Kasparov: "Karjakin als Weltmeister wäre ein Missverständnis gewesen"

von Vera Jürgens
07.12.2016 – Natürlich wurde auch in der russischen (Schach-)Presse der WM-Kampf und sein unerwartet knappes Ergebnis ausführlich gewürdigt. Magnus Carlsens Sieg wird allgemein als gerechtfertigt bezeichnet. Kasparov ist sehr harsch in seinem Urteil: "Karjakin als Weltmeister wäre ein Missverständnis gewesen" . Zur russischen Presseschau...

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Der WM-Kampf in der russischen Schachpresse

Sergey Karjakin mit seinem Sekundanten Vladimir Potkin in den Straßen von New York - Fotos: Max Avdeev

Von Vera Jürgens

Magnus Carlsens Sieg gegen den Herausforderer Sergej Karjakin ist von den russischen Medien insgesamt als verdient gewürdigt worden. "Karjakin hat in diesem Zweikampf wahre Wunder vollbracht, ganz im Sinne des großen Zauberers Houdini", schreibt "Championat". Dennoch wird Karjakins passive Spielweise bemängelt. Das Ergebnis sei insofern gerecht, als dass es unmöglich sei, "eine Partie zu gewinnen, wenn man gar nicht auf Gewinn spielt."


"Glückwünsche an Magnus! Das Fehlen seiner obligatorischen Vorbereitung hat zwar die Schachgöttin Caissa verärgert, allerdings nicht zu stark, um Karjakin in die Arme zu fallen", schrieb Kasparow via Twitter.

In einem Interview mit Radio Svoboda sprach der 13. Schachweltmeister über den Sieg von Magnus Carlsen. Für ihn war Karjakins Spiel unscheinbar. Er sei ein starker Großmeister, mehr nicht - ganz im Gegensatz zu Magnus Carlsen, der nach Kasparovs Expertise Champion-Qualitäten besitzt. Im Grunde war Magnus Carlsen seinem Herausforderer Karjakin in allen Partie-Stadien überlegen, so Kasparov.

In gewohnt unverblümter Weise sagte er: "Karjakin als Weltmeister wäre ein Missverständnis gewesen. Immerhin sind alle 16 Schachweltmeister, angefangen mit Steinitz, bemerkenswerte Spieler, auf die unsere Schachwelt stolz ist. Es wäre schon sehr merkwürdig gewesen, wenn ein Spieler wie Karjakin einen Gegner der Klasse Carlsens überspielt hätte. Für eine derartige Sensation müssen sich die Sterne am Himmel in einer arg ungewöhnlichen Konstellation befinden."

Mit anderen Beobachtern teilt Kasparov die Einschätzung, Carlsen habe unter seinem Niveau gespielt. Einen andernorts vielfach beschworenen politischen Faktor in diesem Wettkampf sah Kasparov hingegen nicht: "Karjakin hat oft seine Loyalität zum Regime Putins offenbart. Manchmal hat er dies in einer sehr aggressiven Art und Weise getan. Magnus hat dies wenig interessiert. Es gab keinerlei politischen Hintergrund, ähnlich wie dem im Wettkampf Fischer-Spassky 1972, Karpov-Kortschnoi 1978 oder in den Wettkämpfen, die Karpov und ich geführt haben."

Der Weltmeister im Dark Room, wie die Kabine von Beobachtern genannt wurde

"Seine Hauptkämpfe wird Carlsen gegen Spieler austragen, die jünger sind als er"

Kasparov auf die Frage, ob er weiteres Entwicklungspotential bei Carlsen sieht:
"Vor sieben Jahren habe ich mit Magnus gearbeitet und seitdem hat er sich stark verändert. Schon damals wusste ich, dass er ein hervorragendes Potential besitzt und nun hat er angefangen, dieses umzusetzen. Magnus ist 26 Jahre alt, er hat also noch Zeit, sich weiterzuentwickeln - vor allem, was seine mentale Stärke anbelangt. Er sollte sich ständig neue Ziele setzen, da Schachspieler den Höhepunkt ihrer Karriere mit etwa 30 Jahren erreichen, wenn nicht sogar noch früher. Es ist schwer zu sagen, ob Magnus sich weiter verbessern wird. Wenn er alles gibt, was er gegen Karjakin nicht getan hat, ist seine Spielstärke phänomenal. Ob seine Herausforderer ihn im Jahr 2018 oder 2020 besiegen können, ist schwer zu sagen. Die Hauptkämpfe wird Magnus gegen Schachspieler austragen, die jünger sind als er selbst. Dennoch hat er in den nächsten zwei, vielleicht auch vier Jahren die besseren Chancen.

Sergej Karjakin wird in Russland nicht fallengelassen

Zahlreiche Fernseh-Sender warteten am Flughafen Scheremetjewo in Moskau auf die Landung des New Yorker Fluges. Der Präsident des Russischen Schachbundes, Andrej Filatov, gab Journalisten ein erstes Statement:
"Für den Sieg hat nur ganz wenig gefehlt. Trotzdem ist Sergej ein Held. Ach, hätte er den Zug mit dem Springer gemacht, so hätten Sie uns jetzt mit der Krone gefeiert. Das macht aber nichts, wir müssen nach vorne schauen. In zwei Jahren werden wir versuchen, Carlsen zu entthronen. Wir haben noch Kramnik, Grischuk … und natürlich Karjakin. Sergej hat die Herzen der Amerikaner erobert und für einen Nervenzusammenbruch beim Weltmeister gesorgt – und das ist viel wert. Carlsen zeigte Schwächen. In der entscheidenden Partie haben seine Hände gezittert, als er die Figuren aufstellte. Das war nach seinem Sieg, da hat er sich bemüht, sehr gelassen zu wirken. Wir haben es nicht geschafft, uns auf das Schnellschach einzustellen, doch der Norweger hat seine Strategie geschickt aufgebaut. Trotzdem: Es gibt nichts, wofür wir uns schämen müssten. Das Finale haben sechs Millionen Menschen aus 206 Ländern online verfolgt und das ist ein Rekord!"

Kurz vor seinem 26. Geburtstag während der kurzen 12. Partie

Der Norweger ohne Namen

Auch Sergey Karjakin ging auf die Fragen der Journalisten ein:
Was werden Sie nun als Erstes tun?
Ich habe große Sehnsucht nach meinem Sohn Aleks. Ich habe ihn seit mehr als 40 Tagen nicht mehr gesehen. Und gerade in dieser Zeit hat er seine ersten Schritte geschafft. Das ist für mich ein rührender Augenblick. Sobald ich zu Hause bin, werde ich mich also auf ihn stürzen. Danach werde ich mir einfach nur eine Auszeit nehmen und entspannen.

Woran haben Sie während des Fluges nach Russland gedacht?
Ich dachte daran, dass mich hier sehr viele unterstützt haben. Ich bin meinen Trainern dankbar, meinem Arzt, meinen Fans, den Sponsoren, dem Schachbund. Und ich danke der Regierung, selbst unser Präsident hat für mich gefiebert. Deshalb bin ich sehr glücklich nach Hause zu kommen, dort, wo ich geliebt und erwartet werde.

Sie haben erzählt, wie Sie in New York unterstützt wurden, selbst die Taxifahrer wollten kein Geld von Ihnen. Haben Sie wirklich gespürt, wie die Amerikaner für Sie fiebern?
Ja! Vor allem in den letzten Tagen, als die Spannung schrecklich wurde und der Tiebreak alles entscheiden musste. Für mich hat eine ganze Armee mitgefiebert. Carlsen besiegen konnte ich zwar nicht, aber ich habe gute Ergebnisse gezeigt. Ich war ihm ein würdiger Gegner und ich schäme mich nicht heimzukehren.

Denken Sie jetzt schon an Ihren nächsten Marsch zur Krone in zwei Jahren?
Natürlich. Ich werde kurz entspannen, bevor ich mich an die Vorbereitung mache. Mein Ziel ist, das Kandidaten-Turnier erneut zu gewinnen. Dass ich Magnus ebenbürtig bin, habe ich ja schon bewiesen.

Wie haben Sie sich von dem Norweger verabschiedet? Freundschaftlich? Oder stand Ihnen die Verbitterung durch die Niederlage im Wege?
Wir haben ein vollkommen normales Verhältnis zueinander. Unsere Wut lassen wir am Schachbrett zurück. Ich habe ihm zum Geburtstag gratuliert, den er am Tag seines Tiebreak-Sieges gefeiert hat. Doch ist unser Zweikampf noch nicht zu Ende. Ich hoffe, ich werde das letzte Wort haben.

In der zehnten Partie hatten Sie die Möglichkeit zum Remis, doch den offensichtlichen Zug mit dem Springer haben Sie nicht gemacht und die Partie verloren. Haben Sie diesen Zug gesehen?
Ich habe ihn gesehen, aber ich fiel in eine psychologische Falle. Carlsen musste unbedingt auf Gewinn spielen und ich war mir sicher, dass er keine derart primitiven Fehler machen würde. Deshalb habe ich diesen Zug außer Acht gelassen. Möglicherweise habe ich zu viel Respekt vor dem Norweger gehabt. Wahrscheinlich hätte ich ein wenig frecher auftreten sollen.

Alle haben Ihre Verteidigungskünste bewundert. Dabei ist Ihre Liebe zum Fußball bekannt. Wären Sie bereit, die Verteidiger Ihrer Lieblingsmannschaft Spartak zu beraten?
(Lächelt) Ja, vor allem, nachdem Spartak in Samare nicht gezeigt hat, was das Team drauf hat, um es gelinde auszudrücken. Am Montag plane ich das Spiel der Rot-Weißen zu besuchen und der Mannschaft Glück zu bringen.

Leiden Sie sehr darunter, dass Sie verloren haben?
Wissen Sie, unser Wettkampf wird auf jeden Fall in den Büchern verewigt, er wird analysiert. Ich schäme mich nicht. Ich glaube, ich habe mir ein paar Wochen Pause verdient. Danach erwarten mich die Weltmeisterschaften im Schnellschach und im Blitz, das wird kein Kinderspiel. Man muss immer in Form bleiben, sonst werden die Erfolge ausbleiben.

Ihre Elozahl hat sich nun deutlich verbessert.
Ja, aktuell bin ich Nummer 6 der Welt. Davor war ich auf Platz 9. Dauerhaft hier bleiben möchte ich aber auch nicht.

Letzer Blick vor dem Kampf: Die Karjakins im letzten Moment vor der 11. Partie

Letzer Blick vor dem Kampf: Die Karjakins im letzten Moment vor der 11. Partie

Quellen:

 

Wussten Sie...

... dass Sie im ChessBase-Angebot auch eine DVD über Sergey Karjakin als junges Talent in englischer Sprache finden können? Lorin D'Costa hat den Weg des Kindes in anschaulichen Beispielen nachvollziehbar gemacht und erklärt anhand didaktisch wertvoller Beispiele die Stärken des jungen Karjakin, der mit 12 Großmeister wurde und von Ruslan Ponomariov als WM-Sekundant engagiert worden war. 

 


Themen Presseschau

Vera Jürgens ist eine deutsch-bulgarische Schachgroßmeisterin, Buchautorin, Übersetzerin und Psychologin. Sie ist zweifache deutsche Meisterin im Schnell- und Blitzschach. Als bulgarische und später deutsche Nationalspielerin nahm sie an vielen Europa- und Weltmeisterschaften sowie an drei Schacholympiaden teil.
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Silvio Z Silvio Z 09.12.2016 10:54
"Für eine derartige Sensation müssen sich die Sterne am Himmel in einer arg ungewöhnlichen Konstellation befinden." (Kasparov)

Dies war nicht der Fall. Vielleicht ja beim nächsten Match in zwei Jahren, wenn es wieder zu der Auflage Carlsen - Karjakin kommen sollte.

Der bessere Schachspieler soll gewinnen. Karjakin kann dann beweisen, daß er das ist. Wenngleich er ein großartiges Match gespielt hat, ist er in diesem Jahr den Beweis schuldig geblieben. Sämtlich alle gespielten 12 Partien mit klassischer Bedenkzeit belegen das.

Ich kann kann also keinen Verstoß gg. das Fair Play erkennen, wenn Kasparov das Fazit zieht: "Karjakin als Weltmeister wäre ein Missverständnis gewesen. Immerhin sind alle 16 Schachweltmeister, angefangen mit Steinitz, bemerkenswerte Spieler, auf die unsere Schachwelt stolz ist. Es wäre schon sehr merkwürdig gewesen, wenn ein Spieler wie Karjakin einen Gegner der Klasse Carlsens überspielt hätte. Für eine derartige Sensation müssen sich die Sterne am Himmel in einer arg ungewöhnlichen Konstellation befinden."



ICCF Grandmaster ICCF Grandmaster 09.12.2016 09:32
Die Wortwahl macht den Unterschied. Mehr ist dazu nicht zu sagen. Kasparows Wortwahl ist es ja, die ein "hätte" impliziert, und die besagt, es wäre nicht richtig gewesen, wenn Karjakin gewonnen hätte. Logisch weitergesponnen: "Ich gratuliere Dir Sergej, dass Du Weltmeister geworden bist, aber eigentlich ist es ein Missverständnis."
Silvio Z Silvio Z 08.12.2016 10:16
@ICCF Grandmaster

Hätte, hätte, Fahrradkette... Karjakin hat den Titel nun mal nicht gewonnen. Und Kasparov hat gesagt warum. Was ist daran besserwisserisch?

Kasparov kennt die Schachwelt und die Schachgeschichte wie kaum ein anderer. Er weiß also sehr gut, was er sagt, wenn er Persönlichkeiten einschätzt und einordnet. Als 13. Weltmeister hat er nicht nur das Recht, sondern auch die Weisheit, die Dinge aus ganz anderer Perspektive zu schauen.

Und wer, wenn nicht Kasparov, hat den Instinkt, in Carlsen das Besondere und den genialen Funken zu erkennen, aber in Karjakin eben "nur" den exzellenten, starken Großmeister. Und über die Qualität des Matches und der beteiligten Spieler, hat er ein profundes Urteil abgegeben.
Klaus Wockenfuß Klaus Wockenfuß 08.12.2016 09:14
Arno ! Schach ist doch Fair Play pur,nicht vergleichbar z.B. mit
Fussball und schon gar nicht mit der Perversität im deutschen
Berufsleben --
ICCF Grandmaster ICCF Grandmaster 08.12.2016 02:15
Hätte Kasparow das auch gesagt, wenn Karjakin tatsächlich den Titel gewonnen hätte? - Etwas mehr Respekt täte dem Altmeister gut, trotz oder gerade wegen seiner phänomenalen Leistungen am Brett.
Wie besserwisserisch Schachspieler über andere Schachspieler oft urteilen, da kann man sich nur wundern. Schach scheint mir manchmal der Sport zu sein, in dem die Leute am wenigsten das Fair Play beherrschen.
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