Frauen ans Schachbrett

von Manja Albrecht
18.10.2017 – Manja Albrecht ist eine etwas andere Schachfreundin: 1. hat sie Schach erst als Erwachsene gelernt, 2. ist sie eine Frau und gehört damit zu einer nur 4% "großen" Minderheit im organisierten deutschen Schach. "Frauen sollten Schach spielen", sagt sie - nicht zuletzt, weil es Spaß macht! (Foto: Pasacl Simon)

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Frauen sollten Schach spielen

Warum? 1. Weil es Spaß macht und 2. weil 4% Frauen im Schach entschieden zu wenig sind! Doch aller Anfang ist schwer, besonders wenn man das Schachspielen erst im Erwachsenenalter beginnt und noch dazu weiblich ist.

Also zuerst steht die Frage im Raum: „Wie bekommt Frau Appetit auf Schach?“ Da gibt es sehr unterschiedliche Wege. Ziel ist jedoch das Schachspiel nicht als abstraktes Figurenrücken zu begreifen, sondern die unglaublich spannenden Geschichten und Schlachten auf dem Brett zu sehen. Aufregend wird es natürlich erst, wenn man sich selbst ausprobieren darf, die Schritte der Figuren lernt und die einfachsten Zusammenhänge. Ich lernte beispielsweise die Grundzüge von meinem Vater, aber nichts dazu und konnte mich daher in meiner Kindheit auch nicht übermäßig für Schach begeistern. Eine Rochade sah ich bewusst erst 20 Jahre später. Im ersten Moment dachte ich, das Schachprogramm habe einen Fehler – König und Turm rücken im selben Atemzug – das Programm muss kaputt sein... dabei hatte ich es noch gar nicht lange mit meinen Zügen malträtiert.

Und an „Kölner Lichter“ lernte ich dann meinen ersten realen Schachfreund kennen. Nach zwei Jahren des weiteren Dahindümpelns und nicht motivierenden Nichtweiterkommens trotz geringer Anstrengung, besuchten wir zusammen die erste Zusammenlegung der Bundesligaendrunden (also sowohl Frauen- als auch Männerbundesliga) in Berlin. Dort sah ich zum ersten Mal auch Frauen auf höchstem Niveau Schach spielen und war so begeistert, dass ich auch in einen Verein gehen, besser werden und spielen wollte. „Frauen gehören hinters Brett“ stand auf einer Broschüre in Berlin und „GM 2024“ auf einer hübschen roten Tasse. Na wenn das keine Motivation ist: Ach ja... einige der Herren spielten in Berlin natürlich auch nicht schlecht.

So kam die 2. große Frage auf: wie traue ich mich als einzelne Frau und Anfängerin in einen männerdominierten Schachverein? In den riesigen, meiner Wohnung am nächsten liegenden Schachverein, traute ich mich zwei Jahre lang nicht. Dann sah ich mich im Internet nach kleineren Vereinen um und wie Freund Zufall so mitspielte, entdeckte ich einen Vorsitzenden, den ich bereits kannte: Klaus Gaugel. Lustig, dass wir in zwei Jahren beruflicher Zusammenarbeit nie über Schach sprachen, aber danach fast ausschließlich. :) Also wurde ich herzlich eingeladen nach Rodenkirchen und dann war es natürlich schon etwas leichter. Es fand gerade ein Blitzturnier im Verein statt und ich rechnete damit nur zu kiebitzen, denn unter so vielen Zuschauern gegen jemanden zu spielen, kostet noch eine weitere Überwindung einer großen Aufregung. Um nicht vollkommen unvorbereitet zu sein, hatte ich mir einige Stunden vorher in László Orbáns Einsteigerbuch die italienische Eröffnung angeschaut. Das sah nicht so schwer aus... war eigentlich das, was ich als Anfänger am häufigsten spielte. Und ich gewann meine erste Partie. Eine Erleichterung breitete sich in mir aus.

3. Schritt: in den Verein eintreten. Mir gefiel es von Anfang an sehr gut in Rodenkirchen – ich wurde herzlichst aufgenommen und das Spielen machte mir Freude. Trotzdem besuchte ich aus Neugier zwischendurch noch einen anderen Verein und wurde herb enttäuscht. Daher mein Rat für schachinteressierte erwachsene Frauen auf der Suche nach einem Verein: einen Verein ohne Jugendabteilung wählen und nicht aufgeben, wenn der erste Besuch eines Vereins-Spieleabends zu unangenehmen Begegnungen führt. Glücklicherweise konnte ich positive Erfahrungen sammeln, bevor ich anderswo enttäuscht wurde. Entgegen den Berichten in der Schachpresse, fühlte ich mich allerdings nie diskriminiert, weil ich eine Frau bin. Ich hatte immer das Gefühl, dass nur das Geschehen auf dem Brett zählt. Da bekommt man natürlich schon mal „Kommentare“ zu hören, die gerade heraus gesagt werden und die einem als Frau etwas schroff erscheinen mögen – aber nur nicht entmutigen lassen und zu viel hinein interpretieren – im Gegenteil. Diese Sprüche als Ansporn zu nutzen, sich verbessern zu wollen, kann äußerst anstachelnd wirken.

Schritt 4: Sich verbessern, häufiger gewinnen und den Anfängerstatus allmählich überschreiten. Das ist ein recht schwieriger Knackpunkt, weil es auch eine Zeit vor der Verbreitung sensationell guter Schachcomputer und Onlineangeboten gab. Die meisten erfahrenen Vereinsmitglieder lernten Schach in ihrer Kindheit mit Vereinscoach und Schachbüchern. Als Erwachsener im Onlinezeitalter muss jeder seinen eigenen Weg finden, den ersten Sprung nach oben zu schaffen. Wie man Schach heute lernt, weiß so richtig nur jemand, der es auch erst heute lernt. Es gibt verschiedene Seminarangebote, Fernkurse, buchbare Schachlehrer... von mehreren hörte ich, sie seien durch ein Buch über Kasparows Eröffnungen weitergekommen, aber Eröffnungsbücher altern auch schnell... und ich solle mir mal alte Klassikerpartien anschauen, was mich die Unterhaltungskunst einiger Großmeister entdecken ließ, aber nicht entscheidend voran brachte. Womit soll man sich zuerst beschäftigen? Eröffnung, Mittelspiel oder Endspiele? Auch darüber streiten sich die Geister. Ich begann mir einen detaillierten Überblick zu verschaffen über alle gängigen Eröffnungen, weil die Eröffnung zuerst kommt und ich erstmal gar nicht in Endspiele kam. Ich hatte keinen blassen Schimmer, dass jeder Spieler ein Eröffnungsrepertoire hat, was die Bemühungen erheblich bündeln kann.

Caro-Kann war in Rodenkirchen zufällig Thema und so spielte ich versuchsweise einmal Caro-Kann gegen einen Schachfreund. 1.e4 c6 2. d4 d5 3. e5 – Vorstoßvariante – ach du meine Güte... mein Denken wurde leer und schwarz, denn ich sah mich nur noch eingeengt – wie sollte ich mich denn so entwickeln? Lf5 ist viel zu riskant, dachte ich - der würde mir gleich weggenommen. Deshalb spielte ich e6, sperrte mich selber ein und verlor mit Bravour. So konnte es nicht weitergehen! So las ich in einer Nacht ein Schachbuch über die Zusammenstellung eines Eröffnungsrepertoires. Und das war entscheidend. Man muss sich entscheiden: Welchen 1. Zug möchte ich immer mit Weiß spielen? Was antworte ich routiniert auf 1.e4/1.Sf3/1.d4/1.c4?Alle wussten es für sich selbst und keiner konnte es mir sagen, weil ein Eröffnungsrepertoire für alle so selbstverständlich ist wie die Luft zum Atmen. Die Festlegung schränkt die möglichen Eröffnungen erst einmal erheblich ein, was für Anfänger toll ist. So kann man sich drei bis vier Eröffnungen intensiv anschauen, wiederkehrende Muster und Strategien erkennen, gängige Theoriezüge kennenlernen, welche einen meistens zumindest ausgeglichen aus der Eröffnung entlassen und sich danach mit Mittelspiel und evtl. häufigen Endspielarten als Resultat einer Eröffnung beschäftigen. Das alles ist auf jeden Fall ein Weg, der zur Verbesserung führt.

Die Notation prägte ich mir am besten beim Theorie-Nachspielen auf dem Brett ein. So konnte ich mir zumindest für „meine“ Eröffnungen auch recht schnell Züge im Kopf beweglich und variabel vorstellen.

Nach „Fritz“ entdeckte ich noch das Onlinespielen für mich, was den Vorteil hat, dass menschliche Züge gespielt und trainiert werden. Denn viele Spieler haben auch keine bis sehr wenig Theorie im Kopf und spielen „verwirrende“ Züge, die ich aber anfangs trotz meiner Theoriekenntnisse nicht widerlegen konnte, was mich enorm ärgerte. Aber „der Fehler liegt in der Wiederholung“ und „der vorletzte Fehler gewinnt“.

Schritt 5: Das erste Turnierspiel. Ich denke, wenn man einmal Blut geleckt hat und Zeit und Geld in Schach investierte, möchte man auch eine Wertungszahl und sich möglichst behaupten im Wettkampf. Dazu gibt’s im Schach sehr viele Möglichkeiten. Ich habe mein erstes Turnierspiel in der Kreisklasse noch vor mir und an meinem 30. Geburtstag werde ich mein erstes aus 5 Runden bestehendes Turnier spielen.

Ich bedanke mich recht herzlich bei den „Schachfreunden Rodenkirchen“ für viele Stunden Freud‘ und Schweiß und freue mich auf weitere spannende Begegnungen und Partien. Und ich hoffe natürlich, dass noch viele Frauen ihren Weg ans Brett finden werden. Vielleicht ja auch bei den Schachfreunden Rodenkirchen?

Schachklub Rodenkirchen...



Jahrgang 1988, stammt aus Sachsen und lebt in Köln. Sie ist Krankenschwester und Studentin und kam erst als Erwachsene zum Schach, nachdem sie in Berlin die gemeinsame Bundesliga Endrunde der Männer und Frauen besucht hatte.

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