"Heimlicher Großvater" von Deep Blue entdeckt?

von Adolivio Capece
03.03.2021 – Jeder Schachfreund weiß von den Mensch-Maschine Wettkämpfen zwischen dem IBM-Rechner Deep Blue und Kasparov 1996 und 1997. Aber IBM hatte schon 1960 einen schachspielenden Rechner im Programm, den IBM 305 Ramac. Bei einer Industriemesse in Mailand besiegte dieser sogar den italienischen Meister Mario Monticelli - und hatte noch ein paar spöttische Kommentare übrig. Ein Fundstück von Adolivio Capece.

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Mensch gegen Maschine, 1960

Auf der Suche nach Informationen über den italienischen Meister Mario Monticelli (Sieger in Budapest 1926 und Sieger der berühmten Partie gegen Bogoljubov in San Remo 1930) fand ich vor ein paar Tagen einen Artikel, in dem davon berichtet wird, dass Monticelli 1960 (!) hier bei uns in Mailand eine Schachpartie gegen einen Ramac 305, einen IBM-Computer, gespielt hat.

Der IBM 305 RAMAC war der erste kommerzielle Computer, der ein Moving-Head-Festplattenlaufwerk (Magnetplattenspeicher) als Sekundärspeicher verwendete. Das System wurde am 14. September 1956 öffentlich angekündigt, wobei bereits Testeinheiten bei der U.S. Navy und bei privaten Unternehmen installiert waren. RAMAC stand für "Random Access Method of Accounting and Control" (Zufallszugriffsmethode für Buchhaltung und Kontrolle), da das Design durch die Notwendigkeit einer Echtzeit-Buchhaltung in der Wirtschaft motiviert war. 
 
Aber Achtung! Ramac wurde nicht etwa zum Schachspielen entwickelt. Es war eine elektronische Rechenmaschine, ein Computer, der auch Schach spielen konnte. Und es scheint, dass Ramac in der Lage war, sehr gut Schach zu spielen und Partien zu gewinnen!

Ich habe nie zuvor von diesem 'elektronischen Rechner' als 'Schachspieler' gehört und ich habe bisher auch keine Informationen über Computer, die in den frühen 1960er Jahren Schach spielen, bekommen. Und soweit ich weiß, hat IBM auch nie etwas darüber veröffentlicht. 

Es wäre schön zu wissen, ob Experten der Geschichte der 'schachlichen künstlichen Intelligenz' entweder Informationen über den 'Rechner' oder über das Schachprogramm darauf haben. Können wir Ramac vielleicht als den 'heimlichen Großvater' von Deep Blue betrachten?

Der Artikel über das frühe Mensch-Maschine-Duell erschien in der Abendzeitung "Corriere di Informazione" (Teil der Gruppe Corriere della Sera in Mailand) am 21. und 22. April 1960, also vor über 60 Jahren.

Dies ist eine Übersetzung des Original-Artikels (Calcolatore elletronico).
 
Gegen Herrn Ramac, Schachspieler, ist nichts zu machen. In diesen Tagen treten in der Halle 21 der Messe "Fiera Campionaria" in Mailand viele an, die von Herrn Ramac freundlicherweise eingeladen wurden, um mit Türmen und Läufern, Königen und Damen zu spielen. Die Herausforderer werden jedoch immer geschlagen; und wenn für einige Herr Ramac während des Spiels Worte der Ermutigung und sogar des Lobes übrig hat, so spart er für andere nicht mit Vorwürfen und manchmal mit spöttischen Worten.

"Hüte dich vor dem Turm", empfiehlt der Meister, der ritterlich erscheinen will. Und nach einer Weile: "Der Turm kommt ... oje ... oje ... : schachmatt!"

Ramac hat wieder gewonnen, obwohl er eigentlich verlieren wollte. Er wollte großzügig sein, oder besser gesagt, er wollte nicht unbarmherzig gegenüber dem schwächeren Gegner sein und deshalb hatte er ihm einige Zugvorschläge gemacht. Er hatte versucht, seinen Gegner auf den richtigen Weg zu bringen. Alles war vergeblich. Zu schwach war der Gegner gegen einen Spieler wie Ramac.
 
Aber wer ist dieser Herr Ramac? Es ist der Ramac 305, ein elektronischer Computer, der auch Schach spielt. Er spielt und gewinnt. Wieder einmal schlägt die Maschine den Menschen. Uns dass Ramac ein so guter Schachspieler ist, überrascht und ärgert den Verlierer, der vielleicht zum ersten Mal die Demütigung einer Niederlage zu spüren bekommt.

Gestern, um Türme und Läufer gegen Ramac zu ziehen, stellte sich ein Mann, der viele Jahre lang italienischer Schachmeister war und nicht nur in Italien Lorbeeren erntete. Er ist bekannt von seinen Siegen gegen die besten Spieler seiner Zeit und sogar gegen die immer furchterregenden Russen. Auch heute noch birgt das Schachbrett keine Geheimnisse für diesen überragenden Spieler. Dennoch musste auch er eine Niederlage gegen Ramac einstecken.

Vor dem Schaltpult - einem rechteckigen Armaturenbrett - nahmen der Spieler und der Operator Platz. Durch Tippen auf der Tastatur übermittelte der Operator den Zug des Spielers an Ramac. Rote und gelbe Lichter leuchten auf dem Bedienfeld auf: Ramac ist im Begriff, die Antwort zu geben. Der Gegenzug ist die beste Antwort und wurde elektronisch aus dem "Speicher" ausgewählt. Das ist eine Art Schrank, mit dem das Panel verbunden ist, links vom Schachspieler zu sehen. Die Verarbeitungseinheit ist bereit, "den besten Zug zu finden" und gleichzeitig wurde die Antwort mit einem Kommentar angezeigt. 
 
Ramac erkannte - daran sieht man, wie gut er ist -, dass er es diesmal mit einem sehr starken Spieler zu tun hatte. Aber auch dieser war dazu verdammt, zu unterliegen. "Du bist ein guter Schachspieler", sagte er zu Beginn der Partie. Er schien ihn zu ermutigen, aber gleich danach kam die Warnung, dass alle Illusionen verschwinden würden: "Du spielst gut, aber ich werde trotzdem gewinnen".

Der Spieler ist voll engagiert, aber Ramac ebenfalls bereit und fast spöttisch: "Vergeblich versuchst du, dich zu retten." Dann kommt eine loyale Würdigung: "Das war ein guter Zug." Und die abschließend die etwas sarkastische Bemerkung: "Die Partie hätte weitergehen können, aber das Ergebnis hätte sich nicht geändert."

Ramac hatte seinen Gegner Schachmatt gesetzt. Allerdings muss zur teilweisen Rechtfertigung der Niederlage gesagt werden, dass keine Turnierpartie gespielt wurde, Ramac kann Züge in der Größenordnung von Hunderttausenden berechnen. Dennoch ist Ramac nicht zum Schachspielen gebaut worden. Er ist ein elektronischer Rechner, der "auch" Schach spielen kann, um eine originelle und lustige Demonstration seiner enormen Fähigkeiten zu geben. Bereitschaftsspeicher, Flexibilität, Arbeitsgeschwindigkeit: das sind die Tugenden

Mario Monticelli

Silla Mario Monticelli wurde am 16. März 1902 in Venedig geboren und war in seiner aktiven Zeit einer der stärksten italienischen Schachspieler. Von Beruf war er Journalist. Monticelli gewann mehrere Turniere in Italien und wurde auch außerhalb des Landes bekannt, als er den FIDE-Kongress 1926 in Budapest gewann, zusammen mit Ernst Grünfeld, vor einigen namhaften Spielern, wie Rubinstein, Reti und Tartakower. Montecelli wurde dreimal italienischer Landesmeister 1929, 1934 und 1939. Zwischen 1927 und 1936 nahm er an sechs Schacholympiaden für Italien teil. 

 

 

Die Spieler von San Remo 1930. Monticelli steht hinten, 2.v. l.

 

 

Im Zweiten Weltkrieg wurde Monticelli eingezogen, und 1943, als er sich weigerte mit den Nazis zusammen zu arbeiten, in ein Konzentrationslager gesteckt. am 19. Juli 1945 kehrte er nach Venedig zurück. Nach dem Krieg arbeitete er zunächst für "Il Populo" und zog aus diesem Grund nach Mailand um. Dort gewann er 1948 die Stadtmeisterschaften 

im Schach. Monticelli arbeitete später für die Presseagentur International News Service und dann bei "Corriere della Serra" als Leiter der Auslandsabteilung. 1950 wurde er von der FIDE zum Internationalen Meister ernannt. Nach seinem beruflichen Ruhestand führte Monticelli noch die Schachspalte im "Corriere della Serra" und begleitete dort unter anderem den WM-Kampf Fischer-Spasski sehr intensiv. 1985 wurde er von der FIDE zum Großmeister ehrenhalber ernannt. Mario Montecelli starb 1995 im Alter von 93 Jahren in Mailand.


Adolivio Capece ist ein Schachliebhaber, Journalist und Autor vieler Bücher. Er ist zudem im Italienischen Schachverband als Presssprecher tätig
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Zugnot Zugnot 08.03.2021 02:28
Hallo, vielleicht sollte "Zufall" besser durch "beliebig" ersetzt werden.. Man musste das Band nicht erst vor- oder zurückspulen, um an die Daten zu kommen. Platten sind eben 2dim. SF Joachim
Kampfkater Kampfkater 05.03.2021 04:14
Das war wohl damals ein Marketing-Gag, da die Leistung der damaligen Computer höchstens mit einer 8080-CPU von Intel (ca 1973) vergleichbar waren und die Schachprogrammierung in den Kinderschuhen steckte. Zu dem gab es kein Eröffnungsrepertoire, noch ausreichend schnellen Hauptspeicher, noch brauchbare Massenspeicher (5MB). Also ein typisches italienisches Jahrmarkts-Marketing! Es war lediglich das Aufmerksammachen auf den RAMAC (Random Access Memory of Accounting and Control) von IBM.
dontpanic dontpanic 04.03.2021 04:59
Wirklich interessant. Habe die Story an einen Freund weitergeleitet: Prof. Bernd Ulmann ist ein Fachmann für "Computer-Archäologie" ;) und er schreibt dazu: Danke, das kannte ich noch nicht - ich wusste, dass auf IBM 709, 7090 etc. Schachprogramme gab, aber dass man selbst auf der RAMAC so etwas machen konnte, ist extrem beeindruckend! ... Technische Informationen zur 305 gibt es übrigens: http://www.bitsavers.org/pdf/ibm/305_ramac/
WolfPaul WolfPaul 03.03.2021 03:36
Kaum zu glauben, dass es noch solche Fundstücke gibt. Fast noch weniger, dass so ein guter Spieler zu diesem Computer Frühhistorischen Zeitpunkt eine Partie verlieren konnte. Interessanter Artikel, habe diese Partien auch zum ersten Mal nachgespielt. Danke! WolfPaul
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