"Kurzfristige
Engagements sind nicht unsere Sache"
Wolfgang Kögler ist Vorstandsvorsitzender der ORDIX AG,
die seit nunmehr 16 Jahren das gleichnamige Schnellschach-Open im Rahmen der
Chess Classic sponsert. Eine erfolgreiche Zusammenarbeit, die trotz
Wirtschaftskrise auch dieses Jahr vom 27. Juli – 3. August hunderte von
Schachspieler zum größten und stärksten Turnier der Welt in die Mainzer
Rheingoldhalle locken wird. Harry Schaack sprach mit dem Unternehmer über
Gemeinsamkeiten von Schach und Ökonomie, über Kontinuität, Service, und ein
hochwertiges Produkt.
HARRY SCHAACK: Herr Kögler, lassen Sie mich
mit einer etwas provokativen Frage beginnen: Wir befinden uns mitten in
einer der schwersten Wirtschaftskrisen der letzten hundert Jahre, doch ORDIX
unterstützt weiterhin die Chess Classic in Mainz, das größte und
bestbesetzte Schachopen der Welt. Haben Sie zuviel Geld?
WOLFGANG KÖGLER: Nein, das habe ich definitiv
nicht. Aber ich habe eine Zusage im letzten Jahr gegeben, und daran halte
ich mich. Ich würde heute wahrscheinlich etwas anders entscheiden.
Ihr Unternehmen bietet als unabhängiges Software-
und Beratungsunternehmen Dienstleistung, Training und Produkte wie
Relationale Datenbanken unter UNIX, Linux und Windows an. Ist der IT-Bereich
von der Krise verschont geblieben?
Die Krise hat vor allem in der Automobil- und
Zulieferungsindustrie sowie im Maschinenbau eingeschlagen. Das sind zwei
Bereiche, mit denen wir nun zufällig wenige Berührungspunkte haben. Von
daher sind wir im Gegensatz zu anderen glücklicherweise kaum tangiert.
Unsere Auftragslage ist noch in Ordnung. Ich könnte ketzerisch hinzufügen:
Weil wir u.a. auch für Banken arbeiten, für die ein Rettungsschirm gespannt
wurde. Und die stoppen ihre IT-Projekte nicht, weil sie zu wichtig sind.
Aber das Klima hat sich verändert.
Das ist wahr. Das ist eine Entwicklung, die schon vor
einigen Jahren begonnen hat. Das hat nichts mit der Krise zu tun. Hat man
sich früher auf Abmachungen per Handschlag verlassen können, werden heute
selbst vertragliche Zusagen nicht immer eingehalten bzw. „nachgebessert“.
Weltmeister Vishy Anand ist vor wenigen Monaten
zum Weltwirtschafts-Forum nach Davos geladen worden, um mit führenden
Wissenschaftlern und anderen Autoritäten über Wirtschaft zu diskutieren. Wo
sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen Schach und Wirtschaft bzw. Ihrem
Betätigungsfeld?
Man sollte den Vergleich nicht überstrapazieren. Aber
Leistungssport - und Schach zähle ich dazu - und wirtschaftliche
Zusammenhänge haben durchaus Parallelen. Auch eine Firma erfolgreich zu
führen, ist eine Art Leistungssport. Im Schach kommt es vor allem auf den
Einzelnen an, im Unternehmen ist eher das Teamwork gefragt. Auch wenn eine
starke Persönlichkeit an der Spitze nicht schaden kann, ist das
gemeinschaftliche Zusammenspiel im Unternehmen wichtiger.
Kann die Wirtschaft etwas vom Schach lernen?
Bei manch einem Manager würde ich mir wünschen, dass er
so viel nachdenkt wie ein Schachspieler. (lacht)

Sie unterstützen das ORDIX Open seit 1994, seit
16 Jahren ist Ihr Unternehmen fester Bestandteil der Chess Classic. Sie sind
damit der einzige Sponsor, der von Anfang an dabei ist. Welcher Zusammenhang
besteht für Sie zwischen Sponsoring und Kontinuität?
Kontinuität ist etwas, das uns generell auszeichnet. In
der Zusammenarbeit mit unseren Kunden sind wir sehr beständig und strahlen
alleine dadurch Zuverlässigkeit aus. Dieses Verständnis unserer Arbeit
spiegelt sich natürlich auch in der langjährigen Unterstützung des ORDIX
Opens wider. Kurzfristige Engagements sind nicht unsere Sache.
Sie haben die Veranstaltung stetig wachsen
gesehen. 2007 war das ORDIX Open mit 762 Teilnehmern das größte offene
Turnier, das jemals ausgetragen worden ist. Was bedeutet Ihnen dieser
Erfolg?
Das stimmt einen zufrieden. Ich kann nicht beurteilen,
ob Potential zu noch größerem Wachstum vorhanden ist. Aber das ist auch
nicht das vorrangige Ziel unseres Sponsorings. Es ist ein riesiges Turnier,
Menschen aus vielen Ländern kommen nach Mainz, und in aller Welt wird über
das ORDIX Open berichtet. Das ist eine tolle Sache, die nicht nur mit dem
Geld zusammenhängt, das wir geben, sondern auch mit den Leistungen des
Organisationsteams der Chess Tigers. Der Spaß, den die vielen Ehrenamtlichen
dabei haben, überträgt sich auf die gesamte Veranstaltung.
Im Gegensatz zum Mäzenatentum ist Sponsoring eine
Investition, von der ein Unternehmen einen Gegenwert erwartet. Welche
Rückwirkung hat ORDIX innerhalb der letzten 16 Jahre von den Chess Classic
erhalten?
Einen echten Benefit, den man direkt messen könnte,
hatten wir nicht. Allerdings bewegt sich unser Engagement in einem
übersichtlichen Rahmen, sodass dies nicht unbedingt notwendig war. Uns ging
es darum, eine Marke zu etablieren und den Namen ORDIX in einem Bereich,
indem nicht nur IT-Personen unterwegs sind, geläufiger zu machen. Wir
erhoffen uns, dass vielleicht der eine oder andere mal chsieht, was sich
hinter ORDIX verbirgt und was unser Unternehmen macht. Und vielleicht
entwickelt sich daraus etwas.
Ihr Engagement als Sponsor richtet sich vor allem
auf Randsportarten …
Ja. Ich gebe gerne dort Geld, wo ich den Eindruck habe,
dass ich mit meinem Beitrag etwas bewirken kann. Für mich ist es
befriedigender, ein direktes Feedback von demjenigen zu bekommen, dem ich
das Geld in die Hand gedrückt habe. Ich kann dadurch recht gut sehen, was
mit meinem Geld realisiert wird. Und in den Randsportarten gelingt es mir
auch besser, etwas für den Breitensport und die Jugendförderung zu tun, die
mir am Herzen liegen.
Ihr Beitrag zu den Chess Classic hat sich vor
einiger Zeit noch verstärkt. Mittlerweile unterstützen Sie zum dritten Mal
das Mini-ORDIX Open, in dem sich die Jugendlichen messen.
Als mich Turnierorganisator Hans-Walter Schmitt fragte,
ob ich auch das Mini-Open unterstützen möchte, war ich sofort bereit dazu.
Da hatte er bei mir einen Nerv getroffen. Ich freue mich jedes Jahr darauf.

Mittlerweile nimmt die gesamte Weltelite in Mainz
am ORDIX Open teil. Da sich die Preise staffeln, können auch relativ
schwache Spieler noch in ihrer Ratingklasse ungewöhnlich hohe Gewinne
kassieren. Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Amateuren und Profis?
Es ist schön, dass wir mit dem Turnier auch in die
Breite gehen. So können sehr viele Schachspieler davon profitieren. Aber das
absolute Spitzenniveau ist notwendig, um die vielen anderen Teilnehmer
anzulocken. Ich denke, dass es jeden Amateur glücklich macht, wenn er gegen
die guten Topspieler antreten darf.
Funktioniert das Verhältnis zwischen Masse und
Klasse auch in der Wirtschaft?
Während beim ORDIX ein gutes Verhältnis zwischen Profis
und Hobbyspielern herrscht, gibt es in der Wirtschaft zu viele Amateure. Die
„Klasse“ hätte eigentlich dafür sorgen sollen, dass Krisen wie die jetzige
verhindert werden. Aber leider sehen zu viele nur den kurzfristigen Erfolg.
Sie sind regelmäßig Gast im Gourmet Club der
Chess Classic. Nutzen Sie diese Einrichtung auch für Ihre Kunden?
Ja, wir haben diese Möglichkeit beispielsweise im
letzten Jahr genutzt. Mir gefällt das: Die Räumlichkeiten sind sehr
gediegen, Großmeister erklären kurzweilig die Partien, und dazu gibt es
gutes Essen und Wein.
Sie können selbst Schach spielen, auch wenn Sie
wenig Zeit dafür finden. Haben Sie früher im Verein gespielt?
In einem Klub bin ich nie gewesen. An der Uni habe ich
eine zeitlang regelmäßig gespielt. Ich kenne die Regeln und wenn mir ein
Kommentator ein wenig die Stellungsmerkmale erklärt, kann ich auch den
hochklassigen Partien gut folgen. Die Computer-Bewertungen, die bei den
Chess Classic mittlerweile üblich sind, sind ebenfalls sehr hilfreich für
mich.
Ein wichtiger Aspekt Ihrer Unternehmenstätigkeit
ist die Kundenorientierung. Wenn Sie den Blick auf die Chess Classic
richten: Was bedeutet Service im Schachbereich?
Die Chess Classic ist eine tolle Veranstaltung. Den
Teilnehmern steht ein riesiges Spektrum an Angeboten zur Verfügung. Nicht
nur die Schachspieler, sondern ganze Familien kommen auf ihre Kosten. Die
„Kleinen“ kann man im Kinder Club abgeben, wo sie von mehreren Erziehern
betreut werden. Dadurch kann man sich in Ruhe auf die Partien konzentrieren.
Auch der Gourmet Club trifft mein Geschmack, denn ich gehe gerne gut essen.
Ein Vorteil dieses Festivals besteht vielleicht auch
darin, dass durch das Schnellschach die Partien relativ rasch auf ihren
Höhepunkt zusteuern und es viele Highlights gibt. Das ist bestimmt auch für
Besucher sehr attraktiv. Die Chess Classic ist eine Veranstaltung der
schnellen Entscheidungen – und das ist eine weitere Parallele zu unserem
IT-Business. Leute, die langsam sind, haben in der IT keine große Zukunft.
Interessieren Sie sich auch für das
Weltklasseschach außerhalb der Chess Classic?
Da ich generell ein Sportinteressierter bin, verfolge
ich auch die Topereignisse im Schach, wie etwa im letzten Jahr die WM in
Bonn oder die Olympiade in Dresden.
Haben Sie persönliche Kontakte zu den
Spitzenspielern, die in Mainz seit Jahren teilnehmen?
Ja, allerdings beschränkt sich das auf den Rahmen der
Chess Classic. Als mir Organisator Hans-Walter Schmitt vor 16 Jahren Vishy
Anand vorstellte und mir sagte, dass aus dem einmal etwas werden
könnte, war ich offen gestanden skeptisch. Aber das hat sich gründlich
geändert. (lacht)
Bei der Eröffnungsveranstaltung, dem Champions Diner,
habe ich auch schon mit Wladimir Kramnik am Tisch gesessen. Wir führten eine
sehr amüsante Unterhaltung. Ich freue mich, wenn ich bei dieser Gelegenheit
mit diesen Topspielern Kontakt habe.
Wie verfolgen Sie und die Mitarbeiter von ORDIX
das Open?
Wir haben ein, zwei Mitarbeiter, die schon beim Open
und beim Simultan mitgespielt haben. Die waren sehr angetan. Auch auf
unserer Internetseite berichten wir darüber.
Sie kennen die Chess Classic von der ersten
Stunde an. Dieses erfolgreiche Festival ist auch ein wirtschaftliches
Produkt, das sich an die Zeit angepasst und verändert hat. Was zeichnet
dieses Produkt aus Ihrer Sicht aus? Und was waren die wichtigsten
Innovationen des Turniers?
Die wichtigste Innovation war, von Frankfurt nach Mainz
umzuziehen. Das Ambiente der Rheingoldhalle stellt alles in den Schatten,
was es zuvor in Frankfurt gab. Seither ist die Veranstaltung konstant am
gleichen Ort und in der gleichen Umgebung. Das war in Frankfurt nicht der
Fall. Ich denke, davon profitiert auch der gesamte Event. Die direkte Nähe
zum Rhein und die unweit gelegene Altstadt bieten zudem noch etwas über das
Schach hinaus. Ich würde sogar sagen: Wenn die Veranstaltung nicht nach
Mainz gezogen wäre, würde sie heute vielleicht gar nicht mehr existieren.
Sie haben vor allem deshalb mit dem Sponsoring
für die Chess Classic begonnen, weil Sie schon lange Organisator Hans-Walter
Schmitt kennen. Was ist das Geheimnis einer 16-jährigen Zusammenarbeit?
Es hat einfach funktioniert. Da sind zwei Menschen
zusammen getroffen, die vielleicht für andere gelegentlich unbequem sein
mögen. Aber bei uns stimmte die Chemie.
Wenn Sie auf die 16 Jahre zurückblicken: Was
waren Ihre persönlichen Highlights?
Ein persönliches Highlight war für mich die
Siegerehrung des Mini-ORDIX Opens, die ich im letzten Jahr selbst vornahm.
Es war rührend, wie die teils sehr kleinen Kinder die Treppe zur Bühne hoch
stolperten. Das hat mir sehr gut gefallen.
Außerdem ist es für mich eine Genugtuung, dass wir mit
den Jahren für die Veranstaltung an Wert gewonnen haben. Wir waren nie der
größte Sponsor. Aber andere Geldgeber gibt es heute gar nicht mehr, oder sie
sind schnell aus dem Engagement wieder ausgestiegen, weil kein Konzept damit
verbunden war.
Vielen Dank für das Gespräch.
Mehr Informationen zu ORDIX finden Sie unter:
www.ordix.de
CHESS CLASSIC /
ORDIX OPEN 2009
2007 schwang sich das
ORDIX Open im Rahmen der Chess Classic mit 762 Teilnehmern zum größten
Turnier der Welt empor. Das stärkste Open war es freilich schon vorher. Die
gesamte Weltklasse kämpft hier seit 16 Jahren um Ruhm und Ehre.
Für die diesjährige
Veranstaltung vom 1.-2. August haben schon jetzt so viele starke Großmeister
ihre Teilnahme zugesagt, dass ein neuer Rekord zu erwarten ist. Bislang sind
von insgesamt 320 Teilnehmern 75 GMs gemeldet, dazu gesellen sich noch
etliche IMs und FMs. Qualitativ liegt das Turnier schon jetzt über dem
Rekordjahr von 2007. Die Top Ten haben einen Elo-Schnitt von sagenhaften
2716 und die Top 20 noch über 2695. Bester Spieler im Feld ist im Moment
Vugar Gashimov mit 2740, dann folgen Grischuk, der sich im ICC Turnier
qualifiziert hat, Bacrot, der gerade in Dortmund spielte, der letztjährige
Kandidatenfinalist Kamsky, der ehemalige Juniorenweltmeister Mamedyarov, das
amerikanische Schnellschach-As Nakamura, die früheren ORDIX-Sieger Navara
und Bologan, Ex-Weltmeister Kasimdzhanov, die armenischen Olympiasieger
Akopian und Sargissian, u.v.m.. Neben Arkadi Naiditsch sind mit Daniel
Fridman und Georg Meier auch die drei besten Deutschen im Feld vertreten.
Die vollständige Liste der Großmeister können Sie der angehängten Exel-Datei
entnehmen.
Anmeldeliste...
Das ORDIX Open ist mit dem stattlichen
Preisfonds von 40.000 Euro ausgestattet. Im Gegensatz zu anderen Turnieren
kann hier nicht nur die Spitze gewinnen. In mehreren Ratingklassen unter
2400 TWZ kommen auch schwächere Amateure in den Genuss eines der lukrativen
157 Preise.