Sieben Gründe, warum Schachspieler gute Arbeit leisten

von Leonidas Liaskos
11.07.2019 – Sind Schachspieler tatsächlich so weltfremd, wie es Klischee und Vorurteil gerne behaupten? Leonidas Liaskos, Schachspieler mit einem Universitätsabschluss in BWL und Chemieingenieurswesen, ist anderer Meinung. Er glaubt, dass Schachspieler ein Gewinn für Unternehmen darstellen können. Aus 7+1 Gründen. | Fotos: Micael Sáez, Unsplash.com

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Fähigkeiten, die das Unternehmen fördern

Laut TARGET-jobs, einer der profilitiertesten Arbeitsvermittlungsagenturen von Hochschulabsolventen in Großbritannien, gehören problemlösendes Denken, Organisationsfähigkeit und die Fähigkeit, unter Druck arbeiten zu können, zu den 10 wichtigsten Softskills, über die ein Hochschulabsolvent verfügen sollte. Ich würde noch strategisches Denken und Leidenschaft hinzufügen. Schachspieler verfügen von Natur aus über all diese und noch ein paar andere Fähigkeiten und üben sie regelmäßig.

Ausbildung und Arbeitserfahrung sind für junge Hochschulabsolventen wichtig, aber sie sind nicht das, womit man sich im Lebenslauf von anderen positiv unterscheidet. Verantwortlich für Persönlichkeit und Fähigkeiten eines Einzelnen sind vielmehr die Energie, die wir in etwas stecken und die Entscheidungen, die wir im Laufe der Zeit treffen (Hamel & Prahalad, 1994). Sie sind es, die einen Angestellten zu einem wertvollen Mitarbeiter machen. Im Folgenden sind nun 7 (+1) Gründe aufgezählt, warum Schachspieler gute Arbeit leisten.

1. Schachspieler sind Problemlöser

Selbst ein junger Amateur löst etwa 20 Probleme pro Woche; und jemand, der semi-professionell Schach spielt, löst vielleicht sogar 20 Probleme pro Tag. Dadurch entwickelt man nicht nur analytische und problemlösende Fähigkeiten, (Burgoyne, et al., 2016), sondern schult auch die Ausdauer bei der Suche nach der richtigen Lösung. So gesehen sind Schachspieler aus sich heraus motivierte Problemlöser, die bereit sind, jede Herausforderung anzugehen.

2. Schachspieler haben Erfahrung mit Zeiteinteilung

Obwohl Schach als sehr langsames Spiel angesehen wird, wissen wir alle durch eigene Erfahrung, dass dies nicht stimmt. In einer Turnierpartie mit klassischer Bedenkzeit haben beide Spieler etwa zwei Stunden Zeit, um 40 Züge zu machen; das entspricht etwa drei Minuten pro Zug. Wenn sie nicht in Zeitnot geraten wollen, müssen Schachspieler ihre Zeit deshalb effektiv einteilen. 

3. Schachspieler arbeiten ständig unter Zeitdruck

Selbst wenn man sich seine Zeit perfekt einteilen kann, so gibt es doch immer wieder Situationen, in denen man einfach nicht genug Zeit hat. Dann müssen Schachspieler in weniger als einer Minute eine Entscheidung treffen, was in der Praxis bedeutet, dass Schachspieler lernen, unter Druck Leistung zu bringen (Unterrainer, et al., 2011). Zu üben, Entscheidungen zu treffen und unter Zeitdruck zu üben, kann dabei helfen, Termine einzuhalten und Aufgaben zu bewältigen, bei denen eine begrenzte Menge an Ressourcen zur Verfügung steht.

4.Schachspieler verfügen über Fähigkeiten zur Organisation

Ein Schachspieler weiß, wie man Informationen strukturiert und Prioritäten setzt. Auf Linien, Diagonalen und Reihen zu operieren, kann einem Schachspieler dabei helfen, Ordnung in die Dinge zu bringen und effizient und produktiv zu arbeiten, um eine Aufgabe erfolgreich zum Abschluss zu bringen. In einer wechselhaften, unsicheren, komplexen und mehrdeutigen Welt ist es wichtig, klare Vorgehensweisen zu haben (Bennett & Lemoine, 2014), um eine solche Umgebung zu organisieren.

5. Schachspieler haben Leidenschaft

Titel zu gewinnen und Meister zu werden, kann für jeden ein Ziel sein. Aber um dieses Ziel zu erreichen, muss ein Schachspieler viele Opfer bringen. Die Bereitschaft, der Beste werden zu wollen, verlangt schon in jungen Jahren Opfer im Privat- und im Gesellschaftsleben, ohne dass man den Ruhm oder Anerkennung erhält, die Fußball- oder Basketballspieler bekommen. Diese Leidenschaft und diese intrinsische Motivation für ein verwirrend komplexes Spiel ist das, was Schachspieler von anderen Sportlern unterscheidet (Unterrainer, et al., 2011). So kann ein Schachspieler die gleiche Leidenschaft und Motivation aufbringen, wie jemand, der eine Arbeit macht, die inspiriert und ihn voranbringt.

6. Schachspieler sind geduldig und denken langfristig

Beim Schach geht es nicht um schnelle und leichte Siege; entscheidend sind beim Schach langfristige Ziele, harte Arbeit und Geduld. Fortschritte, die jemand beim Training macht, sind nicht immer leicht zu erkennen, denn anders als in anderen Sportarten sieht man nicht, wie sich der Körper verändert und stärker oder schneller wird. Auch während der Partie sind Geduld und langfristige Planung von entscheidender Bedeutung. Wie oben erwähnt, dauert eine Partie leicht 40 Züge oder mehr, und diese Züge müssen präzise geplant und berechnet werden, da schon ein kleiner Fehler zu einer Niederlage führen kann. Geduld und langfristiges Denken können dazu führen, dass man im Unternehmen das große Ganze sieht und keine schnellen und einfachen Lösungen anstrebt, sondern den Problemen auf den Grund geht.

7. Schachspieler denken kreativ

Micael Sáez, UnsplashSchach ist schon als langweiliges Spiel dargestellt worden, das reiner Mathematik ähnelt, und bei dem alles auf Berechnung ankommt. Aber um das Spiel gut zu spielen, muss man auch ein ungeheuer kreativer Denker sein (Waters, et al., 2002). Beim Schach geht es darum, vorausschauend zu denken und sich Dinge vorzustellen, denn wenn man alle Möglichkeiten durchrechnen will, die sich ergeben können, wenn man drei Züge vorausdenkt, dann muss man durchschnittlich beinahe vier Milliarden Stellungen berechnen (Rice, 2008) — und das kann nur eine Maschine. Die Fähigkeit zum kreativen Denken kann helfen, mit weniger Rechnerei überraschende Züge und Strategien zu finden. Im wahren Leben können diese kreativen Fähigkeiten zusammen mit abstraktem Denken und Mustererkennung helfen, innovative Lösungen ganz unterschiedlicher Probleme zu finden.

BONUS: Schachspieler üben strategisches Denken

Gut Schach zu spielen steht synonym für gutes strategisches Denken. Kurz gesagt bedeutet Strategie, einen Plan zu haben und ihn auszuführen; Schachspieler machen genau das. Sie verbinden ihr problemlösendes Denken und ihre kreativen Fähigkeiten, wobei sie jedoch Widerstände berücksichtigen, um einen Plan zu entwickeln und umzusetzen. Dieser Prozess verlangt bis zum letzten Moment Geduld und Präzision. Aber auch eine Niederlage kann Teil einer Erfahrung sein, durch die man etwas lernt. Aus Fehlern zu lernen ist wertwoll. So kann ein Schachspieler auch bei der Arbeit ein großer Stratege sein, der die Strategie einer Organisation sowohl benennen als auch ausarbeiten kann, wobei er es dabei vermeidet, zu sehr vom zielführenden Prozess abzuweichen (Mintzberg, et al., 2009).


Literaturhinweise

Bennett, N. & Lemoine, G. J., 2014. What VUCA Really Means for You. Harvard Business Review, January-February.

Burgoyne, A. P. et al., 2016. The relationship between cognitive ability and chess skill: A comprehensive meta-analysis. Intelligence, Volume 59, pp. 72-83.

Hamel, G. & Prahalad, C., 1994. Competing for thr Future. Boston: Harvard Business School Press.

Hecht, H., 2018. SwimSwam. [Accessed 30 05 2019].

Mintzberg, H., Ahlstrand, B. & Lampel, J., 2009. Strategy Safari: The complete guide through the wilds of strategic management. 2nd ed. Harlow: Pearson Education Limited.

Rice, B., 2008. Three Moves Ahead: What Chess can teach you about Business (even if you've never played). 1st ed. San Francisco: Jossey-Bass.

Unterrainer, J., Kaller, C., Leonhart, R. & Rahm, B., 2011. Revising superior planning performance in chess players : The impact of time restriction and motivation aspects. American Journal of Psychology, Volume 124, p. 213–225.

Waters, A. J., Gobet, F. & Leyden, G., 2002. Visuo-spatial abilities in chess players. British Journal of Psychology, Volume 30, pp. 303-311.



Leonidas Liaskos stammt aus Griechenland und war früher halbprofessioneller Schachspieler, der in Griechenland auch als Trainer gearbeitet hat. Er hat einen Universitätsabschluss in Chemieingenieurswesen und studiert zur Zeit als Post-Graduate an der University of Warwick in England Betriebswirtschaft.

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