Zum 100sten: Herr Klittich schlägt zu

von Michael Dombrowsky
04.07.2019 – Zweimal im Jahr pilgern Schachliebhaber nach Braunschweig. Nicht um August, den Herzog von Braunschweig und Lüneburg zu feiern, weil er 1616 unter dem Pseudonym „Gustav Selenius“ hier das erste Schachbuch in deutscher Sprache publiziert hat. Sondern, weil sich hier das Mekka für Schachsammler befindet. | Bild: Einer der seltenen Briefe von Adolf Anderssen (Foto: Michael Dombrowsky)

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Üblicherweise an jedem letzten Juni- und Novemberwochenende treffen sich Schachenthusiasten im „Mekka des Schachs“, bei Klittich – Pfankuch im Auktionshaus Theaterwall 17 in Braunschweig. Nicht die Schachmeister, nicht die professionellen Preisgeldjäger; vielmehr finden sich die Schachliebhaber und Schachsammler ein. Denn an diesen Tagen kommt alles unter den Hammer, was mit Schach zu tun hat: Figuren, Uhren, Autographen, Bilder, Graphiken, Fotos und vor allem Bücher mit und ohne Signatur.

Begutachtung der Stücke. Vorne Calle Erlandsson

Wenn man Sammler ist – egal, ob Bücher, Gemälde, Briefmarken, Münzen, Postkarten oder Panini-Bilder –, man kommt davon nicht so leicht wieder los. Deshalb strömen Sammler aus ganz Europa herbei, wenn Klittich ruft. Schließlich bietet das Auktionshaus Klittich – Pfankuch die umfangreichste Auktion zum Thema Schach in Deutschland, vielleicht sogar die größte in Europa. So verbreiten diese Tage ein wenig Flair von Klassentreffen, doch Friedfertigkeit und Freundlichkeit enden mit dem Betreten des Auktionssaals.

Gegen das über 500 Jahre alte Buch von Herzog August ist das Unternehmen Klittich – Pfankuch geradezu jugendlich: Man feiert in diesem Jahr das 100jährige Bestehen des Hauses. 1919 gründete Karl Pfankuch zunächst eine Buchhandlung und danach ein Antiquariat. Nach seinem Tod führte seine Frau Marie Luise die Geschäfte, die dann Tochter Adelheit Pfankuch nach ihrem plötzlichen Tod 1962 übernahm. Im gleichen Jahr heiratete sie Roger Klittich. Sie hatte bei einem Besuch in Heidelberg den Jurastudenten kennen- und lieben gelernt. Er folgte ihr nach dem Staatsexamen und zog nach Braunschweig. Dort fand er sofort eine Anstellung als Rechtsassistent am Oberlandesgericht. Da war es nur logisch, dass der Ehemann die Geschäftsführung übernahm.

Und der junge Mann aus der Schmuck- und Goldstadt Pforzheim bewies im Buchgeschäft ein goldenes Händchen. Die Buchhandlung war 1965 zum ersten Mal in der Presse und in aller Munde: Viktoria Luise von Preußen gab eine Autogrammstunde! Heute ruft der Namen bestenfalls ein Achselzucken hervor, aber damals stand die Prinzessin ebenso häufig in den Klatschblättern wie die junge Königin Elizabeth II. von England, Soraya, die unglückliche Gattin des Schah von Persien Reza Pahlavi, oder die angebliche Zarentochter Anastasia. Viktoria Luise von Preußen war nicht nur das jüngste Kind und einzige Tochter von Kaiserin Auguste Viktoria und Kaiser Wilhelm II. , sondern auch Herzogin von Braunschweig-Lüneburg, Prinzessin von Hannover und Prinzessin von England und Irland. Sie war ein Liebling der „Yellow-Press“ und Klittich hatte in drei Jahren 10.000 Exemplare ihrer Memoiren verkauft, was der Bitte um den Auftritt in der Buchhandlung sicherlich Nachdruck verlieh. Ab 1966 präsentierte Roger Klittich das Unternehmen bei der Internationalen Antiquariatsmesse in Stuttgart, was dem Geschäft weiteren Aufschwung gab.

Die Motoren (v.l.): Marco Nolte (seit 20 Jahren Mitarbeiter),die "Patriarchin" Adelheid Klittich-Pfankuch (82), Dr. Karl Klittich.

Das Ganze wirkte wie eine Filmszene, was 1978 das Geschäft im Hause Klittich gewaltig veränderte. Die Zollbeamten hatten am Grenzkontrollpunkt zur DDR in Helmstedt bei Russen im Auto Ikonen gefunden. Da die Betroffenen weder erklären konnten wem sie gehörtem, wie die Ikonen in den Wagen gekommen waren noch  was sie mit den Kunstschätzen machen wollten, wurden die Gegenstände beschlagnahmt. Nach Ablauf der Fristen hatte niemand Anspruch auf die Ikonen angemeldet. Die Finanzverwaltung wollte die Bilder verkaufen. Man erhielt den Tipp, sich an den Juristen Klittich zu wenden, der inzwischen im Buch- und Antiquitätenhandel tätig war.

Dr. Karl Klittich begutachtet die Ergebnisse

Roger Klittich war interessiert, wurde im Schnellverfahren zum öffentlichen und vereidigten Auktionator bestellt, suchte sich einen Experten der Ikonogaphie um die Schätzpreise festzulegen und brachte die Auktion mit Bravour hinter sich. Mit der Berufung zum vereidigten Auktionator hatte sich ein neuer Geschäftszweig eröffnet den es zu beackern galt.

Vor 26 Jahren, im Juni 1993, waren Schachbücher Bestandteil einer Klittich-Auktion. Damals kamen 850 Objekte unter den Hammer. Schach blieb ständig im Angebot und ist inzwischen ein Markenzeichen des Hauses. Inzwischen ist die nächste Generation mit im Geschäft. Dr. Karl Klittich, promovierter Kunsthistoriker, auktionierte bereits seit vielen Jahren gemeinsam mit seinem Vater. Seit dem Tod von Roger Klittich 2015 führt er auch das Unternehmen.

Auch wenn bei den Offerten für jeden Geldbeutel etwas dabei ist, sorgen die seltenen Stücke natürlich für besonders viel Aufsehen. Das Objekt mit dem höchsten Preis bisher waren Schachfiguren aus der Manufaktur Frankenthal, die um 1780 gefertigt wurden. Vor zwei Jahren erhielt ein Sammler für die Katalognummer 574 bei 27.000 Euro den Zuschlag.

Porzellan-Figuren

Die Stempel geben Aufschluss

Feinste Handarbeit

In diesem Sommer waren Autographen die Schmuckstücke. Ein Brief von Paul Morphy auf Französisch geschrieben und mit „25. November 1858“ datiert, wechselte für 8500 Euro den Besitzer. Adolf Anderssen galt als ausgesprochen schreibfaul. Umso eifriger wurde auf den Brief an Dr. Max Lange von 1872 geboten: erst bei 7600 Euro war Schluss.

Brief von Paul Morphy

Brief von Adolf Anderssen

Auch eines der seltenen Exemplare von Herzog August wurde versteigert. Der „Gustav Selenus“ brachte 3200 Euro. Wer neugierig geworden ist: Herr Klittich schlägt am 23. November wieder zu…

 




Michael Dombrowsky war fast 40 Jahre als Redakteur bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften tätig. Als Rentner begann er Bücher zu schreiben. Das erste Schachbuch auf dem Markt sind die „Berliner Schachlegenden“.
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