Heute vor 58 Jahren: Tal gegen die "goldene Generation"

von Vlastimil Hort
29.01.2019 – Heute vor 58 Jahren spielte Michael Tal in Prag gegen 20 starke tschechoslowakische Junioren, die goldene Generation - ein denkwürdiges Simultan. Vlastimil Hort erinnert sich. | Foto: Archiv Jan Michalak

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Zum Missfallen meiner Lehrer, spielte ich während des Unterrichts unter dem Tisch mit meinem Schulkameraden Franz Čermák oft unerlaubte, aber spannende Schachpartien. Der Tag des 2. Dezembers 1960  wurde jedoch zu einer großen Ausnahme. Warum? Der frisch gebackene Weltmeister Michail Tal hatte die Einladung des tschechoslowakischen Rundfunks, ein Simultan gegen die 20 besten Junioren des Landes zu spielen, angenommen. Plötzlich wurde unser Schachspielen mit Wohlwollen bedacht. Wir durften und konnten nach Herzenslust  analysieren. Alle in der Schule waren auf uns stolz!

Gestartet wurde das Simultan über den Rundfunk. Tal saß in Riga, wir im Gymnasium. Zweimal täglich wurden uns die Züge über den Rundfunk übermittelt. Nach 30 Zügen wurden die Partien abgebrochen.

Und genau heute vor 58 Jahren, am 29. Januar 1961, wurde das Simultan im Palais Luzerna am Wenzelsplatz in Prag fortgesetzt. Tal, damals noch mit üppigem Haar und scharfem Blick, musste sich sehr konzentrieren, um keine Partie zu verlieren. Ich glaube, die damalige "goldene" Schachgeneration hat es später in solch einer Konstellation nie wieder gegeben.  Der einzige, der beim Simultan fehlte, war Lubomir Kaválek.

Der festliche Saal im Palais Luzerna war bis auf den letzten Platz gefüllt. Eintrittskarten gab es keine mehr zu kaufen. Als ich später einmal als Student in der Schlange stand, um Eintrittskarten für das Konzert von Luis Armstrong und Ella Fitzgerald zu ergattern, wurden meine Erinnerungen an dieses großartige Schachevent wieder wach. Resultat +12, = 8 – 0, obwohl Tal fürchterlich erkältet war! Im Rückblick aus meiner Sicht, ein grandioses Ergebnis für den Weltmeister.

Hier eine Auswahl der Partien dieses Wettkampfes:

Tal-Haubt

 

Das war die erste beendete Partie des Spektakels. Hin und wieder sehe ich Georg Haubt im Frankfurter Raum. Wir können auf Tschechisch miteinander kommunizieren und erinnern uns gerne an die alten Zeiten. Die Partie gegen den Weltmeister wird er wohl nie vergessen.

Der "tschechische Tal", Jindřich Trapl, opferte schon in der Eröffnung zwei Bauern.

 

GM Jan Plachetka wollte unbedingt gewinnen.

 

Solide wie Granit ist die Sizilianische Paulsenvariante. Seniorenweltmeister GM Vlastimil Jansa hat sie noch heute in seinem Repertoire.

 

Fast ein Tor, aber torlos geblieben! Beide Kontrahenten waren gesundheitlich stark angeschlagen. Weiß spielte mit sibirischer Grippe, Schwarz mit Prager Grippe

 

Ein kleiner Fehler. Tal verzeiht nichts.

 

In der UdSSR wurde er oft kritisiert. "Warum rauchen Sie, wenn Schach doch zum Sport zählt?" Seine Antwort: "Für mich ist Schach eine Kunst und kein Sport. Ich kenne keinen Bildhauer, der nicht rauchen würde."

Tal´s berühmteste Zitat: „Ich kenne meine Opfer und die Opfer der anderen…“

 

Master Class Band 2: Mihail Tal

Dorian Rogozenco, Mihail Marin, Oliver Reeh und Karsten Müller stellen den 8. Schachweltmeister und seine Eröffnungen, sein Verständnis der Schachstrategie, seine Endspielkunst und nicht zuletzt seine unsterblichen Kombinationen in Videolektionen vor.

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Meine Partien gegen die Weltmeister

Hort stellte einige seiner Partien gegen die Weltmeister vor und weiß viel über diese großen Persönlichkeiten des Schachs zu berichten.

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Was ich mit Tal später noch erlebt habe, können Sie in den nachfolgenden Anekdoten nachlesen:

Begossener Pudel

Mit einem kräftigen Gongschlag wurde die neunte Runde des Aljechin Memorials in Moskau eröffnet. Just am diesem Tag, dem 9. November 1963, feierte mein Gegner Michail Tal seinen 27. Geburtstag. Eine Stunde Wartezeit auf den Gegner war damals noch in den Regeln verankert, die heutige Null-Toleranz existierte Gott sei Dank noch nicht.

Nach meinem Zug 1. e2-e4 stand der weiße Bauer lange Zeit einsam auf dem Brett. Mein berühmter Gegner war nirgends zu sehen. Der Turniersaal war bis zum letzten Platz besetzt und alle warteten, genauso verzweifelt wie die Organisatoren und ich, auf den Exweltmeister.

Wo war Michail Tal bloß abgeblieben? Im Hotel, seinem Zimmer, nirgendwo eine Spur von ihm. Die Organisatoren hatten inzwischen mobil gemacht. Im Moskauer Rundfunk lief eine dringende Suchmeldung nach Michail Tal. Polizei und Taxifahrer hatten längst ihre Instruktionen und eine Personenbeschreibung von ihm.

Neben mir tickte die Schachuhr lautstark vor sich hin während sich das „große rote Händchen“  langsam der vollen Stunde näherte! Zur Untätigkeit verdammt saß ich vor dem Brett und hoffte auf ein Wunder. Um keinen Preis wollte ich nämlich auf diese Weise die Partie gegen Tal gewinnen.

Plötzlich wie aus dem Nichts stand Tal auf der Turnierbühne. Es war kaum zu übersehen, dass er kräftig gefeiert haben musste. Wankend kam er auf mich zu, das Fähnchen der Schachuhr war wie er kurz vor dem Fall. Alle Augen auf ihn gerichtet näherte sich die Situation dem  Höhepunkt. Mit Hilfe der Organisatoren schaffte er die letzten Meter und zog mit allerletzter Kraft 1... c7-c5. Sein Fähnchen blieb oben stehen, während seine Alkohol-Fahne mir fast den Atem nahm…

Wo und wie er gefeiert hatte, in welchem Graben oder Bett er gelegen hatte, blieb und bleibt ein Geheimnis. Wir beide haben jedenfalls später noch sehr viel über den Vorfall gelacht.

Tal-Hort, Moskau 1963 | Foto: V. Ershov

 

Nach 1. e4 c5 wurde mein Gegner von zwei starken Gorillas wieder abtransportiert. Wohin? Unter die Dusche! Vollkommen bekleidet wurde er dort mit eiskaltem Wasser  wieder „aufgefrischt“. In seinem nun demolierten ehemals schönen  Anzug saß er mir anschließend wie ein begossener Pudel gegenüber. Selbst seine Zigarette, die ihm wie immer aus dem Mundwinkel hing, wollte nicht brennen.

Wir beide mochten uns immer. Bis zu seinem Ende blieben wir in gutem Kontakt. Als er nach dem Zerfall der UdSSR in Troisdorf ein würdiges Dach über dem Kopf gefunden hatte, also ganz in der Nähe meiner neuen Heimat, wurden wir im SG Porz für kurze Zeit sogar Vereins-Kollegen.

 

Besuch bei Tals in Troisdorf

Exweltmeister Michail Tal – ein Glückspilz? Nicht alle seiner Schach-Kollegen hatten jedenfalls so viel Glück wie er. Nach der Perestroika kamen sämtliche staatliche Zuwendungen auf den Prüfstand. Die russischen Schachprofis wissen davon ein Lied zu singen. Alle Schachstipendien und Unterstützungen wurden gestrichen und die Schach-VIPs hatten plötzlich keinerlei Vergünstigungen mehr zu erwarten.

Suetin, Bagirov, Gipslis, Nei und all die anderen mussten sehen, wie sie ihr Schäfchen ins Trockene bekamen. Die Preisgelder im Westen waren immer attraktiv. Wie die Bienen schwärmten die russischen Großmeister aus, um bei den westlichen Schachturnieren ein wenig Geld zu ergattern. Nach langen nächtlichen Fahrten mit dem Zug, ausgestattet mit Taschen voller Konserven suchten sie  auf den verlassenen Bahnhöfen oft nur ein stilles Plätzchen zum Schlafen. Für Übernachtungen in Hotels war ihnen das Geld zu schade. So zogen sie wie die modernen Nomaden von Open zu Open, immer in der Hoffnung auf ein Stück vom  Preis-Kuchen. Es war ein Kampf ums nackte Überleben.

Ich klingelte an der mir bereits bekannten Haustüre eines geräumigen Bungalows in Troisdorf. "Kommen Sie bitte weiter, Vlastimil" wurde ich freundlich empfangen und Tals Ehefrau Engelina führte mich in ein gemütliches Wohnzimmer. "Micha, wird gleich bei Ihnen sein."

Kurz darauf erschien er, der geniale Weltmeister, wie immer mit einer Zigarette im Mundwinkel. Beim Händeschütteln bemerkte ich ein deutliches Zittern seiner Hand. Wir alle wussten natürlich längstens Bescheid. Micha brauchte seinen täglichen Alkoholpegel. Bevor er in den Tag startete, musste er zuallererst einen starken Pott schwarzen Kaffee haben. Dass die Hälfte davon aus Jonny Walker bestand, erwähnte niemand von uns.

"Micha, bitte iss doch etwas. Ich habe Dir eine Scheibe Brot mit Kaviar vorbereitet." Aber nein, Micha wollte unbedingt ans Brett.

Bitte das Stellungsbild einfügen:

 

Obwohl ich mich verdammt bemühte, kam ich nicht hinter die Lösung. Wer diese Studie eigentlich konstruiert hat, weiß ich bis heute nicht. Glaube allerdings nicht, dass sie aus der russisch-sowjetischen Schule stammt. Verglichen mit Musik, erinnert sie an den komplizierten Fingersatz des virtuosen Geigers Niccolò Paganini. Vielleicht wird einer der Leser etwas über den Kompositeur dieser Studie wissen.

Ich konnte die Lösung nur bis zum Matt-Netz finden, alle weiteren Züge - nur Läuferzüge- sind wirklich diabolisch!

1. Sf6+ Kg7, 2. Sh5+ Kg6, 3. Lc2+ Kxh5, 4. d8D Sf7+, 5. Ke6 Sxd8+, 6. Kf5.

Soweit war ich noch gekommen. Michail lachte sich ins Fäustchen: "Der weiße Läufer ist der Terminator."

6. … e2, 7. Le4  e1S! 8. Ld5 c2, 9. Lc4 c1S! 10. Lb5 Sc7, 11. La4!

Gegen die Drohung La4-d1 ist kein Kraut gewachsen  - der fünfte schwarze Springer ist nicht vorhanden.

Danach trank auch ich einen großen Schluck Johnny Walker und ließ den guten russischen Kaviar auf der Zunge zergehen.

Dank des schachbegeisterten und freundlichen Witwers Eimert hatte Tal in seinen letzten Jahren ein zu Hause in Troisdorf gefunden und seine begabte sechzehnjährige Tochter konnte am Kölner Konservatorium studieren. Auch "Onkel Wilfried" vom SG Porz öffnete die Taschen.

Grusinischer Cognac oder Johnny Walker? Tal wusste natürlich, dass er schwer krank war. War ihm wirklich alles egal?

Für mich gab es jedenfalls nur drei geniale Weltmeister und zwar Tal, Fischer und Kasparov. Ich hatte das Glück, alle drei noch erleben zu können.




Ehemaliger Weltklasse-Spieler, WM-Kandidat, vielfacher Autor und bekannter TV Schachmoderator.
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blitzbendix blitzbendix 30.01.2019 05:12
Über die am Ende des Artikels erwähnte Studie gab es an anderer Stelle einmal einen Artikel:

https://en.chessbase.com/post/solution-to-a-truly-remarkable-study
R#H R#H 29.01.2019 12:23
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... nimmt man es genau, gab es vier russische Schachweltmeister:
Aljechin, Smyslov, Karpov, Kramnik.

... nimmt man es noch genauer, gab es einen
schweiz-ungarischen Schachweltmeister namens: Robert J. Fischer.


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