Jean Dufresne – Meister mit Holz und Feder

von Michael Dombrowsky
14.02.2019 – Was der Name nicht verrät – dieser Meister, dessen Geburtstag sich heute zum 190. Mal jährt, war ein waschechter Berliner. Ebenso bewegt wie sein Leben selbst verlief auch die Schachkarriere von Jean Dufresne. Ein Beitrag von Michael Dombrowsky.

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Ewiger Ruhm: Wenige Partien – viele Bücher

Jean Dufresne ist weniger durch Triumphe in den Turniersälen auf dieser Welt bekannt geworden. Als er am 14. Februar 1829 geboren wurde, war das letzte große Schachturnier von Madrid längst verstaubte Geschichte des Mittelalters, hatte es doch bereits 254 Jahre zuvor stattgefunden.

Als Sohn einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie besuchte er natürlich das „Berlinische Gymnasium zum Grauen Kloster“. Auch wenn der Name des Gymnasiums durch die Wirren der Geschichte vom Nikolaiviertel an der Spreeinsel nach Schmargendorf gewandert ist; damals wie heute gehörte und zählt das Gymnasium zu den Eliteschulen Berlins.

Man darf sich durch den französischen Familiennamen nicht täuschen lassen: Jean Dufresne stammte aus einer alteingesessenen jüdischen Familie, die seit Generationen in Berlin lebten. Einer seiner Vorfahren war sogar der Bankier von Friedrich dem Großen gewesen, bei dem es allein durch die zahlreichen Kriege viel zu tun und viel zu verdienen gab. In diesen Jahren hieß die Familie noch Ephraim und Jeans Großvater nahm erst 1812 die Chance zum Namenswechsel wahr.

Nachdem Jean 1847 das Abitur bestanden hatte begann er ein Jurastudium in Berlin und Breslau. Dort lernte er auch Adolf Anderssen kennen. In diese Zeit fiel auch ein Ereignis, das seinen Ruf als sehr guter Schachspieler begründete. Jean Dufresne hatte als Jugendlicher die Spielregeln von seinem Vater gelernt. Doch Professor Johann Eduard Wolff gab seinem Spiel durch Hinweise nach miteinander gespielten Partien viel mehr Schliff.

Dies wurde im Januar 1848 deutlich und bedeutete nur für Außenstehende eine Sensation. In diesen Wintertagen machte der Meister Daniel Harrwitz auf der Fahrt von Paris nach Breslau Station in Berlin. Harrwitz, am 22. Februar 1821 in Breslau geboren, beschäftige sich schon früh mit Schach. Nach dem Abitur und einer kurzen Zeit im Unternehmen seines Vaters ging er auf Reisen. Er war erst im Londoner Schachklub häufiger Gast und spielte bereits 1846 einen Wettkampf gegen Howard Staunton. Danach gastierte er in Paris im Café de la Regence und nutzte die Zeit für eine Heimreise als das Café umgebaut wurde. Ab 1854 engagierte ihn der Besitzer des „Regence“ als Berufsspieler.

1848 spielte Harrwitz also in Berlin einen Wettkampf gegen Carl Mayet, einem der stärksten Spieler Berlins, der 1851 neben Anderssen beim Turnier in London teilnahm. Harrwitz gewann mit 6:3 (+5 =2 -2). Dufresne hatte an einem Abend die Gelegenheit, gegen Harrwitz zu spielen. Er nutzte die Chance für einen krachenden Sieg. Die Partie wurde zuerst in der Schachzeitung (2/1848 S.98) gedruckt.

 

Plötzlich war sein Name unter den Schachspielern Deutschlands bekannt. Für Anderssen war Dufresne im Frühjahr 1851 der ideale Trainingspartner. Der Professor gab seine Stelle als Privatlehrer in Pommern auf und zog für ein paar Wochen nach Berlin. So konnten sie bis zu Anderssens Abreise nach London im Mai etliche Wettkämpfe spielen. Dufresne erzählte später einmal, dass er mehr als 200 Partien mit Anderssen gespielt habe.

 

Doch das sorgenfreie Leben des Studenten Jean endete abrupt. 1852 ging sein Vater Bankrott. Geld für das Studium musste er sich nun selbst verdienen. Da kam ihm die Meisterschaft der Berliner Schachgesellschaft gerade recht. Im April 1853 gab es ein Finale zwischen Dufresne, Max Lange und Mayet. Jeder spielte gegen jeden, Dufresne besiegte beide und gewann den ersten Preis vor Max Lange.

 

Der Sieger erhielt sechs Friedrich d’or, der Zweite drei Friedrich d’or. Mayet war enttäuscht und forderte Dufresne zu einem Match bei dem der Sieger sieben Gewinne erzielen musste. Der Einsatz betrug zwei Friedrich d’or. Dufresne gewann mit 7:5 ohne Remis. Was bedeutete so ein Gewinn von acht Friedrich d’or? Für die Goldmünzen musste zum Beispiel ein Leinenweber fünf Wochen arbeiten um den Betrag zu verdienen. Oder man konnte 360 Pfund Fleisch oder 700 Pfund Mehl kaufen. Und wem das zu staubig ist – 800 Liter Bier.

Dufresne war kein Hasardeur, ein Leben als Berufsspieler kam für ihn nicht infrage. Aber er hatte schon für Zeitungen geschrieben. Also schlug er den Weg des Journalisten ein. Recht schnell merkte er, dass Beides nicht ging. Also gab er das Studium auf und warf sich auf den Journalismus. Er wurde Zeitungsredakteur und übernahm 1857 neben Anderssen auch die Leitung der „Schachzeitung“. Doch gab er dies nach einem Jahr wieder auf, da Anderssen als „Zugpferd“ nur für den Verkauf der Zeitung zuständig war. Dafür übernahm er 1858 die Schachspalte bei der wöchentlich erscheinenden Familienpostille „Über Land und Meer“. Dort war er als Autor zwischen Theodor Fontane, Wilhelm Raabe, Friedrich Gerstäcker und Karl May in bester Gesellschaft.

Redakteur einer Tageszeitung, Kolumnenschreiber, das reichte noch nicht. Dufresne begann daneben an Bücher zu schreiben. „Paul Morphy’s Schachwettkämpfe“ (1859) war das erste. „Der Schachfreund“, „Leitfaden für Schachspieler“ und das „Theoretisch praktisches Handbuch des Schachspiels“ folgten und erschienen allesamt 1863 in verschiedenen Verlagen.

Handbuch von 1863

Im Jahr 1864 brachten die Verlage folgende Titel von Dufresne auf den Markt: „Paul Morphy’s Schachspielkunst“, „Das Londoner Schachturnier von 1862“ und „Die Probleme des Londoner Schachturniers von 1962 nebst deren vollständigen Lösungen“.

1874 traf den 35-Jährgen das Schicksal erneut hart: Dufresne verlor sein Gehör! Damit war er für die aktuelle Pressearbeit in der Redaktion nicht mehr geeignet. Jetzt stürzte er sich vehement auf das Schreiben über Schach. Neue Bücher, die Überarbeitung der erschienen Bücher, Schach-Kolumnen und Schachecken füllten jetzt sein Leben aus.

1881 schaffte Jean Dufresne den Schritt zum ewigen Ruhm. Phillip Reclam junior (der damals schon 81 Jahre alt war) gab in seinem Verlag den Band „Kleines Lehrbuch des Schachspiels“ heraus. Dieses Werk, das viele, viele Tausend Schachspieler, Generationen von späteren Großmeistern den Weg zum Schach zeigte – von Friedrich Sämisch und Kurt Richter, über Wolfgang Unzicker, Lothar Schmid, Klaus Darga, Hans-Joachim Hecht bis zu Robert Hübner haben mit dem „Kleinen Dufresne“ als erstes oder als eines der ersten Schachbücher ihre Karriere begonnen.

Nachdem die erste Auflage Anfang 1881 erschienen war, musste die zweite Auflage bereits im Sommer 1881 ausgeliefert werden. Auf dem Titel war schon keine Rede mehr von „klein“. Der Originaltitel „Kleines Lehrbuch des Schachspiels“ wurde nur noch auf die Titelseite innen gedruckt. Dieses System hielt man bis zur zehnten Auflage durch, danach fiel das „klein“ komplett unter den Tisch. Dies erlebte Jean Dufresne allerdings nicht mehr. Die sechste Auflage 1892 betreute er noch, die Bearbeitung hatte jedoch bereits im wesentlichen Großmeister Jacques Mieses übernommen. Am 15. August 1893 starb Jean Dufresne nach schwerer Krankheit. Das Lehrbuch überlebte und wurde wohl zum auflagenstärkstes Lehrbuch der Welt. 2004 erlebte das Werk die 31. Auflage!

Dr. Hermann von Gottschall schrieb als Chefredakteur in der inzwischen zur „Deutschen Schachzeitung“ gewandelten Schachzeitung sehr treffend: „Die Schachwelt verliert in Jean Dufresne in erster Linie einen  geistreichen Schachspieler, in zweiter den fleißigsten Schachlitteraten.“

P.S. Viele der hier genannten Fakten hat der Berliner Schachhistoriker Andreas Saremba in der wohl besten Biographie über Jean Dufresne zusammengetragen und 2004 (2. Auflage 2006) unter dem Titel „ Jean Dufresne – Schachautor wider Willen?“ veröffentlicht. Die Broschüre ist leider nicht mehr im Handel zu erhalten.

 




Michael Dombrowsky war fast 40 Jahre als Redakteur bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften tätig. Als Rentner begann er Bücher zu schreiben. Das erste Schachbuch auf dem Markt sind die „Berliner Schachlegenden“.
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kumagoro kumagoro 14.02.2019 09:49
unheimlich interessant! Vielen Dank dafür!
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