Die Anatomie des Erfolgs (I)

von Gennadi Sosonko
04.05.2017 – Früher war die Partieabsprache mit "komponierten" Partien eine bisweilen vorkommende Form des Betrugs im Schach. Dann wurden die Computerprogramme so stark, dass sie als unerlaubte Souffleure an Turnierpartien teilnehmen konnten. Aber wie sieht es mit richtigem Doping im Schach aus? Hat Kortschnoj was genommen oder warum war er nach fünf Stunden "so frisch wie eine Gurke"?

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Victor Kortchnoi, two-times contender for the world championship, is a piece of living chess

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"Frisch wie eine Gurke"

Neulich geriet ich an eine Rede, die der englische Staatsmann aus dem letzten Jahrhundert, Jones Seyman, 1932 in Cambridge gehalten hat. Der damalige Außenminister legte allen Politikern das Schachspiel ans Herz: "So viel ich weiß, ist Schach das einzige Spiel auf der Welt, bei dem das Betrügen unmöglich ist", sagte Seyman.

Ich bin mir nicht sicher, ob der englische Politiker zu Beginn des XXI. Jahrhunderts dieses Statement gewagt hätte.

Man kann nicht behaupten, dass die Betrugsfälle im Schach ein Phänomen der heutigen Zeit sind. Es stimmt: Machenschaften wie das Weitergeben von Tipps auf dem Weg zur Toilette sowie andere Täuschungen aus der "großen Trickkiste" erscheinen uns heute als kindisch. Auch folgende Erzählung von Paul Benkö kann uns heute nur ein mildes Lächeln entlocken.

"Einmal musste ich bei einem Turnier den Preis für die schönste Partie verleihen", erinnert sich der amerikanische Großmeister. "Aus meiner Sicht haben zwei Partien diese Auszeichnung verdient. Ich habe mich für die eine entschieden. Als ich bei der Siegerehrung meine Entscheidung verkündete, begannen alle Anwesenden zu lachen und zu pfeifen. Ich wurde aufgeklärt, dass die Siegerpartie noch vor dem Spiel komponiert wurde. Als ich dann sagte, dass ich, hätte ich dies gewusst, die andere Partie prämiert hätte, wurde ich beruhigt: Keine Sorge. Auch sie war im Vorfeld arrangiert."

In letzter Zeit ist das Thema "Betrug im Sport" sehr aktuell. Wir haben uns an Disqualifikationsfälle in der Leicht- und Schwerathletik, im Schwimmen, Radfahren, Schlittschuhlaufen, Skifahren usw. gewöhnt. Doch Doping ist nicht gleich Doping. Der Leichtathlet Andrej Dmitriev wurde gefragt: "Wo bleibt die verbesserte Leistung, wenn sich die Leichtathleten massenhaft dopen, wie sie behaupten?" Seine Antwort: "Zwischen ‚Doping erhalten‘ und ‚eine Weltbestleistung erbringen‘ gibt es keine direkte Verbindung. Doping hat nicht diese enorme Wirkung, die man annimmt und die sich Diejenigen erhoffen, die es einnehmen."

Unser Senf dazu: Während das Doping in anderen Sportarten zur besseren Leistung führen kann, hilft es dem Schachspieler, von der eisernen Hand einer Maschine geführt zu werden, um jeden Gegner zu besiegen. Wir werden nicht alle Fälle von elektronischem Betrug auflisten können. Es sind schon zu viele. Die Veteranen unter uns erinnern sich an den unbekannten Schachspieler mit dem Verband am Kopf, der bei einem amerikanischen Open antrat und nach einem einfachen Abtausch auf dem Brett elendig lang über das Zurückschlagen der feindlichen Dame grübelte. Ein anderer Fall: Der Sieg eines Schachamateurs, der die Aufgabe seines Gegners – ein starker Großmeister – unvorsichtig lobte: "Sie haben Recht, hier folgt ein Matt in neun Zügen." Die Rede ist hier von Betrug auf relativ niedriger Ebene.

Neben diesen Fällen sind heute auch Betrügereien von Großmeistern (wenn auch nicht der Topklasse) nachgewiesen worden. Die Schachwelt ist voller Skandale, Turnier-Rausschmisse, Vorwürfe, Verdächtigungen und Gerüchte. Wenn heutzutage über Betrug im Schach gesprochen wird, geht man automatisch von Computerhilfe aus.

Ich möchte auf eine andere Frage eingehen: Kann ein Schachspieler, wie in anderen Sportarten, seine Spielstärke mit Hilfe von Arzneien oder Spritzen drastisch verbessern? Wenn ja: Welche Mittel, die auf irgendeine Art und Weise die Gehirnaktivität beeinflussen, können hier wirklich helfen? Welche sind wirkungslos? Was kann schädlich sein? Und nicht zuletzt: Welche Mittel sind verboten bzw. erlaubt? Wir haben schon die Experimente erwähnt, die beim Kandidatenturnier 1948 von Max Euwe durchgeführt wurden. 

Tigran Petrosjan gestand einmal, dass er 1951 vor einer Turnierpartie irgendwelche Medikamente eingenommen hatte. Sein Kopf arbeitete ausgezeichnet, der Gegner wurde besiegt. Am nächsten Tag aber, unter der Wirkung der gleichen Mittel, war er wie benebelt und konnte nichts sehen. Nachfolgend einige Beispiele aus der vegetarischen Pre-Computer- Zeit, als "Doping" zwar ein Begriff war, doch selbst für die "physischen" Sportarten ein sehr vager, für das Schach ganz zu schweigen.

Tigran Petrosian

Noch bevor  die sowjetischen Schachspieler im Jahr 1972 die Schachkrone verloren hatten, schwebte diese Gefahr in der Luft: Die Erfolge des amerikanischen Genies waren viel zu überzeugend, um sie zu ignorieren. Die Sportfunktionäre in der Sowjet Union gingen davon aus, dass Fischer irgendwelche Medikamente einnahm: Wie sonst könnte man derartig beeindruckende Ergebnisse zeigen?  Doch welche? Die Dopingindustrie steckte damals noch in den Kinderschuhen. Ein Beispiel: Um Aufregung und Stress zu reduzieren, haben die Ärzte damals allen sowjetischen Sportlern nur ein Mittel verschrieben: Elenium. 

In den frühen 70ern wurden Fachleute damit beauftragt, an der Verbesserung der Gehirnfunktionen zu arbeiten. Unter ihnen war auch der Wissenschaftler und Arzt Karol, Befürworter einer expliziten Ernährung, der auch für bestimmte japanische oder thailändische Präparate warb. Der Arzt half Alla Kushnir, der damaligen Anwärterin auf den Weltmeistertitel der Frauen. Gerüchten zufolge nahm auch Mark Taimanov vor dem Kampf gegen Fischer Karols Dienste in Anspruch, allerdings ohne großen Erfolg, wie wir uns erinnern. Der Arzt drängte auch Tal vor dem Interzonenturnier in Leningrad (1973) zur Einnahme seiner Stimulantien. Anfangs leistete Tal Widerstand, später gab er dem ärztlichen Druck nach und ließ sich überreden. Er nahm das Ganze nicht wirklich ernst.

Michail Tal

"Wenn ich ohne Pillen einhundert Partien ohne Niederlage schaffe", sagte er, "so werde ich mit Tabletten selbst vor dem Teufel keine Angst haben …"

Tal hatte damals seinen zweiten Karriere-Höhepunkt: Bis zu diesem Interzonenturnier schaffte er die längste verlustfreie Serie auf sehr hohem Turnierniveau. In Leningrad gehörte er zu den Hauptfavoriten. Unklar bleibt, ob die Pillen daran schuld waren oder Tal einfach nicht in Form war. Nachdem er mit einem Unentschieden startete, verlor er drei Partien in Folge und landete am Tabellenende. (Als seine Serie brach, meinte Tal: "Hervorragend, jetzt kann ich eine neue starten …") Obwohl er nach seiner Niederlage in der vierten Runde das Experiment beendete, bestand zu keinem Zeitpunkt die Chance, sich für das Kandidatenturnier zu qualifizieren. Tal schloss das Turnier mit fünfzig Prozent ab – eine der schwächsten Leistungen seiner Karriere.

All diese Versuche waren mehr oder weniger amateurhaft. Eine professionellere Vorgehensweise legte der Großmeister und therapierende Arzt Dr. Helmut Pfleger an den Tag. 1979 bei einem Turnier in München nahm Pfleger vor seiner Partie gegen Spasski Beta-Blocker ein, um sich aufzulockern und von der inneren Aufregung zu befreien. "Da der Spieler im Vorfeld nicht weiß, wann genau diese Auflockerung eintritt", erzählte der Großmeister nach der Partie, " … ist es nicht einfach, die genaue Dosierung, die zur Erhöhung der Arbeitseffizienz führt, zu berechnen. Jedenfalls habe ich in dieser Partie wie ein kleines Kind gespielt", fügte er noch hinzu. Der Zweikampf dauerte nur zwanzig Züge.

 


"Während der regulären Turnierpartien bin ich zu Experimenten bereit, wenn sich diese in Grenzen halten. Ich habe mich mit Fachleuten auf diesem Gebiet beraten", erinnert sich der holländische Großmeister Hans Ree. "Niemand konnte mir helfen. Die Stimulantien sorgten für eine übermäßige Aufregung, die Beruhigungsmittel machten mich schläfrig. Beides schlecht. Doch das, was es heute noch nicht gibt, könnte morgen schon verfügbar sein."

Für sein Scheitern im Halbfinale der Weltmeisterschaft gegen Kortschnoi (+1-5=7, Evian 1978) konnte Lev Polugajevsky keine andere Erklärung finden, als die Verwendung von Stimulantien seitens des Gegners.

Lev Polugajevsky

"Es ist erstaunlich. In diesem Alter kann man so etwas nicht bringen. Wahrscheinlich nimmt er Doping- oder irgendwelche Kräftigungsmittel, immerhin gibt es im Schach keine Doping-Kontrollen. Zu Beginn der Partie sieht er immer verschlafen aus, danach kommt er allmählich zu sich, um nach fünf Stunden so frisch wie eine Gurke auszusehen, während sein Gegner am Ende ist." 

My Life for Chess Vol. 2

Volume 2 features about four hours of Kortchnoi live, explaing his career and best games.

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Zweiter Teil folgt...

Der Artikel erschien in russischer Sprache bei Chess-news.ru. Nachdruck in deutscher Übersetzung mit freundlicher Genehmigung.

Quelle: http://chess-news.ru/node/23031?_utl_t=fb



Gennadi Sosonko ist ein niederländischer Großmeister russsicher Herkunft. Er spielte zwischen 1974 und 1996 an elf Schacholympiaden für die Niederlande. Später hat er mehrer Schachbücher mit biographischen Aufsätzen veröffentlicht.
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