Vlastimil Hort: Rares und Wahres (2)

von Vlastimil Hort
26.12.2017 – Vlastimil Hort, Jahrgang 1944, gehörte über Jahrzehnte zu den weltbesten Spielern und spielte unzählige Turniere und Wettkämpfe mit. Er traf viele andere Weltklassespieler und erlebte dabei die eine oder andere Geschichte. Einige erzählt er hier. (Foto: André Schulz)

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Vlastimil Hort: „Rares und Wahres“ – Teil 2

Manchmal tickt die Schachuhr verdammt schnell. Meine Nacht vom 25.12. bis zum 26.12.1967 unter einer Tanne in London war unendlich lang und eiskalt. „Please, your passport!“ Ich war noch halb im Schlaf und fror entsetzlich. Meine Spuren im Schnee hatten mich wohl verraten. Zwei stattliche Bobbys wollten meine Papiere sehen. Offensichtlich sahen sie einen tschechischen Passport zum ersten Mal in ihrem Leben. Nachdem sie sich überzeugt hatten, dass ich kein Verbrecher bin, waren sie sogar hilfsbereit. Ich schilderte ihnen meine Not. Um 0.30 Uhr durfte ich mich zu den Cops in den Polizeiwagen setzen, unser Ziel war die nächste Dienststelle. Endlich eine warme Stube! Mir wurde ein Pott mit warmem Tee serviert und langsam kamen meine Lebensgeister zurück. Die freundlichen Bobbys boten mir zwei Decken und eine Pritsche in der Gefängniszelle an. Eine paradiesische Musik in meinen angefrorenen Ohren!

Vor vielen Jahren kam ein deutscher Schachspieler nach Hastings und wurde von einem Ehrenkomitee empfangen: „How are you, Mister Meises, be welcome“ , so sprach der Chairman. „No, no, my name is Meister Mieses, please“, verteidigte der Betroffene die korrekte deutsche Aussprache. Auch Salo Flohr´s Englisch war sehr mäßig. An der Hotelrezeption spielte sich folgender Dialog ab: „Sir, you will be with us on third floor.“ „Oh, no“, antwortete Flohr, not third, first Flohr.“ Verbissen verteidigte er seinen ersten Platz im Turnier.

Nein, der Policeman brachte mich nicht zum Bahnhof, so ein Happy End war einfach nicht drin. Dafür aber wurde mein Schwarzfahren im schönen Londoner roten Doppeldeckerbus glücklicherweise nicht entdeckt. Und meine Glücksträhne sollte weitergehen. Ich erreichte den richtigen Zug nach Hastings.

Als Bad ist Hastings ziemlich heruntergekommen, die englische High Society trifft sich schon jahrelang irgendwo anders. Das berühmte Turnier lebt eigentlich bis heute von Spenden und Eintrittsgeldern. Tradition, it is tradition!

Seit meinem Weihnachtsabenteuer mag ich hohe Tannenbäume mit breiten und einladenden Ästen. Der Abschied von unserer Silbertanne im Garten fiel mir daher besonders schwer. Das ich auch heute noch mit Begeisterung „Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum“ mitsinge, werden die Leser verstehen.

Fortsetzung der Geschichte folgt bald, jetzt please, „keep smiling“ für meine Anekdoten:

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Capablanca Memorial, Havanna 1970. Ich hatte viel Glück und kam als erster durch das Ziel. Als ersten Preis gab es ganze 20.000 kubanische Pesos. Für damalige Schachverhältnisse ein astronomischer Betrag. Der offizielle Kurs war 1,69 US Dollar zu einem Peso. Ein kleines Häkchen war natürlich dabei. Auf dem schwarzen Markt war der Kurs ganz anders. Eine kleinste US Banknote musste mit 669 kubanischen Pesos bezahlt werden. So war mein Turnierpreis in der Realität auf ungefähr 300 US Dollar geschmolzen. Auf dem Schwarzmarkt geriet der Tauschinteressierte XY sowieso gleich ins Visier der Polizei. Ich versuchte das Problem auf der tschechischen Botschaft zu lösen. Im schlimmsten Fall hätte ich mich auch mit Tuzex-Kronen (in der DDR Valutenzertifikate) oder mindestens tschechoslowakischen Kronen zufrieden gegeben.

Die Enttäuschung war sehr groß. Wie mir ein Schachenthusiast aus der Botschaft verriet, hätten sämtliche Ostblockstaaten ihre Straßen mit kubanischen Pesos pflastern können… Was jetzt? Wirtschaftlich gab es nur Engpässe in Kuba. Die Zigarren, Rum, sogar das Getränk Cuba libre im Hotel waren limitiert. Der Staat hatte schon längst keine Autoreifen, Damenstrümpfe und Zahnpasta mehr. Es blieben mir zwei Tage um den „astronomischen“ Betrag auszugeben. Mein Schachbekannter, Michael Sanchez, besorgte mir aus Mitleid doch ein paar Zigarettenschachteln und zauberte dazu zwei Krokodillederbahnen. Von meiner Seite ganz klar ein Verstoß gegen die Zollregeln. Die letzten beiden Abende verbrachte ich in der berühmten Bar „Tropicana“. Ich hatte den besten Tisch und war sehr spendabel. "Bésame, bésame mucho". Dieser Song ist im April 1944 in Havanna entstanden – in meinem Geburtsjahr. Ich liebe diesen Song.

Am Abreisetag fahre ich mit dem Taxi zum Flughafen. 200 Pesos meldet der Taxisfahrer und hofft dabei vielleicht auf ein paar US Dollars. Beim Aussteigen hole ich den dicken Umschlag aus der Hosentasche. Bei dem Blick auf den Inhalt bleibt dem Chauffeur die Sprache weg. Ich will ihm den ganzen Umschlag übergeben, doch er ist total irritiert und wehrt vehement ab. Ein Hin und Her entsteht. Ich bin schneller, drehe mich auf dem Absatz um und werfe den ersten Preis durch das offene Fenster auf den Rücksitz des Taxis. Mit schnellen Schritten eile ich zu der Abflughalle. Es war mein dritter Schachbesuch in Havanna.

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Ich mag Budapest. Erinnert an Prag und ist nicht weit von Prag entfernt. 1973 wurde dort ein erstklassiges internationalesTurnier veranstaltet. Ich mag auch sehr das Buch von Großmeister Arpad Adorjan „Black is O.K.“ Ein Juwel unter den Eröffnungsbüchern. Dynamik und Dynamit in jeder Zeile. Auch seine Erfindung „Rainbow chess“ schätze ich sehr. Ein farbiges Spektrum, Schwarz ist nicht Schwarz, sondern dunkel. Weiß ist nicht weiß, sondern hell. Es ist geeignet für Kinder, kann aber auch als Dekoration den Erwachsenen gefallen. Der dunkelblaue Läufer und auch der orange Turm haben Charme und Schönheit in sich.

Es regnete und ich eilte in den Turniersaal, mein Gegner war an diesem Tag der schwarze Magier A.A.  Ich hatte vor, ihn bei dieser Gelegenheit auf sein „Rainbow chess“ anzusprechen. Zu jener Zeit wurde noch nach der Partie analysiert. Ein gemütlicher Analyseraum war mit allen erdenklichen Leckereien ausgestattet. Mein Gegner war trotz Verlust gut gelaunt und ansprechbar. Wir vergaßen die Umgebung, bis sich plötzlich eine fremde, haarige Hand den Figuren näherte und ein Schwall von ungarischen Worten in meine Ohren drang. Ich verstand kein Wort und mild gesagt, ich war genervt. Wir konnten unsere Analyse nicht fortsetzen. „Kibitz, halte die Klappe“, wollte ich schon höflich zum Thema machen.

Was ist los? Ein scharfer Schmerz durchbohrt mein Schienbein. A.A. kickt mich unter dem Tisch erneut in das andere Schienbein und flüstert dabei: „Kadar, Janos Kadar“! Als ich meinen Kopf hob, erblickte ich zuerst zwei stattliche Gorillas. Selbstverständlich war mir dieser Kibitz von da an willkommen und hatte sozusagen Carte blanche.

Während des Turniers lebten wir wie die Maden im Speck. Ein super Gewerkschaftshotel, eine freie Menu-Auswahl und dazu einen herrlichen Blick auf die wunderschöne blaue Donau.

„Kérem szépen“!

Ich gehörte immer zu den Anhängern des Kadar´chen Gulaschkommunismus! Am Abend im Hotel erwartete mich an der Rezeption ein Päckchen, drinnen ein Barackpálinka (Aprikosenschnaps). Dem Absender, unserem „unbekannten“ Kibitz, hatte die Analyse offensichtlich gut gefallen!

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„Yo voy organisar todo“. Wir gaben uns die Hand und die Simultan-Tournee in Spanien war besiegelt. Nach dem Turnier in Madrid 1973 war der spanische Großmeister Roman Toran mit dieser Idee zu mir gekommen. Die finanziellen Bedingungen waren für mich O.K., seine zwar besser, aber das interessierte mich nicht.

„Es gibt nur zwei wichtige Personen, auf die Du Rücksicht nehmen musst“, verlangte Roman. „Nämlich „Alcalde“ (Bürgermeister) und „Hombre de Tresoro“ (Kassierer).

Es verstand sich von selbst, dass immer ich die stärkeren Gegner und manchmal auch beide VIPs zu versorgen hatte. Für mich O.K., denn ich sah dabei alle Schönheiten der Iberischen Halbinsel, von Barcelona bis Malaga und dann wieder Richtung Inland bis Sevilla. Die Tournee wurde praktisch zu einer Glückssträhne. Und dann passierte es. Ich war nicht richtig konzentriert und verwechselte „Tablero dieciséis (16) mit „Tablero diecisiete“ (17). 

„Hombre, que has hecho“ (Mensch, was hast Du gemacht)?, jammerte Roman. Der Tag war verdorben. Es gab kein Bankett, die Honoratioren ließen sich entschuldigen. Roman musste schwer um seine eigenen Reisekosten kämpfen. Noch am gleichen Abend zogen die Schachvagabunden im alten Mercedes weiter …

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Hort stellte einige seiner Partien gegen die Weltmeister vor und weiß viel über diese großen Persönlichkeiten des Schachs zu berichten.

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Ehemaliger Weltklasse-Spieler, WM-Kandidat, vielfacher Autor und bekannter TV Schachmoderator.
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AWSoP AWSoP 30.12.2017 06:59
Wunderschön. Herzlichen Dank. Das sind die Erlebnisse, die Schach WIRKLICH interessant machen.
supergrobi supergrobi 26.12.2017 11:41
Hoffentlich erscheint Horts Buch bald in Deutsch oder wenigstens in Englisch. Ich hatte mehrmals das Vergnügen bei den Schachfreunden der Baubehörde Hamburg eine Simultanpartie gegen ihn spielen zu dürfen. Auch dort hat er, bevor es an die Bretter ging, viele interessante Anekdoten erzählt. Außerdem gab es immer eine Studie zu lösen. Damit hat er wohl ausgelotet, gegen wen er ein bißchen aufmerksamer spielen muß. Manchmal habe ich den Eindruck, daß derartig interessante Spielerpersönlichkeiten vorwiegend aus der Zeit vor dem starken Computerschach stammen.
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