Grand Prix Hamburg: Couragierte und weniger couragierte Vorstellungen

von Marco Baldauf
09.11.2019 – Veselin Topalov stand nach seinem Ausscheiden beim Grand Prix in Riga massiv in der Kritik: mit einem 0-1 im Rücken verzichtete er auf einen echten Kampf gegen Maxime Vachier-Lagrave, bot nach 12 Zügen Remis an und besiegelte damit sein Ausscheiden. In der identischen Ausgangslage kämpfte er heute länger, wenn auch ebenso erfolglos. Couragiert aber erfolglos beschreibt auch den Auftritt von David Navara | Foto: Valeria Gordienko (Worldchess)

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Vachier-Lagrave, Grischuk und Duda im Halbfinale

Vachier Lagrave ½-½ Topalov

Drei Halbfinalisten stehen nach dem heutigen Spieltag im Hamburger Theater Kehrwieder fest. Zum einen ist da Maxime Vachier-Lagrave, der nach seinem gestriegen Sieg wenig Probleme hatte, das Match solide nach Hause zu bringen. Beim Grand Prix in Riga vor wenigen Monaten bot Topalov nach Weißniederlage mit Schwarz nach wenigen Zügen Remis. Seine Aussage, er habe in einer symmetrischen Bauernstruktur keine Chance gesehen, die Partie zu gewinnen und das Match noch zu drehen erntete damals viel und berechtigte Kritik.

 

Ob Topalovs Aussage zur symmetrischen Struktur MVL durchs Gehirn blitzte als er heute mit 3.exd5!? die Abtauschvariante der Französischen Verteidigung wählte vermag ich nicht zu beurteilen. Topalov jedoch schien heute in kämpferischerer Stimmung zu sein und mühte sich nach Leibeskräften, der Stellung Leben und damit Siegchancen einzuhauchen. Nach 26. Zügen fand er sich jedoch bereits in einer derart schwierigen Lage wieder, dass er die Notbremse zog und seinem Gegner eine Friedensteilung anbot. Bei diesem Format und dem Stand von 0-1 kommt dies zwar praktisch einer Aufgabe gleich, doch ½-1½ ließt sich doch etwas besser und die eigene Elozahl freut sich auch.

Maxime Vachier-Lagrave mit dem Abtauschfranzosen und ohne große Probleme ins Halbfinale | Foto: Valeria Gordienko (Worldchess)

 

Navara 0-1 Grischuk

Sehr kämpferisch zeigte sich am heutigen Tag David Navara, der mehrere Chancen auf eine ruhige Spielgestaltung verstreichen ließ um stattdessen Grischuks König an den Kragen zu gehen. Den Kragen mag er vielleicht erwischt haben, den Kopf des Monarchen bekam er nicht zu fassen, sodass Navara schon bald mit einer ruinierten Stellung und Minusfigur die Segel streichen musste.

Eine sehr couragierte Vorstellung von David Navara, der heute jedoch am einfach clevereren Grischuk scheitert | Foto: Valeria Gordienko (Worldchess)

 

Grischuk trifft im Halbfinale auf MVL, eine Paarung die hinsichtlich der Gesamtwertung und damit auch der verbleibenden zwei Plätze für das Kandidatenturnier von größter Bedeutung ist. Grischuk führt in der Livewertung mit 14 Punkten, dahinter folgt MVL mit 13. MVL hat den großen Vorteil, das letzte verbleibenden Turnier in Jerusalem noch zu spielen, während Grischuk keine weiteren Punkte mehr einsammeln kann. Scheidet Grischuk im Halbfinale aus, so kann es sehr gut sein, dass er noch von einem der lauernden Verfolgern Shakriyar Mamedyarov (10 Punkte) oder Ian Nepomniachtchi (9 Punkte) eingeholt wird.

Svidler ½-½ Dubov

Keine derartigen Sorgen müssen sich Peter Svidler und Daniil Dubov machen, die mit aktuell vier bzw. drei Punkten in der Gesamtwertung nurmehr um die goldene Ananas spielen und das Kandidatenturnier wohl aus der Ferne beobachten müssen. Einem frühen Friedensschluss in der gestriegen Partie folgte heute wieder ein schnelles Remis. Nachdem Svidler gestern von Lc4 im Grünfeld überrascht wurde, meinte er, es sei unmöglich, sich gegen Dubov vorzubereiten, als man keine Chance habe, die richtige Variante vorherzusagen. Die heutige Variante hätte er allerdings erraten müssen, denn schließlich ist Dubov einer der großen Spezialisten in diesem Abspiel des Rossolimo-Sizilianers.

"Unmöglich vorzubereiten" - so Svidlers gestriges Statement über seinen jungen Gegner Daniil Dubov | Foto: Valeria Gordienko (Worldchess)

 

Frederic Friedel eröffnet die Partie mit 1.e4 - ob Svidler hier bereits schwante, dass Dubov die gesamte Partie nicht einen einzigen Zug selbst machen würde? | Foto: Valeria Gordienko (Worldchess)

Svidler also nur mit einem Remis gegen den Schnellschachspezialisten Dubov. Sicherlich kein optimales Ergebnis, denn morgen wird es sicherlich nicht einfacher. Svidler wird beim morgigen Nachsitzen im Theater Kehrwieder auf seine reichere Erfahrung in derartigen Formaten bauen, Dubov auf Eröffnungskentnisse und Schnelligkeit. Wie es auch ausgehen wird, wir dürfen uns ab 15 Uhr auf spannende Schnellschachpartien des World Cup Gewinners von 2015 und des amtierenden Weltmeisters in dieser Disziplin freuen.

Duda 1-0 Yu

Das größte Drama der Runde spielte sich in der Begegnung zwischen Yu Yangyi und Jan-Krzysztof Duda ab. Yu hatte gestern in guter Stellung etwas drücken, aber letztlich nur ein Remis erzielen können. Heute stand hingegen er mit den schwarzen Steinen unter Druck, konnte sich jedoch befreien und war dem halben Punkt zum Greifen nahe. Dann allerdings passierte eines dieser Übersehen, die sich manchmal auch bei Spielern auf diesem Niveau einschleichen.

 

Das oben bereits erwähnte Drama ereignete sich in Form von 32...Kh3?? Die Idee ist klar: kommt der weiße König nicht nach g2, wird das Schachgebot auf a1 sehr unangenehm, vielleicht kann Yu mit ...Kxh2 auf Sieg spielen und sich den morgigen Stichkampf gar sparen? Aus allen Wolken muss der junge Chinese gefallen sein, als Duda mit 33.Lxg4 die Partie quasi beendete.

 

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Marco Baldauf, Jahrgang 1990, spielt seit seinem sechsten Lebensjahr Schach. Zwei Mal wurde er Deutscher Jugendmeister, seit 2015 spielt er für die Schachfreunde Berlin in der Bundesliga. Für Chessbase schreibt er gelegentlich auf der Homepage, kommentiert live oder versucht sich als Autor von Fritztrainern.
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