Zum 65sten Geburtstag von Robert Fischer

10.03.2008 – Am 9. März 1943 wurde Robert James Fischer geboren. Als erstem westlichen Spieler gelang es dem US-Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg in die Phalanx der sowjetischen Großmeister einzubrechen und nach einem Aufsehen erregenden Wettkampf gegen Boris Spasski 1972 den Weltmeistertitel zu erobern. Nach seinem größten Triumph verschwand Fischer aus der Öffentlichkeit und gab seinen Titel 1975 kampflos wieder preis. Gestern wäre Fischer 65 Jahre alt geworden. Doch es war dem 11. Weltmeister der Schachgeschichte nicht vergönnt, diesen Tag zu erleben. Am 17. Januar starb er in Reykjavik. Dagobert Kohlmeyer sprach mit Lothar Schmid und Peter Leko, die beide zu verschiedenen Zeiten mit Fischer Kontakt hatten und ein ganz anderes Bild von dessen Persönlichkeit zeichnen, als es in der öffentlichen Wahrnehmung besteht. Zwei Interviews...

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„Bobby und ich, wir achteten uns sehr“
Interview mit Großmeister Lothar Schmid
Von Dagobert Kohlmeyer

Großmeister Lothar Schmid, im Hauptberuf Karl-May-Verleger, zählte viele Jahre zu den gefragtesten Schiedsrichtern für das königliche Spiel. Legendär sind seine Einsätze als Unparteiischer beim WM-Match zwischen Fischer und Spasski 1972 in Reykjavik oder beim Duell von Karpow und Kortschnoi 1978 auf den Philippinen. Im folgenden Gespräch mit Dagobert Kohlmeyer gibt Lothar Schmid (79) Auskunft über sein Verhältnis zum 11. Weltmeister der Schachgeschichte, Robert James Fischer.

Was werden Sie am Sonntag, zum 65. Geburtstag von Bobby Fischer, tun?

Danke für die Erinnerung an dieses Datum. Ich werde ein Glas Wein auf sein Andenken trinken.

Sie haben diesen schwierigen Menschen fast 50 Jahre gekannt. Welche markanten Erinnerungen bleiben?

Das erste Mal sah ich ihn zum Kandidatenturnier 1959 in Bled. Er hatte gerade gegen Paul Keres verloren und lief mit Tränen in den Augen die Hoteltreppe hinauf. Dort zeigte er nicht nur seine Gefühle, sondern in etlichen Partien auch gutes Schach.

Was passierte in der besagten Partie?

Originell war zunächst, dass Keres nur dieses eine Mal in seinem Leben Caro-Kann spielte. Weil die Sowjets wussten, dass Fischer mit Weiß die Variante mit 2. Sc3 wählte, und nach 3. Sf3 Lg4 4. h3 nahm Schwarz den Springer auf f3, und Weiß bekam dann gewisse Felderschwächen am Damenflügel. Das konnte man ausnutzen, obwohl Weiß das Läuferpaar besaß. Denn dessen Aufstellung dauerte so lange, dass Schwarz nicht nur Kompensation hatte, sondern auch eine gute Strategie entwickeln konnte. Und das hatten die sowjetischen Spieler alle aufeinander abgestimmt. Ich merkte dadurch, wie sehr sich die Russen auf die Partien vorzubereiten pflegten.

R. Fischer – P. Keres
Kandidatenturnier
Bled 18.09.1959

Caro-Kann B11

1.e4 c6 2.Sc3 d5 3.Sf3 Lg4 4.h3 Lxf3 5.Dxf3 Sf6 6.d3 e6 7.g3 Lb4 8.Ld2 d4 9.Sb1 Db6 10.b3 a5 11.a3 Le7 12.Lg2 a4 13.b4 Sbd7 14.0–0 c5 15.Ta2 0–0 16.bxc5 Lxc5 17.De2 e5 18.f4 Tfc8 19.h4 Tc6 20.Lh3 Dc7 21.fxe5 Sxe5 22.Lf4 Ld6 23.h5 Ta5 24.h6 Sg6 25.Df3 Th5 26.Lg4 Sxf4 27.Lxh5 S4xh5 28.Kg2 Sg4 29.Sd2 Se3+ 0-1

Fischer konnte zu dem frühen Zeitpunkt offensichtlich mit den Koryphäen aus der UdSSR noch nicht mithalten oder?

Nicht mit allen. Dazu fehlte ihm die Erfahrung. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass Tal viermal gegen Fischer gewann. Das war quasi eine vorweggenommene Eingliederung. Michail Tal war zur damaligen Zeit schon auf seinem Höhepunkt und das ganz überlegene Genie. Fischer war nicht so weit, er lernte noch. Aber er merkte schnell, wie man es anstellen muss. Auch Smyslow spielte dort, und mit ihm kam Bobby schon eher zurecht.

Klaus Darga hat Fischers Benehmen in Bled vor kurzem in einer Rückschau als peinlich beschrieben. Bobby wollte das beste Hotelzimmer, kein Essen war ihm recht usw…

Ich habe es so nicht erlebt, kann aber bestätigen, dass der junge Mann recht unerzogen war. Damals zählte er gerade 16 Jahre und musste sich wohl auch erst an dieses gehobene internationale Leben gewöhnen. Fischer fand dort immerhin eine fast vornehme Umgebung und die komplette Weltspitze vor.

Wie war das Verhältnis zwischen Ihnen und Bobby?

Es war von großer Achtung geprägt. Ich war 15 Jahre älter als er und hatte meine Ebene des Spiels, also die Laufbahn als Schachmeister, im Großen und Ganzen vor der Schiedsrichtertätigkeit. Also konnte ich mich in den Schachspieler hineindenken und auch genügend Verständnis für seine Eigenarten aufbringen. Fischer ist zwischen 1960 und 1990 auch mehrmals meiner Einladung zu Besuchen nach Bamberg gefolgt.

Als Schiedsrichter wurden Sie 1972 schlagartig weltbekannt. Wie hart war das Amtieren beim WM-Match in Reykjavik?

Es gab immer Kampf. Nicht nur zwischen zwei Persönlichkeiten,  auch zwischen den politischen Systemen. Das brachte Schwierigkeiten aller Art mit sich. Fischer und Spasski waren zwar Schachfreunde, aber eben aus West und Ost. Dieser Zusammenprall machte es kompliziert und hatte zugleich einen besonderen Reiz. Das Match hing am seidenen Faden - Fischer kam ja nicht pünktlich. Es gelang aber auf diplomatischem Wege und durch die Finanzspritze eines Engländers, ihn doch nach Reykjavik zu holen.

Welche Ihrer Entscheidungen war die schwierigste?

Fischer war zur 2. Partie nicht angetreten und verlor sie kampflos. Er wollte unbedingt in einem separaten Raum spielen. Dem wurde entsprochen, aber vor dem 3. Spiel machte er wieder Theater. Spasski und ich waren empört. Da packte ich die beiden Kampfhähne bei den Schultern, drückte sie in ihre Sessel und sagte: „Spielt jetzt!“, und Spasski machte wie automatisch den ersten Zug. Es war der schwerste Augenblick und das WM-Match gerettet.

Bobby Fischer war zeitlebens ein Eremit. Warum hat er dieses Dasein gewählt?

Es passte zu seinem Naturell. Als er jedoch im entsprechenden Alter war, suchte er schon eine Partnerin. Vor dem RE-Match gegen Spasski 1992 gab es zum Beispiel eine „Bewerberin“, die mit ihm brieflichen Kontakt hatte und dann während des Turniers auch seine Nähe suchte. Aber eine direkte Begegnung mit Folgen kam nicht zustande. Ich meine nicht die junge Ungarin Zita Rajczanyi, die Fischer zu dem Match überredet und begleitet hat.

Welche Dame konnte denn einem Sonderling wie Bobby Fischer gerecht werden?

Sie musste nett sein. So eine Frau suchte er. Die Ehe mit der Japanerin Miyoko Watai war dann eine Zweckgemeinschaft. Er wollte eben jemanden um sich haben. Umgekehrt war es sicher nicht sehr bequem, an ihn heranzukommen. Die Damen mussten ja seine Eigenarten erst einmal akzeptieren. Wie das im Einzelnen war, wollte ich nicht kennenlernen. Aber, dass er auf der Suche war und vielleicht sogar heiraten wollte, ist mir nicht verborgen geblieben.

War Fischer für Sie der größte Schachmeister aller Zeiten, oder würden Sie Kasparow höher einstufen?

Man kann beide gar nicht so recht miteinander vergleichen. Bobby spielte solider, würde ich sagen. Kasparow war noch künstlerischer und riskierte dabei einiges. Was das Schachverständnis angeht, war Bobby sicher absolute Spitze. Deshalb ist es sehr bedauerlich, dass es nie zu einem Wettkampf der beiden kam. Das hätte ich sehr begrüßt.

Der Altersunterschied zwischen ihnen war ja sehr groß. Realistischer wäre da im Rückblick vielleicht ein WM-Match gegen Anatoli Karpow gewesen?

Das wäre auch interessant geworden. Aber unter einem ganz anderen Gesichtspunkt. Weil Karpow solider spielte. Jeder von denen war oder ist genial. Das Schöne ist, dass es so viele unterschiedliche Typen von Schachkünstlern gibt, ganz egal, ob sie nun Fischer, Karpow, Kasparow, Kramnik oder Anand heißen. Es macht ja das Schach so reizvoll, dass es nicht nur einen Stil gibt.

Es wäre toll gewesen, wenn diese Leute alle mal gegeneinander gespielt hätten!

Leider kann man sie nicht mehr in einem Turnier vereinen und durch eine praktische Partie mit Fischer vergleichen. Es ist schade, aber sehen Sie, da ist neben der Lebensdauer wie schon gesagt auch der Altersunterschied. Bei zehn Jahren Differenz mag es ja noch gehen, doch bei 20 Jahren ist alles völlig neu. Die Nachfolger lernen natürlich aus den Partien der Vorgänger.

Und die heutigen Maestros haben Computer zur Verfügung.

Das stimmt. Es gab die Rechner damals noch gar nicht, und man lernt heute Schach anders als früher. Ob der Computer das Spiel aber immer so günstig beeinflusst, ist noch eine ganz andere Frage. Ich will jetzt nicht von den Betrügereien am Brett reden. Es gibt nichts, was es nicht gibt, aber das sind Ausnahmefälle. Die meisten Schachspieler verhalten sich sportlich völlig korrekt. Und Fischer tat es auch. So schwierig er sonst war - am Brett war er ganz korrekt.

Wie haben Sie im Januar die Nachricht von Fischers Tod aufgenommen?

Eine traurige Stimmung erfasste mich. Weil mit diesem Menschen viele wichtige Ereignisse meines Lebens verbunden sind. Ich bewunderte Bobbys Genialität und zeigte Verständnis für seine Eigenheiten. Mit der Zeit entwickelte sich zwischen uns eine Art Freundschaft, die sicher ungewöhnlich war.

 

„Ich habe Respekt vor Fischer und dem Schach“
Interview mit Großmeister Peter Leko

Der Ungar ist 51 Jahre jünger als Lothar Schmid, gehört also einer ganz anderen Schach-Generation an. Auch Peter Leko hatte prägende Begegnungen mit Bobby Fischer und gibt im folgenden Gespräch zum ersten Mal öffentlich darüber Auskunft.

Mitten im Corus Turnier kam die Nachricht, das Bobby Fischer gestorben ist. Du warst mit ihm bekannt, als er in den 90er Jahren im ungarischen Exil lebte. Magst du jetzt über eure Begegnungen erzählen?

Wir lernten uns 1998 in Budapest kennen. Nachdem das Verhältnisse enger geworden ist, kam er mich öfter mal zu Hause in Szeged besuchen. Ich kann wirklich sagen, dass ich sehr froh bin, ihm begegnet zu sein, weil er ein sehr liebenswürdiger Mensch war.

Hat dich nichts an ihm gestört?

Ich war damals zehn Jahre jünger als heute und habe zu ihm aufgeblickt. Durch die merkwürdigen Interviews, die Bobby hin und wieder gegeben hat, kann man vielleicht ein ganz falsches Bild von ihm bekommen. In der Zeit, wo wir zusammen waren, habe ich gespürt, das ist ein unglaublich lieber Mensch mit einem ganz großen Herzen. Ich denke, wenn man nur seine bizarren Äußerungen liest, dann kommt das nicht so rüber. 

War Fischer nicht ein bisschen sonderbar?

Er war mental nicht stabil, das ist kein Geheimnis. Ich meine jedoch, man sollte nicht jede seiner Äußerungen so ernst nehmen, und ihn einfach als Menschen mit Ecken und Kanten respektieren.

Das Schachgenie Bobby Fischer wird man ganz sicher in guter Erinnerung behalten. Was zeichnete den Amerikaner vor allem aus?

Gespielt haben wir beide nicht miteinander, das war nicht das Wichtigste. Es war aber eine phantastische Gelegenheit für mich, in seine Gedankenwelt einzutauchen. Der Mann konnte so viel über Schach erzählen, kannte alle berühmten Partien der alten Meister. In dieser Beziehung war er einfach phantastisch.

Du warst ja damals auch schon ein bekannter Großmeister.

Deshalb konnte ich mir ganz gut vorstellen, dass Bobby Fischer nicht zufällig Weltmeister war. Ich war damals schon ziemlich stark, hatte 1998 fast 2700 ELO-Punkte. Fischer war schon brillant. Wenn wir analysierten, blitzte seine große Klasse auf. Das war wirklich unglaublich.

Wer hat euch damals bekannt gemacht: Janos Rigo, die Polgars oder Pal Benkö?

Nein, das lief über ganz andere Kanäle. Es war ein recht unbekannter Mann aus Ungarn, den keiner aus der Schachszene kennt. Ich hatte ihn 1992 in Australien getroffen, und er hatte mit Bobby Kontakt. Über ihn kam später die Verbindung zustande.

Hast du dich darum bemüht?

Nein, ich habe das nicht forciert. Ich wusste, dass Bobby schon lange in Ungarn ist, und alle Schachspieler wollten sich damals mit ihm treffen. Ich war natürlich ebenfalls bereit, ihn jederzeit zu treffen, aber wollte ihn auch nicht stören. Ich fand ihn phantastisch und dachte, wenn sich die Gelegenheit bietet, dann nehme ich sie gern wahr. Dann kam tatsächlich der Anruf, und er hat den Wunsch geäußert, mich kennen zu lernen.

Du hast dich auch immer an seine Forderung gehalten, öffentlich nichts über eure Begegnungen zu erzählen.

Das war eine Bedingung. Wir sind mehr als ein Jahr ganz eng zusammen gewesen. Ich kann nur wiederholen, dass ich sehr froh bin, ihm begegnet zu sein.

Hat er dich überredet, Fischer-Schach mit ihm zu spielen?

Nein, das tat er nicht. Bobby wollte meist etwas mit mir analysieren und manchmal  einfach nur Gesellschaft haben. Das war die Zeit, in der die Computer schon mehr und mehr Einfluss auf das Schach genommen haben.

Die Rechner und auch die Schachspieler die sie benutzten, waren ihm doch suspekt?

Ja, so ist es. Ich kann Bobby verstehen, dass die Computer-Generation für so einen phantastischen Schachspieler wie ihn schon ein bisschen unangenehm war.

Warum mochte er die Computer nicht?

Die Erklärung ist ganz einfach. Er spielte wirklich großartig, aber mit dem Computer konnte man vielleicht beweisen, dass seine Züge doch nicht so genial waren. So wie es mit den Schachprogrammen gekommen ist, das hielt er für keine schöne Entwicklung.

Geht es dir manchmal auch so?

Nein, nicht so extrem wie Fischer. Aber ich kann es ihm nachfühlen. Die Leute strengen sich am Brett an, doch heute kann jeder beliebige Amateur einen Supergroßmeister sofort nach der Partie mit Hilfe von „Fritz“ oder „Rybka“ für seine Züge kritisieren.

Wie ist dein Verhältnis zu Computern?

Ich meine, sie sind zum Arbeiten sehr nützlich. Aber ich finde es sehr wichtig, dass man den Respekt vor der Tätigkeit der Schachspieler nicht verliert. Und diese Achtung war es ja vor allem, die Bobby so am Herzen lag.  

Gibt es Beispiele aus deiner Praxis, wo Patzer oder weniger gute Spieler schlauer als Großmeister sein wollten?

Ja. Ich erinnere mich zum Beispiel, einmal in Linares gegen Garri Kasparow eine phantastische Partie gespielt zu haben. Hinterher haben wir das komplizierte Spiel zwei Stunden lang gemeinsam analysiert. Ich war sehr glücklich über unsere Erkenntnisse, denn die Partie war voller Verwicklungen.

Und weiter?

Plötzlich kamen die Journalisten und sagten uns, dass der Computer doch gezeigt hat, dieser und jener Zug seien besser. So etwas ist einfach schädlich für die Kreativität und uns Spielern gegenüber nicht besonders fair. Die Schachspielkunst und der Kampf Mann gegen Mann verlieren dadurch ihren Reiz.

Letzte Frage: Wie einsam war Bobby Fischer?

Ich denke schon, er war sehr allein. Eben ein Mensch, der etwas misstrauisch war und kaum jemanden zu nah an sich heran ließ. So wie ein einsamer Wolf. Das ist natürlich sehr schade.

 

Text und Fotos: Dagobert Kohlmeyer

 

 

 

 


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