Gegen die Aufmerksamkeitskrise
Von Selim Gurcan
Die Komödie Idiocracy aus dem Jahr 2006 entwirft eine ebenso komische wie erschreckende Zukunftsvision. Nach 500 Jahren Schlaf erwacht ein Durchschnittsbürger in einer Welt, in der die Menschen die Fähigkeit zum kritischen Denken verloren haben. Sie gießen ihre Felder mit Sportgetränken, weil die Werbung behauptet, diese enthielten Elektrolyte. Unterhaltung beschränkt sich auf geistloses Fernsehen, und die Gesellschaft steht kurz vor dem Zusammenbruch.
Für den erfolgreichen Unternehmer und Schachförderer Evren Ucok ist der Film eine Warnung. Kinder verbringen ihre Zeit mit 15 Sekunden langen TikTok-Videos, während Algorithmen der künstlichen Intelligenz ihnen immer mehr Entscheidungen abnehmen. Ucok befürchtet, dass dadurch die Fähigkeit zum logischen Denken abnimmt. Als einen Beleg dafür sieht er die jüngsten PISA-Ergebnisse in den westlichen Ländern.
Ucok ist überzeugt, dass Schach eines der besten Mittel gegen die Aufmerksamkeitskrise ist. Während kurze Videos auf schnelle Belohnungsreize setzen, verlangt Schach das Gegenteil: Die Spieler müssen rechnen, Stellungen bewerten und sich vor jedem Zug fragen, warum sie ihn machen. Statt gedankenlos durch Videos zu scrollen, müssen sie sich konzentrieren. Nach Ucoks Einschätzung reichen bereits 50 bis 100 Stunden Wettkampfschach, um die Konzentrationsfähigkeit, das logische Denken und die Fähigkeit zur Selbstkritik bei Kindern und Jugendlichen dauerhaft zu verbessern.
Engagement, das sich auszahlt
Ucok lässt seinen Worten Taten folgen. In den vergangenen drei Jahren hat er mehr als fünf Millionen Dollar in die Schachförderung investiert. Vor allem unterstützt er einige der größten Nachwuchstalente der Welt und ermöglicht ihnen regelmäßiges Training mit renommierten Großmeistern und Spitzenspielern.
Die Förderung geht weit über die Finanzierung von Trainern und Turnierteilnahmen hinaus. Sie umfasst Beratung bei der Karriere- und Turnierplanung, Trainingslager, Sportpsychologie, individuelle Ernährungspläne und körperliches Training. Bei Bedarf erhalten auch die Familien finanzielle Unterstützung.
Ucok fördert außerdem den Schachklub Marseille, der sich besonders um französische Nachwuchstalente und benachteiligte Kinder in Marseille kümmert, sowie die Europäische Schachunion, insbesondere deren Aktivitäten im Frauen- und Seniorenschach. Hinzu kommen der Schachklub Monte Carlo, der mehrfach den Europapokal der Frauen gewonnen hat, und der Schachklub Istanbul, in dem Ucok als Jugendlicher seine ersten Schacherfahrungen sammelte.
Darüber hinaus finanziert er die Entwicklung neuer Technologien, darunter leistungsstarke Schachprogramme, die 500 Millionen Züge pro Sekunde berechnen können. Außerdem unterstützt er die Entwicklung einer Schachplattform für ambitionierte Spieler, die neue Funktionen bietet, das gemeinsame Spielen innerhalb und zwischen Schachvereinen fördert und Betrug, absichtliche Spielverzögerungen und Störungen verhindern soll. Sein Team hat zudem untersucht, welche technischen Geräte beim Betrug am Brett eingesetzt werden, und die FIDE, die Europäische Schachunion, nationale Verbände und Turnierveranstalter darüber informiert.
Den Anfang machte ein einzigartiges Talent: der junge Türke Yagiz Kaan Erdogmus. Im August 2023 stand er kurz davor, seine Schachkarriere wegen mangelnder Unterstützung aufzugeben. Über Selim Gurcan, einen FIDE-Meister und Schachautor, der seit rund 35 bis 40 Jahren mit Ucok befreundet ist, lernten Erdogmus und seine Familie den Unternehmer kennen.
Ucok erklärte sich bereit, Yagiz mindestens fünf Jahre lang zu unterstützen und alles Notwendige zu tun, damit er sein Potenzial ausschöpfen konnte. Gurcans enger Freund, Großmeister Mert Erdogdu, übernahm das Training. Mit ihrer Hilfe erzielte Yagiz bei drei aufeinanderfolgenden Turnieren drei GM-Normen. Im April 2024 erhielt er den Großmeistertitel.

Yagiz, Mert und Evren im Dezember 2023 bei Selim zu Hause | Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Selim Gurcan
Als Yagiz immer stärker wurde, übergab Mert das Training an Shakhriyar Mamedyarov, die frühere Nummer zwei der Welt und ebenfalls ein langjähriger Freund von Selim. Das Team organisierte außerdem mehrere Trainingslager mit Spitzengroßmeistern und drei Wettkämpfe unter dem Titel „Clash of Generations“, in denen Yagiz gegen Weltklassespieler antreten konnte. In diesen Wettkämpfen erzielte er 12,5 Punkte aus 18 Partien und sammelte wertvolle Erfahrungen. Sie trugen dazu bei, dass er mit nur 14 Jahren als jüngster Spieler der Geschichte die Elo-Marke von 2700 überschritt. Heute ist der 15-Jährige die Nummer eins der Juniorenweltrangliste (U20).
Der Erfolg von Yagiz ermutigte Evren und Selim, weitere Talente zu unterstützen, darunter Ediz Gürel und Isik Can. Zusammen mit Yagiz sind sie die drei nach Elo-Zahl stärksten Spieler der Türkei. Auch die türkische Nationalmannschaft wird gefördert.
Die Erfolge des Förderprogramms bestärkten Evren und Selim darin, bald auch Spitzentalente aus anderen Ländern zu unterstützen.

Clash of Generations: Yagiz Kaan Erdogmus gegen Peter Svidler (achtfacher Russischer Meister) | Foto: Marseille Chess Club
Luca Protopopescu (10 Jahre)
Den Anfang machte Luca Protopopescu, ein junges Talent aus Marseille, das Mert Erdogdu entdeckt hatte. Mit Merts Hilfe überschritt Luca im Alter von neun Jahren und fünf Tagen als jüngster Spieler der Geschichte die Elo-Marke von 2200. Daraufhin erhielt er ein ausführliches Glückwunschschreiben des französischen Präsidenten Emmanuel Macron.

Luca mit seinem Pokal beim Lesen eines Asterix-Comics nach der französischen Meisterschaft im Mai 2025 | Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Selim Gurcan
Bodhana Sivanandan (11 Jahre)
Seit Januar 2026 unterstützt Evren auch Bodhana Sivanandan. Den Kontakt zu ihrem Vater Sivanandan Velayutham hatte Malcolm Pein vermittelt. Bald entwickelte sich daraus eine Freundschaft.
Bodhana galt als großes Talent und wurde wenig später zur jüngsten Spielerin der Schachgeschichte, die einen Großmeister mit einer Elo-Zahl von über 2600 besiegen konnte. Damit brach sie einen Rekord, den seit 1988 Judit Polgar gehalten hatte, die als stärkste Schachspielerin aller Zeiten gilt und der die Netflix-Dokumentation "Queen of Chess" gewidmet ist.
Wenige Wochen später, nach einem intensiven Trainingslager in Marseille unter der Leitung von Mert Erdogdu, wurde Bodhana im Alter von elf Jahren die jüngste britische Frauenmeisterin der Geschichte.

Bodhana Sivanandan nach dem Gewinn der Britischen Frauenmeisterschaft | Foto: Yury Krylov
Marc Llari (13 Jahre)
Auch Marc Llari hat bereits beachtliche Erfolge erzielt. Im Juni 2026 gewann er nach zehn Monaten Training mit Mert den U12-Weltcup mit 9 Punkten aus 11 Partien und blieb dabei ungeschlagen. Im August 2026 erzielte das in Marseille trainierte Nachwuchstalent beim Masters-Turnier im italienischen Spilimbergo mit 5,5 aus 9 seine erste IM-Norm. Dabei remisierte er gegen die Großmeister Jan Šubelj (2549) und Kirk Ghazarian (2535) und erreichte eine Elo-Performance von 2456.

Marc als U12-Weltmeister im Juni 2026 | Foto: FIDE
Christian Glöckler (14 Jahre)
Seit März 2026 unterstützt Evren auch Christian Glöckler, auf dessen großes Talent ihn IM Stefan Löffler aufmerksam gemacht hatte. Wenig später gewann der junge deutsche IM im Juli 2026 das Masters Open beim renommierten 59. Internationalen Schachfestival in Biel. Mit 8 Punkten aus 10 Partien und einer Elo-Performance von 2597 sicherte er sich bereits eine Runde vor Schluss den Turniersieg und erzielte seine erste Großmeisternorm. Entscheidend war sein Sieg gegen GM Dimitris Alexakis in der neunten Runde. Da Glöckler bereits eine Elo-Zahl von über 2500 hat, fehlen ihm zum Großmeistertitel nur noch zwei Normen.

Christian gewann das Qualifikationsturnier für das Tata Steel Turnier 2026 mit 8,5 aus 9. | Foto: Lennart Ootes
Atilla Kuru (15 Jahre)
Seit Dezember 2024 unterstützen Evren und Selim auch Atilla Kuru, den sie über den türkischen Großmeister Dragan Solak kennengelernt hatten. Seine erste Großmeisternorm erzielte Atilla bei der Europameisterschaft 2024, die zweite folgte im Mai 2026 beim Sardinia World Chess Festival. Wenige Tage später wurde er beim Young Talents GM Norm Tournament in Stockholm mit 6,5 Punkten aus 9 Partien Zweiter und überschritt die wichtige Marke von 2500 Elo.
Im August 2026 sicherte er sich beim 27. Sants Open in Barcelona seine dritte und letzte Großmeisternorm. Er blieb in allen zehn Runden ungeschlagen, erreichte eine Elo-Performance von 2656 und steigerte seine Elo-Zahl auf über 2520. Damit wurde er im Alter von 15 Jahren der jüngste Neuzugang unter den türkischen Großmeistern.

Atilla, Marc und Luca, mit Mert und Selim | Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Selim Gurcan
Yagiz Kaan Erdogmus (15 Jahre)
Im August 2026, kurz nach seinem 15. Geburtstag, wurde Yagiz zur Nummer eins der Juniorenweltrangliste (U20). Zugleich überschritt er als mit Abstand jüngster Spieler der Geschichte die Elo-Marke von 2700.
Bei der Schacholympiade 2026 spielte Yagiz am Spitzenbrett der Türkei und traf unter anderem auf Abdusattorov, Caruana und Keymer. Trotz der starken Gegnerschaft erzielte er mit sechs Siegen und vier Remis 8 Punkte aus 10 Partien und erreichte eine Elo-Performance von 2839. Dafür erhielt er die Silbermedaille am ersten Brett. Außerdem gewann er 15 Elo-Punkte hinzu und verbesserte seine aktuelle Elo-Zahl auf 2731 und schob sich auf Platz 17 der Weltrangliste.

Live-Rating-Liste nach der Schacholympiade 2026 in Samarkand
Aydin Suleymanli (21 Jahre)
Der aserbaidschanische Nachwuchsspieler Aydin Suleymanli hat sich im vergangenen Jahr kontinuierlich verbessert. Kürzlich besiegte er das usbekische Talent Mukhiddin Madaminov in einem Wettkampf über sechs Partien mit 4,5:1,5. Damit überschritt er erstmals die Elo-Marke von 2670 und rückte auf Platz 45 der Weltrangliste vor.
Trainiert wird Suleymanli von Rustam Kasimdzhanov sowie von seinem Landsmann Shakhriyar Mamedyarov. Bei der Schacholympiade in Samarkand spielte er hinter Mamedyarov am zweiten Brett für Aserbaidschan. Sein nächstes Ziel ist die Elo-Marke von 2700.

Rustam und Aydin nach Aydins überraschendem Sieg gegen Magnus Carlsen bei der Mannschaftsweltmeisterschaft im Schnell- und Blitzschach im Juni 2026 | Foto: Michal Walusza
Isik Can (21 Jahre)
Großmeister Isik Can, der Älteste unter den geförderten Talenten, gewann 2026 das Rising Stars Turnier im chinesischen Liaocheng ungeschlagen. Dabei besiegte er unter anderem Großmeister Aleksey Grebnev (2618). Der türkische Meister von 2025 führte außerdem die Mannschaft der University of Missouri zum Gewinn der US-amerikanischen Hochschulmeisterschaft.
Isik studiert Betriebswirtschaft an der University of Missouri und erhielt bereits während seines ersten Semesters den Großmeistertitel. Er zeigt damit, dass sich Studium und Spitzenschach miteinander vereinbaren lassen. Bei der Schacholympiade 2026 spielte er am dritten Brett für die Türkei.

Der türkische Meister von 2025, Isik Can, mit seinem Pokal | Foto: Türkischer Schachverband
Duell der Talente
Beim Bieler Großmeisterturnier trafen mit Aydin Suleymanli und Yagiz Kaan Erdogmus zwei der stärksten geförderten Talente aufeinander. Hinter Levon Aronian belegte Aydin den zweiten und Yagiz den dritten Platz.

Aydin und Yagiz beim Bieler Großmeisterturnier | Foto: Bieler Schachfestival
Schachtrainingslager in Marseille und Familientreffen in Cannes
Doch die sportlichen Erfolge sind nur ein Teil der Geschichte. Schach fördert nicht nur Konzentration, Selbstkritik und logisches Denken, sondern bringt auch Menschen zusammen und schafft Verbindungen zwischen Spielern, Trainern und Familien. Das zeigten zwei Treffen, die kürzlich in Südfrankreich stattfanden.
Vom 13. bis 18. Juli veranstaltete der von Laurie Delorme und William Azari geleitete Verein Marseille-Echecs ein Trainingslager, bei dem die Großmeister Mert Erdogdu und Pierre Laurent-Paoli mit den Nachwuchstalenten Bodhana Sivanandan, Marc Llari, Luca Protopopescu und Joachim Le Geay arbeiteten. Für einige Tage nahm auch die amtierende Europameisterin der Frauen, die 15-jährige Anastasiia Hnatyshyn, als Gast teil. Evren hatte sie über seinen ukrainischen Freund IM Igor Berezovsky kennengelernt.
Das Trainingslager erwies sich als ausgesprochen erfolgreich. Wenige Wochen später erzielten Bodhana und Marc ihre ersten IM-Normen. Anastasiia spielte bei der Schacholympiade 2026 am Spitzenbrett der starken ukrainischen Frauenmannschaft.

Anastasiia, Bodhana, Marc, Luca und Joachim mit Großmeister Laurent-Paoli | Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Selim Gurcan
Wie sehr Schach Menschen verbindet, zeigte sich auch nach dem Turnier in Cannes im Februar 2026, an dem die jüngsten der geförderten Talente teilgenommen hatten. Anschließend trafen sich Evren und Mert mit Bodhana, Luca, Marc und ihren Familien zu einem geselligen Nachmittag. Dabei spielten sie unter anderem „Hand and Brain“, eine Schachvariante für Zweierteams, bei der ein Spieler die Figur bestimmt, die sein Partner ziehen muss. Dieser entscheidet dann, welchen Zug er damit ausführt. Das verlangt gegenseitiges Verständnis und Zusammenarbeit.
Anschließend spielten sie Tandemschach, bei dem zwei Zweierteams an zwei Brettern gegeneinander antreten. Evren und Bodhana spielten gegen Mert und Luca, die alle Partien gewannen. Schließlich arbeiten die beiden schon seit zwei Jahren eng zusammen und konnten sich auf Französisch verständigen, einer Sprache, die weder Bodhana noch Evren beherrschen. Zumindest war das die Ausrede der Verlierer.
Vor allem aber zeigte dieser Nachmittag, was Ucok durch die zunehmende Digitalisierung gefährdet sieht: Konzentration und menschliche Nähe. Schach kann helfen, die geistigen Fähigkeiten in einer zunehmend von künstlicher Intelligenz geprägten Welt zu stärken. Doch vielleicht liegt seine größte Stärke darin, Menschen zusammenzubringen.

Bodhana und Evren spielten "Hand and Brain" gegen Luca und Mert – die Partie endete remis | Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Selim Gurcan
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