Ärztemeisterschaft: Dr. Blasius Nuber knapp vor Konstantin Berger

von Dr. Helmut Pfleger
07.09.2021 – Einmal im Jahr wird die sportliche Frage gestellt: Wer ist der beste Arzt - im Schach? Diese Frage wird mit der Deutschen Schach-Ärztemeisterschaft beantwortet. Am letzten August-Wochenende war Bad Homburg a.d.Höhe wieder Schauplatz des Turniers. Newcomer Dr. Blasius Nuber holte sich den Titel und gewann auch das Blitzturnier. Dr. Helmut Pfleger berichtet. | Auf dem Bild, v.li.: 3. Dr. Hans-Jörg Cordes, Sieger Dr. Blasius Nuber, 2. Dr. Konstantin Berger (Fotos: Dr. Jan Wähner und Irene Steimbach)

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Gelungenes Ärzteturnier

Zum zweiten Mal in Folge mussten sich die schachspielenden Ärzte einem tückischen Gegner zwar nicht geschlagen, aber mit weniger als den üblichen etwa 140 Teilnehmern bei ihrer immerhin schon 29. Deutschen Ärzteschachmeisterschaft zufriedengeben.

Wie schon Mitte März 2020, als unmittelbar danach nicht nur das sportliche Leben praktisch zum Erliegen kam, so trafen sich nach zweimaliger, pandemiebedingter Verschiebung auch vom 20.-22. August wiederum nur gut 80 Ärztinnen und Ärzte in Bad Homburg. Angst vor einer Covid 19-Infektion, das durch die Regularien vorgeschriebene, lästige Tragen eines Mundnasenschutzes beim Aufstehen vom Brett, schon gebuchte Urlaube etc. ließen manchen diesmal im wahrsten Sinne des Wortes Abstand nehmen. Da war es schon hoch willkommen, dass die Firma Prowin das Turnier wieder großzügig finanziell unterstützte.

Das Kurhaus

So wurde es wieder ein rundum gelungenes Turnier. Das fing schon bei der Eröffnung am Freitagabend an, als Oberbürgermeister Alexander Hetjes eigens seinen Urlaubsbeginn um einige Stunden verschoben hatte, um die Ärztinnen und Ärzte wie jedes Jahr humorvoll „in der schönsten Stadt Deutschlands“ willkommen zu heißen und danach zu einem leckeren Buffet einzuladen. Dabei verriet er, dass sich ein 8-jähriges Mädchen kürzlich eine Schachpartie gegen ihn gewünscht hätte, und er – coram publico – gegen sie verlor. Ihm brach dabei ebenso wenig ein Zacken aus der Krone wie einst dem Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, als dieser beim Schulschachturnier „Rechtes gegen linkes Alsterufer“ in Hamburg mit 3000 Schülern für eine der Schulmannschaften antrat, ebenfalls gegen ein Mädchen verlor und danach „trotzdem“ das Schachspiel in höchsten Tönen lobte und von einer der sinnvollsten Veranstaltungen in seinem politischen Leben sprach.

Natürlich hörten die Ärzte auch mit großem Wohlgefallen, dass der für sechs Jahre wiedergewählte OB weiterhin die volle Unterstützung der Stadt für das Turnier versprach.

So können die Ärzte frohgemut und stolz ihrer 30. Meisterschaft, natürlich wieder in Bad Homburg, entgegenblicken – andere Berufsgruppen wie Juristen, Lehrer etc. tun sich da eher schwerer, lediglich die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) sind unter der Patronage der rührigen Emanuel Lasker Gesellschaft (Lasker war ja selbst ein herausragender Mathematiker, der „beim Spazierengehen ums Karree“ in Berlin mit Einstein über dessen Relativitätstheorie diskutierte) erfolgversprechend gestartet.

Wie jedes Jahr gab es am Freitagabend noch ein Blitzturnier, das der „Newcomer“ Dr. Blasius Nuber vor den „altgedienten“ Kämpen Dr. Hans-Joachim Hofstetter und Prof. Dr. Peter Krauseneck gewann.

Tabelle Blitzturnier...

Parallel dazu musste ich mich beim Simultanspiel gegen 23 Gegner (1 Verlust, 3 Remisen) diesmal allein meiner Haut erwehren, nachdem Alexander Donchenko leider absagen musste, weil er Deutschland zwar nicht am Hindukusch, aber doch immerhin bei der Europameisterschaft in Reykjavik verteidigen wollte und vorher in Quarantäne musste.

Harte Arbeit bis weit nach Mitternacht (19+, 3=, 1-)

Die eigentliche Deutsche Ärztemeisterschaft – wie immer 9 Runden im Schnellschach – gewannen Dr. Nuber und der weitere „Neuling“ Dr. Konstantin Berger gemeinsam mit herausragenden 8 Punkten, wobei Nuber nach der Buchholzwertung vorne lag und so auch den vom „Künstlerarzt“ Dr. Jan Wähner gestalteten und im 3D-Druck gestalteten. wunderbaren Siegespokal, bei dem sich die Äskulapschlange um den König windet, mit nach Hause nehmen konnte.

Spitzenpaarung der 5. Runde: Nuber-Krauseneck, remis.

 

Dieses junge Duo wies die „ältere Garde“ mit Dr. Hans-Jörg Cordes, Dr. Hofstetter, Prof. Krauseneck, Dr. Helmut Jacob und Dr. Erik Allgaier (kein Nachfahre des berühmten Wiener Schachmeisters) auf die Plätze.  

 80 Teilnehmer

Die ganze Tabelle als pdf...

 

Strahlender Sieger Dr. Nuber mit Turnierleiter Dammann und einzigartigem Pokal

Einmal mehr wurde die einzigartige, familiäre Atmosphäre des Turniers, bei dem mit Dr. Branko Spasojevic, Dr. Martin Schäfer und Prof. Krauseneck immerhin noch drei Unentwegte (das ist wie bei den zehn kleinen Negerlein) an allen Ärztemeisterschaften seit dem Beginn 1993 in Baden-Baden teilnahmen, gelobt und genossen.

Die Gespräche kamen nicht zu kurz

Sowohl der ehemalige Geschäftsführer des Deutschen Schachbunds und Internationale Schiedsrichter Horst Metzing als auch der Neurologieprofessor Dr. Krauseneck bezeichnen die Ärztemeisterschaften unisono als die schönsten Turniere, die sie je erlebt hätten – und beide haben wahrlich viele erlebt. 

So kam Dr. Ulrich Fincke eigens mit dem Flugzeug aus Schweden und eine glückliche Dr. Andrea Huppertz gar erst in letzter Minute, nachdem ein Kollege doch noch überraschend ihren Wochenenddienst übernehmen konnte.

Natürlich wuselten auch wie immer etliche Kleinkinder herum, die Mama (Dr. Anna Küßner-Brochhagen) oder, natürlich häufiger, Papa und Opa „unterstützten“, ein weiterer „Künstlerarzt“, Dr. Gunnar Riemer, hatte sogar schon liebevoll selbstgestaltete Adventskalender für die Kleinen mitgebracht.

Unbedingt muss aber noch der frühere stellvertretende Chefredakteur des Deutschen Ärzteblatts, Josef Maus, erwähnt werden, der für seine jahrzehntelangen Verdienste um die Ärzteschachturniere einen ebenfalls von Dr. Wähner geschaffenen Ehrenpreis bekam.

Ehrenpreis für Josef Maus, überreicht vom Schöpfer Dr. Jan Wähner

Josef Maus hatte einst, mit etwas Assistenz von mir, die Ärzteturniere ins Leben gerufen und Jahrzehnte praktisch im Alleingang mit all den damit verbundenen organisatorischen Mühen gemeistert, wobei er stets, wie ein guter Arzt, ein offenes Ohr und Herz für die Nöte aller hatte.

Dabei wurde er von seiner Frau Hilla und der älteren Tochter Katharina unterstützt, die jeweils am Freitagabend die Ärzte empfingen, mit Namensschildern etc. „verarzteten“ und ein Begrüßungsgeschenk überreichten.

Und schienen die Probleme doch einmal über den Kopf zu wachsen, so half ihm seine in Jahrzehnten erworbene Widerstandskraft als leidgeprüfter Anhänger des 1. FC Köln. 

Unterstützt wurde Josef Maus hierbei aber auch immer - sprich von der ersten Stunde an - von Jürgen Dammann als bewährtem Turnierleiter und Schiedsrichter sowie Alexander Krauth und Reinhold Faißt, alle ebenso, zumindest ursprünglich, vom Badischen Schachverband wie Irene Steimbach, die in den letzten Jahren hilfreich dazukam.

Ohne die logistische Unterstützung des Badischen Schachverbands wäre die Fortführung des Turniers unter der Federführung durch Prof. Krauseneck kaum möglich gewesen, nachdem die vorherige Zusammenarbeit mit dem Deutschen Schachbund unter dessen neuer Führung wenig erfreulich war – um das Mindeste zu sagen.    

Zum guten Schluss mögen noch ein paar Glanzleistungen schachspielender Ärzte davon zeugen, dass auch nach Dr. med. Siegbert Tarrasch, dem „Praezeptor Germaniae“ und vor gut hundert Jahren neben Emanuel Lasker stärkstem Schachspieler der Welt, auch heutige Ärzte ihr (Schach-) Metier verstehen.

Beim Open in Bad Wörishofen 1985 hatte der Internist und Gastroenterologe Dr. Hans-Jörg Cordes, der Dritte der diesjährigen Meisterschaft, als Weißer gegen den englischen Großmeister und „Russentöter“ Tony Miles, der damals zu den stärksten Spielern der Welt zählte und Tal, Smyslow, Spassky und Karpow geschlagen hatte (Letzteren demütigte er als Schwarzer gar mit der unerhörten Frechheit 1.e4 a6! 2.d4 b5!) diese Diagrammstellung.

Sowohl sein Läufer g5 als auch sein Springer f5 sind angegriffen, und es bedarf eines grandiosen Coups des damals noch Medicus in spe, um den Wirrwarr siegreich aufzulösen. Wie kam’s?

Lösung:

Mit 1.De5+! bot Cordes den schwarzen Bauern auch noch seine Dame zum Schlagen an, auf 1...fxe5 wäre indes 2.Sd6 matt gefolgt. Also blieb nur 1...Kf7, nach 2.Sd6+ Kg7 3.Sxb7 hatte Weiß aber eine Figur erobert und einen guten Schritt vorwärts auf dem Weg zum Endsieg gemacht (wenn der Rest auch immer noch nicht einfach war).

30 Jahre später. Beim allseits gerühmten Open in Gibraltar 2015, bei dem vor allem auch die stärksten Frauen der Welt gerne teilnehmen, hatte Cordes als Schwarzer zwar eine Figur der Chinesin Hou Yifan, neben Judit Polgar unzweifelhaft die stärkste Frau der Welt, erobert, andererseits sind deren Freibauern in dieser völlig unklaren Stellung brandgefährlich.

In Zeitnot zog Cordes 38...Kg5?, um seinen König nach einem allfälligen Damentausch gleich ins Spiel zu bringen. Doch wie konnte die sympathische Chinesin jetzt sofort gewinnen?

Lösung:

Nach 39.h4+! gab Schwarz schon auf, weil er mindestens seine Dame verlöre.

Auf 39...Kf5 gewinnt 40.Tf1 ebenso wie das noch bessere 40.Dd3+! Ke6 (40...Le4 41.Dd7+) 41.Dd6+ Kf7 42.e6+! nebst 43.Dxf4.

Einen noch berühmteren Skalp hat Dr. Hofstetter, der Vierte der Ärztemeisterschaft, am Gürtel hängen.

Bei einem Uhren-Simultanspiel 2008 des Internet Chess Club mit 90 Minuten plus 5 Sekunden Zugabe pro Zug hatte der jetzige Weltmeister Magnus Carlsen, der damals bereits die Weltrangliste anführte, bei 20 Gegnern ein Ergebnis von 19:1 erzielt.

Seine einzige Niederlage erlitt er gegen Dr. Hofstetter, der als Augenarzt in dieser verwickelten Stellung nicht etwa an der von Tarrasch beschriebenen Amaurosis acutissima (akute Schachblindheit) litt, sondern schlichtweg klarer als der jetzige Weltmeister sah.

Wie konnte er als Schwarzer am Zug zwangsläufig in ein gewonnenes Endspiel abwickeln?

Lösung:

Nach 1...Te3xf3! 2.Sxf3 (2...gxf3 Dxd2) Txf3! 3.Le2 (3.gxf3 Lxf3+) Dxf1+ 4.Txf1 Txf1+ 5.Lxf1 c5 stand Carlsen mit einem Bauern weniger auf verlorenem Posten und musste sich schließlich geschlagen bekennen.

Doch gegen den Zweiten dieser Ärztemeisterschaft, Dr. Konstantin Berger, musste Hofstetter in der vorletzten Runde eine schmerzliche Niederlage einstecken. Allenfalls blieb ihm das Eingeständnis von Efim Bogoljubow (als dieser bei der Deutschen Meisterschaft 1949 gegen Lothar Schmid in einem „Springerwettfressen“ verloren hatte): „Die jungen Leute spielen viel zu stark!“              

Berger – Hofstetter

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Sf6 4.d4 exd4 5.0-0 Lc5 6.e5 d5 7.exf6 dxc4 8.fxg7 Tg8 9.Lg5 Dd5?

„Das Motiv Sc3 war natürlich bekannt, aber ...“ (Hofstetter)

10.Sc3! Df5 11.Te1+ Le6 12.Se4 Le7 13.Lxe7 Kxe7 14.Sxd4 Sxd4 15.Dxd4 b6 16.Sg3 Df6 17.Dxc4 Kd7 18.Tad1+ Kc8 19.Dc6 Kb8 20.Td7! Df4 21.Te7

„Aus die Maus“ (Hofstetter).

Zum guten Schluss sei auch noch des Bamberger Neurologieprofessors Dr. Peter Krauseneck gedacht, der mit großer Tatkraft die Führung des Ärzteschachs im neugegründeten Verein Medchess e.V. von Josef Maus übernahm und – ähnlich wie Dr. Hofstetter – einem ganz Großen die einzige Niederlage bei einer Simultanvorstellung beibringen konnte.

Anlässlich der „NeuroWoche“ 2010 am Klinikum Bamberg spielte der dreimalige Vize-Weltmeister Viktor Kortschnoi dort an 30 Brettern simultan und musste sich bei starker Gegnerschaft nur dessen vormaligem Direktor der Neurologie, Prof. Krauseneck, geschlagen geben. Offenbar mit einem beneidenswerten Arsenal an Angst abwehrenden Neuronen ausgestattet, ließ dieser seinen von Kortschnois Streitmacht wild attackierten König mutig ins freie Feld wandern und dort alle Gefahren und Stürme heil überstehen. Wie im Märchen, wo einer auszog, das Fürchten zu lernen.

Einmal mehr ist eine – trotz schwieriger Zeiten – harmonische Deutsche Ärzteschachmeisterschaft zu wohl fast aller Zufriedenheit zu Ende gegangen.

Helmut Pfleger

 


Großmeister Helmut Pfleger war in seiner aktiven Zeit einer der besten Spieler Deutschlands und spielte viele Male in der Deutschen Nationalmannschaft. Er studierte Medizin und wurde Arzt. Daneben machte er sich zusätzlich als Autor, geistreicher Schachkolumnist und TV-Moderator einen Namen.
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