Yannick Pelletier: "Der Igel ist universell"

von Fernando Offermann
04.01.2017 – Yannick Pelletier ist zur Stippvisite in Hamburg und nimmt im ChessBase-Studio seine dreisprachige DVD über den Igel auf. Grund genug für uns, ihn zum Gespräch zu bitten, bevor es wieder zurück nach Paris geht. Eine Plauderei über Konterchancen, Damentausch, Carlsens eingeschränkte Wahlmöglichkeiten und welche Trends für Schwarzspieler zu beachten sind. Zum Interview...

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Besuch aus Paris: Yannick Pelletier zu Gast in Hamburg | Foto: Fernando Offermann

Interview mit Yannick Pelletier

Yannick, Du bist jetzt ein paar Tage in Hamburg und nimmst eine DVD auf. Was ist das für ein Projekt?
Es ist eine DVD, aber dreisprachig: Englisch, Deutsch und Französisch. Das bedeutet auch: dreimal dasselbe machen. Fast fünf Tage, und ich versuche das so zu machen, dass ich noch einen halben Tag frei habe als Polster, wenn ich noch einen Clip verbessern möchte. Gestern habe ich noch bis in die späten Stunden nacharbeiten müssen. 

Danach geht es wieder zurück nach Paris? 
Genau. Da wohne ich seit anderthalb Jahren mit meiner Familie. 

Ist das Deine erste DVD auf Französisch? 
Das ist überhaupt meine erste DVD. Ich habe früher für eine Seite in Frankreich ein paar Videos auf Französisch gemacht. Das Projekt bei Echecs en Video verlief sich jedoch wieder.

Thema Deiner DVD ist der Igel.
Das Igel-System in der Englischen Eröffnung, weil der Igel insgesamt etwas umfassender ist. Es gibt verschiedene Strukturen, die Weiß wählen muss, aber im Englischen bedeutet das: mit g3 und Lg2. 

...also nicht der Englische Igel mit e4 und f3. 
Genau. Bei g3 kommt manchmal trotzdem e4, manchmal nicht. Aber eben dieses System ist das Thema.

Aus weißer oder aus schwarzer Sicht?
Eher aus schwarzer Sicht, obwohl ich auch Ideen für Weiß anbiete. Und ich zeige auch ganz gern, wo die Gefahren liegen. Die DVD ist auch für Weiß nützlich. Gut, das ist auch bei fast jeder Eröffnung heutzutage so. Fast jede Eröffnung ist heutzutage spielbar für Schwarz. Wenn man sie gut kennt, gut analysiert. Von Spanisch bis Skandinavisch ist wahrscheinlich auch vieles spielbar für Schwarz. Das bedeutet: Man muss versuchen, eine objektive Sicht der Dinge zu zeigen.
Ich spiele den Igel vor allem mit Schwarz seit mehr als 20 Jahren, und ich habe es auch mit Weiß versucht, aber weniger oft. 

"Es gibt Berlin. Es gibt Najdorf... und der Rest?" | Foto: Fernando Offermann

Peter Heine Nielsen hat nach dem WM-Match in New York gesagt, es werde immer schwieriger für Weiß, überzeugende Wege zu finden, generell in allen Eröffnungen. Für Schwarz sei das mehr eine Verteidigungsleistung, und man kann immer mehr verteidigen, es gibt immer mehr haltbare Stellungen. Für Weiß aber sei es schwieriger, ein Konzept zu wählen, das überzeugend ist. 
Gut, diese Meinung muss man natürlich in Nuancen sehen, und er würde diese Nuancen auch nennen, denn auf dem höchsten Niveau sind im Prinzip natürlich nicht alle Eröffnungen spielbar. Ich habe Eröffnungen genannt wie zum Beispiel Skandinavisch. Weiß kann vielleicht überall eine etwas angenehmere Stellung bekommen. Wohl nicht einen riesigen Vorteil, aber es ist angenehm. Und auf höchstem Niveau will man eine solche Stellung nicht verteidigen. Deshalb spielt man meistens ...e5 oder Najdorf. Vor zwei Jahren sind Nielsen und ich zusammen in Japan gewesen und dort er sagte mir: Für Carlsen gibt es nicht hundert Eröffnungen, die spielbar sind.  Auch wenn er es ein bisschen in dieser Hinsicht versucht. Aber wenn man hinschaut: Mit Schwarz spielt er nur …e5, und gegen 1. d4 spielt er nicht alles. Zum Beispiel gegen 1. e4: Es gibt Berlin. Es gibt Najdorf… und der Rest? Okay, es gibt im Spanier noch Marshall und so weiter – aber sonst willst du nicht etwas Anderes spielen. Na gut, es gibt diese Stellungen wie die Rubinstein-Variante im Franzosen, sehr solide. Aber das sind die Eröffnungen, wo du sicher sein kannst, dass du leidest, und das geht nicht. Also auf dem allerhöchsten Niveau geht das nicht. Das Vorbereitungsniveau ist so hoch.

Auf WM-Niveau ist der Igel bislang selten zu sehen gewesen. Kannst Du Dir vorstellen, dass der Igel in einem WM-Wettkampf wieder zurückkehrt?
Vom Charakter der Eröffnung her denke ich nicht, dass es heutzutage in einem WM-Kampf zu einem Igel kommen sollte, denn das System ist dafür gedacht, dass man mit Schwarz auf Gegenangriff spielt – also nicht versucht, das Spiel mit konkreten Mitteln trockenzulegen – und Letzteres ist eben die gegenwärtige Lieblingsmethode auf höchstem Niveau.

- "Es wird nicht die plötzliche Neuerung kommen und sagen: Der Igel ist tot."

Als im Jahr 2000 diese Khalifman-Reihe herauskam, eröffnen mit Weiß wie Kramnik mit 1. Sf3, war das Thema Igel ja auch eine zentrale Sache. Für Schwarzspieler war es nicht ganz leicht, da einen Weg herauszuarbeiten. Wie siehst Du die Situation jetzt?
Das ist eben ein Vorteil dieses Systems. Der Igel ist eigentlich universell. Es wird keine Revolution geben. Es wird nicht die plötzliche Neuerung kommen und sagen: Der Igel ist tot. Es gibt natürlich Feinheiten, Ideen werden gefunden, aber es gibt keine tödliche Neuerung, wie es sie in anderen Eröffnungen geben kann… so, dass man unter Umständen das System wechseln muss. Das ist das Gute. 
Die Theorie spielt natürlich eine Rolle, also für Weiß und für Schwarz. Was wichtig ist: Dass man weiß, was man spielen darf. Es gibt eine gewisse Zugfolge. Einige Sachen in dieser Variante kannst du nicht so spielen, sondern du musst sie dann so spielen. Die Theoriemenge ist nicht so groß, und wenn du das weißt, dann bekommst du deinen Igel, deinen Aufbau, nach zehn, zwölf, dreizehn Zügen, und dann spielst du diese typischen Stellungen, die Pläne sind klar, das ist ziemlich praktisch. Einerseits für Amateure, die nicht so viel Zeit zum Studium und zum Verarbeiten von schwierigen Partien haben (natürlich, es gibt etwas zu tun, aber die Menge ist nicht allzu groß) – aber auch für starke Spieler. Ich spiele das seit zwanzig Jahren, vielleicht nicht jedes Mal, wenn sich die Gelegenheit bietet, ich wechsele manchmal, aber immerhin. Ich fühle mich immer noch sehr wohl in diesen Systemen, auch mit der wachsenden Erfahrung, das gefällt mir natürlich. 

"Manchmal unternimmt Weiß auch nicht unbedingt etwas Konkretes und trotzdem geht plötzlich ...b5 oder ...d5" | Foto: Fernando Offermann

Mihai Suba hatte vor zwanzig oder dreißig Jahren formuliert, dass die interessante Situation ja beim Igel sei, dass Weiß irgendwann den idealen Aufbau findet und sich nicht weiter verbessern könne, und Schwarz demgegenüber immer noch Möglichkeiten habe, die Stellung zu optimieren. 

Gut, es gibt psychologische Faktoren. Weiß hat Raumvorteil und bessere Freiheit für seine Figuren, mehr Raum, und irgendwann…, tja, Schwarz steht und bleibt und ist geduldig und wartet auf die Chance, …b5 oder …d5 zu ziehen. Wenn Weiß etwas zu sehr expandiert, also nach f4 kann …e5 kommen, also bedeutet dies unter Umständen wirklich einen Gegenangriff. Aber manchmal unternimmt Weiß auch nicht unbedingt etwas Konkretes und trotzdem geht plötzlich …b5 oder …d5. Ich meine, in den Händen eines Weißspielers wie Karpov oder so das ist nicht so einfach, weil er auch sehr geduldig ist, und er ist geduldig auf eine sehr kluge Art und Weise. Er ist auch prophylaktisch, aber er wartet nicht einfach nur. Er hat auch so Kleinigkeiten… kleine, positionelle Drohungen, die er aufstellt, um die Sache zu seinen Gunsten zu ändern. Gegen solche Leute ist es nicht einfach - aber natürlich nicht nur im Igel.

Ulf Andersson mit Lg5xf6:

 

Wenn man sich als Schwarzer für den Igel interessiert, welche Weißspieler sollte man studieren?
Es hängt ein bisschen vom System ab. Zum Beispiel Ulf Andersson. Er hat den Igel auch mit Schwarz gespielt, aber er hat als weißer Englisch-Spieler viele Systeme erfunden. Was heute zum Beispiel sehr populär ist, das Lg5xf6-System, das hat er vielleicht nicht zum ersten Mal gespielt, aber er hat verstanden: Weiß kann etwas Druck machen, er hat einige tolle Partien gewonnen. Gegen Seirawan, gegen Grünfeld. Diese Partien zu studieren, das ist die Basis, wenn man als Schwarzer in diese Varianten gehen will. Man schaut sich die Partien von Andersson an und man versteht, wo die Gefahren liegen. Das ist Andersson. Und vielleicht moderner: Georg Meier hat auch einige gute Partien gewonnen. Gegen Iordachescu mit dem Manöver Kh2/Dh1, ziemlich lehrreich.

Also, man studiert diese Varianten, man versteht: es gibt vielleicht Probleme – hier, hier und hier und man muss deswegen aufpassen, und dann findet man eben, was man spielen sollte, denn der Igel stirbt nicht wegen Lg5 und Lxf6. 

Georg Meier gegen Iordachescu

 

Andersson hatte zum Beispiel auch Ideen mit b3 entwickelt. Ulf Andersson hat aber nie das System mit Te1 und e4 gespielt, aber das System ist gefährlich. Kramnik hat das gespielt. Dann schnell f4, g4 eventuell, mit diesen Angriffsmöglichkeiten, manchmal gibt es Figurenopfer im Zentrum, da muss Schwarz wirklich aufpassen mit der Zugfolge. Es gibt Tricks, es gibt Springer d5, jedes zweite Mal funktioniert das und dann ist die Frage: Wieso funktioniert es? Und wieso manchmal nicht? Das ist nicht immer einfach zu erkennen. Man muss es manchmal auch wissen. 

Das ist aber auch Thema Deiner DVD?
Ja. Alles das mit g3, Lg2, und dann eben dieses Te1. Heutzutage spielen die Leute dieses Te1 nicht mehr so oft, weil es ein ziemlich leichtes, also sicheres Gegenmittel gibt, das ist …d5 und …Sxd5. Dann vereinfacht sich das Ganze irgendwie. Zum Beispiel So gegen Carlsen, Wijk aan Zee 2016, und diese Variante neutralisiert Te1:

Wesley So - Magnus Carlsen, Tata 2016 (12. Runde):

 


Aber wenn Schwarz mit Te1 einen Igel spielen will, das kann er auch, aber das ist riskant. Und …d5, darauf gehe ich in der DVD nicht detailliert ein, aber ich erwähne einfach, dass man sich das anschauen kann. Wenn ich das aber auch noch zeige, dann wächst die Materialmenge einfach zu sehr an. Ich konzentriere mich auf den Igel mit Te1 und warne davor, dass es gefährlich ist. Aber es ist spielbar. Ich bin auch bereit, dagegen mit Schwarz zu spielen. 

Was ist eigentlich das Problem für schwarze Igel-Spieler, wenn man auf das Marin-Repertoire trifft? 
Mihail Marin vermeidet den Igel in seiner 1.c4-Repertoire-Reihe. Er gibt 1.c4 Sf6 2.g3 an. Vielleicht, wie er selbst ein Igel-Spieler ist. Und er will 2…c6 3.Lg2 d5 4.Sf3 spielen. Das ist ziemlich kritisch für Weiß. Also für beide. 

- "Normalerweise, wenn man wenig Raum hat, sollte man Figuren tauschen, vor allem Springer. Im Igel ist das nicht so."

Interessierst Du Dich für Fußball? Da gibt es ja auch Analogien zum Spiel mit wenig Raum oder weniger Ballbesitz. Mit der Energie einer gespannten Feder, zur Konterbereitschaft mit ganz wenigen Spielzügen, sobald die Mannschaft, die mehr Raum verwaltet, nur ein wenig nachlässt. 
Im Fußball bin ich zu wenig Experte, um hinsichtlich der Strategien mitzureden, aber es gibt einige paradoxe Situationen mit dem Igel. Man hat wenig Raum, nur auf drei Reihen. Normalerweise, wenn man wenig Raum hat, sollte man Figuren tauschen, vor allem Springer. Im Igel ist das nicht so. Die Figuren stehen harmonisch und sie haben alle einen guten Platz mit Funktionen. Der Läufer auf der langen Diagonalen, der Läufer auf e7 kommt zurück nach f8, manchmal geht er nach g7, die Türme stehen im Zentrum, alles ist koordiniert, beide Springer auch, auf c5, auf d7 oder auf f6, die stehen auch sehr schön. Nicht zu sehr exponiert. Und man kann manövrieren, man kann verbessern, man kann warten, und irgendwann kommt vielleicht ein Konter mit ….b5 und …d5. Daraus folgt, dass sogar manchmal gewisse Abtauschmöglichkeiten sogar nicht gut sind für Schwarz – obwohl man weniger Raum hat. Zum Beispiel der Damentausch: Den kann man ohnehin nicht direkt aus der Eröffnung erzwingen oder nur ganz selten, aber der Damentausch wäre nicht unbedingt günstig für Schwarz. Er braucht die Damen für das Gegenspiel. Ohne Damen - oder sagen wir: ohne zusätzliche Figur - stehen wir da ohne Gegenspielpotenzial, einfach ohne Raum. Also, es kann …b5 kommen oder …d5, und im besten Fall gleichen wir aus, aber wir werden nie auf Initiative oder Angriff spielen können. Deshalb braucht man das Potenzial vieler Figuren. Das ist sehr interessant.

"Du kannst auch keinen Igel erzwingen. Aber es gibt Wege." | Foto: Fernando Offermann

Ist der Igel nach wie vor eine gute Kontereröffnung? 
Ja klar - par excellence. Man bekommt den Igel nicht zwangsläufig. Gegen 1.e4 vielleicht, wenn man Sizilianisch spielt, aber gegen 1.d4 kannst du auch nichts erzwingen, dass du einen Igel bekommst, vielleicht Nimzoindisch und irgendwann ….c5 und auf d4xc5 hoffen oder selbst c5xd4 spielen und dann hast du ungefähr eine Struktur. Aber du kannst es auch nicht erzwingen, wenn Weiß dies nicht mitspielen will. Und auch im Englischen - also 1.c4 Sf6 – und wenn Weiß keinen Igel will, er kann direkt 2.g3 ziehen, da kannst du auch keinen Igel erzwingen, aber wenn Weiß mit 1.a3 beginnt, kannst du auch keinen Igel erzwingen. Aber es gibt Wege. Und wenn Weiß prinzipiell Englisch spielen möchte, dann bekommst du in der Regel auch einen Igel. 

Yannick Pelletiers dreisprachige DVD über den Igel in der Englischen Eröffnung mit g3 und Lg2 wird im Frühling erscheinen. Bislang bei ChessBase erschienen sind die Titel "Der Englische Igel" von Lubomir Ftacnik, "Power Play 12: Der Igel" von Daniel King und "Wie bekämpft man das Igelsystem?" von Thomas Luther und Jürgen Jordan.



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StefanSalzmann19 StefanSalzmann19 04.01.2017 02:51
Sehr interessanter und ausführlicher Artikel. Die DVD werde ich auf jeden Fall erwerben.
Gruss aus der Schweiz, Stefan Salzmann
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