Anfang des Jahres ging ein YouTube-Video von Felix Blohberger viral, in dem sich der junge österreichische Großmeister mit den Schwierigkeiten auseinandersetzt, in Europa als Schachprofi zu leben. Einige Monate nach dem Schauen dieses sehenswerten und nachdenklich stimmenden Videos fiel mir auf, dass Blohberger ein zweibändiges 1.Sf3-Repertoire für ChessBase aufgenommen hatte. Sofort war mein Interesse geweckt – zumal ich Reti gerade erst in mein eigenes Weiß-Repertoire aufgenommen hatte.
Der erste Teil des Kurses befasst sich mit Fianchetto-Systemen, sprich schwarzen Aufbauten, die sich etwa an Königsindisch, Damenindisch, Igel oder Grünfeld orientieren.
In seinen Empfehlungen dagegen setzt Blohberger eher auf strategisch fundierte Überraschungseffekte, anstatt dem absoluten Mainstream zu folgen. Hier einige Streifzüge durch seine Variantenauswahl, um dies zu verdeutlichen:
1.Sf3 Sf6 2.g3 g6 3.Lg2 Lg7 4.0-0 0-0 5.d4 d6 und jetzt 6.Te1!?
Der unscheinbar wirkende Turmzug wird nur in knapp 7 Prozent der Partien gespielt. Weiß möchte schnell e2-e4 folgen lassen. Aber vor allem erschwert der Verzicht auf c2-c4 das typisch königsindische Gegenspiel. Meistens setzt Schwarz mit 6…Sbd7 7.e4 e5 fort, findet sich nach 8.Sc3 allerdings in womöglich ungewohnten Altindisch-Strukturen wieder.
„Ich war selbst erstaunt, wie gut Weiß hier schon steht“, erklärt der österreichische Nationalspieler und zeigt, wie Schwarz vor große Probleme gestellt werden kann.
1.Sf3 Sf6 2.g3 b6 3.Lg2 Lb7 4.0-0 e6 5.c4 c5 6.Sc3 Le7 7.Te1
Hier ist 7.Te1 tatsächlich eine bekannte Variante und der zweithäufigste Zug. Falls Schwarz nun auf seinem Igel besteht, landet er nach 7…d6 8.e4 a6 9.d4 cxd4 10.Sxd4 Dc7 11.Le3 Sbd7 12.Tc1 0-0 13.f4 in einer tendenziell gefährlichen Version, in der Weiß in Verbindung mit g3-g4 eine Initiative am Königsflügel entwickeln kann. Natürlich befasst sich Blohberger auch mit Versuchen, dieses Szenario mit 7…d5 oder 7…Se4 zu vermeiden.
Auch gegen den Damenindisch-Aufbau und gegen das Doppelfianchetto mit …b6 und …g6 setzt Blohberger auf frühes Te1 mit der Idee e2-e4. Der österreichische Großmeister hat hier die Praxis seiner Schüler im Blick – denn es ist viel einfacher, ähnliche Varianten zu verinnerlichen, als sich gegen jedes System etwas anderes merken zu müssen.
1.Sf3 d5 2.g3 g6 3.Lg2 Lg7 4.d4 Sf6 5.0-0 0-0 6.c4 c6 7.a4!?
Das ultra-solide symmetrische Grünfeld ist eine harte Nuss, sodass man hier unbedingt etwas in petto haben sollte. Laut meiner Datenbank wird das von Blohberger empfohlene 7.a4!?, das ich vor dem Schauen des Kurses überhaupt nicht kannte, in nur circa 2 Prozent der Partien gespielt! Blohberger weist darauf hin, dass diese giftige Nebenvariante auf Top-Niveau zwar schon angekommen ist, man auf Amateur-Level aber sicher viele Gegner damit überraschen kann. Der Zug des Randbauern ist einerseits Prophylaxe gegen sofortiges …dxc4 – nach 7…dxc4?! 8.Sa3 ginge 8…b5? nicht mit dem Bauern auf a4 und auch anders ließe sich der c4 nicht gut decken. Andererseits kann auch a4-a5 mal eine Option sein. Und in vielen Varianten kann Weiß nach späterem …dxc4 einfach auf Kompensation spielen mit einem starken Zentrum nach f4, e4 usw.
Kostenloses Videobeispiel: Einführung
Der zweite Teil des Reti-Repertoires befasst sich mit einer Reihe an weiteren Hauptsystemen wie 1.Sf3 c5, dem „klassischen“ …d5, …Sf6, …e6, …Le7, dem Aufbau mit …d5 und …c5 und einigem mehr. Auch der große Komplex 1.Sf3 d5 2.g3 mit schwarzen Läuferentwicklungen nach g4 beziehungsweise f5 oder auch modernen Abspielen wie 2…Sd7 sowie 2…b6 wird intensiv behandelt.
Blohberger bleibt hierbei seinem Ansatz treu, hochtheoretische Komplexe zu vermeiden. Ein wichtiger Grundpfeiler des Repertoires ist das flexible Doppelfianchetto nach 1.Sf3 d5 2.g3 Sf6 3.Lg2 e6 4.0-0 Le7 5.c4 0-0 6.b3!?:
Ein auf GM-Level ziemlich beliebter Komplex, in dem es vor allem um strategische Kniffe geht.
Wichtig für das Repertoire ist, dass Weiß nach 1…c5 ausnahmsweise nicht 2.g3 spielt, sondern 2.c4 mit Übergang in englische Gefilde. Im Anschluss folgt häufig schnelles e2-e3 nebst d2-d4, etwa nach 2…Sc6 3.Sc3 e5 4.e3 oder 3…g6 4.e3. In letzterem Fall führt 4…Sf6 5.d4 cxd4 6.exd4 d5 7.cxd5 Sxd5 8.Db3 zu einer Isolanistellung, in der Weiß sehr gut scort, zum Beispiel nach 8…Sxc3 9.Lc4! Sd5 10.Lxd5 e6 11.Lxc6+ bxc6 12.0-0 mit guten Chancen auf den schwarzen Feldern.
Fazit: In angenehmem Vortragsstil präsentiert GM Felix Blohberger in 7 Stunden und 30 Minuten Videolaufzeit ein aussichtsreiches strategisches Reti-Weißrepertoire. Die Variantenauswahl des österreichischen Großmeisters ist ausgesprochen clever. Statt ausgetretenen Mainstream-Pfaden und langen Theorieduellen sucht er tendenziell eher nach Wegen, um praktische Probleme zu stellen. Zugleich gibt es eine gewisse Einheitlichkeit – wie das Te1-Konzept gegen sowohl Königsindisch als auch Damenindisch oder Igel –, was das Lernen erleichtert.
Die im Kurs mitgelieferte pgn-Datei ist in einigen Abspielen etwas knapp gehalten – was daran liegt, dass diese Theorie-Datei exakt diejenigen Varianten enthält, die Blohberger auch in den Videos vorstellt. Da würde ich ab 2000+ Level empfehlen, mithilfe der neuesten Megabase und Engine selbst noch etwas zu analysieren und in die Tiefe zu gehen, um den maximalen Benefit aus dem Kurs mitzunehmen.
Felix Blohberger ist nicht nur Großmeister – er ist auch mehrfacher österreichischer Staatsmeister und eine feste Größe in der österreichischen Nationalmannschaft. Mit nur 19 Jahren erlangte Felix den Titel eines Großmeisters und bringt eine Fülle an Erfahrung sowohl als Wettkampfspieler als auch als Sekundant von Spitzenspielern mit.
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