GM Harry Schüssler: Die denkwürdige Welt der Schachengines

von Harry Schüssler
10.08.2018 – Der schwedische Großmeister Harry Schüssler war Kommentator der Computerschach-WM in Schweden. Vom Computerschach versteht Harry Schüssler nicht viel, räumt er selber ein, vom Schach aber schon. In seinem Bericht zur Computer-WM beschreibt der Großmeister, wie die Maschinenpartien auf ihn wirkten und welche Lehren man daraus ziehen kann. | Fotos: ICGA/Günes

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Lassen Sie sich inspirieren!

Was für ein Kampf der Kulturen! Schauplatz war eine Messehalle in Stockholm, wo einige der besten Schachcomputer um die Weltmeisterschaft kämpften. Ich war dabei und kommentierte die Partien. Das einzige Problem: Ich weiß nicht viel über Computerschach. Als ich vor mehr als 25 Jahren als professioneller Schachspieler in den Ruhestand ging, waren Computer noch nicht so weit verbreitet. ChessBase hatte gerade das Licht der Welt erblickt, Karpov und Kasparov waren immer noch viel besser als alle Computer zusammen.

Mein Mangel an Computerwissen zeigte sich, als einige der Zuschauer einige sehr interessante Fragen stellten. Ungünstigerwesie für mich fand die Weltmeisterschaft nämlich im Rahmen einer KI-Konferenz statt. 7 000 Forscher aus der ganzen Welt diskutierten über die Zukunft der künstlichen Intelligenz. Das war eine ausgezeichnete Umgebung für die Schach-Super-Maschinen. Mir wurden viele, viele Fragen von den gut informierten Zuschauern gestellt, ich konnte aber nur ein paar beantworten.

Mehr oder weniger jedes Mal, wenn ich die Spielhalle betrat und mich den Brettern näherte, begann ich automatisch zu flüstern, wie es bei einem Schachturnier üblich ist. Was für ein Unsinn hier. Natürlich werden die Maschinen nicht durch Stimmen gestört. Wenn sie mit einer geeigneten Menge Strom versorgt werden, sind sie mehr als zufrieden.

Man könnte erwarten, dass menschliche Schachspieler bei solchen Maschinenturnier völlig überflüssig sind. Oh nein! An jedem Brett sind zwei Spieler in Aktion, genau wie bei einem traditionellen Turnier. Diese Spieler werden "Operatoren" genannt. Man hätte vielleicht vermutet, dass die Computer die Steine dem Brett selber bewegen. Aber das tun sie nicht. Sie haben hoch entwickelte Gehirne - aber keine Arme.

Jeder von ihnen braucht einen Operator, der den von der Maschine errechneten Zug vom Bildschirm abliest und in einen Zug eines Steins auf dem Brett umwandelt. Der Bediener muss wachsam sein. Schauen Sie sich an, was mit dem Neuling Leela Chess Zero passiert ist. Dieses Programm ist ein "Deep Learning-Programm" und folgt den Spuren des Google-Produkts Alpha Zero. Es ist mit Grundkenntnissen der Schachregeln programmiert und verbessert sich dann von alleine, indem es Millionen von Schachpartien gegen sich selbst spielt. Leela ist jedoch ein Anfänger, wenn es um den harten Wettbewerb geht, und für ihre Bediener ist die Computerschach-Szene ebenfalls neu.

 

 


Komodo wusste, dass diese Position ein theoretisches Remis war. Die Maschine hatte Zugriff auf eine Endspiel-Datenbank, die ihr diese Antwort gab. Als der Betreiber von Leela ein Remis anbot, konnte Komodo ohne Risiko ablehnen. Aber warum hier weiterspielen? Schwarz kann kaum gewinnen, oder doch? Nun, der Bediener von Leela war wohl ein wenig langsam beim Ausführen der Züge. Daher gab es einen Unterschied zwischen Leelas eigener "interner" Uhr und der realen physischen Uhr neben dem Brett. Leela vertraute ihrer digitalen Uhr und dachte, dass sie viel Zeit hatte. Aber es ist die offizielle Uhr des Organisators, die gültig ist. Also hat Leela - die anscheinend auch keine eingebaute Sicherheitsmarge zu haben schien - nicht verstanden, dass sie in Zeitnot war, dachte zu lange nach und verlor durch Zeitüberschreitung.

 

In meiner ersten Reaktion hielt ich dies für ein sehr unethisches Verhalten des Komodo-Teams. Aber die Leute haben mich davon überzeugt, dass der Bediener Teil der Partie ist, und dass dies eine akzeptable Art ist, eine Schwachstelle auszunutzen. Die unterschiedliche Auffassung passenden Schachethik zeigte sich auch in der folgenden Position. 

Position nach 112. b3: Jonny vs Gridginkgo

 


In dieser blockierten Position wäre es normal gewesen, einem Remis zuzustimmen. Für Spieler aus Fleisch und Blut. Die Silikonmonster spielten mehr als 50 Züge weiter. Sie sind so programmiert, dass sie auch noch auf Gewinn spielen, wenn sie ihre Position nur ein Jota günstiger einschätzen.

Weiß vermied zunächst sorgfältig eine dreifache Stellungswiederholung und bewies, dass es viele Felder gibt, auf die man einen Turm stellen kann. Nach etwa 30 Zügen gab Weiß auf b6 einen Bauern für nichts. Diesmal war es nämlich die 50-Zügeregel, die beachtet werden musste. Und dann fuhr Weiß fort, die Steine herum zu manövrieren, anscheinend ohne Ziel und Zweck.

 

Das war überaus langweilig, doch den Bedienern schien das überraschenderweise überhaupt nichts auszumachen. Ich denke, sie haben eine romantische, und sehr geduldige Einstellung zu ihren Maschinen: Alles, was die Maschine macht, wird als witzig und amüsant betrachtet, ganz so wie bei einer neuen Liebe.

Für mich war es sehr erfrischend, Pauline zu beobachten. Sie wurde von einem Schach-Enthusiasten aus Boston entwickelt, der in seiner Freizeit einige Jahre lang an seinem Projekt gearbeitet hat.

Pauline wurde nach der Mutter des Programmierers benannt und hatte einige taktische Fähigkeiten. Ich denke, seine Mutter kann ziemlich stolz sein. Trotzdem war der Apparat wahrscheinlich mehr als tausend Elo-Punkte schwächer als seine Rivalen. Grausame Morde kündigten sich an.

 

Position nach 23. – Ke7 Baron vs Pauline

Die schwarze Stellung liegt in Trümmern. Baron richtete den armen König nun stilvoll mit 24. Tf7+! Sxf7 25. Sxg6+ Ke8 26. Sf6 Matt hin.

 

Aber Pauline war die Ausnahme, die es uns Menschen einmal erlaubte, sich ganz gut zu fühlen. Im Allgemeinen waren die Teilnehmer der Weltmeisterschaft extrem stark. Und der brutalste von allen war Komodo. Das Programm trägt den Namen des indonesischen Komodowaran. Das ist eine Echse, die bis zu drei Meter lang werden kann und ihre Beute oft tötet, indem sie sie von unten an der Kehle angreift und großen Blutverlust verursacht. Komodo - das Computerprogramm - gewann alle drei Turniere in Stockholm (Blitz, die Software-WM, die auf gleich starken Computern gespielt wird, und die absolute Computer-WM, wo es kein Limit bei den Maschinen gibt.) 

Können wir Menschen etwas von diesen Monstern lernen oder sollten wir ihnen besser aus dem Weg gehen? Natürlich können wir viel lernen!

Ich vermute, dass Magnus Carlsen die verschiedenen Programme sehr oft studiert hat. Die Maschinen vermeiden oft theoretische Hauptlinien, genau wie der menschliche Weltmeister. Der Turniersieger Komodo versuchte, strategisch unausgewogene Stellungen zu erreichen, wo er sich dann auf seine Fähigkeit verließ, positionelle Faktoren besser zu bewerten und in ruhigen Gewässern den richtigen Weg zu wählen. Vielleicht war es nicht ganz passend, ein solches Programm nach einer Eidechse zu benennen. Die Ähnlichkeit mit dem Stil von Magnus Carlsen fand ich bemerkenswert.

Auch weniger fortgeschrittene Spieler als Carlsen können viel lernen. Spielen Sie gegen die Engines! Seien Sie nicht frustriert, wenn sie hässliche Züge machen und trotzdem gewinnen. Sie spielen deshalb scheinbar unästhetische Züge - weil diese Züge funktionieren! Sie finden die Ausnahmen von den allgemeinen Regeln. Dies kann selbst dem Spielverständnis von starken Spielern zugute kommen. Man sollte nicht vergessen, dass die Variante 1. e4 c5 2. Sf3 Sc6 3. d4 cxd4 4. Nxd4 e5 als unästhetisch galt, bis Evgeny Sveschnikov und andere uns besseres lehrten.

Die Top-Level-Schachmaschinen sind die kreativen Köpfe von heute. Lassen Sie sich inspirieren! Wagen Sie den Schritt in die fremdartige Welt der Schachprogramme.

Übersetzt von André Schulz.
 

Komodo 12

Komodo gibt Gas! Die neue Version des mehrfachen Weltmeisterprogramms spielt nicht nur stärker als jemals zuvor.

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Harry Schüssler ist ein schwedischer Großmeister. Er gewann zweimal die schwedische Einzelmeisterschaft und spielte sechsmal für Schweden auf Schacholympiaden. Bei der Schacholympiade 1980 gewann er Silber in der Einzelwertung an Brett vier.| Foto: Lund Akademiska Schackklubb
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Rainbow66 Rainbow66 11.08.2018 12:03
Für meinen Geschmack wird's langsam peinlich. Nicht nur dass drei der vier besten Programme nicht an der WM teilnahmen, sondern nun zeigt sich auch, dass die wirkliche Spielstärke gar nicht immer über Sieg oder Niederlage entscheidet, sondern Unachtsamkeiten der Operatoren den Ausgang wesentlich beeinflussen. Wenn Schachprogramme ihre Kräfte messen, sollte der Mensch nur Zuschauer sein. Computer brauchen keine Arme, um Züge auf Holzbrettern auszuführen. Warum lässt man sie nicht spielen und die Züge elektronisch anzeigen wie im Internet auch?
Den Computern mangelt es nicht am korrekten Speichern der zur Verfügung stehenden Zeit. Aber wenn die vom Menschen bediente "reale physische Uhr neben dem Brett ... die offizielle Uhr des Organisators, die gültig ist", darstellt, wenn "der Bediener Teil der Partie ist", dann ist das keine Computer-WM.
Schauen Sie sich bitte mal an, wie das TCEC macht: Viel mehr Partien, alle werden live übertragen, keine menschlichen "Bediener".
DoktorM DoktorM 10.08.2018 06:05
Was sagen einem die ersten beiden Beispiele? Computer können sehr gut Schach spielen. Mit Intelligenz hat das aber nichts zu tun. Wenn es bereits am korrekten Speichern der zur Verfügung stehenden Zeit hapert oder ohne Aussicht auf einen Sieg sinnlos weitergespielt wird, sollte niemand solche Programme intelligent nennen.
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