Vlastimil Hort: Wie schön war es in Polanica Zdroj

von Vlastimil Hort
16.08.2018 – Am kommenden Wochenende (18.- 26. 8.) beginnt in Polanica Zdroj das Rubinstein Memorial. Es ist die 54. Auflage dieses Turniers zu Ehren des großen polnischen Meisters. Vlastimil Hort hat in seiner Jugend hier einige Mal mitgespielt und schwelgt in Erinnerungen. Bei der 55. Auflage im nächsten Jahre möchte er gerne wieder dabei sein.

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Polanica-Zdroj - Zum vierundfünfzigsten Mal das Rubinstein Memorial!

Bevor die Schachgöttin Caissa mich in den Himmel holt, möchte ich unbedingt noch einmal das traditionelle Turnier in Polanica-Zdroj miterleben.

Auf vielen Kontinenten, sozusagen „hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen“, fast überall auf diesem Planeten habe ich schon die Schachfiguren hin und her geschoben. Seltsam, den einzigen meiner Schach-Tatorte, den ich noch einmal wiedersehen möchte, ist dieser kleine, polnische Badeort. Warum? Meine Jugend und mein Aufstieg in der Schachszene sind damit eng und intensiv verbunden.

 

Schade, als das wunderschöne Turnier 1963 aus der Taufe gehoben wurde, war ich leider noch nicht dabei. 

Einer der damaligen Gewinner war Moshe Cerniak (1910-1984) - was für eine schillernde Persönlichkeit! Daher appelliere ich sehr an IM Yochanan Afek, diesem, seinem Schachlehrer doch eine längere Erinnerung zu widmen. Ich selbst entdeckte durch Moshe Cerniak den Charme und die Schönheit des jüdischen Humors. Wovon ich jetzt etwas zum Besten geben möchte.

Moshe Czerniak | Foto: Ron Kroon / Fotocollectie Anefo

Rosenblatt und Cohn spielten fast jeden Abend im Schachcafé „U Novaku“ in Prag unzählige Blitzpartien. Beim Finale einer dieser Partien kam es unerwartet zum Streit. „Du hast die Figur schon losgelassen“, ereiferte sich Cohn. „Wir spielen hier nach der Regel „Pièce tuchée“!“ Rosenblatt konterte sofort „Nein, nein, Du kannst bloß keine Niederlagen ertragen, ich hatte die Figur noch fest umklammert.“ Um die Streithähne zu versöhnen, wurde ein Rabbi eingeschaltet. Zuerst wollte er Cohns Version hören. „Wissen Sie, Cohn, Sie haben Recht“, kommentierte der Rabbi den Konflikt.

Vor der Tür wartet aufgeregt Rosenblatt. „Wissen Sie, Rosenblatt, Sie haben Recht“, kommentierte der Rabbi auch hier das Geschehen. Sarah lauschte hinter der Tür und hörte die beiden Antworten ihres Mannes. „Alter, bist Du verrückt geworden? Wie können beide in der Sache Recht haben?“

„Weißt Du was, Sarah, Du hast auch Recht“, war das weise Schlusswort des Rabbi.

Wer in den fünfziger und sechziger Jahren den kleinen Schachladen auf dem Wenzels Platz von Maestro Erwin Rosenblatt besucht hat, der weiß, was ich meine. 

Ein Duell

IM Moshe Czerniak lachte sehr gerne und viel und steckte mit seiner ewig guten Laune auch alle anderen an. 1964 während des Rubinstein Memorial erzählte er mir folgende Geschichte, die sich zur Schacholympiade in Buenos Aires 1939 zugetragen haben sollte.

„Aljechin war in seine sehr komplizierte Partie vertieft als er plötzlich, für alle Umstehenden überraschend, aufstand und mit schnellen Schritten zum Erfrischungsraum eilte. Auf dem Weg dorthin wurde er von einer jungen hübschen Dame aufgehalten. Die Bitte um ein Autogramm war nichts Ungewöhnliches, aber zu diesem Zeitpunkt war die Uhr des Weltmeisters schon nah am roten Fähnchen. Seine Gedanken waren deshalb ausschließlich mit dem nächsten Zug beschäftigt. Die Ablehnung auf den Autogrammwunsch war daher ein wenig unhöflich und abrupt. Die Retoure folgte sogleich. Der Verehrer und Begleiter der jungen Dame, ein hoch dekorierter Armeeoffizier, empfand Aljechins Verhalten als persönliche Beleidigung. Alors! Ein Handschuh mit Duelleinladung landete vor Aljechins Füßen.“

Moshe Cerniak lachte bei der Erinnerung noch nachträglich und genoss die Spannung, in die er mich versetzte offensichtlich ausgiebig.

„Ein theoretisches Duell auf dem Schachbrett hätte der Weltmeister sicherlich gewonnen, aber welche Waffe würde er für das Duell von Mann zu Mann wählen?“ Das allerdings blieb ein Rätsel, denn die Fehde löste sich anschließend in Luft auf.

„Ja“, fügte der Erzähler hinzu, „Aljechin war kein besonders guter Verlierer. Er spielte leidenschaftlich, aber sehr schlecht Bridge. Ließ sich allerdings auch nicht beraten, so dass niemand gerne bei diesem Spiel sein Partner sein wollte. So hielten wir unsere Verabredungen und Spielorte vor ihm geheim. Wenn er uns dann schließlich doch aufgestöbert hatte, waren bereits alle vier Plätze besetzt!“

Moshes Erzählung wurde durch Bruno Parma unterbrochen. Wir drei hatten uns zu einer Partie Rommée verabredet. Wie willkommen uns an diesem Abend Aljechin gewesen wäre, brauch ich nicht zu sagen…

Ich stellte zu meinem Erstaunen fest, dass die Partie Pilnik-Cerniak in Mar del Plata (1951) lange den Guinness Rekord hielt. Sie dauerte 23 Stunden und hatte 191 Züge.

 

Der erste Direktor des Turniers in Polanica-Zdroj, Jerzy Arlamowski (1928-2001), tat alles, um uns unsere Niederlagen zu versüßen. Falls Sie sich jetzt an die berühmte Partie Keres-Arlamowski erinnern, dann war der schwarze Spieler allerdings nicht Jerzy, sondern Edward Arlamowski (1909-1979) und die Partie wurde in Szcawno-Zdroj am 2. Juli 1950 für die Ewigkeit erschaffen.

 

Andrzej Filipowicz (*1938) mein häufiger Gegner in diesen Turnieren, treffe ich nach 55 Jahren immer wieder mal in Dortmund. Dort sind er und Alexander Bach (Russland) ein alteingespieltes Schiedsrichterteam. Er bestätigte mir: „Ja, Panje Vlastimile, wir waren voll von Idealen und vor allem jung.“

In den Spuren Najdorfs

Vor der letzten Runde des zweiten Akiba Rubinstein Memorial 1964 in Polanica Zdeoj sprach mich ein mir bis dahin unbekannter Herr mit Namen Turski an. Es läge ihm sehr daran, dass ein ausländischer, junger und begabter Spieler in seinem Heimatort im Süden Polens ein Simultan spielen würde. Die Entfernung vom jetzigen Turnierort sei auch nur ein Katzensprung. Miguel Najdorf habe auch schon dort gastiert, so lockte er mich. Das versprochene Honorar war ziemlich hoch und weil Jerzy Arlamovski, der Turnierdirektor, für den mir unbekannten Herrn ein gutes Wort einlegte, war ich schnell bei der Hand und willigte ein.

Wir fuhren am späten Vormittag des nächsten Tages zunächst nach Breslau. Von dort aus sollte es mit einem Nachtzug weitergehen, was mich schon wunderte. Ein Katzensprung konnte das bestimmt nicht mehr sein. Was war los, im Zug war für uns beide ein gemeinsames Schlafabteil reserviert. Und hier ließ er endlich die Katze aus dem Sack: „Unser Reiseziel in Südpolen heißt Rzeszów.“ Mir wurde langsam klar, dass unser Ziel fast an der ukrainischen Grenze liegen musste. Die exakte Entfernung verschwieg mir mein Gastgeber wohlweislich aus Angst vor meiner möglichen Absage. Erst spät gestand er mir die ganze Mogelei. IM Moshe Czerniak hatte sein Angebot vor mir schon abgelehnt. Die ganze Stadt und sein Verein aber liebten Schach sehr und warteten schon sehnsüchtig auf einen Großmeister. Wie konnte ich jetzt noch ablehnen?

Die gesamte Anreise dauerte fast zwei volle Tage und kurz vor dem Ziel, als ich schon aufzuatmen begann, der nächste Schock. Ich sollte kein normales Simultan spielen, sondern ein Blindsimultan wie Najdorf im Jahre 1933. Es wäre mein erstes Blindsimultan überhaupt. Herr Turski wusste das nicht, aber sein Vertrauen in meine Fähigkeiten war so hoch, dass ich mich trotz großer Angst sogar noch geschmeichelt fühlte.

Kannst du das, Vlastimil, fragte ich mich dann aber am Abend im Hotel vor dem Spiegel? Wie hatte ich das Schwimmen erlernt? Als elfjähriger Junge bekam ich am Rande des Schwimmbeckens in Kladno einen Schubs und schon war ich in der Tiefe. Seltsamerweise tauchte ich wie von selbst wieder auf und konnte mich sogar über Wasser halten. Wenn es damals ging, dann könnte es auch morgen klappen, so machte ich mir selbst Mut.

Die Sporthalle war voll und ich nervös. Sie haben mir auch einfach nur einen Schubs gegeben, nicht wahr, Herr Turski? Offensichtlich eine blöde, aber wirksame Methode! Najdorf hatte damals alle Partien gewonnen, ich verlor eine.

Wie aber konnte ich jetzt aus dem Karparten-Vorland wieder nach Hause, in mein geliebtes Prag, kommen? Herr Turski begleitete mich im Taxi bis nach oben zum Dukla-Pass. Dort umarmten wir uns in aller Schachfreundschaft und sagten Adieu.
Als erfolgreicher Schach-Tramper hatte ich bis Prag alle zehn Partien „blind“ analysiert – die „Chauffeure“ wunderten sich über mein Schweigen, waren aber alle genauso nett, wie Herr Turski!

Erst im dritten Anlauf, im Jahre 1977, beim fünfzehnten Turnier in dem schönen polnischen Badeort, feierte ich meinen ersten Sieg.

 

 

Das Schachmosaik füllt sich langsam. Ich las sehr viel über Akiba Rubinstein und bin mir fast sicher, dass ich in den achtziger Jahren in einem Brüsseler Schachcafé seinem jüngeren Sohn am Schachbrett gegenüber saß. „Tel père, tel fils“ – die Ähnlichkeit der beiden war verblüffend – sie glichen sich, wie ein Ei dem anderen.

Akiba Rubinstein

Das diesjährige vierundfünfzigste Schachfestival „Akiba Rubinstein“ findet vom 18. – 26. August statt. Meine große Schachleidenschaft zieht mich unweigerlich dort hin…, leider, leider keine Zeit. Aber beim fünfundfünfzigsten – der Schnapszahl – werde ich alle Hebel in Bewegung setzen… Versprochen!

Turnierseite: Rubinstein Memorial...

 




Ehemaliger Weltklasse-Spieler, WM-Kandidat, vielfacher Autor und bekannter TV Schachmoderator.
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