Carlsen gewinnt GRENKE Classic im Armageddon

von Johannes Fischer
10.02.2015 – Die einzige Gewinnpartie der letzten Runde der GRENKE Chess Classic gelang Adams gegen Anand, doch die Schlussrunde war an Dramatik kaum zu überbieten. Nachdem Carlsen gegen Bacrot eine sehr gute Stellung zum Remis verdorben hatte und Naiditsch gegen Aronian nicht gewinnen konnte, spielten Carlsen und Naiditsch ein Tie-Break um den Turniersieg. Mehr...

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Wie spielt man, wenn man auf Gewinn spielen muss? Vor dieser Frage standen Magnus Carlsen und Arkadij Naiditsch vor der siebten und letzten Runde der GRENKE Chess Classic in Baden Baden. Die beiden teilten sich mit je 4 Punkten aus 6 Partien die Tabellenspitze. Carlsen spielte in der letzten Runde mit Weiß gegen Etienne Bacrot, Naiditsch mit Weiß gegen Levon Aronian.

Der Weltmeister und die Nummer eins der Welt

Arkadij Naiditsch

Magnus Carlsen verzichtete gegen Etienne Bacrot auf ein theoretisches Duell und entschied sich als Weißer mit 1.d4 Sf6 2.Sf3 g6 3.Lg5 für einen in der Weltspitze selten gespielten Aufbau. Lange Zeit sah es dann so aus, als ob Carlsens Konzept aufgehen würde. In einem inhaltsreichen Mittelspiel gewann Carlsen einen Bauern, Bacrot verbrauchte viel Bedenkzeit und stand im Endspiel am Rande einer Niederlage. Vor allem der weit vorgerückte a-Bauern und die weißen Springer, die die schwarzen Bauernschwächen aufs Korn nahmen, bereiteten ihm Sorgen. Carlsen hatte eine Reihe von Möglichkeiten, in Vorteil zu kommen, doch kurz vor Ende der Zeitnotphase gestattete er den schwarzen Figuren zu viel Spielraum. Bacrot ergriff die Gelegenheit und entschlüpfte mit knapper Not ins Remis.

 

Stand kurz vor Partiegewinn und Turniersieg: Magnus Carlsen

Etienne Bacrot konnte sich ins Remis retten.

Auch Arkadij Naiditsch vermied gegen Levon Aronian ein theoretisches Duell im Spanier und entschied sich stattdessen für das Vierspringerspiel. Das bescherte ihm zwar einen ganz leichten Vorteil, aber wenig konkrete Gewinnaussichten. Je weiter die Partie fortschritt, desto mehr verflachte die Stellung und schließlich stand ein Turmendspiel auf dem Brett, das Aronian mühelos Remis hielt.

Arkadij Naiditsch bringt seine Figuren in Stellung.

Levon Aronian wirkte vor der Partie nicht sonderlich angespannt.

Damit kamen Carlsen und Naiditsch beide auf 4,5 Punkte aus 7 Partien und wie auf der Turnierseite unter Modus zu lesen war, konnte sich das Publikum über Blitzschach der Weltklasse freuen. Denn dort hieß es: "Bei Gleichstand erfolgt um den 1. Platz ein Stichkampf: 2 Partien mit 10 Min. + 2 Sek./Zug; danach 2 Partien mit 5 Min. + 2 Sek./Zug; letztendlich eine Partie mit 6 Min. für Weiß und 5 Min. für Schwarz + 2 Sek./Zug (im Falle eines Remis gewinnt Schwarz)."

Auch Fabiano Caruana dürfte sich über diese Wendung der Ereignisse gefreut haben, denn mit einem Sieg gegen David Baramidze konnte er jetzt zu Carlsen und Naiditsch aufschließen. Die Chancen dafür standen nicht schlecht. Denn Caruana war es gelungen, sich in einer nach der Eröffnung ausgeglichenen Stellung allmählich Vorteile herauszuarbeiten und als sich Naiditsch und Aronian Remis trennten, hatte er in einem Endspiel Turm und Springer gegen Turm und Springer einen Mehrbauern.

Doch ein klarer Gewinnweg war nicht zu sehen. Im weiteren Verlauf der Partie verteidigte sich Baramidze umsichtig und zäh, so dass Caruana schließlich einen Springer opferte, um mit dem König in die gegnerische Stellung eindringen zu können. Hätte Caruana 71...Kd4 statt des Partiezugs 71...Kf6 gespielt, hätte ihm diese Strategie auch Erfolg gebracht. Doch nach 71...Kf6 war diese Chance verpasst und die Partie endete schließlich mit Remis.

Durch dieses Remis blieb Caruana in der Tabelle weiter einen halben Punkt hinter Carlsen und Naiditsch und es kam zu einem Zweier- und nicht zu einem Dreier-Stichkampf.

Fabiano Caruana kämpfte bis zum blanken König, aber konnte das bessere Endspiel nicht gewinnen.

David Baramidze gelang nach zwei Auftaktremisen und vier Niederlagen in Folge zum Abschluss
ein Remis gegen die Nummer zwei der Welt.

Ein dramatisches Endspiel sah man auch in der Partie zwischen Michael Adams und Vishy Anand. In einer Katalanischen Eröffnung stand nach 31 Zügen ein Turmendspiel auf dem Brett, in dem Adams mit Weiß durch die etwas bessere Stellung seines Turms und seines Königs leichten Vorteil hatte. Adams versuchte beharrlich, diesen Vorteil auszubauen, allerdings ohne dabei zu konkreten Ergebnissen zu kommen. Doch im 56. Zug wollte Anand die Dinge forcieren und gab einen Bauern, um in ein Endspiel abzuwickeln, in dem er mit zwei gegen drei Bauern am Königsflügel spielte. Auch hier unternahm Adams beharrlich und geduldig Gewinnversuche, die aber alle ins Leere liefen - bis Anand im 84. Zug ein Versehen unterlief, nach dem er sofort auf Verlust stand. Fünf Züge später gab er auf und Adams' Beharrlichkeit hatte sich ausgezahlt.

Michael Adams ließ im Laufe des Turniers etliche Möglichkeiten ungenutzt,
in der letzten Runde profitierte er von einem Versehen Anands.

Vishy Anand: eine bittere Niederlage zum Schluss eines unglücklichen Turniers.

7. Runde
SNr   Name Elo Erg.   Name Elo SNr
4 GM Adams Michael 2738 1-0 GM Anand Viswanathan 2797 8
5 GM Naiditsch Arkadij 2706 ½-½ GM Aronian Levon 2777 3
6 GM Carlsen Magnus 2865 ½-½ GM Bacrot Etienne 2711 2
7 GM Baramidze David 2594 ½-½ GM Caruana Fabiano 2811 1

Schlusstabelle

Alle Partien

 

Der Tie-Break

Auch der Tie-Break verlief dramatisch. Carlsen gewann die erste Partie klar und überzeugend - in einer Stellung, in der Schwarz scheinbar wenig Gefahr drohte, unterlief ihm eine Ungenauigkeit, nach der er in eine hoffnungslos passive Stellung geriet, die Carlsen sicher verwandelte.

In der zweiten Tie-Break-Partie sah es lange Zeit so aus, als ob Carlsen den Wettkampf - und damit das Turnier - für sich entscheiden würde. Er kam mit Schwarz zu Druckspiel gegen den weißen König, doch plötzlich konterte Weiß und die schwarzen Figuren standen hilflos herum. Carlsen schaffte es noch bis ins Endspiel, doch die Partie retten konnte er nicht.

So ging der Tie-Break in die Verlängerung - zwei Blitzpartien mit einer Bedenkzeit von 5 Minuten + 2 Sekunden pro Zug.

In der ersten der beiden Blitzpartien hatte Carlsen wieder Weiß, doch er konnte seinen Anzugsvorteil nicht nutzen und die Partie nach einigen taktischen Finessen mit Remis. In der zweiten Blitzpartie hatte Carlsen einmal mehr gute Chancen, nachdem Naiditsch mit nur noch wenigen Sekunden auf der Uhr zwei Bauern eingestellt hatte. Doch auch Carlsen hatte nicht mehr genug Zeit, um in Ruhe nach einem Gewinn zu suchen und manövrierte seinen Springer ins Abseits. Um den Springer zu retten, musste er einen wichtigen Bauern opfern, wonach sich Naiditsch ins Remis retten konnte. Nachdem auch der Blitzwettkampf 1:1 Unentschieden ausgegangen war, fiel die Entscheidung schließlich kurz vor Mitternacht im so genannten Armageddon - Weiß hat mehr Zeit, aber Schwarz reicht ein Remis, um den Wettkampf zu gewinnen.

Carlsen spielte mit Weiß und opferte in einem Najdorf-Sizilianer bald nach der Eröffnung eine Qualität, für die er gewisse Kompensation bekam. Dann unterlief Naiditsch ein schweres Versehen, nach dem er auf Verlust stand. Dieses Mal ließ Carlsen ihn nicht ins Remis entwischen und gewann die Partie, den Wettkampf und das Turnier.

Daniel King zeigt eine Partie des Tie-Breaks

Tie-Break-Partien

 

Impressionen

In Baden Baden weiß man, wo es lang geht.

Dies ist der Weg zum Schachturnier.

Das Plakat zeigt, dass man richtig ist.

Viel alte Bausubstanz - hier am Rathausplatz

Nicht ganz leicht zu erkennen, aber auch Baden Baden erinnert an Bismarck, den "Eisernen Kanzler"

Pierre de Coubertin, der 1894 mit der Gründung des Internationalen Olympischen Komitees
den olympischen Gedanken wiederbelebte.

Erik van Reem, Fotograf und Schachjournalist

Hartmut Metz, Schachjournalist, Tischtennis-Fan und Redakteur beim Badener Tageblatt

Eric van Reem und Hartmut Metz

Ian und Cathy Rogers

Die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm

Carlsen legt weniger Wert auf die Eröffnungsvorbereitung als viele seiner Kollegen, aber
vermutlich hat er dem Jungen gesagt, er würde gerne 1.d4 ziehen.

Die Runde beginnt.

Turnierdirektor Sven Noppes hat die Dinge im Griff. Das Turnier verlief reibungslos und in entspannter Atmosphäre.

Spielplan und Ergebnisse

1. Runde
SNr   Name Elo Erg.   Name Elo SNr
1 GM Caruana Fabiano 2811 ½-½ GM Anand Viswanathan 2797 8
2 GM Bacrot Etienne 2711 ½-½ GM Baramidze David 2594 7
3 GM Aronian Levon 2777 ½-½ GM Carlsen Magnus 2865 6
4 GM Adams Michael 2738 ½-½ GM Naiditsch Arkadij 2706 5
 
2. Runde
SNr   Name Elo Erg.   Name Elo SNr
8 GM Anand Viswanathan 2797 ½-½ GM Naiditsch Arkadij 2706 5
6 GM Carlsen Magnus 2865 1-0 GM Adams Michael 2738 4
7 GM Baramidze David 2594 ½-½ GM Aronian Levon 2777 3
1 GM Caruana Fabiano 2811 ½-½ GM Bacrot Etienne 2711 2
 
3. Runde
SNr   Name Elo Erg.   Name Elo SNr
2 GM Bacrot Etienne 2711 ½-½ GM Anand Viswanathan 2797 8
3 GM Aronian Levon 2777 0-1 GM Caruana Fabiano 2811 1
4 GM Adams Michael 2738 1-0 GM Baramidze David 2594 7
5 GM Naiditsch Arkadij 2706 1-0 GM Carlsen Magnus 2865 6
 
4. Runde
SNr   Name Elo Erg.   Name Elo SNr
8 GM Anand Viswanathan 2797 0-1 GM Carlsen Magnus 2865 6
7 GM Baramidze David 2594 0-1 GM Naiditsch Arkadij 2706 5
1 GM Caruana Fabiano 2811 ½-½ GM Adams Michael 2738 4
2 GM Bacrot Etienne 2711 ½-½ GM Aronian Levon 2777 3
 
5. Runde
SNr   Name Elo Erg.   Name Elo SNr
3 GM Aronian Levon 2777 1-0 GM Anand Viswanathan 2797 8
4 GM Adams Michael 2738 ½-½ GM Bacrot Etienne 2711 2
5 GM Naiditsch Arkadij 2706 ½-½ GM Caruana Fabiano 2811 1
6 GM Carlsen Magnus 2865 1-0 GM Baramidze David 2594 7
 
6. Runde
SNr   Name Elo Erg.   Name Elo SNr
8 GM Anand Viswanathan 2797 1-0 GM Baramidze David 2594 7
1 GM Caruana Fabiano 2811 ½-½ GM Carlsen Magnus 2865 6
2 GM Bacrot Etienne 2711 ½-½ GM Naiditsch Arkadij 2706 5
3 GM Aronian Levon 2777 ½-½ GM Adams Michael 2738 4
 
7. Runde
SNr   Name Elo Erg.   Name Elo SNr
4 GM Adams Michael 2738 1-0 GM Anand Viswanathan 2797 8
5 GM Naiditsch Arkadij 2706 ½-½ GM Aronian Levon 2777 3
6 GM Carlsen Magnus 2865 ½-½ GM Bacrot Etienne 2711 2
7 GM Baramidze David 2594 ½-½ GM Caruana Fabiano 2811 1

 

Fotos: André Schulz, Georgios Souleidis (Turnierseite)

Turnierseite...



Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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