Hinweis: Dieser Artikel ist ein Meinungsbeitrag und spiegelt die persönlichen Ansichten des Autors wider.
Zu Beginn seines Klassikers beschreibt C. Northcote Parkinson eine ältere Dame, die einen ganzen Tag damit verbringt, eine Postkarte an ihre Nichte zu schreiben und abzuschicken. Eine Stunde sucht sie nach der Postkarte, eine weitere nach ihrer Brille, eine halbe Stunde nach der Adresse, mehr als eine Stunde arbeitet sie am Text und zwanzig Minuten braucht sie, um sich zu entscheiden, ob sie einen Regenschirm mit zum Postamt nehmen soll. Ein vielbeschäftigter Mensch würde die ganze Aufgabe in drei Minuten erledigen.
Anhand dieses Beispiels formuliert Parkinson sein erstes Gesetz:
„Arbeit dehnt sich so aus, dass sie die zur Verfügung stehende Zeit vollständig ausfüllt.“
Dieses Gesetz trifft oft auch auf Schach zu. Gibt man zwei Großmeistern fünf Stunden, fünfzig Minuten oder zehn Minuten Zeit für eine Partie, werden sie in der Regel die gesamte zur Verfügung stehende Zeit in Anspruch nehmen.
Auf der einen Seite steht die Berechnung: die Analyse konkreter Varianten, von Kognitionswissenschaftlern als „Suche“ bezeichnet – ein langsamer Prozess. Auf der anderen Seite steht der Instinkt oder die Intuition: Mustererkennung, die Kategorisierung von Zügen – der schnelle Prozess.
Studien legen nahe, dass Spitzengroßmeister nicht breiter, sondern tiefer analysieren. Im Vergleich zu schwächeren Spielern ziehen sie nicht unbedingt mehr mögliche Züge in Betracht. Sie berechnen kritische Varianten jedoch wesentlich detaillierter und bewerten Stellungen genauer.
Moderne Weltklassespieler der jungen Generation wie Gukesh Dommaraju und Praggnanandhaa Rameshbabu werden mitunter als Rechenmaschinen bezeichnet. Viele ihrer Züge entsprechen der ersten Wahl der Engines. Ihre Präzision ist außergewöhnlich.
Die klassische Wertungszahl spiegelt traditionell Schachverständnis, strategische Tiefe und Rechenfähigkeit wider – den eher langsamen Prozess. Die Blitzwertung hingegen berücksichtigt zusätzlich Instinkt, schnelle Entscheidungsfindung und die Fähigkeit, unter starkem Zeitdruck zu agieren. Im modernen Schach sind diese Fähigkeiten nicht mehr voneinander zu trennen.
In der Elo-Liste von Februar 2026 befinden sich nur fünf Spieler in den Top Ten aller drei Formate – klassisch, Schnellschach und Blitzschach: Magnus Carlsen, Hikaru Nakamura, Fabiano Caruana, Arjun Erigaisi und Alireza Firouzja. Carlsen bleibt eine Ausnahmeerscheinung und hält sich unangefochten an der Spitze. Nakamura und Caruana sind in Schlagdistanz und ernstzunehmende Herausforderer. Erigaisi und Firouzja gehören zur aufstrebenden Generation, die schon bald um die Weltmeisterschaft mitspielen könnte. Spieler, die in allen drei Formaten stark sind, erhalten zudem häufiger Einladungen zu hochkarätigen Turnieren im modernen Schachzirkus. Weltmeister Gukesh fehlt bemerkenswerterweise in dieser Gruppe.
Gukesh, Neunter der klassischen Elo-Liste (2/2026), belegt im Blitzschach Platz 51. Carlsen, Nakamura und Firouzja haben jeweils die 2900er-Marke im Blitzschach überschritten. Caruana, Anand und Nepomniachtchi haben alle über 2800 Elo-Punkte. Erigaisi steht derzeit bei 2776 und ist im Aufwind. Gukeshs höchste Blitz-Elo-Zahl lag bei 2659 (August 2023). Der Unterschied wird noch deutlicher, wenn man die Ergebnisse betrachtet. Gukesh hat fast 40 Prozent seiner Blitzpartien verloren. (Zum Vergleich: Carlsen 14 Prozent, Nakamura 14 Prozent, Erigaisi 20 Prozent, Firouzja 22 Prozent, Caruana 30 Prozent). Firouzja gewinnt hingegen phänomenale 60 Prozent seiner Blitzpartien, verglichen mit Gukeshs 45 Prozent.

Gukeshs klassische Statistik auf einen Blick. | Quelle: Gukeshs FIDE-Profil

Gukeshs Blitzschachstatistiken verdeutlichen einen deutlichen Kontrast zu seinen Stärken im klassischen Schach. | Quelle: Gukeshs FIDE-Profil
Gukesh ist immens talentiert, außerordentlich fleißig und konzentriert sich ganz klar auf klassisches Schach. Es ist ungewöhnlich, dass ein amtierender Weltmeister eine so bescheidene Blitzschach-Weltranglistenposition und -Statistik aufweist. Ist es Gleichgültigkeit? Vernachlässigung? Oder eine strategische Unterschätzung des Blitzschachs?
Gukesh verliert in 14 Zügen gegen Duda beim SuperUnited Blitz 2025. | Video: ChessBase India
Im 20. Jahrhundert konnten sich Spitzenspieler fast ausschließlich auf das klassische Schach spezialisieren. Diese Ära ist vorbei.
Um im modernen Schach zu dominieren und Einladungen zu Eliteturnieren zu erhalten, sind Blitz- und Schnellschach heutzutage entscheidend. Zum Glück ist Gukesh erst 19 Jahre alt. Instinkt lässt sich trainieren.
Viswanathan Anand spielte von Anfang an instinktiv. In seiner Jugend zog er oft mit atemberaubender Geschwindigkeit. Er erkannte den richtigen Zug und berechnete nur selten, um seine Intuition zu bestätigen. In den 1990er-Jahren, als er zur absoluten Weltspitze aufstieg, wurde Anand klar, dass Instinkt allein nicht ausreichte. Um die absolute Spitze zu erreichen, musste er seine Berechnungen vertiefen, seine Endspieltechnik verbessern und impulsive Entscheidungen vermeiden. Er trainierte sich, langsamer zu spielen. Das Ergebnis: fünf Weltmeistertitel und eine bemerkenswerte Karriere!
Bei Gukesh scheint die Situation umgekehrt zu sein. Er ist ein phänomenal berechnender Spieler. Doch er muss möglicherweise seinen praktischen Instinkt weiterentwickeln. So wie Anand sich darin übte, langsamer zu spielen, muss Gukesh vielleicht lernen, schneller zu spielen. Eine Verbesserung seiner Blitzstärke wird nicht nur seine Elo-Zahl erhöhen, sondern auch seine Entscheidungsfindung unter Zeitdruck im klassischen Schach verbessern.
Gukesh wird nicht umsonst als Rechenmaschine bezeichnet. | Video: ChessBase India
Kasparov stellte Anand und Kramnik einmal gegenüber, indem er Vassili Smyslov zitierte. Smyslov sagte bekanntlich: „Ich spiele 40 gute Züge. Wenn mein Gegner 40 gute Züge spielt, endet die Partie remis.“ Kasparov bemerkte, dass Anand, wie Smyslov, pragmatisch sei. Er gebe sich mit guten Zügen zufrieden. Kramnik hingegen suchte oft nach dem perfekten Zug. Das Streben nach Perfektion zehrte enorm an seinen Kräften. Anands Pragmatismus trug zu seiner langen Karriere bei. Smyslov erreichte mit 63 Jahren das Kandidatenfinale. Anand, Mitte fünfzig, spielt nach wie vor auf höchstem Niveau.
Für Rechengenies wie Gukesh oder Praggnanandhaa ist dies eine wertvolle Lektion. Es gibt keine Preise für schöne oder tiefgründige Berechnungen. Die Preise liegen im Gewinnen von Partien und Turnieren. Man sollte sich nicht im Dschungel der Analyse verlieren, insbesondere wenn die Suche nach einem Ausrufezeichenzug in Zeitnot mit einem Fragezeichen endet.
Gukesh ist bereits Weltmeister und noch ein Teenager. Die Frage ist nicht, ob er gut genug ist. Die Frage ist, ob er seine Ära dominieren will. Blitzstärke könnte der entscheidende Faktor dafür sein.