Franz Kafka, "Bauer eines Bauern"

von Sergio Ernesto Negri
13.01.2021 – Auch Franz Kafka war ein Freund des Schachspiels. Er besaß eine kleine Schachbibliothek. In seinem literarischen Nachlass findet sich jedoch nur eine Stelle mit einem Hinweis auf das Schachspiel.

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Es ist allgemein nicht sehr bekannt, dass Franz Kafka Schach gespielt hat. In Kafkas Schachbibliothek wurden u.a. folgende Bücher gefunden: "Das Endspiel im Schach" von Hans Fahrni; "300 Endspiele" von Henri Rinck; "Bilguers Schachhandbuch" (8. Auflage, überarbeitet von Carl Schlechter); "15 ausgewählte Partien aus Jacques Mieses Karschau-Turnier 1918". In seinen Tagebüchern finden sich jedoch keine Hinweise darauf.

Nur ein einziger Verweis auf das Schachspiel wurde in Kafkas Werk gefunden, und zwar innerhalb des epistolischen Genres. In "Briefe an Milena" ist der folgende Absatz Teil eines der Briefe:

Was ich fürchte und mit aufgerissenen Augen fürchte und in sinnloser Versunkenheit in Angst (wenn ich so schlafen könnte, wie ich in Angst versinke, ich lebte nicht mehr) ist nur diese innere Verschwörung gegen mich (die du besser aus meinem Brief an meinen Vater verstehen wirst, allerdings auch nicht ganz, denn der Brief ist doch sehr auf sein Ziel hin konstruiert) die sich etwa darauf gründet, daß ich, der ich im großen Schachspiel noch nicht einmal der Bauer eines Bauern bin, weit davon entfernt, jetzt gegen die Spielregeln und zur Verwirrung alles Spiels auch noch den Platz der Königin besetzten will - ich, der Bauer des Bauern, also eine Figur, die es gar nicht gibt, die gar nicht mitspielt - und dann vielleicht gleich auch noch den Platz des Königs selbst oder gar das ganze Brett und daß wenn ich das wirklich wollte, es auf andere unmenschliche Weise geschehen müsste.

Milena Jesenska

Aus diesem Fragment sehen wir eine stets gequälte Persönlichkeit - einen Schriftsteller, der auf dem Weg zu sich seine intimsten Ängste in einem Brief an die tschechische Schriftstellerin Milena Jesenská (1896-1944) zum Ausdruck bringt, eine bemerkenswerte Literatin, Journalistin und Übersetzerin, für die das Schicksal ein schweres Dasein und einen noch grausameren Ausgang (sie starb in einem Nazi-Konzentrationslager) vorgesehen hatte.

Sie waren wahrscheinlich Seelenverwandte. Leidenschaftlich für die Literatur und in einem Klima der Qual, das sie beide durch ihr Leben begleitete, unterhielten sie in den frühen 1920er Jahren einen begeisterten Briefwechsel. Es wurde sogar spekuliert, dass sie eine Romanze gehabt haben könnten.

Tatsächlich trafen sie sich bei einigen wenigen Gelegenheiten physisch. Sicher ist jedoch, dass die Landsleute eine im Platonismus verankerte Beziehung hatten und, was vielleicht noch transzendenter ist, eine spirituelle Gemeinschaft empfindsamer und zwillingshafter Seelen war.

In der oben erwähnten Passage sehen wir Kafka, wie er sich ein großes Schachspiel vorstellt, eines, das den konventionellen Raum der 64 Felder übersteigt, eines, das ihn nicht nur im physischen Sinne transzendiert - eines, das zuweilen mit dem Leben selbst verschmilzt.

In dieser integralen Sphäre schreibt er sich selbst eine sehr geringe Rolle zu. Einen noch kühneren Schritt wagend, zieht er in Betracht, dass der Bauer, zu dem er geworden ist, vom Brett genommen werden kann. Sein Werk, das, sehr zu seinem Bedauern, posthum veröffentlicht wurde, und die Aufzeichnungen seiner eigenen Existenz würden dies widerlegen. Zumindest in diesem Punkt.

Franz Kafka

Der Autor sieht sich, ausgehend von einer solch diskreten Position, schließlich Verwandlungen unterworfen, um andere, möglicherweise relevantere Rollen einzunehmen, indem er den Status einer Königin erreicht, sich kurioserweise transsexualisiert oder, konventioneller, danach strebt, König zu sein.

Aber das Interessanteste von allem ist, dass er bei dieser eventuellen körperlichen Mutation von seinem intimsten Selbst aus von der Welt der Menschen in eine ganz andere Sphäre - die Welt der Dinge - eintreten konnte. Er stellte sich vor, dass er in gewisser Weise danach streben könnte, beide Welten zu umfassen; er könnte sogar, noch ehrgeiziger, das ganze Brett werden.

In dieser Argumentation sehen wir, dass das Schachspiel dem tschechischen Autor die Möglichkeit gibt, eine sehr persönliche Flucht aus der Realität zu finden, die sehr stark in seinem eigenen Kopf lebte. Unter diesen Bedingungen war es absehbar, dass er die Chance bekommen würde, jemand anderes zu werden. Oder etwas anderes.

Er könnte dann aufhören, ein Bauer zu sein (eine bescheidene und etwas traurige Figur), sondern ein König oder eine Königin oder ein Schachbrett (wie er es sich in seiner verzweifelten Suche gewünscht haben mag). In jeder dieser seltsamen Annahmen hätte Kafka notwendigerweise eine undenkbare und tiefgreifende Metamorphose durchmachen müssen. Fast so, als ob er, ähnlich wie Gregor Samsa, hätte werden können...

 

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Sergio Ernesto Negri wurde Buenos Aires, Argentinien, geboren. Er ist ein FIDE-Meister und entwickelte Studien über die Beziehung des Schachs zur Kultur und Geschichte.
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Palmero Palmero 15.01.2021 07:56
Die Sache ist doch ganz einfach. Kafka ist 1924 gestorben, und seit diesem Zeitpunkt werden sein Leben und sein Werk erforscht, also seit einem knappen Jahrhundert und von zahlreichen Menschen weltweit. Innerhalb dieses langen Zeitraums hat niemand auch nur den Hauch eines Indizes dafür gefunden, dass Kafka sich ernsthaft mit Schach oder gar mit Schachliteratur beschäftigt hätte. Wenn nun also jemand diese Entdeckung verkündet, dann ist ER in der Beweispflicht und sollte irgend etwas vorzeigen, was seine sensationelle These überzeugend belegt. Wie müssen demnach den Casus gar nicht weiter diskutieren, sondern dürfen uns bequem zurücklehnen und auf die Beweise warten. Dann bekommen wir Klarheit, so oder so.
herbert bastian herbert bastian 15.01.2021 01:24
Wenn "Der Mann, der alles über Kafka weiß" das Vorhandensein einer Schachbibliothek Kafkas in Frage stellt, dann muss man das ernst nehmen. Andererseits gibt es genug Beispiele dafür, dass an einem Gerücht doch etwas dran sein könnte. Nun sind die "editors" gefordert, für Klarheit zu sorgen, woher das Gerücht stammt. Bei Edward Winters Chess Notes habe ich nichts gefunden, und das spricht schon mal gegen die Existenz der beschriebenen Miniaturbibliothek. Es haben sich aber bekanntlich sehr viele Intellektuelle und Wissenschaftler mit dem Schachspiel in irgendeiner Weise beschäftigt. Nun bin ich sehr gespannt, ob die Diskussion noch konstruktiv weitergeführt wird und am Ende Klarheit stehen wird!
When "The Man Who Knows Everything About Kafka" questions the existence of a Kafka chess library, one has to take it seriously. On the other hand, there are enough examples that there might be something to a rumour after all. Now it is up to the editors to clarify where the rumour comes from. I have not found anything in Edward Winter's Chess Notes, and that already speaks against the existence of the described miniature library. However, as is well known, many intellectuals and scholars have dealt with chess in one way or another. Now I am very curious to see whether the discussion will be continued constructively and whether there will be clarity at the end!
Sergio Negri Sergio Negri 14.01.2021 06:04
Unten ist meine Antwort auf diese unverdienten Kritikpunkte, die ich auf Englisch auf die ChessBase-Seite gestellt habe. Die deutsche Sprache beherrsche ich nicht. Ich benutze gerade Google Übersetzer, hoffe es passt, was ich meine. Ich schlage vor, Sie überprüfen die Originalnotiz (in spanischer Sprache), in der ich zu keinem Zeitpunkt die Theorie akzeptierte, dass Kafka gegen Capablanca gespielt hatte oder dass er Schachbücher in seiner persönlichen Bibliothek hatte.

"Thanks you very much for the comments that, of course, tend to be more inquisitive than encouraging.
So are the things.
Step to respond promptly to what was raised:
1. In my original note (see https://ajedrezlatitudsur.wordpress.com/2021/01/08/el-ajedrez-en-la-obra-de-franz-kafka-por-sergio-negri/) I clearly say that the one about Capablanca's simultaneous in which Kafka would have participated is the product of daydreams or the idea of ​​making a joke (I was delicate on the concept).
That issue, and his supposed participation in a tournament, is a hoax, as demonstrated in his extraordinary work by Juan Sebastián Morgado (at https://ajedrezlatitudsur.wordpress.com/2021/01/08/franz-no-es-frantisek -kafka /), which is my absolute knowledge
2. In my original note I do not speak of the chess books in Kafka´s personal library either. That was an addition of the editors of the medium who, without a doubt, have their due sources
3. Of course, any chess player knows that the pawn does not crown a king. Kafka, in the passage indicated, does not say exactly that, but he poses himself to become, in some strange way, a king.
That is why at the end of the article the parable of Gregory Samsa was used, because of the possibility of metamorphosing
Best regards and thanks for your interest
Pemoe6 Pemoe6 14.01.2021 01:44
Trotzdem eine interessante Sache - wie will man das eine (vier explizit genannte Buchtitel) oder das andere (es befand sich in seiner Bibliothek kein einziges Schachbuch) jemals beweisen? Besonders Letzteres erscheint mir recht schwierig.
Sicherlich gibt es irgendwo offizielle Quellen der Nachlassverwalter (oder woher stammt das Wissen sonst?), aber wer garantiert, dass diese dann vollständig sind? Vielleicht hat man dort nur das Literarische berücksichtigt?
Grebredna Grebredna 14.01.2021 01:56
@Palmero: Die Aussicht auf ein fettes Honorar hat schon manchen Autor dazu bewogen, Unsinn zu verzapfen. Das gilt nicht nur für Veröffentlichungen mit Schachbezug. Sergio Ernesto Negri hat offensichtlich einen zusammenfantasierten und von einem ominösen Herrn Frank Mayer unter dem Etikett "Schach und Kultur" verbreiteten Artikel kopiert, welcher Kafka sogar zu den Teilnehmern einer Simultanvorstellung Capablancas in Prag 1911 zählt.
Palmero Palmero 13.01.2021 10:47
Der Artikel ist reiner Nonsense. Weder war Kafka ein "tschechischer Autor", noch befand sich in seiner kleinen Bibliothek ein einziges Schachbuch. Und keiner von Kafkas engsten Freunden hat ihn je beim Schachspiel gesehen. Was Herrn Negri zur Mitteilung dieser Phantasien bewogen hat, würde mich wirklich interessieren.
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