Überraschungssieger beim 2. Innsbruck Open

von Gerhard Bertagnolli
05.09.2018 – In der Nordtiroler Landeshauptstadt Innsbruck fand in der letzten August-Woche das 2. Internationale Innsbruck Open statt. Während bei der Blitz-Trophy der Favorit gewann, gab es beim Open einen Überraschungssieger: der in unseren Breiten weniger bekannte GM Gevorg Harutjunyan aus Armenien siegte dank besserer Buchholzwertung vor dem Favoriten GM Erik Van Den Doel (Niederlande) und FM Piotr Piesik (Polen). Gerhard Bertagnolli berichtet. | Fotos: Veranstalter und Tiroler Schachbund

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Innsbruck – die Landeshauptstadt

Das Goldenes Dachl, die Hofkirche, Schloss Ambras, der Alpenzoo mit der Nordkette und die Sprungschanze – vermutlich sind dies die bekanntesten Sehenswürdigkeiten und Wahrzeichen Innsbrucks. Mit den knapp 130.000 Einwohner ist die Hauptstadt des Bundeslandes Tirol gleichzeitig die fünftgrößte Stadt Österreichs und eine der bekanntesten Universitätsstädte des Alpenlandes. Etwa zwei Autostunden von München entfernt lädt die Stadt auch zum Pummeln ein und ist auf dem Weg in den Süden oftmals Zwischenstation für Reisende.

Panoramablick über Innsbruck (Foto: Wikipedia)

Innsbruck – Sport und Schach

Zwei Olympische Winterspiele (1964 und 1976) und zahlreiche sonstige sportliche Welt- und Europameisterschaften (besonders im Wintersport, aber auch in klassischen Sommersportarten wie demnächst im Klettern und Radsport) zeugen, dass Sport in Tirol eine äußerst wichtige Säule darstellt.

Für die Schachfans gibt es seit letztem Jahr auch wieder ein großes internationales Open im Turnierkalender zur Auswahl. Bei der ersten Auflage 2017 fanden 112 Spieler den Weg nach Innsbruck, 2018 konnte die Anzahl auf 160 gesteigert werden. Neben vielen „Wiederholungstätern“ waren auch zahlreiche neue Gesichter erstmals in Innsbruck.

Das Schachturnier – einige Zahlen

Es wurden zwei Open ausgetragen: das Open A war für Spieler ab einem Rating von 2000 offen (dazu wurden einige talentierte Jugendspieler unter diesem Limit zugelassen), das Open B war für Spieler unter Elo 2001 reserviert. Dass am Ende exakt 80 Spieler im Haupt- und 80 Spieler ins B-Turnier mitspielten war ein interessanter Zufall. Die Beteiligung der Frauen lag bei unter 7% und war somit eher gering.

Das Open A bot mit einem Rating-Durchschnitt von 2228, 9 Großmeistern, 17 Internationalen und 13 FIDE-Meistern aus insgesamt 19 Ländern durchaus die Voraussetzungen, dass Spieler um Internationale Normen spielen konnten. 2017 gelang es dem damaligen Noch-IM Nikita Meshkovs aus Lettland das Turnier zu gewinnen und gleichzeitig seine letzte GM-Norm zu erspielen.

Meshkovs war auch 2018 mit von der Partie und wollte seinen Titel vom Vorjahr verteidigen. Am Start waren drei Spieler mit einer noch höheren Elo-Zahl als der Vorjahrssieger: GM Erik Van Den Doel (Niederlande, Elo 2598), GM Mladen Palac (Kroatien, 2541) und IM Sergei Lobanov (Russland, 2531).

GM Markus Ragger als Stargast zur Eröffnung des Turniers

Start zur 1. Runde

Der Turnierverlauf

In der ersten Runde musste IM Sergei Lobanov auf Brett 3 in ein Remis gegen FM Simon Degenhard (Deutschland) einwilligen, auch das FM-Duell zwischen dem stärker eingestuften Piotr Piesik (Polen) und Robert Behling (Deutschland) endete mit einer Punkteteilung. Überraschend eine Niederlage musste FM Maximilian Ruff (Deutschland) gegen die fast um 300 Punkte schwächer eingestufte WFM Aashna Makhija aus Indien hinnehmen.

Ein geräumiger Spielsaal wartet auf die Teilnehmer

Runde 2 brachte gleich einige Überraschungen: während das Remis auf Brett 1 zwischen den 2 GMs Van Den Doel und Sinisa Drazic (Serbien) noch keine so große Überraschung ist, musste GM Venkatesh M.R. (Indien) mit Weiß eine Niederlage gegen IM Christian Köpke (Deutschland) quittieren. Der Siegeszug der jungen Makhija ging auch gegen IM Georg Kilgus (bereits über 400 Punkte schwerer) weiter und Sergei Lobanov musste nochmals in ein Remis einwilligen.

GM Sinisa Drazic (Serbien) lässt sich vom Organisator Giorgio Gugler den Kaffee nachschenken

Die größten Überraschungen der dritten Runde waren zum einen der Sieg von IM Di Li (China) mit Schwarz gegen den Vorjahressieger Meshkovs und zum anderen das Remis von Makhija gegen die Nummer eins Van Den Doel (über 600 Punkte schwerer!).

Nach der dritten Runde waren die zwei IM Di Li und Radoslaw Gajek (Österreich) jeweils mit 3 Punkten in Front, das Duell in Runde 4 zwischen diesen zwei endete unspektakulär Remis. In Runde vier fand die junge Inderin Makhija mit dem GM Kirill Bryzgalin (Russland) erstmals Ihren Meister.

Runde 5: GM Mladen Palak – FM Piotr Piesik  1-0

Den wohl größten Patzer des Turniers – zumindest an den Spitzenbrettern – sah man wohl in Runde 5: in der Partie Gajek-Bryzgalin erspielte sich der österreichische IM im Endspiel einen Mehrbauern und hatte berechtigte Hoffnungen, den Tag alleine an der Tabellenspitze zu beenden. Der russische GM versuchte sein Glück mit einem Dauerschach, was bei korrektem Spiel des IM zum Remis vollkommen reicht, doch mit einem Mehrbauern wollte dieser gewinnen. In folgender Stellung

spielte der österreichische IM (übrigens vor kurzem mit seiner ersten GM-Norm ausgestattet) 71. Ld1 und erkannte nach der Antwort von Schwarz 71. … Se4, dass auf einmal die Stellung obgleich eines Mehrbauern vollkommen verloren ist, was der russische Großmeister auch souverän nach Hause spielte.

GM Kirill Bryzgalin (Russland) hatte in Runde 5 das Glück an seiner Seite

In Runde 6 gelang es Bryzgalin auch am Spitzenbrett gegen IM Li zu gewinnen. Gleichzeitig wurde GM Gevorg Harutjunyan (Armenien) zum Spaßverderber von Vorjahrssieger Meshkovs: nach dessen zweiter Niederlage war klar, dass es einen neuen Sieger in Innsbruck geben wird.

Stand nach Runde 6

1. Bryzgalin 5,5 Punkte
2. Harutjunyan 5
3.-8. Palak, Gajek, Zumsande, Van Den Doel und Venkatesh je 4,5

Wer sich in Runde 7 ein schnelles Remis zwischen den zwei Führenden erwartete, wurde arg getäuscht: Harutjunyan gewann und war auf einmal selbst an der Spitze des Feldes, welche er durch ein Remis in Runde 8 gegen den deutschen IM Martin Zumsande beibehielt.

Durch Siege in Runde 8 brachten sich auch GM Van den Doel, GM Mladen Palac, FM Piesik und GM Venkatesh in eine gute Ausgangslage für die letzte Runde.

IM Martin Zumsande (Deutschland)

In Runde 9 kam es zu folgenden Spitzenbegegnungen, aus welchen der Sieger des A-Opens hervorgehen sollte:

Brett 1: GM Gevorg Harutjunyan (6,5) – GM M.R. Venkatesh (6)

Brett 2: GM Erik Van Den Doel (6) – GM Mladen Palac (6)

Brett 3: IM Martin Zumsande (6) – FM Piotr Piesik (6)

Auf Brett 1 kam es bald zu einem Friedensschluss, wonach Harutjunyan schon mal sicher auf das Podest kommt, die Frage war allerdings, ob es zum Sieg reichen würde.

Auf Brett 2 verlor Palac …durch Zeitüberschreitung im 21. Zug! In zwar schwieriger, aber noch nicht aussichtsloser Stellung führte er seinen letzten Zug um eine Sekunde zu spät aus.

Das Duell auf Brett 3 war besonders brisant, schließlich konnte sich der Sieger aus diesem Spiel nicht nur über einen Platz am Podest (mit entsprechend hohem Preisgeld) freuen, sondern auch um eine GM-Norm! Der Überraschungsmann FM Piotr Piesik konnte sich durchsetzen und so kam er zu seiner ersten GM-Norm. Das Interessante: er rechnete zwar, dass diese Leistung für seine zweite IM-Norm reicht, aber nicht für höheres. Umso überraschender war er dann bei der Überreichung der unerwarteten Norm anlässlich der Preisverleihung.

Am Ende siegte Harutjunyan dennoch aufgrund der besseren Buchholzwertung vor Van Den Doel und Piotr.

Auch die junge WFM Aashna Makhija konnte eine Norm erzielen: mit 5 Punkten übererfüllte sie die WIM-Norm um einen Punkt und verpasste gleichzeitig die WGM-Norm nur knapp. Ein Talent, das man im Auge behalten sollte!

FM Piotr Piesik (Polen) auf dem Weg zu seiner ersten GM-Norm

Das Podium (von links nach rechts): Organisatoren-Gattin Ivonne Ladner, GM Erik Van Den Doel (Platz 2), GM Gevorg Harutjunyan (Sieger), FM Piotri Piesik (Platz 3), Organisator Giorgio Gugler

Ein stolzer Sieger mit dem Organisator

Die dritte Auflage für 2019 wurde schon verkündet: wiederum in der letzten August-Woche führen die Schach-Wege in die Tiroler Landeshauptstadt.

Ergebnisse

Rg. Snr   Name Land EloI Pkt.  Wtg1   Wtg2   Wtg3  Rp
1 9 GM Harutjunyan Gevorg ARM 2441 7,0 46,0 50,5 2412 2632
2 1 GM Van Den Doel Erik NED 2598 7,0 45,0 48,5 2356 2576
3 18 FM Piesik Piotr POL 2352 7,0 43,0 45,5 2380 2600
4 5 GM Venkatesh M.R. IND 2499 6,5 43,0 47,0 2321 2487
5 2 GM Palac Mladen CRO 2541 6,0 48,5 52,0 2425 2550
6 11 GM Bryzgalin Kirill RUS 2430 6,0 47,5 52,5 2365 2490
7 7 IM Zumsande Martin GER 2458 6,0 47,5 51,5 2392 2517
8 8 IM Gajek Radoslaw AUT 2444 6,0 45,5 48,5 2383 2508
9 12 IM Schnider Gert AUT 2423 6,0 45,5 48,5 2356 2481
10 4 GM Meshkovs Nikita LAT 2524 6,0 44,5 49,0 2342 2467
11 6 GM Loginov Valery A RUS 2487 6,0 43,5 47,5 2318 2443
12 16 GM Drazic Sinisa SRB 2401 6,0 41,5 44,5 2295 2420
13 3 IM Lobanov Sergei RUS 2531 6,0 41,0 45,0 2259 2384
14 15 IM Kilgus Georg AUT 2415 6,0 39,5 43,5 2241 2366
15 10 IM Li Di CHN 2441 5,5 44,5 48,0 2370 2450
16 25 IM Köpke Christian GER 2316 5,5 42,5 46,0 2354 2434
17 34 FM Ruff Maximilian GER 2281 5,5 39,5 42,0 2201 2281
18 23 IM Rogac Srdjan SRB 2321 5,5 37,5 40,5 2232 2312
19 29 IM Kolbus Dietmar GER 2303 5,0 45,0 47,5 2312 2407

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Quelle: chess-results

Partien des A Open A

 

Turnierseite




Gerhard Bertagnolli, Jahrgang 1976, Internationaler Schiedsrichter aus Südtirol/Italien mit Einsätzen südlich und nördlich der Alpen, steht gerne auch für deutschsprachige Schachfreunde für Fragen zu Turnieren in Italien zur Verfügung.
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kumagoro kumagoro 06.09.2018 09:50
Das glaubst auch nur Du, Krennwurzn. Meiner Meinung nach ist es lediglich so, dass in der heutigen Zeit jeder ignorante Dorfdepp die Möglichkeit hat, seinen Dünnpfiff ungefiltert in die Welt hinauszuposaunen und - siehe da er denkt, Alle denken so, weil alle anderen Dorfdeppen eben nun man dauerposaunen. Früher durften die Dorfdeppen irgendwann einfach nicht mehr in die Kneipe oder man hat sie schlicht ignoriert. Wenn die Demokraten aufstehen, wie in Hamburg gestern, wo 10.000 aufrechte Leute 200 Nazis gezeigt haben wer wirklich die Mehrheit hat im Land, dann kann auch Chemnitz davon lernen. Merke: Die Dorfdeppen sterben nie aus.
Krennwurzn Krennwurzn 06.09.2018 12:16
Da die deutschsprachige Gesellschaft aktuell nach rechts rückt sollte man sagen: Tirol isch lei oans!
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