Die Prinzen von Samarkand

von Axel Eger
05.10.2026 – Der Erfolg der Deutschen Nationalmannschaft hat auch etwas mit Thüringen zu tun. Der Grundstein wurde schon vor fast 20 Jahren gelegt als Bundesnachwuchstrainer Bernd Vökler bei der Schacholympiade in Dresden als zweite deutsche Mannschaft ein Nachwuchstram ins Rennen schickt. Die "Prinzengruppe" wurde gegründet. Axel Eger berichtete für die Thüringer Allgemeine. | Titelfoto: Deutscher Schachbund

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Der folgende Beitrag erschien in der "Thüringer Allgemeinen" vom 1. Oktober 2026. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung.

Die Prinzen von Samarkand

Hinter Deutschlands Bronzemedaille bei der Schacholympiade steckt auch eine Thüringer Geschichte. Sie erzählt von Nachwuchsarbeit, die vor zwei Jahrzehnten beginnt – und eng mit dem Apoldaer Bundestrainer Bernd Vökler verbunden ist.

Als Rasmus Svane einige Wochen vor der Schacholympiade beim Abendessen in Bad Blankenburg sitzt, ist die Medaille von Samarkand noch ein ferner Traum. Die Nationalspieler bereiten sich in der Landessportschule auf den Saisonhöhepunkt vor – unterstützt von Großmeister Peter Swidler, einst Sekundant von Ex-Weltmeister Wladimir Kramnik und bei der Olympiade Kommentator des offiziellen YouTube-Kanals. Nach einem langen Trainingstag scherzt Svane: Sollte es in Usbekistan mit einer Medaille klappen, liege das bestimmt an der vorzüglichen Himbeerschorle von Bad Blankenburg.

Es klappt. Deutschland gewinnt Bronze – das erste Edelmetall einer deutschen Männermannschaft bei einer Schacholympiade seit 26 Jahren. Aus dem Scherz mit der Schorle wird ein Symbol. Denn viele Spuren dieses Erfolgs führen tatsächlich nach Thüringen.

Vor allem führen sie zu Bernd Vökler. Der Apoldaer ist seit 2003 Bundesnachwuchstrainer und seitdem einer der wichtigsten Ideengeber im deutschen Verband. Wer verstehen will, warum die heutige Generation so erfolgreich ist, muss zwei Jahrzehnte zurückblicken.

2008 findet die Schacholympiade in Dresden statt. Deutschland darf als Gastgeber mit drei Mannschaften antreten – und Vökler nutzt die Gelegenheit für ein Experiment. Statt eine weitere Auswahl mit erfahrenen Meistern zu besetzen, schickt er eine Jugendmannschaft ins Rennen. Die jungen Spieler halten gegen die internationale Konkurrenz erstaunlich gut mit.

Ein Jahr später geht Vökler noch weiter. Intensive Förderung beginnt in Deutschland damals meist erst mit 14 oder 15 Jahren. Er will früher anfangen und holt Neun- und Zehnjährige in eine auf fünf Jahre angelegte exklusive Förderung. Die Gruppe der Schachprinzen ist geboren.

Matthias Blübaum, Alexander Donchenko und Rasmus Svane gehören dazu. 17 Jahre später stehen die drei in Samarkand im deutschen Bronze-Team – gemeinsam mit den sechs Jahre jüngeren Vincent Keymer und Frederik Svane. Aus den Schachprinzen von einst sind Medaillengewinner geworden.

Doch frühe Förderung allein reicht Vökler nicht. Mit dem „Schachjahr“ eröffnet er jungen Spitzenspielern die Möglichkeit, zwischen Schule und Studium ein Jahr lang Schach wie ein Profi zu betreiben. Blübaum gehört zu den Ersten, die es probieren.

Während die Nationalspieler in Usbekistan um Bronze kämpfen, trainiert Vökler in Bad Blankenburg schon wieder mit dem nächsten Nachwuchskader. Als die Medaille feststeht, schickt er ein Gruppenfoto der Jugendlichen nach Samarkand. Die Jungprinzen grüßen die Kronprinzen.

Auch historisch führt eine Spur nach Thüringen. Als Deutschland 2000 in Istanbul mit Silber seine bislang letzte Medaille gewinnt, sitzt Großmeister Thomas Luther mit am Brett. 26 Jahre später ist er wieder dabei. Als Chef der zuständigen Fide-Kommission leitet der gebürtige Erfurter in Samarkand die Para-Schacholympiade, die erstmals parallel zur großen Olympiade stattfindet. Zugleich erlebt er, wie eine neue deutsche Generation aufs Podest steigt – mit Spielern, von denen einige bei seinem Silbercoup noch nicht einmal geboren waren.

Der jüngste Erfolg dürfte weit über das Sportliche hinauswirken. Die Olympiade zählt als sogenannter Zielwettkampf für die Bundesförderung. Der Sprung unter die besten drei der Welt könnte das Ranking des Schachs verbessern und zusätzliche Mittel von rund 120.000 Euro jährlich bringen.

Und die nächsten Talente sitzen längst am Brett. Zu den größten zählt der 14-jährige Christian Glöckler. Entdeckt und an die Spitze geführt hat ihn der Erfurter Großmeister Thomas Pähtz, der 1988 zur DDR-Olympiamannschaft gehörte. Vökler wiederum treibt die deutsche Bewerbung um die Junioren-Weltmeisterschaft 2028 in Bad Blankenburg voran. Talente wie Glöckler könnten bei einem Zuschlag eine große Bühne vor heimischem Publikum bekommen.

So erzählt die Bronzemedaille nicht nur von fünf Großmeistern und zwei märchenhaften Wochen in Usbekistan. Sie erzählt auch von Entscheidungen, die gefallen sind, als einige dieser Spieler noch Kinder waren. Und von Nachwuchsarbeit, deren Ertrag sich im Schach oft erst einige Züge später zeigt.

Am Erfolg von Samarkand haben viele Anteil. Doch ein wichtiger Teil seiner Geschichte beginnt in Thüringen – mit Bernd Vöklers kühner Idee. Und ein wenig, würde Rasmus Svane einwenden, mit der Himbeerschorle von Bad Blankenburg.


Axel Eger, hauptberuflich Redakteur der Thüringer Allgemeine, erst Sport, dann Politik und Lokales, jetzt wieder Sport. Axel Eger ist Internationaler Fernschachmeister.
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