Dvirnyy ist italienischer Meister

von Gerhard Bertagnolli
14.12.2015 – Auch die italienischen Einzelmeisterschaften wurden erst nach einem mehrstufigen Stichkampf entschieden. Danyyil Dvirnyy, Axel Rombaldoni und Alberto David lagen nach regulärem Verlauf gleichauf. Das folgende Stichkampfturnier brachte keine Entscheidung. Dvirnyy und David spielten dann ein Blitzmatch. Am Ende entschied eine Armageddon-Partie zugunsten von Dvirnyy. Mehr...

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Armageddon-Partie entscheidet 75. Italienische Einzel-Meisterschaft

Ein wahres Hitchcock-Finale erlebten die Zuschauer vor Ort und online der diesjährigen 75. Italienische Einzel-Meisterschaft! Nachdem die vorgesehenen 11 Runden im System „jeder gegen jeden“ keinen eindeutigen Sieger ergaben, wurde die Meisterschaft in Stichkämpfen entschieden und zum Abschluss gab es sogar eine Armageddon-Blitzpartie, welche glücklich den GM Danyyil Dvirnyy zum Sieger kürte. Doch der Reihe nach...

Turnierverlauf 1

Waren die ersten zwei Runden mit 11 Remis aus 12 Partien noch recht friedfertig, so gab es in den folgenden Runden kein Zurückhalten mehr und die Remisquote sank Runde für Runde. Bei einer starken und breit gefächerten Spitze waren Favoritensiege ebenso zu finden wie einige große Überraschungen. In Runde 4 musste erstmals ein Großmeister gegen einen „Nicht-GM“ die Segeln streichen: der U20-Italienmeister FM Pier Luigi Basso gewann mit den schwarzen Steinen gegen niemand geringeren als die Nummer 1 der Setzliste Daniele Vocaturo! In Runde 5 war es der jüngste Spieler im Feld, noch-FM Luca Moroni, welcher ebenfalls mit Schwarz gegen den höher eingeschätzten GM Sabino Brunello den vollen Punkt einfuhr.

Zur Halbzeit nach 6 Runden sah der Tabellenstand wie folgt aus:

Stand nach Runde 6

Erfolgreiche Normenjagd

Mit seinen 4 Punkten nach nur 6 Runden und einem Gegner-Durchschnitt von über 2.500 Punkten hatte der Jungstar Luca Moroni sein erstes Ziel dieses Turniers bereits erreicht: seine dritte IM-Norm war unter Dach und Fach! Eine Runde später war es der zweite FM im Feld, Pier Luigi Basso, welcher den vierten Punkt und damit seine letzte IM-Norm schaffte. Doch damit waren beide noch nicht zufrieden, sie wollten mehr: Moroni gelang es tatsächlich, nach 9 Runden ganze 6 Punkte zu erzielen, womit er sogar seine erste GM-Norm schaffte, während Basso dieses Ziel äußerst knapp verfehlte!

Eine der ersten, die dem neuen IM Luca Moroni zur letzten IM-Norm und zur ersten GM-Norm gratulierte: Bald-WGM Marina Brunello (Foto: FSI)

Der zweite Spieler, welcher während des Turniers seine letzte IM-Norm schaffte: FM Pier Luigi Basso (Foto: Andrea Bracci)

Turnierverlauf 2

In der 7. Runde vergrößerte der Vorjahressieger GM Axel Rombaldoni seinen Vorsprung auf einen ganzen Punkt gegenüber Moroni und Dvirnyy. Auch nach Runde 8 hatte Rombaldoni weiterhin einen ganzen Punkt Vorsprung, jetzt vor einem Feld von vier Spielern (Moroni, Dvirnyy, GM Sabino Brunello und Basso). In Runde 9 holten Moroni und Dvirnyy einen halben Punkt auf und vor der letzten Runde hatten schließlich noch vier Spieler Chancen auf den Titel: Rombaldoni führte mit 7 Punkten und einen halben Punkt vor Moroni, Dvirnyy und David.

Für die 11. und somit letzte Runde gab es folgende Spitzen-Paarungen:

• GM Sabino Brunello gegen GM Axel Rombaldoni

• FM Luca Moroni gegen IM Alessio Valsecchi

• GM Danyyil Dvirnyy gegen GM Alberto David

In letzterem Duell der zwei Großmeister Dvirnyy gegen David wurde schnell (nach dem 9. Zug) die Friedenspfeife geraucht. Damit war klar, dass bereits ein halber Punkt von Rombaldoni oder ein ganzer Punkt von Moroni diese zwei vom Titel abhielt. Während Moroni versuchte, mit aktivem Spiel seinen Gegner zu überspielen, musste Rombaldoni durch das starke Spiel von Brunello recht schnell in Abwehrhaltung gehen. Durch einige Ungenauigkeiten von Moroni konnte dieser die Stellung ebenso wenig halten wie Rombaldoni nach zähem Kampf. Durch diese zwei Niederlagen waren am Ende nach den 11 Runden drei Spieler mit 7 Punkten an der Tabellenspitze zu finden. Interessant dabei ist, dass es sich um exakt die Gewinner der letzten drei nationalen Meisterschaften handelt:

• GM Alberto David (Sieger 2012)

• GM Danyyil Dvirnyy (Sieger 2013, übrigens der einzige Spieler, welcher während des Turniers mit 3 Siegen und 8 Remis ungeschlagen blieb)

• GM Axel Rombaldoni (Sieger 2014)


Tabelle nach der 11. Runde

 

Stichkämpfe 1

Die Turnierausschreibung sah vor, dass bei Punktegleichheit um die ersten drei Plätze (welche neben dem prestigeträchtigen Titel und dem Preisgeld auch die automatische Teilnahmeberechtigung für das nächste Jahr zur nationalen Meisterschaft sowie Einladungen zu Turnieren ins Ausland vorsehen) ein Stichkampf ausgetragen werden musste:

Zur Ermittlung des Siegers gab es in Mailand zunächst ein Rundenturnier der ersten drei mit Hin- und Rückrunde im Schnellschach (12 Minuten + 3 Sekunden pro Zug). Hier kamen die ausgeruhten Dvirnyy und David auf 2,5 Punkten aus 4 Runden, während der durch die fast schon 6 Stunden lang dauernde Partie gegen Brunello ermüdete Rombaldoni auf 1 Punkt kam und somit um den Titel ausschied und Platz drei erreichte.

Stichkämpfe 2 bzw. Armageddon-Entscheidung

Dvirnyy und David spielten zunächst zwei Blitzpartien (3 Minuten + 2 Sekunden pro Zug), wobei dieses Duell nach jeweiligem Weiß-Sieg 1:1 endete. Somit musste eine Armageddon-Blitzpartie (auch „Sudden Death“ genannt) die Entscheidung um den Titel bringen: Dvirnyy hatte Weiß und 6 Minuten auf der Uhr, David hatte Schwarz und 5 Minuten auf der Uhr (ohne Bonus pro ausgeführtem Zug!). Gewinnt Weiß, dann ist er der Sieger des Turniers, schafft Schwarz mindestens ein Remis, dann ist er der Sieger des Turniers.

GM Danyyil Dvirnyy – GM Alberto David wenige Sekunden vor dem Start der alles entscheidenden Armageddon-Partie (Foto: FSI)

Diese dramatische Armageddon-Partie blieb lange ausgeglichen. Als beide Spieler noch weniger als 2 Minuten auf der Uhr hatten, entscheidet Dvirnyy die Position zu forcieren, indem er eine Qualität für einen Bauern hergibt, aber die Stellung ist noch immer ausgeglichen. Mit weniger als 20 Sekunden pro Kopf scheint David die Hand auf den Titel zu legen, aber mit wenigen Sekunden auf der Uhr kann viel passieren und Dvirnyy opfert einen Springer, um zwei verbundene Bauern auf der 7. Reihe gegen einen Turm von Schwarz zu haben. Durch dieses Manöver und durch die wesentlich geringer Zeit auf der Uhr kommt David aus dem Tritt und gibt auf, obwohl die Endposition bei korrektem Spiel Remis ist (ist aber bei 2 Sekunden auf der Uhr nicht zu sehen...).

Ausgeglichene Schluss-Stellung der Armageddon-Partie zwischen GM Danyyil Dvirnyy und GM Alberto David (1-0)

Somit gewinnt GM Danyyil Dvirnyy zum zweiten Mal nach 2013 die nationale Meisterschaft von Italien.

Glücklicher Gewinner der 75. Meisterschaft von Italien: GM Danyyil Dvirnyy (Foto: Andrea Bracci)

Das Podium (von links): Marco Sbarra, Vertreter des Italienischen Schachverbandes FSI – Sieger GM Danyyil Dvirnyy – Platz 2 GM Alberto David – Platz 3 GM Axel Rombaldoni (Foto: FSI)

Gruppenbild der Spieler (einer fehlt...) inkl. Schiedsrichter

 

Die Partien:

 

 

Zum Abschluss noch ein wenig Statistik:

Elo-Durchschnitt aller 12 Teilnehmer: 2490
Siege Weiß: 16 (24%)
Siege Schwarz: 14 (21%)
Remis: 36 (55%)
Erzielte Normen: 2 (IM-Norm für FM Pier Luigi Basso, GM-Norm für FM Luca Moroni)



Offizielle Webseite...

 



Gerhard Bertagnolli, Jahrgang 1976, Internationaler Schiedsrichter aus Südtirol/Italien mit Einsätzen südlich und nördlich der Alpen, steht gerne auch für deutschsprachige Schachfreunde für Fragen zu Turnieren in Italien zur Verfügung.
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