Robert Hübner zum Tata Steel Turnier

von Dr. Robert Hübner
21.01.2019 – Das Turnier in Wijk aan Zee ist das Rundenturnier mit der längsten Tradition, aber die Stimmung ist nicht mehr so wie noch vor zehn Jahren, meint Robert Hübner. Spannende Partien werden aber immer noch gespielt. Die Partie Jorden van Foreest gegen Ding Liren aus der 3. Runde weckte Robert Hübners analytische Neugier. | Foto: Alina L'Ami (Tata Steel Chess)

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Wijk aan Zee 2019

Auf der ganzen Welt gibt es kein anderes Rundenturnier, das eine so lange ununterbrochene Tradition aufweisen kann wie das Turnier von Wijk aan Zee (früher Beverwijk). Wer ihm nach dem Verlauf einer Dekade erneut einen Besuch abstattet, findet die altbekannten Örtlichkeiten unverändert vor. Der großflächige Spielsaal im Gemeindezentrum „De Moriaan“ weist hinten einen erhöhten Teil auf; hier befinden sich die Bretter der Großmeistergruppen. Er ist durch eine Balustrade vom übrigen Saal abgetrennt; hinter ihr drängen sich die Zuschauer, um einen Blick auf die Spieler werfen zu können. Des weiteren ist der Raum ganz mit langgezogenen Tischreihen gefüllt, die bis zum letzten Eckchen mit Schachbrettern besetzt sind. Hier kämpft eine Vielzahl von Schachliebhabern in Gegenwart ihrer Vorbilder.

Neben dieser Haupthalle verläuft, von Holzwänden eingefaßt, ein langer, schlauchartiger Gang. Er führt zu den Räumen des Organisationskomitees und zum Pressezimmer. Dieses Gebiet wurde immer schon nur besonders ausgewählten Personen zugänglich gemacht. An der gleichen Stelle wie zuvor findet sich auch der Schalter, der den Eingang überwacht, und der Raum, in dem die Kämpfer nach getaner Arbeit Erfrischungen zu sich nehmen können.

Aber die Atmosphäre ist verändert. In dem großen Saal, in dem viele Flüsterstimmen ein Summen zu erzeugen pflegten wie in einem Bienenkorb, ist es stiller geworden. Dringt man zum Pressezentrum vor, ist man über die ungewohnte Leere des Raumes verblüfft. Früher quirlten Berichterstatter aus dem In- und Ausland durcheinander; dazwischen führten Großmeister das Wort, die zum Zuschauen vorbeigekommen waren. Jetzt gab es nur einen einzigen Besucher, Gert Ligterink. Die Analyseräume für die Spieler der Großmeistergruppen sind abgeschafft. In alter Zeit pflegte man dort den Inhalt der beendeten Partie mit dem Gegner stundenlang zu besprechen; heute geben die Spieler eine kurze Darstellung für die Öffentlichkeit ab, die ihnen keine Möglichkeit zu weiterem Erkenntnisgewinn verschafft.

Auch die Stimmung im Erfrischungsraum ist anders geworden. Die Luft ist frischer, der Geräuschpegel niedriger, die Besucherzahl geringer.

Es scheint, daß das Turnier nicht mehr im selben Maße ein Ort lebendiger Begegnung ist wie früher. Zweifellos ist dies mindestens teilweise der Schirm-Herrschaft zuzuschreiben, die sich über die Welt ergossen hat.

Immerhin wird weiterhin für die anwesenden Zuschauer an Ort und Stelle auf altmodischen Demonstrationsbrettern Kommentar gegeben. Freilich ist auch diese Veranstaltung aus einem großen, eigens für diese Gelegenheiten errichteten Zelt, in dem Hunderte von Neugierigen Platz hatten, in ein kleines, dunkles Hinterstübchen des Cafés „De Zon“ verlegt worden; dort fanden in vergangener Zeit die Kämpfe einiger kleinerer Untergruppen statt.

Paul van der Sterren erklärte einige der laufenden Partien. Seine Ausführungen waren voller Freundlichkeit, mit unaufdringlichem Humor gewürzt, mit leiser Ironie und mit Selbstspott gespickt. In aller Ruhe besprach er die Struktur der Stellungen. Er vertiefte sich in taktische Einzelheiten, ohne daß die Tätigkeit des eigenen Kopfes durch dauernde Befragung schachspielender Computerprogramme unterbrochen und gestört wurde.

Die meiste Aufmerksamkeit wandte er dem Spiel Jorden van Foreest – Ding Liren zu. Es war eine spannende Partie. Aus der frühen Eröffnung heraus spielt Schwarz scharf auf Angriff. Nach einigen fast unmerklichen Ungenauigkeiten des Gegners scheint seine Attacke tatsächlich durchzudringen – aber da wickelt er in ein Endspiel ab, das Weiß sollte halten können. Er kommt jedoch im Kampf um das Unentschieden ein Tempo zu kurz.

Jorden van Foreest

So etwa stellte sich dem Zuschauer der Partieverlauf dar. Aber natürlich kann man die Feinheiten dieses Spiels nicht in einer Analyse von einer Stunde am Demonstrationsbrett erfassen. Von Neugier getrieben, habe ich mich im Nachhinein bemüht, den Verlauf der Kampfhandlungen etwas besser zu verstehen.

Jorden van Foreest – Ding Liren 
Wijk aan Zee, 14. 1. 2019,
3. Runde; Italienisch.

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Sf6 4.d3 Lc5 5.c3 d6 6.0-0 0-0 7.Te1 a5

Üblicher war bisher 7...a6, doch hat Weiß in letzter Zeit danach das Vorgehen auf dem Damenflügel versucht: 8.a4 La7 9.b4 (zum Beispiel M. Carlsen – S. Karjakin, 5. Partie der Weltmeisterschaft 2016). Wie wirksam dies ist, sei dahingestellt; Schwarz wendet sich mit dem Textzug auf jeden Fall gegen dieses Vorgehen in der Annahme, daß die Schwächung des Feldes b5 unwesentlich sein wird.

8.Lg5

Dies ist eine scharfe Idee, mit der bisher wenig Erfahrung gesammelt wurde. Weiß läßt es zu, daß sein Damenläufer nach g3 getrieben wird. Dort steht er zunächst außer Spiel und mag weiteren Angriffen ausgesetzt sein (durch h6-h5 nach geeigneter Vorbereitung). Weiß rechnet aber damit, daß er zu d3-d4 kommt und daß dann der Druck gegen den Punkt e5 wichtig sein wird; außerdem wird er vielleicht aus der Schwächung des schwarzen Königsflügels Nutzen ziehen können, wenn die Stellung sich öffnet. Es ist nicht zu entscheiden, ob der Zug besser, schlechter oder ebenso gut ist wie die Fortsetzungen 8. Sbd2 und 8.h3, die bescheideneren Zielen dienen.

8...h6 9.Lh4 g5 10.Lg3

Das Opfer auf g5 hat meines Wissens noch niemand probiert. Es ist spekulativer Natur, weil Weiß keine Figuren im Angriff hat und der Bauer auf f2 gefesselt ist, so daß der gefährliche Vorstoß f2-f4 zunächst unterbunden ist. Dennoch ist die Sache nicht so klar. Ich gebe einige Beispielfortsetzungen:

10.Sg5: hg5: 11.Lg5:

I 11...Lg4 12.Dd2 (12.Lf6: scheitert an 12...Lf2:+ 13.Kf1 Ld1: 14.Ld8: Le1:, und Schwarz gewinnt Material) 12...Kg7 (Auf 12...Kh7 folgt 13.d4 Lb6 14.Sa3, und Weiß behält Druck) 13.h3 Le6 14.Lh6+ Kh7 15.Lf8: Df8:. Ich meine, daß Schwarz besser steht, aber ganz klar ist die Sache natürlich nicht.

II 11...Kg7 12.Df3 Kg6 13.Lh4 (Nach 13.h4 Lg4 14.Lf6: Dd7 15.Dg3 Kf6: steht Schwarz auf Gewinn) 13...Tg8 (Auf 13...Le6 folgt 14.Dg3+ Kh7 15.Dg5) 14.Sd2 Le6. Ein ähnliches Urteil wie unter Abspiel I ist zutreffend)

10...Sh7

 

Dies ist meines Wissens ein neuer Zug; Schwarz läßt den Vorstoß d3-d4 sofort zu. In der Partie A. Giri – P. Eljanov, Stavanger 2016, folgte 10...La7 11.Sa3 Lg4 12.h3 Lh5 13.Sc2 Lg6 14.Lh2. Weiß dürfte etwas bequemer stehen.

Die Folgen des Partiezuges sind schwer zu beurteilen.

11.d4 Lb6 12.de5: h5

Dies ist der Plan des Schwarzen: Er möchte den Königsflügel des Weißen sofort aufbrechen. Nach 12...g4 13.Sd4 Se5: 14.Sd2 hat Weiß eine sichere und bequeme Stellung.

13.h4

Dies ist die natürliche Entgegnung.

I Die Fortsetzung 13.ed6: h4 14.Le5 g4 kostet den Weißen eine Figur; nach 15.dc7: Dd1: 16.Td1: gf3: 17.Ld6 fg2: kann er höchstens auf Ausgleich hoffen.

II Auf 13.h3 folgt 13...g4 14.hg4: hg4: 15.Sd4 Se5: 16.Sd2 Dg5. Die Stellung ist für Schwarz günstiger als die nach sofortigem 12...g4; sie dürfte etwa im Gleichgewicht sein.

13...Lg4

Hier überläßt die Fortsetzung 13...g4 14.Sd4 Se5: 15.Sa3 dem Weißen das klar bessere Spiel. Der Bauer auf h4 nimmt den Figuren des Schwarzen das Feld g5, und sein Königsflügel ist geschwächt; auf 15...Sg6 folgt 16.Dd2 mit der Drohung 17.Dh6.

14.Sbd2

Wiederum spielt Weiß den gesunden, naheliegenden Zug. In Betracht kommt sonst:
I 14.hg5:. Weiß läßt den Königsspringer des Schwarzen ins Spiel eingreifen, um einen der stochernden Bauern loszuwerden. Nach 14...Sg5: 15.ed6: h4 16.Lh2 Df6 17.Sbd2 cd6: 18.Le2 Lf3: 19.Lf3: Se5 ist die Stellung wohl ungefähr im Gleichgewicht, obwohl der Angriff des Schwarzen drohend aussieht.

II 14.ed6: ist plausibler als 14.hg5:. Nach 14...gh4: kann Weiß wählen:

A) 15.Lh4: ist nicht empfehlenswert: 15...Lf3: 16.Ld8: Ld1:

Aa) 17.Lc7: Lc7: 18.dc7: Lg4 19.Sa3 Tfc8 20.Sb5 Sa7. Schwarz holt den vorderen c-Bauern des Weißen ab und hat Vorteil (P. van der Sterren).

Ab) 17.Le7 Lg4 18.Lf8: Sf8: 19.dc7: Lc7:. Schwarz steht jedenfalls nicht schlechter.

B) 15.Lh2 (15.Lf4 Df6 verschenkt Zeit)

Ba) 15...Sg5 16.dc7: Df6 (Nach 16...Dd1: 17.Td1: Se4: 18.Tf1 erhält Weiß ohne Mühe Vorteil) 17.Sbd2 h3 18.e5 Dg7 (Auf 18...Df5 folgt 19.Db1) 19.Le2, und es scheint, daß Weiß den Angriff erfolgreich abwehren kann.

Bb) 15...cd6:

 

Bb1) 16.Ld6: Lf3: 17.gf3: Df6 mit unklarer Stellung; der Angriff des Schwarzen sieht sehr gefährlich aus.

Bb2) 16.Dd6: Lf3: 17.gf3: Dg5+ 18.Kh1 Lf2:, ebenfalls mit unklarer Lage.

Bb3) 16.Dd3 Kh8 17.Sbd2 Tg8, und wieder hat Schwarz einen gefährlich aussehenden Angriff.

Bb4) 16.Dd5 Lf3: 17.gf3: Se5 18.Le5: de5: 19.De5: Te8 20.Dh5: Dc7. Auch hier ist die Initiative auf Seiten des Schwarzen; Weiß muß mühsam nach einem Remisweg suchen.

Der gespielte Zug ist der beste.

14...Se5: 15.Le2 Sf3:+

Die Fortsetzung 15...Sg6 16.hg5: Sg5: 17.Sd4 ist nicht erfreulich für Schwarz.

16.Sf3: Lf3:

Schwarz verfolgt konsequent seinen Angriffsplan. Nach 16...Te8 hätte Weiß eine größere Auswahl unter einfachen, bequemen Fortsetzungen:

I 17.hg5: Sg5: 18.Sg5: Dg5: 19.Lg4: hg4: 20.Dd5 führt zu einer Remisstellung.

II 17.Dd5 Lf3: 18.Lf3: gh4: 19.Lf4 Df6 20.Df5 stellt dem Weißen ebenfalls keine Probleme.

Dies bedeutet keineswegs, daß der Textzug objektiv besser ist als 16...Te8. Weiß hat nichts falsch gemacht, und Schwarz hat sicher keinen Vorteil.

17.Lf3: gh4: 18.Lh2

Sicherer ist 18.Lf4 Df6 19.Le3 Le3: 20.Te3:, aber der Partiezug ist nicht schlechter.

18...h3

 

Schwarz strebt mit seiner Dame das Feld h4 an.

19.e5

Weiß erlaubt dem Gegner den Damenausflug nach h4, weil er die Stellung sofort für seine beiden Läufer öffnen möchte.

Noch besser gefällt mir 19.Lh5:.

I 19...Kh8 20.Df3 hg2: 21.e5 überläßt dem Weißen eine starke Initiative.

II 19...Dg5 20.Dg4 f5 21.Dg5:+ Sg5: 22.e5

A) 22...Se4 23.Te2 de5: 24.gh3:. Weiß hat etwas Vorteil.

B) 22...de5: 23.Te5: Kg7 (23...Se4 wird mit 24.Tf1 beantwortet) 24.Tad1 Kh6 25.Le2 Tae8. Auch hier steht Weiß geringfügig besser.

19...Dh4 20.Dd2(?)

Von welchem Feld aus soll die Dame f2 decken?

I Nicht gut ist 20.De2, weil dem Turm e1 die Aussicht versperrt wird. Nach 20.De2 de5: führt

A) 21.Lb7: Tab8 22.Lc6 e4 23.Le4: Sf6 24.Lf3 Sg4 25.Lg4: hg4: zu einer deutlich überlegenen Stellung für Schwarz; es droht 26...Lf2:+.

B) 21.Le5: Tae8 22.g3 Dg5 zu einer Stellung, in der es an Weiß ist, Ausgleichsmöglichkeiten zu finden.

II 20.Dc2

 

sieht mir dagegen plausibler aus als der Partiezug. Schwarz wird keine Gelegenheit haben, seinen Damenturm unter Tempogewinn nach d8 zu bringen, und die Dame findet oft Gelegenheit, sich auf dem schönen Feld f5 niederzulassen.

A) 20...de5: 21.Te5: Sg5 22.Ld5 Kh8 23.Df5 f6 24.Te7 sieht für Schwarz ungemütlich aus.

B) 20...Sg5 21.Lb7: hg2: 22.Lg2: oder 21...Dg4 22.De2 mit gutem Spiel für Weiß.

C) 20...d5 21.Te2 (Nach 21.Ld5: c6 22.Lf3 Sg5 hat Schwarz das bessere Spiel) 21...c6 22.Df5, und Weiß hat die Initiative.

D) 20...Tae8 21.Te4 Dg5 22.Kh1 hg2:+ 23.Lg2: Kh8 24.Tg1, und der Angriff ist auf Weiß übergegangen.

Der gespielte Zug führt zu gleichem Spiel.

20...de5:

Die Fortsetzung 20...Sg5 21.Lb7: Tab8 22.Ld5 ist nicht besser für Schwarz als die Partiefolge.

21.Te5: Tad8 22.De2

Der Versuch 22.Dh6 Df2:+ 23.Kh1 Td6 24.Dh5: Tg6 25.Dh3: Sg5 ist für Weiß nicht attraktiv. Dagegen kommt auch hier noch 22.Dc2 in Betracht. Nach 22...Sg5 23.Lb7: Tfe8 entsteht eine Stellung, die sich im Gleichgewicht befinden dürfte.

22...Sg5 23.Lb7: f6

Auf 23...hg2: antwortet Weiß 24.Lg2:. Es gibt für Schwarz im Augenblick keinen Grund, diesen Abtausch durchzuführen; die Gelegenheit dazu läuft ihm nicht weg.

24.Te7 Tf7

Schwarz muß den lästigen Eindringlich auf e7 unschädlich machen. Weiß kann den Abtausch nicht umgehen, weil er immer noch mit der Dame an die Verteidigung von f2 gebunden ist.

25.Tf7:

Auf 25.Te8+ folgt 25...Te8: 26.De8:+ Kg7 27.Tf1 Dg4 28.Kh1 Td7, und die Drohung 29...Td1 ist lästig.

25...Kf7: 26.Te1 Kg6

 

27.Dc2+?

Weiß entschließt sich dazu, auf der Stelle zu treten; aber dies ist in dieser scharfen Stellung fatal.
Ich schlage 27.b3 vor. Dies verbessert für Weiß die Ausgangslage in eventuell entstehenden Endspielen.

I 27...Kh6 28.g3 Dg4 29.De7 Df5 30.Kh1 braucht Weiß nicht zu fürchten.

II 27...f5 28.c4. Jetzt scheitert 28...f4 an 29.c5 Lc5: 30.Dc2+. Außerdem hat Weiß bisweilen die Möglichkeit, c4-c5 nebst Lh2xc7 zu spielen oder die d-Linie mit Lb7-d5 für den Turm des Schwarzen zu sperren. Die Aufgabe des Feldes d4 ist unwesentlich; die Lage ist ungefähr im Gleichgewicht.

27.c4 ist weniger genau, weil es dem Schwarzen Gelegenheit zu 27...Kh6 gibt. Jetzt ist nach 28.g3 die Antwort 28...Dd4 stark.

Nach dem unfruchtbaren Schachgebot hat Schwarz eine Gewinnstellung.

27...f5

Auf Königszüge folgt natürlich 28.Df5.

28.De2

Weiß ist auch verloren, wenn er sich nicht gegen die Drohung 28...Dg4 verteidigt, zum Beispiel 28. c4 hg2:, und nun:
I 29.c5 c6 30.Lc6: Lc7, und Schwarz gewinnt.

II 29.Lg2: Dg4 30.Kh1 (30.Kf1 Sf3 31.Lf3: Df3: 32.c5 Dh1+ 33.Lg1 Dh3+ 34.Ke2 Lc5: ist ebenso hoffnungslos für Weiß) 30...Sf3 31.Te6+ Kf7

 

32.De2 Sh2: 33.Kh2: Dh4+ 34.Kg1 Df2:+, und Schwarz gewinnt.

III 29.Kg2: Dg4+ 30.Kh1 Sf3 führt zum Abspiel II: 31.Te6+ Kf7 32.De2 Sh2: 33.Ld5  (33.Kh2: siehe oben II) 33...De2: 34.Te2:+ Td5: 35.cd5: Sg4 mit Gewinnstellung für Schwarz.

28...hg2:?

I Untauglich ist auch der Versuch 28...Dg4. Nach 29.De7 erreicht Weiß Dauerschach: 29...Td1 30.De8+ usw. oder 29...Se4 30.De6+ Kg5 31.De7+ usw.

II Zum Gewinn führt 28...f4.

A) Wenn Weiß verharrt, etwa mit 29.b3, so folgt 29...hg2: 30.Lg2: (30.Kg2: scheitert an 30...f3+ 31.Lf3: Dh3+) 30...f3 31.Dc2+ (31.Lf3: wird mit 31...Lf2:+ beantwortet) 31...Kh6 32.Lf1 Lf2:+ 33.Df2: Sh3+ 34.Lh3: Tg8+, und Schwarz gewinnt.  

B) 29.De7 Lf2:+ 30.Kh1 hg2:+ 31.Lg2: f3 (Auf 31...Lg3 folgt 32.Te6+ Se6: 33.Le4+, und Weiß setzt matt; Schwarz muß zuvor das Feld e4 unter Kontrolle nehmen)

 

Ba) 32.Dd8: fg2:+ 33.Kg2: Dh3+ 34.Kf2: Df3+ 35.Kg1 Sh3 matt.

Bb) 32.Lf3: Le1: 33.Dd8: Lg3 34.De8+ Kf5 35.Df8+ Ke5 36.De7+ Kf4 37.Df6+ Ke3, und Schwarz gewinnt.

Bc) 32.Lf1 Lg3 33.Ld3+ Td3: 34.De8+ Sf7 35.Dg8+ Kf6 36.Dg3: Dg3: 37.Lg3: c5, und Schwarz steht auf Gewinn.

Bd) 32.Te6+ Se6: 33.De6:+ Df6 34.De4+ Df5 35.Lf3: De4: 36.Le4:+ Kg5 37.Lc7: Td2, und Schwarz gewinnt.

C) 29.Tf1 hg2: 30.Lg2: Tf8, und der Angriff des Schwarzen dringt durch.

Nach dem erfolgten Zug kann Weiß sich retten.

29.Lg2:?

Zum Ausgleich führt 29.Kg2:.

I 29...f4 30.De7

A) 30...Df2:+? 31.Kh1, und Schwarz ist machtlos gegen die Drohung 32.Tg1.

B) 30...f3+ 31.Kh1 Lf2: 32.Dd8: Le1: 33.Dg8+ Kh6 34.Df8+, und Weiß kann nicht verlieren.

C) 30...Dg4+ 31.Kh1 Td1 32.De8+ Kg7 33.De5+ mit remis durch Dauerschach.

II 29...Dg4+ 30.Kf1 De2:+ 31.Te2:. Das Endspiel ist noch etwas günstiger für Weiß als dasjenige, welches später in der Partie entsteht; Weiß hält sich mühelos.

Jetzt kann Schwarz wieder in die schon oben untersuchte Gewinnstellung einlenken.

 

29...Dg4?

Aber er tut es nicht. Nach 29...f4 hat Weiß wiederum keine genügende Verteidigung gegen die Drohung 30...f3 31.Lf3: Lf2:+. Die einschlägigen Abspiele sind schon in der Anmerkung zu 28...hg2: erwähnt.

In dem Endspiel, das jetzt entsteht, hat Schwarz leichten Druck, aber bei sorgfältigem Spiel sollte Weiß sich retten können.

30.Kf1 h4 31.b3

Andere Züge kommen in Betracht, zum Beispiel:
I 31.f3 Da4 32.f4 Se4 33.Le4: De4: 34.De4: fe4: 35.Te4: Kf5. Obwohl Schwarz einen Bauern weniger hat, übt er einigen Druck aus.

II 31.Lc6 ist vielleicht am natürlichsten.

A 31...h3 32.Le8+ Kh6 33.Dg4: fg4: 34.Lf4. Weiß steht nicht schlechter.

B) 31...De2:+ 32.Ke2: mit Ausgleich.

Nach dem Textzug wird die Verteidigung für Weiß etwas schwieriger, doch läuft er bei sorgfältigem Spiel keine Gefahr.

31...De2:+ 32.Ke2:

Auf dasselbe hinaus kommt 32.Te2: Td1+ 33.Te1 Te1:+.

32...Te8+ 33.Kf1 Te1: 34.Ke1: h3 35.Ld5

Da die Partiefortsetzung zum Erreichen des Unentschieden genügt, braucht nicht untersucht zu werden, ob Weiß sich auch verteidigen kann, wenn er unter Aufgabe eines Bauern das Läuferpaar behält: 35.Lc6 Se4 36.Ke2 Sc3:+ 37.Kf3 Sa2: 38.Le5 usw.

35...Se4 36.Le4: fe4:

 

37.Ke2

Weiß nimmt die weißen Felder so weit wie möglich unter Kontrolle und sorgt für den Abtausch eines weiteren Bauern. Es ist unnötig, für dieses plausible Verfahren nach einer Alternative zu suchen.

37...Kf5 38.f3 c6

Mit 38...e3 erreicht Schwarz nichts. Nach 39.a4 c6 40.b4 kann er nicht weiterkommen.

39.b4?

Das ist der Verlustzug. Zum Unentschieden führt 39.a4

I 39...Lc5 (Weiß will 40.b4 spielen) 40.Lc7, und Schwarz kann nicht weiterkommen:

A) 40...Le7 41.fe4:+ Ke4: 42.Kf2, und Schwarz kann den Bauern auf a5 nicht halten.

B) 40...Lg1 41.fe4:+ Ke4: 42.Kf1 Le3 43.La5: mit Remisstellung; 43...Kf3 44.Lc7 stürzt Schwarz nur in Gefahr.

C) 40...Lb6 41.Lh2, und Schwarz hat nichts erreicht.

II 39...c5 40.fe4:+ Ke4: 41.Ld6

A) 41...Ld8 42.Kf2 Kd5 43.Lc5: Kc5: 44.b4+, und das Remis ist offensichtlich.

B) 41...Kd5 42.Lg3 c4 43.bc4:+ Kc4: 44.Kf3 verschafft dem Schwarzen ebensowenig Gewinnaussichten.

C) 41...La7 42.Lc7 Lb6 43.Ld6 usw.

Auch vorheriger Tausch auf e4 verdirbt nichts: 39.fe4:+ Ke4: 40.a4 führt ebenso zum Remis.

39...a4

 

40.c4

Weiß hat nichts Besseres; er befindet sich in einer Art Zugzwang:

I 40.Lg3 Lg1 41.Kf1 Le3

A) Nach 42.Ke2 Lf4 43.fe4:+ Ke4: 44.Lf4: Kf4: 45.Kf2 Ke4 46.c4 Kd4 gewinnt Schwarz das Bauernendspiel:

Aa) 47.b5 cb5: 48.cb5: Kc5 49.Kg3 Kb5: 50.Kh3: Kb4, und Weiß kommt offensichtlich um einige Tempi zu spät.

Ab) 47.c5 a3 (Aber nicht 47...Kc4 48.a3 Kb3 49.b5, und Weiß gewinnt) 48.Kg3 Kc4 49.Kh3: Kb4: 50.Kg3 Kc3, und wieder verliert Weiß den Wettlauf um einige Längen.

B) 42.fe4:+ Ke4: 43.c4 Kd3 geht in den späteren Partieverlauf über.

II 40.a3 Ld8 41.c4 (Auf 41.Ke3 folgt 41...Lg5+ 42.Ke2 Lc1) 41...Lf6 42.b5 cb5: 43.cb5: Le5 44.fe4:+ (Nach 44.Le5: Ke5: 45.b6 Kd6 46.Kf2 e3+ wird einer der Freibauern des Schwarzen zur Dame, und 44.Lg1 h2 ist hoffnungslos) 44...Ke4: 45.Le5: Ke5: 46.Kf3 Kd5 47.Kg3 (47.b6 Kc6 kommt auf das Gleiche hinaus) 47...Kc5 48.Kh3: Kb5: 49.Kg3 Kc4 50.Kf3 Kb3 51.Ke3 Ka3: 52.Kd2 Kb2. Weiß kommt ein Tempo zu spät.

Die hier angegebenen Abspiele sind auch im weiteren Partieverlauf einschlägig.

40...Ld4 41.fe4:+

Die Hinauszögerung des Abtauschs bringt keine Vorteile. Nach 41.a3 folgt nicht 41...Le5? 42.fe4:+ Ke4: 43.Le5: Ke5: 44.Kf3 Kd4 45.c5, und Weiß gewinnt (siehe die vorige Anmerkung, I Ab, 1. Klammer), sondern 41...Lb2 42.b5 cb5: 43.cb5: Le5, und Schwarz gewinnt (vorige Anmerkung II).

41...Ke4: 42.Kf1

Es ist schon bekannt, daß 42.b5 cb5: 43.cb5: Le5 für Weiß hoffnungslos ist. Auf 42.a3 folgt 42...Lb2 43.c5 (43.b5 cb5: 44.cb5: Le5 wie gehabt) 43...Kd5, und Schwarz gewinnt mühelos.

Weiß versucht etwas anderes, aber auch dies rettet ihn nicht.

42...Kd3

 

43.b5 cb5: 44.cb5: Kc4 45.Ke2 Kb5: 46.Kf3

Auf 46.Kd3 folgt 46...Lb6 47.Kc3 La5+ 48.Kb2 Kc6 49.Ka3 Lc7 50.Lg1 Kb5, und Schwarz gewinnt.

46...Kb4 47.Kg4

47.Ld6+ wird mit 47...Lc5 beantwortet, und nach 47.Ke4 Lb6 48.Kd3 Ka3 49.Kc3 Ka2: 50.Kc2 a3 gerät Weiß in Zugzwang, denn auf Läuferzüge folgt 51...Lg1.

47...Ka3 48.Kh3: Ka2: 49.Ld6 Kb3 50.Kg2 Lc3

Weiß gibt auf.

Nach 51.Kf1 Lb4 52.Le5 a3 nebst Lb4-c3 ist der a-Bauer nicht aufzuhalten.

Die Partie und die Analysen zum Durchspielen:

 

 




Robert Hübner, Großmeister, gehörte in den 1970er bis 1990er Jahren zu den besten Schachspielern der Welt und spielte mehrfach um die Weltmeisterschaft mit. Der promovierte Altphilologe ist Autor zahlreicher Aufsätze und einer Reihe von Büchern.
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Chris69 Chris69 23.01.2019 01:30
Ich werde mir heute Abend die Zeit nehmen, und die Analyse am Brett nachvollziehen. Schön dass es in dieser schnelllebigen Zeit noch Menschen wie Dr. Hübner gibt.
Escargot Escargot 23.01.2019 05:04
Ein dickes Buch mit einer einzigen Partie, kommentiert von Dr. Hübner.
Und ich würde jeden Tag versuchen, die letzten Geheimnisse einer jeweils anderen vom Grossmeister darin vorgegebenen Untervariante zu entdecken - ein Traum!
Buzzard Buzzard 22.01.2019 12:04
Einfach nur Kult ...
rinasky rinasky 21.01.2019 09:46
Ein schöner Text mit viel melancholischem Esprit. Und eine Analyse wie man sie eigentlich nur von Robert Hübner kennt: wie als wolle er die Unendlichkeit des Schachs zähmen.
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