichen Gesprächsbeiträge gleichermaßen. Wer einmal Gelegenheit hat, mit Short zusammen zu treffen, kann davon ausgehen, dass er eine sehr unterhaltsame Zeit verbringen wird. Im Gegensatz zu vielen anderen Berufskollegen ist Short auch keinesfalls auf Schach fixiert, sondern verfügt über ein breites Repertoire von möglichen Gesprächsthemen. Er hat auf seinen zahlreichen Reisen rund um den Globus eine Menge gesehen und ist an vielen Dingen interessiert. Schach und alles, was damit zu tun hat, interessiert Short aber natürlich auch.

Der Vizeweltmeister von 1993 unterscheidet sich noch auf andere wohltuende Weise von anderen Menschen. Er hat eine eigene Meinung und äußert sie auch mutig. Manchmal liegt er falsch und manchmal schießt er mit dem Versuch auf eloquente Weise zu unterhalten, über das Ziel hinaus. Doch durch seine offensiv vertretenen Einstellungen gewinnt Short an Profil und dies ist neben seinen schachlichen Erfolgen wohl auch ein Grund dafür, dass er der bekannteste Schachspieler in England ist und in der internationalen Schachwelt hohes Ansehen genießt.

In seinem jüngsten Essay für das New in Chess Magazine hat Short sich sich mit der Frage beschäftigt, warum es immer noch so wenige Frauen gibt, die in der absoluten Weltspitze auf gleichem Niveau spielen wie Männer. Die Überschrift des Essays lautet "Vive la Différence!", es lebe der Unterschied, und seinen Gedanken hat Short ein knackiges Zitat des niederländischen Meisters Jan Hein Donner voran gestellt:

"Der Unterschied der Geschlechter im Schach ist bemerkenswert, aber meiner Meinung nach nicht mehr so groß, wie in anderen Feldern kultureller Beschäftigung. Frauen können kein Schach spielen, aber sie können auch nicht malen oder schreiben oder philosophieren. Tatsächlich haben Frauen noch nie etwas gedacht oder gemacht, womit zu beschäftigen sich lohnt."

 

Nigel Short on Women in Chess im New in Chess Magazine

Nachdem Short seine Leser - zu 99% Männer, wie er weiß - auf diese pointierte Weise in Stimmung gebracht hat, betrachtet er das Thema unter verschiedenen Aspekten und bezieht sich unter anderem auf einen bei ChessBase erschienenen Artikel des australischen Psychologen Robert Howard, der dort aufzeigt, dass sich in den letzten 40 Jahren am Spielstärkeunterschied der Weltspitze im Schach zwischen Männern und Frauen nichts geändert hat. Howard erwähnt eine Studie vom Merim Bilalic, für die dieser 2009 den Wissenschaftspreis der Karpov-Schachakademie erhalten hat. Bilalic erwähnt dort ebenfalls die Ungleichverteilung der Spielstärke bei Männern und Frauen und erklärt sie rein statistisch durch den geringeren Frauenanteil im Profischach. Howard zieht diese Erklärung allerdings in Zweifel und Short folgt seinem Beispiel.

Short erwähnt die herausragenden Leistungen der Frauen beim Open in Gibraltar und weiß aus seinen Kontakten zum englischen Schulschach, dass dort Jungen und Mädchen in gleicher Anzahl mit Schach anfangen, Mädchen mindestens gleichermaßen erfolgreich sind, aber die Mädchen in großer Zahl früher oder später mit dem Schach aufhören. Außerdem nimmt Short sich noch viel Raum, Susan Polgar und ihren Ehemann Paul Truong zu kritisieren - offenbar ein persönliches Anliegen - , Judit Polgar aber für ihre Leistungen und auch für ihre Art damit umzugehen, zu loben.

Am Ende des Essays bilanziert Short, dass man vielleicht einfach akzeptieren müsse, dass Männer und Frauen im Kopf "anders verdrahtet" seien und dass dies der Grund dafür sei, dass es keine Top-Schachspielerinnen gebe.

 

 

(Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von New in Chess)


So weit so gut. Allerdings darf man heutzutage ein Thema, in dem die völlige Gleichverteilung aller Fähigkeiten bei allen Menschen in Zweifel gezogen wird, nicht anpacken, ohne auf heftigen emotional und ideologisch motivierten Widerstand zu stoßen, nicht einmal mehr in der kaum verbreiteten Fachpresse.

Nach dem Erscheinen von Shorts Essay erschien im britischen Telegraph ein Artikel unter der Überschrift: "Nigel Short: 'Girls just don’t have the brains to play chess’" (Liest sich wie: Nigel Short: Mädchen sind einfach zu blöd zum Schach spielen.). Dort wird nun nur noch der letzte Absatz von Shorts Essay zitiert und seinem Fazit mit Hilfe von Zitaten der englischen Schachspielerinnen Amanda Ross und Sabrina Chevannes widersprochen, wobei letztere sich auch generell in der männlich dominierten Schachszene sexistisch diskriminiert fühlt.

Nun sprang angesichts dieses sensiblen Themas, Frauen werden diskriminiert, fast die gesamt englischsprachige Presse auf diese Mediensau auf, trieb sie gemeinsam durchs globale Online-Dorf und verfälschten Shorts Aussage nach Belieben, wie hier: "New York Post: Chess Grandmaster, who lost to a women says men have bigger brains"

 

 

Der TV-Sender Sky fragte immerhin beim englischen Großmeister nach, was dieser nun genau gemeint habe. Solche Interviews werden heutzutage per Skype geführt und erinnern in ihrer technischen Qualität an die Bilder von der ersten Mondlandung.

Interview mit Sky

Gestern erreichte die Online-Sau dann auch auch mit Hilfe der Panorama-Redaktion von Spiegel-Online die interessierte deutsche "Öffentlichkeit", wobei die SPON-Redakteurin in ihrer deutschen Wiedergabe des Telegraph-Artikels auch nur noch den letzten Absatz von Shorts Essay (es war kein Interview) zitiert.

 

 

In den Klickraten fördernden Diskussionsforen der Online-Portale und bei Twitter - heutzutage ja die erste Informationsquelle für alle Journalisten - geben alle, die es nötig haben, ihren Senf dazu, natürlich ohne Shorts Artikel gelesen zu haben und am besten noch mit Beleidigungen verbunden.

 

 

 


Schach ist in den Medien, super. Aber was haben diese daraus gemacht?

 

Wer Short im Original erleben möchte, der sollte sich übrigens seine beiden DVDs "Shorts Greatest Hits" nicht entgehen lassen:

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Links:
 

New in Chess Magazine, aktuelle Ausgabe...

Artikel im Telegraph...

Artikel in The Guardian...

Daily Mail...

New York Post...

Spiegel-online: Schach-Großmeister verärgert Frauen...

 

 



André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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Klaus Wockenfuß Klaus Wockenfuß 23.04.2015 09:17
Schon bei Karl Popper ist nachzulesen: das feminine Rumsabbeln ist dekadent. In der allgemeinen Verweichlichung haben ca. 80 Prozent der Männer sich aber diesem Trend (seit ca. 40 J. angepasst, auch um den Frauen zu gefallen--- kein Kommentar
Klaus Wockenfuß Klaus Wockenfuß 23.04.2015 09:03

Mein Leben von fast 64 J. (nicht Schach) gibt Nigel leider!!! vollkommen recht, viele zu dumme Kühe ... :)
Mich haben sie nur Ärger gebracht, aber noch lebe ich ---


WolfgangR WolfgangR 23.04.2015 08:41
Ach könnte so mancher Presseheini doch besser denken … Leider übernehmen sie so vieles einfach undurchdacht und unreflektiert.

Nigel weiß selbst, dass er vereinzelt mit seinen Thesen provoziert. Natürlich weiss er, dass die „Größe des Hirns“ nichts über dessen Leistungsvermögen aussagt. Schließlich haben wir ja auch Professorinnen, Ärztinnen … Wunderbar, wie er diese dümmlichen Jounalisten wieder einmal geweckt hat und zu Berichterstattungen ums Schachspiel animierte!

Eigentlich ist es doch eher die Erziehung unserer Kinder, die dazu führt, dass Frauen anders ticken wie Männer – i.A. sind sie deshalb auch (über)lebenstüchtiger. Laut Statistik werden die Frauen ja älter wie Männer. Das kann ja nur an mangelnder Intelligenz liegen?!

Das schöne beim Schach ist, dass man die boshaftesten Phantasien beim Spiel haben darf. Trotzdem erfreuen sich die meisten Schächer einer erstaunlichen Gesundheit …
Klaus Wockenfuß Klaus Wockenfuß 22.04.2015 04:13
Short hat vollkommen Recht !
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