"Die unglaubliche Tiefe des Spiels fasziniert mich immer wieder" - Ein Interview mit Erwin l'Ami

von Johannes Fischer
12.06.2017 – Erwin l'Ami ist starker Großmeister und beliebter Autor. Im Interview verrät er, warum er Schach faszinierend findet, wie er zum Schach gekommen ist und spricht über Gambits im modernen Turnierschach, seine Lieblingspartien, Holländisch-Stonewall, den Sinn des Eröffnungsstudiums und warum Blitzpartien das Schachgefühl verbessern können.

The Dutch Stonewall - A fighting repertoire against 1.d4 The Dutch Stonewall - A fighting repertoire against 1.d4

In der Holländischen Stonewall-Variante kämpft Schwarz vom ersten Zug an um die Initiative. Gehen Sie mit GM Erwin l'Ami auf eine faszinierende Reise und lassen Sie sich von ihm die Tiefe und den Reiz dieser attraktiven Eröffnung demonstrieren!

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Erwin, Du bist Schachprofi – als Spieler, Autor und Sekundant. Was fasziniert Dich so am Schach?

Ich mag alle Aspekte des Schachs: der Kampf am Brett, aber auch den wissenschaftlichen Ansatz, wenn man zu Hause Eröffnungsvarianten oder die eigenen Partien analysiert. Die unglaubliche Tiefe des Spiels fasziniert mich immer wieder.

Weiß Du noch, wann Dich das Schachfieber gepackt hat?

Das weiß ich noch sehr gut! Ich habe drei ältere Brüder und beim Fußball oder anderen körperlichen Aktivitäten konnte ich nur schwer mit ihnen mithalten. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich sie im Schach schlagen kann...

Du arbeitest im Moment als Sekundant von Anish Giri und hast früher als Sekundant von Veselin Topalov gearbeitet. Was macht ein Sekundant?

Ein Sekundant versucht, dem Spieler, den er unterstützt, Arbeit abzunehmen und Dinge zu tun, die sonst der Spieler selbst machen müsste. Ein Sekundant bereitet dabei vor allem Eröffnungen für die nächste Partie vor, damit sich der Spieler vor der Partie entspannen und ausruhen kann. 

Wie (und wie viel) arbeiten Spitzenspieler wie Topalov und Giri für das Schach? Und was machen sie?

Mit Topalov habe ich bis 2011 zusammengearbeitet, deshalb weiß ich nicht, wie hart er heute arbeitet, aber früher hat er ein ordentliches Pensum absolviert! Anish hat eine gewaltige Arbeitsethik und arbeitet manchmal wirklich von früh bis spät und darüberhinaus. Dabei widmen sich die Spieler allen Aspekten des Schachs: dem Endspiel, der Analyse von Partien, dem Lösen von Aufgaben, aber der Schwerpunkt liegt eindeutig auf der Eröffnungsvorbereitung.

Hast Du ein schachliches Vorbild, einen Spieler, dessen Partien oder Stil Du bewunderst?

Ich war 13 Jahre alt, als die berühmte Partie zwischen Kasparov und Topalov (Wijk aan Zee 1999) live direkt vor meinen Augen gespielt wurde - ich war als Zuschauer beim Turnier.

 

Alle Partien von Garry aus diesen Jahren machen mich nostalgisch! Die Präzision ist atemberaubend.

Du hast eine Reihe von sehr populären und erfolgreichen DVDs veröffentlicht, die auch von Kritikern gelobt wurden. Besonders beeindruckt sind die Leute immer wieder von dem Arbeitsaufwand, den Du in diese DVDs investierst. Ein Beispiel dafür ist Dein "Gambit Guide", zwei DVDs, die sich mit allen möglichen Gambits beschäftigen. Was fasziniert Dich an Gambits und wie bist Du auf die Idee zu diesen DVDs gekommen?

Das lässt sich leicht beantworten: ich hatte Probleme, gegen Gambits zu spielen! Jungen Spielern bringt man immer bei, 1.e4 und offene Eröffnungen zu spielen, aber mir fehlt diese Schacherziehung und ich habe immer 1.d4 gespielt. Deshalb hatte ich lange keinen Zugang zu offenen Spielen und insbesondere Gambits lagen weit außerhalb meiner Komfortzone!

Spitzenspieler scheinen allerdings wenig Vertrauen in Gambits zu haben und entsprechend wenig Gambits sieht man auf Topniveau. Und als Adhiban Baskaran beim diesjährigen Tata Steel Turnier in Wijk aan Zee das Königsgambit ausgepackt hat, war das eine große Überraschung und wurde als riskante und mutige Entscheidung betrachtet. Sind die heutigen Spitzengroßmeister zu vorsichtig und sollten sie es gelegentlich mit einem Gambit versuchen?

Adhiban hat mir später erzählt, wie gut es war, dass er meine DVD nicht vor seiner Partie mit So gesehen hat, denn auf der DVD braucht man nicht lange zu suchen, bis man die Widerlegung der von ihm gespielten Variante findet! (lächelt).

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Manche Gambits sind besser als andere, aber tatsächlich wissen die meisten Spitzenspieler, wie man Gambits effektiv bekämpft. Deshalb richten sich meine DVDs auch an ambitionierte Amateure und bessere Spieler, aber nicht an die absolute Weltklasse (lächelt).

Was denkt Giri zu diesem Thema - auf mich wirkt er nicht wie jemand, den es in den Fingern juckt, wieder einmal ein Gambit zu wagen?

Anish hat ein sehr klassisches Spielverständnis und ich bezweifle, dass wir bald ein Königsgambit von ihm sehen werden!

Nach dem Gambit Guide hast Du eine DVD über Holländisch-Stonewall veröffentlicht. Was ist der Reiz der Stonewall-Variante?

In Zeiten, in denen sich die Eröffnungstheorie sehr, sehr schnell weiter entwickelt, ist es schön, wenn man auf eine Eröffnung zurückgreifen kann, die mehr oder weniger nur auf Ideen beruht. Man muss keine langen Varianten auswendig lernen, hier kommt es auf das Verständnis an. Ich kann mir vorstellen, dass dies die Phantasie vieler Spieler beflügelt und das ist vielleicht auch der Grund, warum meine Stonewall-DVD so beliebt ist.

Würdest Du Stonewall als positionelles Gambit ansehen - immerhin nimmt Schwarz freiwillig eine ernsthafte Schwächung von e5 in Kauf?

Haha, interessanter Gedanke! So habe ich das noch nie gesehen. Offiziell gelten allerdings nur wirkliche Materialopfer als "Gambit", freiwillige Schwächungen von Feldern jedoch nicht. Aber generell glaube ich, dass der Stonewall eine Neubewertung verdient - und eine Reihe von Carlsen-Partien aus jüngster Zeit, in denen er mit Stonewall gute Ergebnisse erzielt hat, bestätigen diesen Eindruck!

Warum sollte man sich mit Eröffnungstheorie beschäftigen - um Eröffnungsvorteil zu bekommen oder einfach nur, um eine spielbare Mittelspielstellung zu bekommen - oder aus anderen Gründen?

Jeder wie er mag! Manche Leute verbringen gerne Stunden damit, sich in Eröffnungsvarianten zu vertiefen, um zu versuchen, ihren Gegner in einer scharfen Variante des Najdorf-Sizilianers zu erwischen, während andere es vorziehen, sich mit Eröffnungen zu beschäftigen, die ihnen spielbare Stellungen gibt. In der Weltspitze sehen die Dinge natürlich anders aus. Da sind alle Spieler sehr gut vorbereitet, und man versucht vor allem, den Gegner in der Eröffnung zu überraschen und zugleich eine spielbare Stellung zu bekommen.

Wie wichtig ist das Eröffnungsstudium für Amateure?

Ehrlich gesagt, nicht allzu wichtig! Amateure verwenden einen Großteil ihrer Zeit auf das Eröffnungsstudium, da die Ergebnisse unmittelbar sichtbar sind. Aber das ist alles kurzfristig und langfristig gesehen wäre es besser, wenn man die Zeit, die man fürs Training hat, dazu benutzt, seine eigenen Partien zu analysieren oder sich mit Endspielen zu beschäftigen oder Aufgaben zu lösen.

Und warum arbeitet man überhaupt an seinem Schach - wäre es nicht einfacher und unterhaltsamer, wenn man einfach nur spielt und das Spielen genießt?

Jetzt betreten wir aber allmählich sehr philosophisches Gelände! Was mich betrifft, so erweitere ich gerne meinen Horizont und vertiefe mein Verständnis des Spiels. Ich kann mir nicht vorstellen, einfach nur zu spielen ohne über das Spiel nachzudenken.

Erwin l'Ami nach seinem Sieg beim starken Reykjavik Open 2015 - er gewann mit 8,5/10

YDu bist ein starker Großmeister und ein starker Blitzspieler. 2015 hast Du den Rabat Blitzmarathon gewonnen und 2016 wurdest Du holländischer Meister im Online-Blitz. Probierst Du in Blitzpartien Gambits oder neue Eröffnungsideen aus?

Heutzutage arbeite ich viel für Anish und habe deshalb weniger Zeit, selber zu spielen. (Online)-Blitz ist eine Möglichkeit, sein Gefühl für das Spiel zu bewahren, und das ist der Hauptgrund, warum ich es spiele. Das Blitzturnier in Rabat war ein sehr schönes und unterhaltsames Event und ich hoffe sehr, dass das Turnier bald wieder einmal stattfindet!

Kann Blitzschach dazu beitragen, dass man besser spielt oder macht es einfach nur Spaß und dient zur Unterhaltung?

Wenn man es ernst nimmt, dann glaube ich, dass Blitzen hilfreich sein kann, um neue Eröffnungen auszuprobieren oder gegen starke Gegner zu spielen. Als junger Spieler habe ich die Erfahrung sehr genossen, dass ich einfach online gehen und gegen Großmeister spielen kann.

Letzte Frage zum Abschluss: Was ist Deine Lieblingspartie, was ist Deine Lieblings-Gambitpartie und was ist Deine Lieblingspartie im Stonewall?

Lieblingspartie

Meine Lieblingspartie ist Kasparov-Topalov, Wijk aan Zee 1999, allein schon deshalb, weil ich bei der Partie dabei war und sie einen so nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht hat. 

Lieblings-Gambitpartie

Ekebjaerg-Timmerman, Fernschach 1991

 

Lieblingspartie im Stonewall

Ich glaube, Anand-Carlsen, GRENKE Classic 2015, war eine bedeutende Partie für die Variante!

 

Ein ChessBase Feature mit Erwin l'Ami



Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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