den weiblichen Denksport-Popstars Xie Jun und Almira Skripchenko
Mit seinem Unternehmen abheben wie eine Rakete, das ist die Vision von
AIGO-Boss Feng Jun, und der spacige Manager setzt dabei konsequent auf das
home-made AIGO Chess als Mittel der Imagewerbung.

Hoch die Tassen: AIGO-Chef Feng Jun (l.) feiert mit seinem neuen Promo-Model
Almira Skripchenko in Peking den Beginn einer neuen Zeitrechnung in der
Schachgeschichte - nach dem Startschuss für AIGO Chess.
Wobei die gesamte Aktion Chefsache ist: Feng Jun persönlich hat sich das
AIGO Chess ausgedacht, einen temporeichen Mix aus östlicher und westlicher
Denksporttradition; die Fusion auf dem Brett soll entsprechend den globalen
Anspruch des weltweit operierenden AIGO-Konzerns unterstreichen.

Auf dem Sprung : Die Chinesen und ihr Schach - und jetzt auch noch
nachgerüstet mit Kanonen (Foto: Almira Skripchenko).
Der Clou am AIGO Chess: Die Kanonen aus dem XiangQi, wie das besondere Schach
der Chinesen heißt, erweitern das vertraute Arsenal aus Läufer, Bauer,
Springer, Turm im westlich der Wüste Gobi verbreiteten König-Dame-Spiel.

Moderne Kriegsführung im Schach der Chinesen: Salven der Fernartillerie
entscheiden viele Partien (Foto: Christoph Harder).
Zu diesem Zweck wird die Ausgangsstellung der Figuren leicht abgewandelt: Die
"b"- und "g"-Bauern der beiden Armeen erwarten ihre
Marschbefehle nicht mehr auf den Feldern b2/g2 bzw. b7/g7, sondern die besagten
Infanteristen sind bereits vorgerückt um je einen Schritt. In den frei
gewordenen Lücken sitzen nun zweimal zwei Geschütze für Weiß und Schwarz.

Diagramm der Ausgangsposition im AIGO Chess: Die chinesischen Symbole
markieren die Feuerstellungen der Geschütze vor dem ersten Zug. Üblicherweise
werden im XiangQi, aus dessen Arsenal die Kanonen übernommen worden sind, keine
Figuren über das Brett geschoben, sondern flache Scheiben mit Schriftzeichen,
die den Kampfwert des jeweiligen Steins (General, Mandarin, Wagen, Pferd, Kanone,
Elefant, Soldat) definieren.
Die Kanonen geben dem XiangQi, obwohl das Spiel sehr alt sein soll - die
Chinesen behaupten, es sei entstanden während der Bürgerkriegswirren der
"Warring States" um 200 vor Christus, also mehrere Jahrhunderte vor
dem indischen Proto-Schach "Chaturanga" - , einen geradezu modernen
Anstrich. Mit der Artillerie im Brettspielformat sind die Miniaturarmeen von Rot
und Schwarz, die über einen zentralen Grenzfluss hinweg angreifen und den
gegnerischen Herrscher in seinem Palast stellen wollen, um 840 nach Christus
aufgerüstet worden. Denn damals, als die Germanen zwischen Rhein und Elbe
gerade mal froh waren, nicht mehr auf Bäumen hocken zu müssen, sondern in
windschiefen Hütten unterkriechen zu dürfen, hatten die cleveren Chinesen
schon Explosivkampfstoffe und Kanonen erfunden; ein Quantensprung der
Wehrtechnik, der sich sofort im XiangQi niedergeschlagen hat.
Die Kanonen aus dem einstigen Reich der Mitte verfügen über zwei
Möglichkeiten, ihre Positionen zu verändern. Will ein Spieler die Artillerie
verlegen, ohne gleich zu schießen, bewegt er das schwere Gerät wie westliche
Schachtürme, mithin stur geradeaus entweder horizontal oder vertikal. Sollen
die Haubitzen aber feindliche Truppenteile vaporisieren, sind dafür so genannte
"Rampen" erforderlich: im Einsatzfall ein Stein von eigener oder
fremder Farbe, der in beliebigem Abstand zwischen Haubitze und Zielobjekt auf
der Senkrechten oder Waagrechten postiert sein muss. Über diesen virtuellen
Beschleuniger hinweg feuert die Kanone und bildet symbolisch die ballistische
Flugbahn eines Geschosses ab. Der getroffene Stein kegelt vom Brett, und die
attackierende Kampfmaschine donnert hinab auf den eroberten Geländeabschnitt.

Foto: Christian Borrmann
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Indem die Kanonen aus dem XiangQi per AIGO CHESS integriert werden in das
Westschach, sorgen sie für zusätzliche Spannung. Verrammelte Positionen lassen
sich überraschend knacken, schließlich sind die Kanonen erst dann stark, wenn
sie andere Figuren in der geplanten Angriffsrichtung als Rampen nutzen. Im AIGO
Chess darf sich also niemand darauf verlassen, den König hinter einer mehr oder
weniger soliden Barrikade verschanzt zu haben; ausgerechnet dann können
Gunships wie aus Francis Ford Coppolas Vietnamfilmepos "Apocalypse Now"
feuerspeiend einschweben und die Verteidiger niedermähen.
Wie die Kanonen im AIGO-Chess im Verbund mit unterstützenden Einheiten den
König im 64-Felder-Schach erledigen, das demonstrieren nachfolgend die
Diagramme I bis VI, die Almira Skripchenko als Souvenir aus Peking mit nach
Hause gebracht hat (Abkürzung für das Geschütz: "G").
I
II
III

IV
V
VI
Zum Diagramm I: 1.Gc8# ... : Der Springer f8 nimmt dem schwarzen König das
Fluchtfeld h7, gleichzeitig bildet das Pferd die Rampe für das Geschütz Gc8,
das entsprechend die Felder g8 und h8 beherrscht; den sonst möglichen Fluchtweg
über g7 verstellt der weiße König. Übrigens kann das Matt in Diagramm I auch
so zustande kommen, dass zunächst die Kanone auf c8 ihr Rohr direkt in Richtung
schwarzer König auf der ansonsten freien Reihe Nr. 8 richtet, ohne dass der so
Fixierte - in Ermangelung einer Rampe - in diesem Augenblick im Schach steht.
Erst nachdem der Springer auf das Feld f8 sprengt - 1.Sf8# ... - ist das Matt
exekutiert, weil die Operation der weißen Reiterei eine Doppelwirkung hat: Sie
löst das Bombardement durch das weiße Gc8 aus - die Haubitze verfügt mit dem
Sf8 nun über die ersehnte Rampe -, gleichzeitig kontrolliert der Schimmel den
Punkt h7, das letzte Schlupfloch des schwarzen Monarchen.
Diagramm II: 1.Gh3# ... (anderer Weg, wenn der König zuvor nicht auf h6
gestanden hat: 1.Kh6# ... - auch ein Monarch, da gibt es keine Privilegien, kann
oder muss mal als Rampe für die Artillerie herhalten): Ld5 kontrolliert g8, Kh6
beherrscht g7, die Granaten der Kanone h3 nutzen den eigenen Feldherren h6 als
Feuerhilfe.
Diagramm III: 1.Tb8# ... (alternativ, falls die Kanone zunächst auf d8
gestanden hat: 1.Gd7#): Dauerfeuer des Gd7 über den Bauern f7 hinweg auf das
Feld g7; der Turm b8 gibt das finale Schach.
Diagramm IV: 1.Gg4# ...: Der instruktive Fall einer Rochade-Burg, die eine
nur trügerische Sicherheit verleiht, weil über ihre Mauern die Geschosse des
Feindes jaulen und heulen. Der schwarze König möchte sich liebend gern hinter
seinem Landwehrmann g6 wegducken - und gerade deswegen kann das weiße Geschütz
g4 mit Hilfe des unglücklichen Aktivators g6 den Feldherrn des Nachziehenden
ausknocken. Zumal, um der Sache die Krone aufzusetzen, die improvisierte
Brustwehr h7 das Sperrfeuer der Kanone h3 auf h8 überhaupt erst möglich macht.
Diagramm V: 1.Da6# ...: Die weiße Dame kann sich feist auf a6 niederlassen,
weil sie tabu ist für den schwarzen Springer b8. Denn der Reiter darf die Dame
von dort nicht vertreiben, weil er auf dem Feld b8 festgenagelt ist; würde er
nämlich die Position verlassen, stünde der schwarze König im Schach durch das
weiße Ge8 über die Rampe des schwarzen Lc8 hinweg - die weiße Kanone e8
fesselt folglich sowohl Sb8 als auch Lc8.
Diagramm VI: 1.Gh3# ...: Paukenschlag der weißen Kanone über die Rampe des
eigenen Bauern h7 hinweg; der schwarze König kann die todbringende Feuerhilfe
des Gh3 nicht beseitigen, weil der Bh7 gedeckt wird von Kg6. Der Monarch des
Anziehenden hat überdies g7 unter seine Kontrolle gebracht, und auf g8 würde
der Fußsoldat h7 zuschlagen.
So weit das erste Briefing. Und wie ist das von den chinesischen Medien stark
beachtete Kräftemessen zwischen Almira Skripchenko und Xie Jun im AIGO Chess
ausgegangen?

Zwei Granaten - am Brett sowieso: Almira Skripchenko und Xie Jun lassen's in
Peking richtig krachen - mit dem Kanonen-Schach Marke AIGO.
Die Partie nimmt einen Verlauf, der Chinareisenden, die mit den Locals dort
schon mal am Brett gesessen haben - sei es beim XiangQi oder beim westlichen
Schach - , aus leidvoller Erfahrung bekannt vorkommen wird. Almira Skripchenko
erobert zunächst einen materiellen Vorsprung; aber während sie anschließend
versucht, ihre Einheiten zusammen zu halten, um Xie Jun methodisch an die Wand
zu drücken, kontert die Chinesin und komponiert ein Matt, bei dem ihre
Artillerie den tragenden Part übernimmt.
Offenbar bringen die Kanonen zusätzliche Dynamik in das AIGO Chess. Einfach
mal selber ausprobieren; zusätzliche Geschütze sind schnell gebastelt, dafür
reichen ein paar Wasserflaschendeckel und etwas Phantasie.
Und jetzt geht's lo-h-oos: Vier Kanonen für ein Matt - mit explosiven
Liebesgrüßen an Almira.
Dr. René Gralla, Hamburg