Zum 100sten Gründungstag des Österreichischen Schachbundes (1)

von Michael Ehn
12.12.2020 – Auf den Tag genau, heute vor 100 Jahren wurde der Österreichische Schachbund gegründet. Der Wiener Schachhistoriker Michael Ehn blickt anlässlich des Jubiläums auf die Gründungszeit zurück und stellt das Schachleben in Österreich vor 100 Jahren vor. | Foto: Gästeturnier der Wiener Schachfreunde 1926 (Alle Fotos: Archiv Ehn)

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„Zusammenkommen ist nur ein Anfang, erst zusammenarbeiten bringt den Erfolg!“

Zur Gründung des Österreichischen Schachverbandes 1920

Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs, dem Zusammenbruch der k.u.k. Monarchie und der Ausrufung der demokratischen Republik Deutsch-Österreich am 12. November 1918 begann eine neue Zeit. Österreich war zu einem Zwergstaat geschrumpft, überlieferte politische, kulturelle und geistige Werte waren schwer erschüttert, große Teile vor allem der städtischen Bevölkerung lebten in Not und Elend.

Auch für das Schachleben hatte dieser Umbruch drastische Folgen. Die meisten Schachklubs mussten den Spielbetrieb bereits mit Ausbruch des Krieges 1914 einstellen. Für den dominierenden Wiener Schachklub mit seinen mehr als 600 Mitgliedern war im Frühjahr 1918 Schluss. Der einst so reiche Klub stand vor dem finanziellen Ruin, da mit einem Großteil des Klubvermögens Kriegsanleihen gezeichnet wurden, die nun völlig wertlos waren. Er musste aus den feudalen Räumlichkeiten des Palais Herberstein ausziehen und in viel kleinere und bescheidenere Räumlichkeiten übersiedeln. Die berühmte Wiener Schachzeitung, die seit 1898 bestand und unter Chefredakteur Georg Marco zu den bedeutendsten Schachorganen ihrer Zeit zählte, wurde 1916 eingestellt. Damit war die bedeutendste Ära des Wiener Schachs zu Ende gegangen.

1919 begann sich das schachliche Geschehen um die kleineren Vereine wiederzubeleben, die früher im Schatten gestanden waren. Die Mehrzahl dieser Vereine war apolitisch, doch waren im 19. Jahrhundert Kulturvereine im Vorfeld großer politischer Organisationen entstanden, die sich als Vertretungen weltanschaulich verfestigter Lager in der Ersten Republik gegenüberstanden und deren Ideologien auch auf das Schachspiel ausstrahlten. Das Schachleben Wiens polarisierte sich in drei Lager: die Arbeiterschachbewegung, die Deutschnationalen und die Schachsektion der Hakoah, des jüdischen Sportvereins, zu denen sich 1922 der bürgerliche SK Hietzing gesellte.

Der Wiener Arbeiterschachklub (WASK) war im Dezember 1909 von jungen Mitarbeitern der sozialistischen Vorwärts-Druckerei gegründet worden. Zum ersten Obmann wurde Leopold Zappe (1888-1964), ein Druckerlehrling, gewählt, der sein Amt inoffiziell ausüben musste, da er noch nicht volljährig war. Initiator war jedoch der aus Böhmen stammende Jan Kotrč (1862-1943). Kotrč popularisierte das Spiel in Arbeiterkreisen in Böhmen und Wien, er war ein hervorragender Organisator und Vortragender.

Jan Kotrč

Für die Arbeiterbewegung hatte das Schachspiel Bedeutung als Mittel des Klassenkampfes und der sozialistischen Kulturpolitik. Die sozialistisch gesinnten Kräfte der jungen Republik wollten einem „neuen Menschen“ zur Geburt verhelfen: Gleiche Bildungschancen für Unterprivilegierte, partnerschaftliche Beziehung von Mann und Frau, Kenntnis von Wissenschaften und Technik, Sport und Körperkultur für alle, kurz eine neue Kultur des Alltags wurde angestrebt - ein Bild vom freien und vernünftigen Menschen. Es entstand eine Massenkulturbewegung von erstaunlicher Vielfältigkeit und großem Umfang. Besonders typisch für viele Arbeiterschachspieler war, dass sie nicht nur Schach spielten, sie waren gleichzeitig auch in anderen Bereichen, wie zum Beispiel im Fußball, im Arbeiter-Esperantobund, beim Arbeiter-Mandolinenorchester oder im Arbeiter-Sängerbund engagiert. Jedem bürgerlichen Verein sollte ein Arbeiterverein gegenübergestellt werden, so auch im Schach.

Schach passte sich - zumindest scheinbar - perfekt in die wissenschaftliche Weltanschauung des Marxismus ein. Es war ein rationales Spiel, das auf wissenschaftlicher Grundlage den Geist forderte und schulte. Wie die Mathematik sollte es von jeder/m erlernt werden können, unabhängig von Sprache, der bürgerlichen Tradition des Geschmacks oder dem Rückgriff auf einen bestimmten, bürgerlichen Bildungskanon. Zudem hielt es von Alkohol fern und konnte ohne großen Aufwand betrieben werden. Insofern erhielt Schach in den Arbeiterbildungsvereinen eine praktisch politische Bedeutung. Die Eroberung des Schachbretts durch die Arbeiterklasse war schließlich ein Einbruch in die Bastionen der bürgerlichen Welt. Der Ton einer Programmatik zur Gründung des Schachklubs ist geradezu heroisch:

„In jener Zeit, da die Arbeiterschaft um den bescheidensten Fortschritt auf sozialpolitischem Gebiete die erbittertsten Kämpfe auszufechten hatte, war Schach ein Vorrecht der Besitzenden. Wir wollten unseren Genossen Gelegenheit bieten, die unerschöpflichen Schönheiten des Schachs kennenzulernen, wir wollten sie sehen und verstehen lehren, dass Alkohol, Glücksspiel und Schundfilm schale Genüsse sind, die sie einschlummern, betölpeln und untauglich machen zur kulturellen Sendung, die ihrer harrt in der Erstreitung des Sozialismus.“ (E. Weißmann: Entwicklungsstufen. In: Arbeiter-Schachzeitung 8/1922, S. 2)

Der Arbeiterschachklub war Teil des mächtigen Arbeiterbundes für Sport- und Körperkultur. Bereits 1914 war der Klub auf 300 Mitglieder angewachsen. Gespielt wurde in den Arbeiterheimen und Lokalen der Wiener Arbeiterbezirke. Die Zentrale blieb zunächst das Café Arbeiterheim in der Klausgasse in Ottakring, größere Sektionen befanden sich im Terrassencafé am Margaretenplatz und in der Beingasse jenseits des Gürtels in Fünfhaus. Ein eigener gut organisierter Spielbetrieb zwischen den Sektionen wurde eingerichtet.

Schon bald nach dem Ersten Weltkrieg begannen zwei führende Mitglieder des WASK, Leopold Zappe und Ernst Weißmann, auf Anregung von Oskar Zimmermann, dem Schwager Ernst Grünfelds, über die Gründung eines Österreichischen Schachverbandes nachzudenken und Gespräche mit anderen Klubs zu suchen.

Ernst Weißmann

Leopold Zappe

Leopold Zappe repräsentierte im Vorstand des WASK den kleineren linken Flügel, der anfangs der zwanziger Jahre zumindest verbal großen Einfluss hatte. Als er 1920 dem Österreichischen Schachverband beitrat, verzeichnete der Wiener Arbeiterschachklub 500 Mitglieder.

Ein Vorläufer des Deutschen Schachvereins Wien (DSVW) war bereits 1902 als „Akademischer Schachverein Wien“ von Maturanten des Landstraßer Gymnasiums gegründet worden. Er war einer der ersten Schachvereine der Welt, dessen Satzungen einen „Arierparagraphen“ enthielten. Juden war wie bei den Wiener Burschenschaften ab 1890 die Mitgliedschaft untersagt. Der Verein hatte großen Zulauf und entfaltete ab 1904 einen regen Spielbetrieb. Nach seiner Auflösung 1909 - ideologische Richtungsstreitigkeiten setzten ihm ein Ende - konstituierte er sich 1920 neu, nun unter dem Vereinsnamen „Deutscher Schachverein Wien“ im Café Nordkap im dritten Wiener Bezirk und übersiedelte 1921 ins Café Hamerling im achten Bezirk. Dem Verein gehörten unter anderen Albert Becker, Josef Lokvenc, Josef Halumbirek und der spätere NS-Richter Alois Wotawa an. Die Mitgliederzahl des DSVW stieg in den 20er Jahren auf rund 120 an, es wurden Brudervereine „für arische Schachfreunde deutscher Volkszugehörigkeit“ in den Bundesländern gegründet. Schach erscheint programmatisch als

„Bekenntnis zur unlösbaren Einheit aller deutschen Stämme und zur Bereitwilligkeit, gerade in diesem Sinne auch durch das Schach zu wirken (...), Angehörige des großen deutschen Volkes zu sein, das zwar augenblicklich schwere Zeiten mitzumachen hat, aber auf dessen Wiederaufstieg alle mit starkem Herzen hoffen.“ (H. Thanhofer: 10 Jahre Deutscher Schachverein Wien (1920 – 1930). Wien 1930, S. 47)

Die Gründung der dritten politischen Kraft im Schachleben Wiens, der Schachsektion in der Hakoah, ging auf eine Begegnung des Wiener Meisters Akim Lewit (1893-1965) mit dem Deutschen Schachverein zurück.

Akim Lewit

Lewit schreibt:

„Als ich im Jahre 1921 eines Tages beim Café Hamerling vorbeiging, betrat ich, angelockt durch den regen Schachbetrieb, der dort herrschte, das Kaffeehaus. Der Kellner wies mich an den Obmann des Schachvereines, der dort seinen Sitz hatte - es war der ‚Deutsche Schachverein’. Aus den an mich gerichteten Fragen ersah ich sofort, dass es sich um eine Vereinigung handelte, die mit dem Arierparagraphen ausgestattet war. Ich verließ das Lokal mit dem festen Entschluss, einen jüdischen Schachklub zu gründen.“ (A. Lewit: Schach. In: A. Baar (Hrsg.): 50 Jahre Hakoah 1909 - 1959. Tel Aviv 1959, S. 201)

Die kurz darauf gegründete Schachsektion in der Hakoah war zunächst sehr klein und mit nur bescheidenen finanziellen Mitteln ausgestattet. 1922 nahm die Hakoah aber bereits mit zwei und 1924 mit vier Mannschaften an der Wiener Vereinsmeisterschaft teil und belegte regelmäßig vordere Plätze. Mit Simultanvorstellungen prominenter Großmeister wurde die Hakoah populär. Nacheinander spielten Emanuel Lasker, Akiba Rubinstein, Jacques Mieses und 1926 sogar Alexander Aljechin im Café Atlashof, dem Spiellokal der Hakoah am Franz Josephs Kai. Im Gegensatz zum Deutschen Schachverein und zum Wiener Arbeiterschachklub war die Politik der Hakoah äußerst zurückhaltend. Sie wurde von ihrem Präsidenten, dem Zahnarzt Ignaz Hermann Körner (1881-1944) bestimmt, der auf ideologische Auseinandersetzungen weitgehend verzichtete.

In der Schachkolumne der Hakoah in der „Wiener Morgenzeitung“ findet sich kein einziger Artikel, der über fachspezifische Inhalte hinausging. Dennoch wurde die politische Rivalität zwischen dem Deutschen Schachverein und der Hakoah bereits in den 20er Jahren immer stärker. Teilweise eskalierten die Wettkämpfe zwischen DSVW und Hakoah wie im Jahr 1925: Der Wettkampf musste, um einen geregelten Ablauf garantieren zu können, „auf neutralem Boden“ durchgeführt werden.

Doch zurück zum Ringen um die Gründung des Österreichischen Schachverbandes: Divergente Gruppen standen sich also gegenüber, als die Verhandlungen im März 1920 begannen, sie sollten sich als mühevoll erweisen und fast ein ganzes Jahr dauern. Teil nahmen: der WASK, der DSVW, der Landstraßer Schachbund, der Schachklub Wien-West, der Schachverein Donaustadt, der Verein der Schachfreunde Wien-Südost und die Schachfreunde Floridsdorf. Aus den Bundesländern nahm persönlich niemand teil, obwohl die größeren Klubs in Oberösterreich, der Steiermark und Salzburg in den Informationsaustausch eingebunden waren. Kärnten, Tirol und Vorarlberg nahmen keinen Anteil.

Der Arbeiterschachklub zog sich bald frustriert zurück, kehrte aber wieder an den Verhandlungstisch zurück. Die Protokolle vermerken hier den eindringlichen Aufruf Krejciks, der diesem Artikel den Titel gab. Auf Vorschlag des WASK einigte man sich, dass nur Amateure an den Meisterschaften des ÖSV teilnehmen durften, Schachprofessionals waren ausgeschlossen. Nicht einigen konnte man sich lange über das Stimmrecht und den Vertretungsschlüssel. Der WASK sah vor, je einen stimmberechtigten Vertreter für 20 Mitglieder zu entsenden. Hatte der betreffende Verein mehr als 200 Mitglieder, so sollte er für je 40 die Zahl 200 überschreitende Mitglieder weitere Vertreter entsenden dürfen. Der DSVW protestierte dagegen, denn dieser Schlüssel hätte zu einem deutlichen Übergewicht des mitgliederstarken Arbeiterschachklubs im Verband geführt. Endlich einigte man sich im Sinne des DSVW und am 12. 12. 1920 erfolgte im Hotel Palace in der Mariahilferstrasse 99 in Wien die gründende Vollversammlung.

Hotel Palace

Das prächtige Hotel wurde übrigens 1945 bei einem Bombenangriff auf den Westbahnhof völlig zerstört. 1200 Mitglieder und 22 Vereine aus fünf Bundesländern gehörten dem neuen Verband in direkter Weise an, es gab noch keine Landesverbände:

1) Wien (13)

Wiener Schachklub, Schachklub Schlechter, Landstraßer Schachbund, Schachfreunde Wien-Südost, Schachklub Wien-West, Floridsdorfer Schachfreunde, Schachklub Donaustadt, Deutscher Schachverein Wien, Schachklub der städtischen Versicherungsangestellten, Schachklub Simmering, Schachklub Hakoah, Arbeiter Schachklub Wien, Weissgärber Schachfreunde

2) Niederösterreich (2)

Schachklub Kautzen, Schachklub Klosterneuburg

3) Steiermark (1)

Grazer Schachgesellschaft

4) Oberösterreich (5)

Schachklub Wels, Linzer Schachfreunde, Linzer Schachklub, Schachklub Linz-Lustenau, Schachverein Freistadt

5) Salzburg (1)

Salzburger Schachgesellschaft
 


Fortsetzung der Geschichte am Sonntag, 13. Dezember...
 

Zum Österreichischen Schachbund...

 


Geboren 1960 in Wien. Studium der Linguistik und Soziologie. Schachhistoriker und -journalist. Zahlreiche Fachpublikationen, Vorträge und Ausstellungen zum Thema Schach und Geschichte mit dem Schwerpunkt österreichische Schachgeschichte. Betreibt die aus dem Wiener Schachverlag hervorgegangene Buchhandlung Schach und Spiele in Wien. Besitzt eine der weltweit größten Sammlungen von Schachliteratur.
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Krennwurzn Krennwurzn 12.12.2020 11:29
Der ÖSB hat zum 100er ein schönes Hochglanzmagazin herausgebracht - man kann online durchblättern

https://www.chess.at/pdf/schachmagazin2020.html

Einen Artikel darin durfte sogar die Krennwurzn verfassen, diesen kann man auch hier online lesen:

https://www.schach-welt.de/BLOG/blog/warum-wir-verlieren-lernen-muessen
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