Smerdon gewinnt Batavia-Turnier

von Alina L'Ami
06.03.2014 – Der australische GM David Smerdon gewann das 6. Batavia-Turnier mit einem halben Punkt Vorsprung vor Twan Burg. Das Turnier war stark besetzt und einen echten Star gab es auch - die Stadt Amsterdam. Jorden van Foreest erzielte seine erste GM-Norm - erster Gratulant war Robert Ris. Sein Glückwunsch fiel ganz besonders herzlich aus. Mehr...

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Wie bereitet man sich am besten auf wichtige Turniere vor? Diese Frage beschäftigt Spieler unterschiedlichster Spielstärke seit langem. Mit seinem Aufsatz über seine Vorbereitung auf die 11. UdSSR-Meisterschaft 1939 und seine Einstellung und Lebensweise während des Turniers leistete Botvinnik hier Pionierarbeit. Seine Ideen fanden uneingeschränkten Beifall, aber nur wenige Spieler haben es geschafft, sie auch umzusetzen; Selbstdisziplin ist eben eine schwere Disziplin!

Die hektischen Zeiten, in denen wir leben, lassen auch nur wenig Raum für Selbstprogrammierung. Es gibt einfach zu viele Turniere und zu viel andere Dinge zu tun für eine wissenschaftlich gestützte Lebensführung, um ein optimales Turnier zu spielen.

Peter Tames, der Eigentümer des Batavia-Cafés. Ihm ist es zu verdanken, dass das Turnier nicht nur in schöner Umgebung, sondern auch in wundervoller Atmosphäre stattfindet!

Jeroen van den Berg, Direktor des Tata Steel Turniers, und Robert Ris. 

Das Batavia-Turnier 2014, ein Rundenturnier mit der Möglichkeit, IM- und GM-Normen zu erzielen, bietet dafür eine Reihe guter Beispiele. Drei der Teilnehmer, Sipke Ernst, Zhaoqin Peng und ich, wollten auf unsere gewohnte häusliche Umgebung nicht verzichten und pendelten deshalb täglich mit der Bahn zum Turnierlokal.

Zhaoqin Peng

Sipke Ernst – Vorbereitung kurz vor Partiebeginn :)

Ein Bild von mir, aufgenommen vom Turnierfotograf: Bas Beekhuizen

Am Anfang hatte ich gedacht, die zweieinhalb Stunden täglicher Fahrzeit wären ein ernsthaftes Handicap, aber wie sich zeigte, hätte ich die Zeit nicht besser nutzen können: Ich las drei wirklich gute Bücher! Das war so inspirierend, dass meine Partien gegen Merijn van Delft und Jorden van Foreest die beiden einzigen Schönheitspreise gewonnen haben! (Die Partie gegen van Foreest wurde Remis, den Preis haben wir geteilt).

Sipke Ernst, die Nummer eins der Setzliste, hatte weniger Glück. Sipke lebt in Groningen und musste jeden Tag fünf Stunden in der Bahn sitzen! Er verbrachte diese Zeit vor allem damit, sich auf dem Laptop Filme anzuschauen, aber das konnte den Kraftverlust nicht wettmachen und er schnitt weit unter Erwartung ab.

Aber das theoretisch härteste Programm hatte David Smerdon. Denn neben dem Turnier ging David Smerdon noch jeden Morgen seiner täglichen Arbeit nach; trotzdem spielte er großartiges Schach und gewann das Turnier!

David Smerdon

Was sagt uns das über den Zusammenhang zwischen Vorbereitung und Ergebnis? Gibt es überhaupt einen Zusammenhang? Die oben erwähnten Beispiele legen nahe, dass er viel schwächer ist als allgemein angenommen.

Zugegeben, in der letzten Runde, als die allgemeine Erschöpfung am größten war, machten sich die 'Härten' des Turniers bemerkbar. Der Tabellenführer David Smerdon und der Tabellenzweite, Twan Burg, verloren beide. Dadurch blieb die Lage an der Tabellenspitze unverändert, aber für Twan war es eine besonders bittere Niederlage: Ein Sieg gegen Sipke Ernst hätte ihm eine GM-Norm gebracht und tatsächlich hatte er irgendwann auch eine Gewinnstellung auf dem Brett!

Steven Geirnaert gewann in der letzten Runde gegen den Turniersieger! Doch trotz der Niederlage blieb Smerdon weiter auf Platz eins – denn sein Rivale, der Holländer Twan Burg, verlor ebenfalls: gegen Sipke Ernst.

Steven Geirnaert

Twan Burg verpasste die GM-Norm knapp. In einer wilden Variante stand er in der letzten Runde gegen Sipke Ernst zwischenzeitlich auf Gewinn, verlor dann aber den Faden und am Ende auch die Partie.

Ich spielte in der letzten Runde gegen Simon Williams und in unserer Partie kam es zu einem amüsanten Fall gegenseitiger Schachblindheit. Als man mir erzählte, mein Gegner hätte ein vierzügiges Matt übersehen, war ich so überrascht, dass ich einen Lachanfall bekam.

Matt in 5. Den ersten Zug hat Simon Williams noch gefunden

Simon Williams

Simon Williams übersah gegen mich ein vierzügiges Matt. Okay, ich weiß, das klingt nach einem schweren Fehler und auch das Matt scheint "einfach", wenn man es einmal gesehen hat. Aber in der Partie haben wir es beide übersehen und genauso ging es auch den Zuschauern im Café. Ich folgere daraus, dass es kniffliger ist als es zunächst scheint und außerdem: Die Idee ist ziemlich ungewöhnlich.

 

 

 

Der Leser hat vielleicht bemerkt, dass ich bislang ungewöhnlich wenig über den schönen Spielort geschrieben habe – Amsterdam. Tatsächlich ist es nicht ganz einfach für mich, zu schreiben, was ich über die holländische Hauptstadt denke. Ich liebe diese Stadt, aber ich lebe schon lange in Holland und fühle mich allmählich als Teil des Ganzen, obwohl ich trotzdem wirklich rumänisch bleibe :)

Amsterdam ist eine einzigartige Stadt mit viel altem Charme, wunderschönen Gebäuden aus dem 17. Jahrhundert, endlosen Touristenströme, die die Atmosphäre genießen, die man auf holländisch gerne "gezellig" nennt.

Sieht das nicht eher nach Paris aus?...

Nun, Liebe braucht keine Worte, sie ist universell.

 Und manch einer glaubt, sie müsste auf ewig festgehalten werden,...

... nicht nur im Herzen, sondern auch auf holländischen (und französischen) Brücken.

Doch das Nomadenleben des Schachs baut Grenzen ab und verwischt klare Konturen; das unablässige Reisen macht uns alle zu Weltbürgern, also lassen Sie mich Amsterdam mit Abstand betrachten und so beschreiben, als würde ich die Stadt das erste Mal erleben.

Amsterdam genießt einen gewissen Ruhm als Hauptstadt der Sünde und als eine liberale Großstadt ohne Grenzen und Regeln, aber hier handelt es sich wohl um eine Mischung aus geschicktem Marketing und ein wenig Wahrheit. Treffender ist es, Amsterdam als eine Stadt mit vielen Freiheiten zu beschreiben (wobei die in den letzten Jahren tendenziell weniger werden).

Das Hauptprinzip besteht darin, dass man tun kann, was man will, vorausgesetzt, die Nachbarn werden nicht gestört. Der gesunde Menschenverstand des Einzelnen sorgt dafür, dass jeder für sich die nötigen Grenzen beachtet, obwohl es theoretisch fast gar keine Grenzen gibt! Dieses Paradox lässt sich dadurch erklären, dass unser Gehirn Worte wie “Nein” oder “Nicht” nicht richtig verarbeitet, sondern sie gern als eine Herausforderung betrachtet oder sogar als Einladung, um die dadurch ausgesprochenen Verbote zu brechen.

Süßigkeiten-Kunsthandwerker! Ein eindrucksvoller Anblick, wenn man versucht, den Zucker wieder aus dem Körper zu schwitzen.

 

Fragt man jemanden aus Holland, was er oder sie im Ausland am meisten vermisst, dann bin ich sicher, dass Goudakäse auf der Liste steht, vielleicht sogar ganz oben! Und ich verstehe auch warum – handelt es sich hierbei doch um ein kulturelles und gastronomisches Highlight Hollands.

Die große Zahl von Touristen im allgemein doch eher unfreundlichen Monat Februar verweist auf die zahllosen Sehenswürdigkeiten Amsterdams. Das Rijksmuseum, das Van Gogh Museum, die Hermitage, das Anne Frank Haus, die allgegenwärtige Architektur aus dem 17. Jahrhundert und all die Grachten führen bei mir zu dem Wunsch, mit einem Hubschrauber über die Stadt zu fliegen, um alles von oben fotografieren zu können. Doch bis ich zu einem Hubschrauber komme, müssen Sie sich mit Fotos zufrieden geben, die von jemandem mit meiner Statur gemacht wurden...

Doch vielleicht sind es auch die vielen Widersprüche Amsterdams, die die Touristen anzieht. Amsterdam hat 700.000 Einwohner, doch über eine Million Fahrräder; Tabak gilt als schädlicher als Marihuana, wobei man Letzteres für gewöhnlich in den berühmt-berüchtigten Coffeeshops genießt. Das Interessante dabei ist, dass die holländische Obrigkeit dadurch, dass sie Dinge erlaubt, die in den meisten anderen Ländern strikt verboten sind, Missstände wie organisierte Kriminalität oder illegalen Drogenhandel besser im Griff hat...

Das Café Batavia aus anderer Perspektive – ich hoffe, Sie können die Schachfiguren erkennen.

Das Schachleben geht immer weiter und so bin ich am Tag nach der letzten Runde gleich weiter zum nächsten Turnier nach Reykjavik geflogen. Am Flughafen wurde ich Zeugin eines aufschlussreichen Zwischenfalls. Bei der Polizeikontrolle wurden direkt vor mir drei Jugendliche festgehalten, die… Marihuana bei sich hatten! In Amsterdam ist das generell kein Problem, aber die Polizisten wussten natürlich, dass die drei jungen Burschen damit auf allen Flughäfen dieser Welt großen Ärger bekommen könnten!

Eine Sache wundert mich aber dennoch: die holländische Regierung hat keinerlei Regeln in Bezug auf das Schach erlassen… dabei kann dieses “unschuldige” Spiel, oder dieser Sport oder diese Kunst, ganz wie Sie wollen, doch ebenfalls ziemlich süchtig machen :)

 

 

 

 

Sander van Eijk

 

Eine der treibenden Kräfte hinter dem Turnier und zugleich einer der Teilnehmer! Doch unterbreitet Merijn van Delft seine Stellungen hier dem erbarmungslosen Computer? Nein, sein Gegner war Sipke Ernst, und dem gehörte auch der Laptop :).

Gratulation für den Sieger

Turniersieger David Smerdon hält eine Rede… auf Holländisch! Ok... David lebt und arbeitet zur Zeit in Amsterdam und verfügt so über eine gewisse Sprachpraxis.

Jorden van Foreest erzielte seine erste IM-Norm! Und die hatte er wirklich auch verdient.

Robert Ris gratuliert Jorden für seine gute Leistung!

Und was macht man, wenn die Partie vorbei ist? Natürlich noch mehr Schach spielen!

Turnierseite...

 

 



Alina L'Ami ist Schachprofi, WGM, und bringt allem, was sie macht, großen Enthusiasmus entgegen. Sie liebt es, in die entlegensten Winkel der Erde zu reisen, um dort Schach zu spielen und darüber hier bei ChessBase zu berichten.
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