
Das Match des Jahrhunderts begann am 11. Juli 1972 mit Partie 1. In seinem 1974 erschienenen Buch Bobby Fischer schildert Frank Brady das Drama. Wir bringen Auszüge aus dem Buch.
"Als Fischer am Nachmittag der ersten Partie, am 11. Juli 1972, aufwachte und ihm allmählich zu Bewusstsein kam, dass er tatsächlich in Island um die Weltmeisterschaft spielte, war er nervös. Nach Jahren voller Mühsal und Streit und der ganzen Aufregung um das Match stand Fischer kurz davor, sein Lebensziel zu erreichen. Für die nächsten zwei Monate war Laugersdalhöll sein Universum.
Alle Details im Spielsaal waren geprüft und wieder geprüft worden, um den Spielern den größtmöglichen Komfort zu garantieren. Laugersdalhöll ist ein höhlenartiges, kuppelförmiges Stadion (es wurde einmal als großer isländischer Pilz beschrieben) mit riesigen, weiß verkleideten Schallschutzplatten an der Decke, die aussehen wie Albinomammutfledermäuse. Der gesamte erste Stock war mit Teppichen ausgekleidet, um die Geräusche der Zuschauer, die kamen und gingen, zu dämpfen, und die Klappsitze waren durch gepolsterte und entsprechend "geräuschlose" Sitze ersetzt worden. Die beiden Kameratürme waren auf Verlangen Fischers nach hinten versetzt worden und die Beleuchtung auf der Bühne war verstärkt worden. Ein schöner, von Eames entworfener, Bürodrehsessel, ein genaues Duplikat des Stuhls, in dem Fischer auch während des Wettkampfs gegen Petrosian in Buenos Aires gesessen hatte, war aus den USA eingeflogen worden."
Das Spassky-Fischer Match des Jahrhunderts wurde in Laugardalshöllin gespielt, einer riesigen Sportarena. So sah sie vor Beginn des Wettkampfs aus.
Bobby wurde von Lombardy zum Stadion gefahren, aber aufgrund des dichten Verkehrs kamen sie erst kurz nach fünf Uhr Nachmittags, dem offiziellen Partiebeginn, dort an. Fischer eilte durch den Hintereingang auf die mit Pflanzen geschmückte Bühne und wurde durch freundlichen Applaus der 2.300 Zuschauer begrüßt.
Um genau 17 Uhr machte Spassky seinen ersten Zug – und Schiedsrichter Lother Schmid setzte Fischers Uhr in Gang.
Fischer, im weißen Hemd und blauem, konservativen Geschäftsanzug, eilte zum Brett.
Die beiden Männer gaben sich die Hand, wobei Fischer die Augen aufs Brett gerichtet hielt. Dann setzte er sich in seinen schwarzen Ledersessel, überlegte 95 Sekunden und zog dann seinen Springer nach f6.
Die Züge wurden auf dem Brett ausgeführt und zugleich auf 40 Videomonitoren in allen Bereichen des Stadions gezeigt. In der Cafeteria, wo die Zuschauer die lokale, auf Lamm basierende, Hot-dog Variante herunterschlangen und isländisches Flaschenbier mit zweiprozentigem Alkoholgehalt tranken, wurde das Geschehen auf der Bühne lautstark diskutiert. Im Keller erklärten und analysierten isländische Meister die Züge, die auf einem großen Demonstrationsbrett gezeigt wurden, weniger lautstark, während in den Presseräumen eine Gruppe von Großmeistern die Monitore betrachteten und im Kopf analysierte, was bei den meisten der Journalisten Ehrfurcht und Bewunderung hervorrief. Im Spielsaal selbst herrschten Etikette und Ruhe. Wenn nicht, dann ließen Lothar Schmid oder der Schiedsrichterassistent Gudmundur Arnlaugsson ein großes, weißes, stromgetriebenes Hinweisschild aufleuchten, das auf Englisch und Isländisch um sofortige Aufmerksamkeit bat: Ruhe! Thögn!"
So weit der Auszug aus Bradys Buch. Als ich vor kurzem in Island war, zeigte mir Gardar Sverrisson ein Fenster, das 1972 in die hintere Wand eingefügt worden war:
Das Fenster wurde eingerichtet, damit die Kameras das Geschehen von der anderen Seite filmen konnten.
Originalaufnahmen, die von der Kamera im hinteren Fenster aufgenommen wurden (während der ersten Partie 1972)
Auf dem Cover von Ludek Pachmans Buch über den Wettkampf ist ein Bild der Bühne abgebildet: das Fenster wird vom Banner mit dem FIDE-Logo verdeckt. Fischer bemerkte das und beschwerte sich darüber.
Auf dieser Aufnahme der ersten Partie sieht man, dass Fischer mit diesem Arrangement sehr unzufrieden war – er ist stark mit den Kameras im Saal beschäftigt.
Fischer geht zum Hauptschiedsrichter Lothar Schmid, um energisch zu protestieren. Schmid kann an der Lage nichts ändern und die Partie wird fortgesetzt.
Ich gebe das Wort weiter an den Journalisten und Filmkritiker Brad Darrach, Autor eines der einflussreichsten Bücher über Bobby Fischer – die Erstausgabe erschien 1974 und ist immer noch interessant zu lesen. Besorgen Sie sich ein Exemplar - meins, das rechts abgebildet ist, hat vor ein paar Jahrzehnten $2.95 gekostet. In dem Buch beschreibt Darrach die entscheidenden Momente während der ersten Partie (Auszüge):
Die Partie wurde von beiden Seiten zu Beginn seltsam anspruchslos gespielt und bald stand eine "Standardstellung" im Nimzo-Inder auf dem Brett. Spassky hat diese Stellung schon oft gespielt, Bobby noch nie. Warum hatte Bobby die Partie in diese Richtung gelenkt? Wann würde der Hammer kommen?
Der Hammer kam nie. Lauernd wiederholte Bobby Zug um Zug eine Partie, die Spassky und Krogius 1958 gespielt hatten, und erreichte so vollkommenen Ausgleich.
Spassky starrte zwanzig Minuten aufs Brett. Dann kam er zu dem Schluss, dass er nichts machen konnte, außer die Partie sanft in Richtung eines dieser müden Unentschieden zu lenken, die als Großmeisterremis bekannt sind. Nach dem 28. Zug war die Stellung so hoffnungslos remis, dass 500 Zuschauer nach Hause gingen. Weitere 500 drängten sich in der Lobby, manche von ihnen kauften Souvenire, andere kauften Erinnerungsbriefmarken.
"Wirklich schade," meinte Thorarinsson zu einem jugoslawischen Journalisten. "Wir hatten auf eine spannende Partie gehofft, um den Wettkampf in Schwung zu bringen." "Ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist," murmelte Lombardy einem anderen Großmeister im Presseraum zu, wo die meisten der Experten aus dem Westen saßen. "Vielleicht ist er einfach zu erschöpft, um zu zu spielen. Nun, ich gehe wohl besser wieder hinter die Bühne. Noch ein paar Züge, dann machen sie Remis." Als Lombardy aufstand, machte Bobby seinen 29. Zug.
In einer ausgeglichenen Stellung nahm Fischer den Bauern auf h2 mit seinem Läufer...
...und drückte danach ruhig die Uhr.
Läufer schlägt Bauer!? Spassky zuckte wie jemand, der angeschossen wurde, und starrte aufs Brett. Vier Sekunden später leuchtete der Zug auf den Monitoren auf. Lombardy blieb der Mund offen. "Was!", schrie Byrne und wurde bleich. Am anderen Ende der Lobby schnaufte Geller und griff nach Krogius' Arm. "Das muss ein Fehler sein!" meinte Großmeister Gligoric zu Großmeister Olafsson. "Sie haben den falschen Zug auf dem Monitor angezeigt!"
Aber der Monitor zeigte den richtigen Zug. Geller, Nei und Krogius starrten auf den Fernsehmonitor, der am nächsten stand, und steckten die Köpfe zusammen und flüsterten aufgeregt. Byrne und Lombardy fingen an, die Figuren auf Byrnes Taschenschach hin und her zu ziehen. Ein Dutzend Reporter versammelte sich um sie. "Jesus!" keuchte Byrne. "Vielleicht hat Bobby etwas!" Im Analyseraum unten stöhnte ein isländischer Meister, "Ich verstehe es nicht!. Was sieht er, das ich nicht sehe?"
Ein Raunen ging durch die Lobby. Leute im Restaurant schrien so laut, dass man die Geräusche im Spielsaal hören konnte. In nur einer Minute war jeder Eingang zum Spielsaal voller Leute, die drängelten, um wieder in den Saal zu kommen. "Bobby greift an! Bobby hat einen vergifteten Bauern genommen! Bobby hat die Partie wieder spannend gemacht!" Thorarinsson stand mit einem breiten Grinsen mitten in der Lobby. "Ein Zug," sagte er glücklich, "und wir machen in der ganzen Welt Schlagzeilen!"
Brady schreibt:
29...Lxh2? Ein unglaublicher Fehler, der durch Fischers übereifrigen Versuch, eine offensichtliche Remisstellung doch noch zu gewinnen, verursacht wurde. Er übersah, dass nach 30.g3 h5 31.Ke2 h4 32.Kf3 h3 33.Kg4 Lg1 34.Kxh3 Lxf2 Weiß den Fluchtweg des schwarzen Läufers mit 35.Ld2 abschneidet." Eine ausführliche Analyse des kritischen Moments folgt weiter unten.
Im 41. Zug entschloss sich Spassky, um in den Vorteil einer nächtlichen Analyse zu kommen, die Partie abzubrechen und zur Hängepartie zu machen. Da offiziell fünf Stunden gespielt sein mussten, bevor die Partie abgebrochen werden konnte, nahm Spassky 35 Minuten Bedenkzeitverlust in Kauf. Spassky hatte einen Läufer und drei Bauern, Fischer hatte fünf Bauern. Spassky versiegelte seinen Zug und reichte Schmid den großen braunen Umschlag.
Während die Menge aus dem Saal strömte, fuhr Fischer ins Loftleider zurück, um die Stellung mit Lombardy zu analysieren, wobei er die Position im Auto ohne Ansicht des Brettes diskutierte. Byrne meinte: "Fischer kämpft verzweifelt ums Remis." Larry Evans sah Remischancen für Fischer, "vielleicht." Gligoric hielt Fischers Chancen für "gering." Aber Krogius sagte, die Stellung sei "wahrscheinlich ein Remis."
Die Partie wurde am nächsten Tag fortgesetzt und Fischer verließ den Spielsaal für eine halbe Stunde, um gegen die Fernsehkameras zu protestieren. Im 56. Zug gab er auf. Er sagte seinem Sekundanten Lombardy, dass er zu schnell gespielt hätte, "weil mich die Kameras abgelenkt haben."
Zwanzig Jahre später wurde er von einem Journalisten gefragt, ob er versucht hatte, Gewinnchancen zu bekommen, indem er in einer Remisstellung Komplikationen herbeigeführt hatte. ”Im Prinzip ist das richtig. Ja,” antwortete er.
Vor 45 Jahren – Bobby Fischer in Island (1)
In der letzen Juniwoche 1972 war die Schachwelt im Aufruhr. Der Weltmeisterschaftskampf zwischen Titelverteidiger Boris Spassky und Herausforderer Bobby Fischer sollte am 1. Juli in Reykjavik beginnen. Aber von Fischer war in der isländischen Hauptstadt nichts zu sehen. Die Eröffnungsfeier fand ohne ihn statt und die 1. Partie, die am 2. Juli gespielt werden sollte, wurde verschoben. Doch in den frühen Morgenstunden des 4. Juli traf Fischer schließlich in Reykjavik ein. Frederic Friedel berichtet.
Vor 45 Jahren – Bobby Fischer in Island (2)
Das legendäre "Match des Jahrhunderts" zwischen Boris Spassky und Bobby Fischer wurde in der Laugardalshöllin in Reykjavik gespielt. Dies ist Islands größte Sportarena, 5.500 Zuschauer haben hier Platz. Auch Konzerte finden hier statt - Led Zeppelin, Leonard Cohen und David Bowie haben hier schon gespielt. 45 Jahre nach dem Spassky-Fischer Spektakel besuchte Frederic Friedel die Laugardalshöllin und hat ein paar Schätze entdeckt.