Interview mit Sabrina Vega

von Tatiana Flores
22.07.2021 – Sabrina Vega ist die beste Spielerin in der Schachgeschichte Spaniens, gewann sechsmal die Landesmeisterschaft der Frauen und vertrat ihr Land bei fünf Schacholympiaden. Im Interview mit Tatiana Flores berichtet sie, welche Bedeutung das Schach für sie persönlich hat und wie das Schachspiel bei der Persönlichkeitsentwicklung der Menschen helfen kann.

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Interview mit IM Sabrina Vega Gutiérrez

Sabrina Vega Gutiérrez ist mehrfache spanische Schachmeisterin und Olympiamedaillengewinnerin. Sie wurde am 28. Februar 1987 in Las Palmas de Gran Canarias in Spanien geboren und erhielt ihren WGM Titel 2007, gefolgt vom IM Titel im Jahr 2013. In einem Exklusivinterview mit Tatiana Flores für ChessBase, berichtet Sie, wie ihr Leben und Alltag als professionelle Schachspielerin während der Pandemie ausgesehen hat, über ihre Rolle als eines der wichtigsten weiblichen Vorbilder in der Schachwelt und über den ihr im vergangenen März vergebenen Preis Reina Sofia (Königin Sofia).
 

Sabrina Vega Gutiérrez beim III Salamanca Chess Festival 2021

 

Tatiana Flores: Sie haben vergangenen März den Preis "Reina Sofia" (Königin Sofia) erhalten, der für besonders faire und noble Gesten im Sport vergeben wird. Sie hatten sich dazu entschlossen, nicht an der Blitz und Schnellschach WM 2017 in Saudi Arabien teilzunehmen, aufgrund der Bedingungen, die dort für die Frauen gelten. Wie war es für Sie, diesen bedeutungsvollen Preis aus den Händen der spanischen Königin zu erhalten.?

Sabrina Vega: Ich bin der Meinung, dass jeder Preis was Besonderes ist, vor allem, wenn damit deine Leistungen im Schach ausgezeichnet werden. Ich finde auch, dass alle Preisverleihungen emotional und gleich bedeutungsvoll sind; diese war für mich jedoch sehr wichtig. Erstens, weil mir diese Auszeichnung vom spanischen Königspaar ausgehändigt wurde und zweitens weil man mir damit nicht nur eine sportliche Leistung anerkannt hat, sondern auch eine wichtige soziale Geste und Entscheidung, die mit der Vermittlung von Werten in unserer Gesellschaft und der Transzendenz im Sport selbst zu tun hat. Ich glaube, diese zwei Faktoren machen diesen Preis so besonders.

Sabrina Vega Gutiérrez neben dem spanischen Königspaar bei der Preisverleihung

 

Sie sind in Las Palmas de Gran Canarias großgeworden, eine Insel, die eine breite Schachkultur genießt. Wie sehr hat Sie dieses in Ihrer Entscheidung beeinflusst, professionelle Schachspielerin zu werden?

Das ist ein Punkt, den ich immer wieder erwähne, wenn ich das Glück habe, einen Vortrag in einem Klub oder bei einer Veranstaltung halten zu können. Die Tradition ist eine der wichtigsten Grundsäulen, um dem Schach mehr Anerkennung zu geben. Man braucht Einrichtungen, die diese Aktivität unterstützen und fördern. Ich glaube, das sind elementare Faktoren dafür, weil wenn man einmal in der Schach-Welt ist, es einem nicht mehr schwerfällt, die ganzen Vorteile, die Schach hat, zu erkennen und vor allem anzunehmen. Meiner Meinung nach fehlt dem Schach viel Marketing. Ich erkläre immer wieder, dass ich die Erste war, die in meiner Familie und meinem engeren Umfeld mit dem Schach angefangen hat. Ich habe das Schachspielen nicht gezielt gesucht, sondern bin darauf gestoßen - ich habe es so zu sagen gefunden-, weil es hier auf den Kanaren so viele Angebote gab, eben auch in meiner Schule als AG. Es sind letztendlich einfache Angebote wie diese, neben den großen Simultanveranstaltungen, die früher hier auf den Hauptstraßen veranstaltet wurden (das muss man sich erst einmal vorstellen!), die ganzen Eliteturniere, die hier gespielt wurden und letztendlich auch eine Politik, die das Schach unterstützt, die es den Menschen ermöglichen, dem Schach näherzukommen und es schließlich auch zu erlernen.

Ihre Schwester WIM Belinda Vega Gutiérrez ist ebenfalls Schachspielerin geworden, obwohl sie mit dem Schachspielen einige Jahre später angefangen hat als Sie. Wie war es für Sie, mit Ihrer älteren Schwester eine solche Leidenschaft gemeinsam zu haben? Waren Sie deswegen manchmal eifersüchtig aufeinander, gab es viel Rivalität?

Ehrlich gesagt, fand ich es immer ganz toll, alles im Schach mit ihr teilen zu können. Ich habe praktisch seit meinen Anfängen im Schach mit acht Jahren auch an Turnieren teilgenommen und konnte das immer – nicht nur mit meiner Schwester –, sondern mit meiner ganzen Familie teilen (sie haben tatsächlich alle nach mir auch mit dem Schachspielen angefangen). Das war immer ein sehr wichtiges Gefühl für mich. Dass ich mit Belinda zusammen reisen, über Schach reden und an den Turnieren teilnehmen kann, ist einfach nur schön. Schließlich habe ich in gewisser Hinsicht ein bisschen wegen ihr mit dem Schachspielen angefangen: Sie turnte früher, als sie jung war und hatte einen sehr starren und eigenwilligen Trainingsplan. Um mir die Angelegenheit mit den vielen Reisen meiner Eltern etwas zu erleichtern, entschloss ich, das Schach auszuprobieren, weil das mit den Uhrzeiten sehr gut passte und am Ende hat es super funktioniert! Einige Jahre später, als Belinda nicht mehr turnen wollte, fing sie auch mit dem Schach an; dann hatte sie dankt mir ihre nächste Leidenschaft gefunden und das finde ich ziemlich erstaunlich. Wir haben uns gegenseitig beeinflusst und geholfen, als es darauf ankam und das ist einfach fantastisch.

Eifersucht gab es wirklich nie, im Gegenteil: Wir haben oft gegeneinander in den absurdesten Situationen antreten müssen! Ich weiß noch, als wir beide zu einer Frauenmeisterschaft in Europa nach Belgrad gereist sind. Ich erinnere mich nicht mehr genau an die Teilnehmerinnenzahl, es war jedenfalls eine Rekordzahl mit fast 150 Spielerinnen, und wir mussten gleich in der ersten Runde gegeneinander spielen. Es war schon ziemlich speziell, aber was soll man machen. Wir haben uns immer auf ein Remis geeignet und den Rest zu Hause geklärt; wir haben immer versucht, es mit Humor zu nehmen. Ich könnte Dir von vielen ähnlichen Situationen erzählen, die auch richtig schön waren, wahrscheinlich ist die, als ich die Windpocken bekam, eine der nennenswertesten. Ich sollte in der spanischen Meisterschaft in der U12 und sie in der U14 mitspielen, dann erkrankte ich jedoch. Als Entschädigung dafür durfte ich, als es mir wieder besser ging, in der Altersgruppe U16 teilnehmen, da diese an einem späteren Tag ausgeführt wurde als die U10 und die U12. Am Ende erkämpfte sich Belinda den ersten Platz in ihrer U14 Altersgruppe und ich in der U16. Das war wirklich ein unglaublicher Familienmoment für uns beide. Einfach wunderbar!

Welche sind für Sie die wichtigsten Fähigkeiten, die uns das Schachspielen beibringen kann?

Darüber könnte man tatsächlich ein ganzes Buch schreiben! Meiner Meinung nach sind es viele, die Wichtigste jedoch, dass Schach dabei hilft, das Gehirn zu strukturieren. Alle weiteren Fähigkeiten leiten sich davon ab: das Treffen von Entscheidungen, das Zeitmanagement und die Kontrolle über die eigene Enttäuschungen. Schach lehrt uns, wie wir verschiedene oder bestimmte Informationen sammeln und dann objektiv bewerten können. Gleichzeitig lernen wir so Prioritäten zu setzen und zu erkennen, dass auf jede Entscheidung eine Konsequenz folgt. Daher sollte man immer erst überlegen, bevor man einen Zug macht – oder sich im echten Leben entscheidet – und dabei die verfügbare Zeit beachten. All diese Fähigkeiten finde ich sehr wichtig und außerdem findet man sie auch ständig im Leben abseits vom Schach. Dort sind wir immer von Informationen und Reizen umgeben und müssen ständig Entscheidungen treffen.

Als Letztes in die Frustrationsbewältigung ausschlaggebend, –  das erwähne ich auch immer wieder in meinen Vorträgen. Schach kann uns lehren, dass Fehler und Rückschläge nichts anderes sind als ein weiterer Abschnitt auf dem Weg zum Erfolg. Fehler kann man einfach nicht vermeiden, im Leben schließlich ja auch nicht. Man kann jedoch trotz Fehler – oder einem schlechten Zug in einer Partie – gewinnen. Das Ausschlaggebende dabei ist, dass man diese psychische Grenze überwindet und Fehlern gegenüber stark wird. Außerdem hat Schach auch eine eigene Sprache, die sich aus Ziffern und Zahlen zusammensetzt. Das sollte man auch nicht vergessen. Die wichtigsten Fähigkeiten sind ich jedoch diese, die ich gerade aufgezählt habe und dass Schach auch ein extrem wertvolles pädagogisches Hilfsmittel sein kann.

Welches Turnier Ihrer bisherigen Karriere würden Sie als eines Ihrer Wichtigsten oder Ausschlaggebendsten bezeichnen? Haben Sie auch einzelne Partien, die sehr wichtig waren?

Ja, nach 25 Jahren Schachkarriere hat man definitiv viele wichtige Partien gespielt. Es sind auch viele verschiedene Turniere gewesen, die ich glaube, am Ende alle einen gewissen Einfluss aufeinander hatten. Ich finde es schwierig, sie voneinander abzugrenzen, jedoch erinnere ich mich an einem noch sehr konkret und zwar die Weltmeisterschaft U12, die hier in Spanien in Valencia ausgeführt wurde, wo ich in der vorletzten Runde gegen Humpy Koneru gewonnen hatte.

 

Wir hatten dann ausgerechnet, dass ich mit einem Remis in meiner letzten Partie Bronze bekommen würde. Es reichte nicht mehr für den ersten, noch für den zweiten Platz, aber immerhin für den dritten. Dann war ich also mitten in der letzten Runde, – und obwohl die Stellung ziemlich ausgeglichen war, sah ich Gewinnchancen wegen meiner Initiative –, ich bot aber trotzdem Remis an. Mit meinen zwölf Jahren schien mir das eine gute Entscheidung zu sein und war auch ziemlich zufrieden damit, bis sich am Ende herausstellte, dass ein Mädchen vom russischen Team, – gegen die ich zuvor auch noch gewonnen hatte, – eine super Partie gespielt, diese gewonnen und mich somit aufgeholt hatte. Wir lagen plötzlich mit unseren Punkten im Gleichstand. Infolge der Zweitwertung wurde letztendlich sie dritte und nicht ich (meine Familie und ich hatten wohl falsch gerechnet!).
Man kann sich vorstellen, wie es mir in diesem Moment ging: Ich war einfach nur entsetzlich enttäuscht! Ich war noch sehr jung und hatte darauf vertraut, dass es mit einem Remis reichen würde und erst gar nicht versucht zu gewinnen. Es ist noch was anderes, wenn man alles gibt, es versucht und es am Ende doch nicht gelingt, aber in diesem Moment hatte ich es nicht mal versucht. Es sind Situationen wie diese, in denen ich gelernt habe, mit meiner Frustration umzugehen und ich glaube wirklich, dass ich dank genau dieser Erfahrung mir später viele Erfolge holen konnte. Es ist vielleicht seltsam, dass ich diese Partie und nicht eine, die ich eindrucksvoll gewonnen habe, als eine meiner Wichtigsten bezeichne, aber wie schon gesagt: Ich war noch sehr jung, mir fehlte noch viel Reife und Erfahrung, aber ich habe unheimlich viel daraus lernen können. Ich bin auch der Meinung, dass ich dank dieser besonderen Partie die Europavizemeisterschaft in Rumänien in 2016 gewonnen habe. Dort hatte ich in der fünften Runde eine dramatische Niederlage hinnehmen müssen, da ich wegen Zeitnot aber mit einer gewonnenen Stellung verloren hatte… Zum Glück konnte ich mit dem Rückhalt meiner Familie und Freunde rechnen und genau mit dieser Erfahrung, die ich seither im Hinterkopf hatte! Ich sagte dann zu mir selbst, dass Aufgeben wohl keine Option sei und es noch einige Runden zu spielen gäbe, in denen ich am Ende erfolgreiche 5,5 von 6 Punkten machen konnte. Ich glaube all diese kleinen Schritte setzen sich irgendwann zu einen großen zusammen.

Wie würden Sie die Entwicklung Ihres Spielstils von Ihren Anfängen an bis jetzt beschreiben?

Ich spiele schon seit vielen Jahren Schach und wage deswegen zu behaupten, dass es Phasen gibt, gewiss auch Persönlichkeitsphasen, die sich auf dem Brett widerspiegeln, jedoch finde ich, dass sich mein Spielstil in den letzten Jahren nicht allzu besonders verändert hat. Ich gestehe schon, dass mein erster Trainer (der mir die Leidenschaft fürs Schach vermitteln konnte) immer meinte, dass damals die Taktik eine Schwäche von mir war. Er bezog sich nicht so sehr auf die Taktik an sich, sondern eher auf unübersichtliche taktische Stellungen und er hatte Recht (sie lacht). Ich versuchte häufig, mich in Stellungen wiederzufinden, die sehr positionell waren, sie lagen mir einfach besser. Ich habe es leider nie geschafft, mich an das sehr taktische Spiel erfolgreich heranzuwagen, so wie Carlsen in seinen ersten Phasen oder auch Karpov und Petrosian es spielten. Das war wirklich nie mein Stil. Mir lagen aber Stellungen mit viel Dynamik, wo es auch Raum für Angriffsmöglichkeiten gab.

Ich glaube, eine beträchtliche Veränderung gab es, als ich anfing, die Partien von Botvinnik und von Kasparov zu studieren. Man merkte sofort, dass er von Botvinnik trainiert wurde und ich erkannte in ihren Partien bestimmte Muster und Strategien, die mir zu einem Niveausprung verhalfen.

Am Anfang hatte ich also dieses eher positionelles Spiel, jedoch veränderte sich mein Stil langsam weiter, weil ich mit mehr Spielerfahrung anfing, mich auch für anderes zu interessieren und natürlich durch das Training mit David Martinez. Mit seinem Training habe ich mich oft getraut, Varianten zu spielen, von denen ich keine Ahnung hatte. Ich habe, wenn es nötig war, den ganzen Abend gelernt und die Varianten am nächsten Tag erfolgreich im Turnier gespielt. So habe ich Erfahrungen gesammelt und wurde gleichzeitig in meinem Spiel sicherer. Dadurch hat sich auch mein Spielstil verändert. Hierzu kann ich Dir eine kleine Geschichte erzählen: Ich hatte einen Freund aus Kindheitstagen, der auch Schachspieler war und mal eine Gruppe Jugendliche trainierte. Als ich schon einige Jahre spielte, trat ich gegen einen seiner Schüler an. Später in seinem Unterricht fragte ich ihn, wie er meine Leistung bewerten würde und er meinte nur, dass er sich darüber gewundert hätte, wie angriffslustig ich geworden war. Ich glaube, das war der Zeitpunkt, an dem es die größte Entwicklung in meinem Spiel gab, wahrscheinlich auch wegen der Reife und des Alters.

Sie hatten die Möglichkeit, trotz Pandemie vor Ort beim Salamanca Chess Festival 2021 teilzunehmen. Bei diesem Turnier durften sie gegen Schachgrößen wie den ehemaligen FIDE-Weltmeister Veselin Topalov, den Gewinner des Turnieres Alexei Shirov und auch gegen starke Spielerinnen wie Elisabeth Pähtz oder Almira Skripchenko antreten. Wie war diese Erfahrung für sie?

Dieses Jahr war es das zweite Mal in Folge, dass ich zum Festival eingeladen wurde, was mir natürlich eine große Freude war. Es war erst die dritte Auflage, die stattgefunden hat, doch das Salamanca Chess Festival ist schon zu einer nationalen und internationalen sehr angesehenen Veranstaltung geworden. Es kommt noch hinzu, dass man nicht oft die Möglichkeit hat gegen so viele starke Spielerinnen und Spieler zu spielen und die Tatsache, dass man mich in Spanien ein weiteres Mal dazu ausgewählt hat, das Land zu repräsentieren, ist natürlich eine zusätzliche Ehre. Ich weiß noch, dass ich vor der ersten Edition sehr aufgeregt war, ich wusste nicht genau, was mich dort erwarten würde, aber am Ende konnte ich viele schöne Erfahrungen sammeln. Ich erinnere mich noch an die Partie, die ich gegen Hou Yifan gewann: Die Partie war ziemlich kompliziert, eine echte Kampfpartie. Ich war nach der Partie sehr glücklich nach Hause gegangen.

 

Dieses Jahr bin ich schon mit viel Vorfreude angereist und da ich auch schwanger war, hatte ich noch eine zusätzliche Freude. Das Turnier war, was die Spielleistung angeht, sehr anspruchsvoll, aber darum geht es schließlich auch im Schach: um Herausforderungen! Ich hatte nichts zu verlieren, nur zu gewinnen und allein jede Partie genießen zu können, war für mich schon ein Luxus. Es war im Ganzen wieder eine sehr schöne Erfahrung und Salamanca ist einfach eine wunderbare Stadt. Sie ist einen Besuch wert und hat eine große Schachtradition. Man merkt, dass dort die Unterstützung für das Schach direkt von der Universität und den Bildungsinstitutionen kommt. Es ist immer wieder ein Genuss, das zu erleben.

Sabrina Vega Gutiérrez spielt gegen Veselin Topalov beim Turnier von Salamanca, vergangenen Februar

 

Sie haben in Salamanca nicht nur beim Turnier mitgespielt, sondern haben auch einen der Vorträge gehalten, die im Rahmen des Festivals angeboten wurden, mit dem Titel: “Die aktuelle Stellung der Frau im Schach, ein Sport, der die Gleichberechtigung fördert“. Was bedeutet es für Sie, wichtige Themen wie dieses und Ihre langjährige Erfahrung als Schachspielerin einem großen Publikum vortragen zu können?

 

Ich glaube meine langjährige Erfahrung ist das, woraus ich am meisten schöpfen kann. Wie ich schon erwähnt habe, bin praktisch durch alle Phasen dieses Sports gegangen: Es hat für mich als nur ein weiteres Spiel angefangen, dann wurde es zu einem weiteren Hobby oder einer Freizeitaktivität bis hin zur Wettkampfdisziplin und letztendlich auch zu meinem Beruf. Ich freue mich immer, wenn ich die Möglichkeit habe, nicht nur die Erfahrungen, die ich in Wettkämpfen oder generell in diesem Sport gesammelt habe, sondern auch alles, was ich darüber hinaus dank des Schachspielens gelernt habe, mit einem interessierten Publikum zu teilen. Ich glaube nicht daran, dass es nur eine Wahrheit gibt, aber wenn ich meinen Blickwinkel auf das Schach vermitteln und mich mit anderen Schachfreunden austauschen kann, dann ist es auch immer ein Genuss für mich und eine weitere Erfahrung.

Sie sind nicht nur in Spanien, sondern auch darüber hinaus ein wichtiges Vorbild als weibliche Schachspielerin und für die Gleichberechtigung im Schach. Haben Sie in letzter Zeit diesbezüglich Fortschritte registrieren können, vielleicht sogar durch den Einfluss der Netflix Serie “Das Damengambit”?

An die Bezeichnung „Vorbild“ muss ich mich immer noch gewöhnen, aber auf jeden Fall freut es mich, dass ich für die Schachgemeinschaft etwas beitragen kann, zum Beispiel für die Anfangszeit und die Frage, ob man dann weitermachen soll - was gerade ein sehr wichtiger Punkt ist, – denn im Teenageralter sinkt die Anzahl weiblicher Spielerinnen drastisch, – oder bei der Vorbereitung allgemein. Ich glaube schon, dass es während der Pandemie gewisse positive Veränderungen gab. Zum einen zeigte sich, dass Computer und das Internet heutzutage elementar für die Schachspielerinnen und Schachspieler sind und dass man damit viel anfangen kann, wie zum Beispiel sich während des Lockdowns mit Schach zu beschäftigen und etwas Spaß zu haben. Die meisten unserer Turniere und Veranstaltung konnten natürlich nicht stattfinden, es wurden dafür aber viele Onlineturniere angeboten und organisiert, sogar auf Topniveau, die uns ermöglicht haben, so gut es eben ging, weiterhin Schach zu spielen und mit der Gemeinschaft in Kontakt zu bleiben. Des Weiteren glaube ich, dass das auch eine Gelegenheit für diejenigen war, die mit Schach irgendwann aufgehört haben und sich nun wieder damit beschäftigen konnten. Und für alle, die zuvor noch nie an Schach gedacht hatten, war es ebenfalls ein sehr günstiger Moment. Das hat man an den Zahlen der täglich gespielten Onlinepartien deutlich beobachten können.

Die Netflix-Serie „Das Damengambit“ hat sicherlich einen Boom erzeugt. Ich finde, dass Schach ein sehr wertvoller Sport ist und finde es sehr schade, dass es nur geringe Anerkennung bekommt. Ich glaube, Schach verdient mehr Aufmerksamkeit. Die Medien berichten heutzutage zwar mehr darüber, aber es gibt noch viel Luft nach oben. Wie ich vorhin schon angedeutet habe, fehlt es dem Schach extrem an Marketing und genau das hat die Serie meiner Meinung nach gut erfüllt: Sie hat es geschafft, die ganzen Vorteile, die Schach bietet, einem breiten Publikum zu zeigen; nicht nur den aktiven Spielerinnen und Spielern, sondern der ganzen Gesellschaft. Dieser Aspekt ist der Serie sehr gelungen und außerdem hat sie gleichzeitig die Neugier für das Schach in vielen Menschen erweckt, die mit diesem Spiel vorher nicht vertraut waren.

Sie haben dieses Jahr mit dem Online-Streaming angefangen und sind von den spanischen Schachfreunden sehr herzlich empfangen worden. Wie war das für Sie?

 

Wir haben dieses Projekt tatsächlich erst vor Kurzem begonnen und sind noch in der Probephase. Wir experimentieren noch ein bisschen herum und eine kleine Pause musste ich wegen meiner Mutterschaft auch einlegen, aber es war ein guter Start. Es war im Ganzen natürlich der Pandemie geschuldet, dass ich mich von Bekannten und Freunden dazu überzeugen haben lasse. Ich nutze Computer im Schach ansonsten nur für die Analyse und Vorbereitung meiner Partien, aber unter diesen Umständen, in denen wir uns gerade befinden und mit den Hilfsmitteln der modernen Technik bot sich das ganz gut an. Besonders auch, um die Kommunikation von „Angesicht zu Angesicht“ und den persönlichen Austausch, der mir sehr wichtig ist, so gut wie möglich aufrechtzuerhalten.
Die Resonanz war tatsächlich sehr herzlich und ich habe mich sehr darüber gefreut. Es war ein Experiment, vorauf ich mich eingelassen habe und immer, wenn sich die Möglichkeit anbietet, laden wir einen Gast ein, analysieren eine interessante Stellung oder Partie und kommentieren sie gemeinsam, um im Endeffekt einfach eine angenehme Zeit mit anderen Menschen, die Schach mögen, zu verbringen.

Sie sind vor Kurzem zum ersten Mal Mutter geworden. Haben Sie schon eine genaue Vorstellung, wie Sie es gerne hätten, dass sich Ihr Kind dem Schach nähert? Fänden Sie es gut, wenn es Schach auch eines Tages als Beruf für sich auswählt? Gibt es für Sie ein ideales Alter, in dem Kinder anfangen können, Schachspielen zu lernen?

Das ist eine sehr gute Frage… Ich würde es auf jeden Fall gut finden, ja. Ich habe vollstes Vertrauen in das Schach und die Fähigkeiten, die es vermittelt. Es würde mir schon sehr gefallen, wenn mein Kind eines Tages Interesse dafür hat und sich mit Schach versucht. Aber ich finde ich ausgesprochen wichtig und betone es immer wieder: Die Kinder sollten selbst den Wunsch haben, Schach lernen zu wollen. Ich werde natürlich versuchen, ihn so gut wie möglich dafür zu begeistern. Ich weiß noch nicht genau wie, aber vermutlich werde ich Schachbretter und –Figuren als Köder im Haus aufstellen und darauf hoffen, dass er anbeißt (sie lacht). Ich würde es schon sehr schön finden, wenn mein Sohn mich eines Tages bittet, ihm das Spiel beizubringen. Ich glaube vor allem die ersten Phasen, wenn Schach einfach ein Spiel ist, sind sehr schön. In den ersten Jahren kann Schach ein pädagogisches Hilfsmittel sein und kann Kindern die Fähigkeiten vermitteln, über die wir schon gesprochen haben. Objektiv betrachtet ist mein Ziel, ihm den Zugang zu den Informationen, Wissen und Möglichkeiten zu bieten, die er braucht, um sich damit kritisch auseinandersetzen. Danach kann er selbst entscheiden, was er gerne damit anfangen möchte. Wenn ich das schaffe, dann wäre ich als Mutter zufrieden.

Was das “perfekte Alter” angeht, glaube ich, dass es auf diesem Gebiet bestimmt besser informierte Leute gibt als ich. Aber die generelle Meinung lautet, dass Kinder ab drei Jahren anfangen können, sich dem Schach zu nähern. Sei es erst mit dem Ausmalen von Zeichnungen oder dem bloßen Anfassen, so als ob die Figuren ein weiteres Spielzeug wären, das ihre Neugier wecken soll. Ab dem fünften Lebensjahr glaubt man, dass sie schon in der Lage sind, etwas mehr vom Spiel zu verstehen wie einfache Taktiken zum Beispiel.

Ich kenne Kinder aus meinem engeren Umfeld, die aus Schachspielerfamilien kommen, die schon mit vier und fünf Jahren ihre Partien in den Computer eingeben können. Die Partien, die sie spielen, sind natürlich sehr einfach, aber immerhin spielen sie schon richtig. Ich glaube, es hängt auch viel vom jeweiligen Kind ab. Nicht alle Gehirne wachsen und lernen gleich schnell, deswegen finde ich es empfehlenswert, die Kinder nicht dazu zu zwingen oder unter Druck zu setzen, man sollt ihnen Platz geben, damit sie herausfinden können, ob und wie weit sie sich dem Schach nähern wollen.

Was würden Sie sofort in der Schachwelt ändern, wenn Sie einen Wunsch frei hätten?

Vermutlich würde ich Aspekte dort ändern, wo ich viel Verbesserungspotenzial sehe. Auch wenn es schon Verbesserungen gibt: Am meisten fehlt mir die Anerkennung fürs Schach bei den Leuten, die nicht zur Schachgemeinschaft gehören. Auf der anderen Seite fehlt mir die Sichtbarkeit des Schachs in allen Gebieten, auch in der Gesellschaft generell.

In der Schachwelt sehe ich immer noch eine zu geringe Bedeutung des Frauenschachs. Ich glaube, dass dort die nötige Unterstützung langsam zur Verfügung gestellt wird, damit weibliche Spielerinnen endlich mehr Präsenz bekommen. Wichtig ist es, diese Verbesserungsprozesse weiterhin intensiv zu fördern und zu unterstützen und auch die Möglichkeiten in diesem Gebiet zu erweitern.
Grundsätzlich würde es mir auch sehr gefallen, wenn eine größere Schachgemeinschaft die Möglichkeit hätte, sich 100 % dem Schach zu widmen, natürlich auch beruflich. Es gibt solche Bestrebungen, auch in der FIDE. Ich finde es trotzdem aber wichtig, dranzubleiben und vor allem weiterhin viele diverse Möglichkeiten zu bieten.

Vielen Dank für Ihre Zeit! Und viel Erfolg alles Gute für Ihre Zukunft.

Das Interview wurde von Tatiana Flores per Zoom auf Spanisch durchgeführt, übersetzt und transkribiert.

 


Tatiana Flores wurde 1998 in Andorra geboren und zog, als sie 14 war, mit Ihrer Familie nach Deutschland. Sie arbeitet als Schach-Journalistin, Dichterin und mehrsprachige Autorin. Sie begeistert sich neben dem Schachspielen auch für Literatur und Musik.

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