Interview mit Herbert Bastian

von Dagobert Kohlmeyer
17.07.2014 – Der DSB hat derzeit eine Reihe von Baustellen, eine davon ist der Kampf um die Fördermittel. Allerdings gibt es auch Ereignissen, bei denen es lohnt, nach vorne zu schauen. Bei der Schacholympiade in Tromsö gehört die deutsche Mannschaft, kürzlich noch verstärkt, mit zu den Topteams. Dagobert Kohlmeyer sprach mit dem DSB-Präsidenten Herbert Bastian. Mehr...

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Unsere Sportart muss noch präsenter werden

Interview mit DSB-Präsident Herbert Bastian

Zur Eröffnung des 42. Sparkassen Chess-Meetings wurde wie schon in den vergangenen Jahren der Präsident des Deutschen Schachbundes Herbert Bastian begrüßt. Im folgenden Gespräch äußerte er sich zu aktuellen Problemen des DSB und des internationalen Schachs.

Sie sind jetzt drei Jahre im Amt, und der Deutsche Schachbund hat nicht wenige Probleme. Macht Ihnen die Arbeit noch Freude?

Selbstverständlich. Sie macht mir deshalb Spaß, weil diese Aufgabe ein breites Spektrum an Herausforderungen bietet.

Das Turnier in Dortmund gehört sicher zu den angenehmen Terminen in Ihrem  Kalender.

So ist es. Das Sparkassen Chess-Meeting hat eine große Tradition und ist unser Vorzeigeturnier in Deutschland. Deshalb komme ich immer wieder gern.

Drei unserer Nationalspieler nutzen den Wettbewerb zur Vorbereitung auf die Schacholympiade in Norwegen. Georg Meier hatte mit seinem Schwarzsieg gegen Kramnik einen glänzenden Start. Wie beurteilen Sie die Chancen unserer Teams?

Ich habe großes Vertrauen in unseren neuen Trainer Dorian Rogozenko. Man muss jetzt sehen, wie es ihm gelingt, ein homogenes Team zu formen. Die Männer wollen unter die ersten Zehn kommen, bei den Frauen bin ich etwas vorsichtiger.

Mit Liviu Dieter Nisipeanu erhält die DSB-Auswahl eine große Verstärkung. Wie kam es zu seinem Wechsel?

Die Initiative ging von Liviu Dieter aus. Er wandte sich schon bei der Team-WM in Warschau an Uwe Bönsch, und danach haben Horst Metzing sowie Klaus Deventer die Verhandlungen mit dem rumänischen Schachverband geführt.

Es ging dabei auch um eine Ablösesumme. Ist das so ähnlich wie im Fußball, nur in viel geringerer Höhe?

Das sind keine Riesenbeträge. Es gibt einen Rahmen für Ablösesummen von der FIDE, aber die Höhe kann zwischen den einzelnen Verbänden ausgehandelt werden. Wir sind zu einer für beide Seiten verträglichen Lösung gekommen.

Nisipeanu ist ein freundlicher und sehr starker Großmeister, der sicher gut ins deutsche Team passt. Aber als Schachprofi spielt er natürlich nicht umsonst. Wer bezahlt ihn für seine Einsätze im DSB-Team?

Die Honorare für die Nationalspieler wurden in den vergangenen Jahren immer von unserem Partner, dem Unternehmen UKA, bezahlt. So wird es auch im Fall von Nisipeanu sein.

Die größte Baustelle des DSB war und ist die Streichung der Fördermittel für den Leistungssport durch das Bundes-Innenministerium. Wie ist der aktuelle Stand der Dinge?

Wir sind nach wie vor in Verhandlungen, damit eine dauerhafte Förderung gewährleistet wird. Und wir gehen davon aus, dass wir dieses Ziel erreichen, wenn auch mit finanziellen Einbußen. Sie sind aber aus unserer Sicht auf Grund des Verteilungssystems nachvollziehbar.

Was bedeutet das konkret?

Der Deutsche Olympische Sportbund hat einen Verteilungsschlüssel für die nichtolympischen Sportarten. Dort steht eine Summe X zur Verfügung, die durch eine Anzahl Y von Empfängern geteilt wird. So konnten wir uns ausrechen, was wir künftig an Fördermitteln bekommen.

Und die recht große Mitgliederzahl des DSB von über 90 000 spielt dabei gar keine Rolle?

Nach meinem Kenntnistand nicht. Wir erwarten statt der bisherigen 135 000 etwa 65 000 bis 90 000 Euro. Ein Teil davon ist leistungsabhängig. Sollten wir Medaillen holen, zum Beispiel bei der Schacholympiade, würden wir etwas mehr erhalten.  Schaffen wir das nicht, bleibt es bei dem unteren Betrag.

Muss der DSB dann die Mitgliedsbeiträge nochmal etwas anheben?

Wenn wir den bisherigen Stand des Leistungsangebots halten wollen, müssen wir diese Möglichkeit in Erwägung ziehen. Die Alternative wäre, jemand in der Geschäftsstelle zu entlassen. Das kann aber nicht die Lösung sein, weil wir schon jetzt mit der vielen Arbeit kaum zurechtkommen. Verwaltungsaufgaben können nicht ehrenamtlich bewältigt werden.

Wo sehen Sie die künftigen Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Als ich mein Amt antrat, war eine meiner Forderungen, dass der Deutsche Schachbund seinen Blick wieder mehr auf die Basis lenken muss. Wir sind jetzt mitten im Prozess dieser inneren Konsolidierung. Er wird noch einige Zeit andauern.

Und die internationalen Ziele?

Selbstverständlich muss der DSB versuchen, sich im Leistungsbereich in der Weltspitze nach oben zu orientieren. Das muss unser wichtigstes Ziel sein. Aber es ist nicht unsere einzige Säule. Ich erinnere an die Jugendarbeit und den Schulschachbereich und an das Breitenschach. Eine wichtige Säule, die erst im Wachsen ist, aber noch weiter gedeihen muss, ist der Frauenbereich.

Ihr Vorgänger Robert von Weizsäcker legte viel Wert auf mehr Präsenz des DSB in der FIDE. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Der DSB muss sich künftig wieder stärker im Weltschachbund einbringen. Wir stehen unmittelbar vor Wahlen in der FIDE und in der ECU. Bisher hat sich der DSB neutral verhalten. Das hat viele Gründe. Ein wichtiger für mich ist, dass wir nach der Entscheidung, wer die FIDE-Wahl gewonnen hat, bessere Möglichkeiten haben, mit jeder gewählten Führung gut zusammen zu arbeiten. Das wäre der erste Schritt, um international mehr Gewicht zu erlangen.

Vorher wollen Sie sich also nicht positionieren, obwohl FIDE-Chef Iljumschinow und auch sein Herausforderer Garri Kasparow es gern sehen würden, dass sich der DSB schon vor dem FIDE-Kongress öffentlich äußert, wen er bei der Wahl unterstützt?

Wir haben diese Thematik vorher intensiv mit unseren Landesverbänden diskutiert. Dabei kam ein eindeutiges Votum heraus, dass wir im Vorfeld neutral bleiben sollen.

In der Europäischen Schachunion aber gehört Horst Metzing zum neuen Ticket (Team) des amtierenden Präsidenten Silvio Danailow. Da dürfte Ihre Haltung doch klar sein?

Das Präsidium des DSB hat die Kandidatur von Horst Metzing begrüßt. Da ist es selbstverständlich, dass wir dann auch diese Mannschaft unterstützen.

Als langjähriger Beobachter der internationalen Schachszene muss ich feststellen, dass unser Sport an Renommee verliert. Warum hat ein so reiches Land wie Norwegen Probleme bei der Finanzierung der Schacholympiade? Und warum fand sich ewig kein Ausrichter für das WM-Finale zwischen Carlsen und Anand?  

Einen pessimistischen Schluss würde ich auf keinen Fall ziehen. Ich bin es gewohnt, immer auf das Positive zu schauen. Wer hätte noch vor einigen Jahren gedacht, dass ein Land wie Norwegen eine solche Vielzahl von hochkarätigen Schachveranstaltungen organisiert (neben dem Turnier der Nationen z.B. auch das Superturnier in Stavanger – D.K.). Die Olympiade ist ja nun gesichert, und Sotschi wird hoffentlich eine gute Weltmeisterschaft werden.

Also alles prima?

Nicht alles. Ich sehe eine gewisse Gefahr darin, wenn Schach eine solche Entwicklung wie Fußball oder andere Sportarten nimmt, wo die bewegten Geldsummen im Spitzenbereich immer größer werden. Das würde dazu führen, dass es immer weniger Veranstalter gibt, die das noch stemmen können. Also ist es besser, wenn man ein gesundes Maß anstrebt, das man aber auf Dauer garantieren kann.

Was heißt das für den Deutschen Schachbund?

Wir sollten dafür sorgen, dass die Akzeptanz des Schachs als Sport bei uns weiter erhöht wird, die besten Talente für das Spitzenschach entdeckt und gefördert werden, Traditionsturniere wie in Dortmund erhalten bleiben und wir international künftig wieder eine größere Rolle spielen. Die Goldmedaille bei der Team-EM 2011 hat gezeigt, dass dies möglich ist. Und wir müssen unsere Mitgliederzahl erhöhen.

Das ist nicht so einfach. Wie soll Letzteres gehen?

Am besten, wenn die Schachvereine das noch nicht erschlossene Potenzial in der schöneren Hälfte der Bevölkerung nutzen.

 



Dagobert Kohlmeyer gehört zu den bekanntesten deutschen Schachreportern. Über 25 Jahre berichtet der Berliner bereits in Wort und Bild von Schacholympiaden, Weltmeisterschaften und hochkarätigen Turnieren.
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