Redaktionelle Bearbeitung: Devansh Singh, ChessBase India
Jonathan Zhi: Einer deiner Spitznamen lautet „Flugzeugträger“. Woher kommt der?
Ding Liren: Der Spitzname stammt von Ni Hua. Er spielte darauf an, dass ich mich nur langsam in Bewegung setze. Oder vielleicht soll der Spitzname auch bedeuten, dass ich stark und gefährlich bin – ein Herrscher der Meere, voll beladen mit Waffen (Neuerungen).
Jonathan: Während deines Studiums musstest du an militärischen Übungen teilnehmen und hast dir die Zeit damit vertrieben, über Schach nachzudenken. Was hat es damit auf sich?
Ding:Ja, im Sommer nach meinem ersten Studienjahr nahm ich an dem militärischen Training teil, das von meiner Hochschule organisiert wurde. In dieser Zeit schweiften meine Gedanken oft ganz automatisch zum Schach ab. Stillstehen und nächtlicher Wachdienst waren eintönige Aufgaben, bei denen man lange in derselben Haltung verharren musste.
Um mir die Zeit zu vertreiben, begann ich, über Eröffnungen nachzudenken und in Gedanken Partien gegen mich selbst zu spielen. Ich erinnere mich, dass ich dabei eine Gambitvariante in der Altindischen Verteidigung ausgetüftelt habe. Gespielt habe ich sie nie – so ist sie nicht mehr als Schall und Rauch.
Jonathan: Wie steht es um dein Badminton? Womit beschäftigst du dich außer Schach noch?
Ding: Mein Niveau ist eher durchschnittlich. Im Doppel liege ich derzeit bei einer Gewinnquote von 47 Prozent. In Wenzhou habe ich jede Woche feste Zeiten zum Badmintonspielen. Darüber hinaus schaue ich gern Fußball und verfolge die Ergebnisse meiner Lieblingsmannschaft. Viel verändert hat sich nicht – mein Leben dreht sich nach wie vor größtenteils um Sport.
Jonathan: Du hast einige praktische Gründe genannt, warum du Schachspieler geworden bist (zum Beispiel, dass Schachprofi zu werden für dich einfacher als ein Studium war). Doch davon abgesehen: Spielst du gern Schach?
Ding: Ich genieße meine derzeitige Situation sehr. Ich meine damit: ein Spieler mit inaktiver Elozahl zu sein, der nur selten an Einladungsturnieren der Weltspitze teilnimmt. Ich genieße diesen seltenen Moment der Muße.
Jonathan: Wenn Spieler nach ihrer Motivation gefragt werden, nennen sie oft konkrete Ziele, etwa die Qualifikation für das Kandidatenturnier. Für dich liegen viele dieser Gipfel bereits hinter dir. Wo findest du heute Motivation oder Sinn als Schachspieler?
Ding: In der Freude am Spiel. Ich spiele gelegentlich online – das erfordert keine aufwendige Vorbereitung, sondern nur volle Konzentration im Moment. Der Prozess an sich ist erfüllend.
Jonathan: Wie hat sich deine Freude am Schach im Laufe deiner Karriere verändert? Wann hat dir Schach am meisten Freude bereitet?
Ding: Im Grunde war das immer gleich. Abgesehen von einer kurzen Phase habe ich diese Begeisterung stets bewusst bewahrt. Ich spiele nicht besonders häufig Turniere und habe mir genügend Zeit zur Erholung genommen. In den letzten Jahren habe ich zudem meine Trainingsmethoden umgestellt, sodass ich nachhaltiger und auf Dauer arbeiten kann.
Jonathan: Als junger Spieler hast du mit Büchern Alexander Kotovs und der Engine Rybka gearbeitet. Wie wäre es gewesen, wenn du zehn Jahre später aufgewachsen wärst – mit den heutigen Engines?
Ding: Dann hätte ich vermutlich weniger Partien anderer Spieler studiert, insgesamt weniger Partien durchgearbeitet und mehr Zeit mit stärkeren Engines analysiert, um schneller die besten Pläne in den Stellungen zu finden. Wahrscheinlich hätte man mit weniger Aufwand größere Erfolge erzielen können.

Ding Liren nach dem Gewinn des Li Chengzhi Pokals! | Foto: Ding Liren
Jonathan: Es gab eine Zeit, in der du vor allem Partien zwischen Engines studiert hast …
Ding: Ich denke, diese Trainingsmethode unterscheidet mich von anderen Spielern, sie ist die Quelle meiner Eigenständigkeit. Insgesamt ist die Spielstärke moderner Spieler gestiegen: Man muss Chancen in ausgeglichenen Stellungen finden, hartnäckig sein – das heißt, man muss mit der Präzision einer Engine spielen. Ganz abgesehen davon, dass es, ähnlich wie bei den besten menschlichen Partien, auch großen Reiz hat, Engine-Partien zu studieren.
Jonathan: Du giltst als nüchtern und analytisch – fühlt sich reine Logik für dich manchmal kalt oder leer an?
Ding: Stockfish steht für das höchste Niveau im Schach, die Engine verkörpert absolute Rationalität. Aber verschiedene KIs haben unterschiedliche Spielstile und betrachten Stellungen aus unterschiedlichen Perspektiven. Über andere KIs kann man sich dem Schach auf eigene Weise nähern und einen eigenen Stil entwickeln. Es ist wie bei Wang Xiaobo, der [Bertrand] Russell zitiert: „Vielfalt ist eine Voraussetzung für Glück.“
Jonathan: Während deines WM-Kampfs 2023 hattest du manchmal gemischte Gefühle über die Partien. Wenn dein Gegner ungenau spielte, warst du enttäuscht, dass die Partie durch menschliche Fehler an Qualität verlor – auch wenn es dir Vorteile brachte. Oder in der achten Partie wolltest du nicht unbedingt gewinnen, weil der Sieg nur durch zahlreiche Fehler zustanden gekommen wäre.
Ding: Das ist wie beim Badminton: Wenn der Sieg praktisch schon feststeht, spielt man manchmal einen Ball zurück, der eigentlich ins Aus gegangen wäre. Ich weiß nicht genau, warum ich in entscheidenden Momenten oft mehr Wert auf den Prozess als auf das Ergebnis lege. Ich glaube, die besten Partien entstehen durch das Zusammenspiel beider Spieler.

Ding während einer Pressekonferenz beim WM-Kampf 2023 | Foto: Anna Shtourman
Jonathan: Spielst du manchmal gegen LeelaKnightOdds oder andere Engines?
Ding: Nein. Aus Angst, die Nerven zu verlieren und mental einzubrechen. Ich habe nur eine einzige 3+2-Partie gegen LeelaQueenOdds gespielt – und gewonnen.
Jonathan: Spielst du gern Blitz und Schnellschach?
Ding: Ja, das mag ich – das ist Wettbewerb und unterhaltsam. Meine bevorzugte Bedenkzeit ist derzeit 3+2, aber online ist es schwer, Gegner dafür zu finden, deshalb weiche ich manchmal auf 3+0 aus. Man muss unter Zeitdruck Entscheidung fällen.
Jonathan: Abgesehen von verschiedenen Verpflichtungen (etwa dem Training mit der Nationalmannschaft) – womit beschäftigst du dich derzeit am liebsten?
Ding: Ich bringe dieses Interview zu Ende und schaue mir danach einige aktuelle Partien aus der Weltspitze an.
Jonathan: Welchen Rat würdest du deinem jüngeren Ich geben?
Ding: Ich wünschte, ich hätte früher mehr gelernt und das Studium länger ernsthaft verfolgt, statt es aus den Augen zu verlieren. Dann wären die späteren Jahre vielleicht erfüllter. Man denkt immer an das, was man nicht getan hat – oder an Wege, die man nicht gegangen ist.
Jonathan: In einem Interview hast du einmal den Kernel-pult aus Plants vs. Zombies erwähnt. Hast du dieses Spiel selbst gespielt? Gibt es andere Spiele, die du gern spielst?
Ding: Ja, früher. Heute spiele ich gelegentlich FC, ein Fußballspiel, und außerdem Tandem. Ich habe gemerkt, dass es genügend Schachvarianten gibt, die andere Online-Spiele ersetzen können.
Jonathan: Du hast erwähnt, dass du in Spanien gern Hummer gegessen hast. Was ist dein Lieblingsessen bei Turnieren im Ausland?
Ding: Ein Steak vom Holzkohlegrill in Russland. Damit habe ich mich nach Siegen belohnt – ein besonders intensiver Geschmack.

Ding Liren beim Kochwettbewerb während des Ruhetags beim Norway Chess Turnier 2018 | Foto: Lennart Ootes
Jonathan: Du giltst als jemand, der gern liest. Welche Bücher haben dir zuletzt gefallen?
Ding: Ehrlich gesagt habe ich in letzter Zeit nicht viel gelesen. Ein Buch, das ich vor Kurzem beendet habe, ist allerdings Yuan Zis Where Does the Light Come From?. Vor allem die philosophischen Passagen haben mich angesprochen.
Jonathan: Möchtest du deinen Fans noch etwas sagen?
Ding: Vielen Dank an alle für die Unterstützung!
Jonathan Zhi über sein Projekt "Underpromoted":
Ich habe während meines Studiums begonnen, mich intensiver mit dem Profischach zu beschäftigen. Irgendwann fiel mir auf, dass viele interessante Spieler in den Medien kaum erwähnt werden. Deshalb habe ich angefangen, Interviews mit ihnen zu führen, um diese Spieler vorzustellen und ihnen Raum zu geben, ihre Gedanken, Geschichten und Persönlichkeiten zu zeigen. Die Reise hat gerade erst begonnen – mal sehen, wohin sie führt.