„Ich habe Kasparow in
Rente geschickt!“
Interview mit Schachweltmeister Weselin Topalow
Von Dagobert Kohlmeyer

Zu den schachlichen Highlights des Jahres gehört der Sieg des
Bulgaren Weselin Topalow bei der FIDE-Weltmeisterschaft in Argentinien. Mit dem
Titelgewinn sowie etlichen Turniersiegen versetzte der 30-jährige Großmeister
sein Land wochenlang in einen Freudentaumel und wurde zum Nationalhelden. „Ich
möchte das Schachspiel populärer machen“, sagt Topalow. Im Gespräch mit Dagobert
Kohlmeyer zieht der neue Schachkönig seine persönliche Bilanz und blickt nach
vorn.
- Weselin, wie schaut der erfolgreichste Schachspieler
2005 auf die vergangenen Monate zurück?
Mit großer Freude. Es war in der Tat das bisher erfolgreichste
Jahr meines Lebens. Aber ich hoffe, es kommen noch viele solcher Jahre.
- Hält das Hochgefühl von San Luis, als Sie FIDE-Weltmeister
wurden, noch an?
Derzeit habe ich das Gefühl, den Beruf
gewechselt zu haben. Ich bin nicht nur Supergroßmeister, sondern eine offizielle
Person des Schachs. Für jede Sportart ist der Weltmeister sehr wichtig. Aber der
Schachkönig genießt eine besondere Anerkennung.
- Was hat sich nach dem WM-Turnier in Ihrem Leben geändert. Haben
Sie jetzt mehr Privilegien?
Ich bekomme sehr viel mehr Einladungen als früher. Privilegien
sind nicht notwendig.
- Wie wurden Sie in Ihrer Heimat als Weltmeister begrüßt?
Der
Empfang in Bulgarien war überwältigend. Ich wurde zum Nationalhelden, sie haben
mich zum Mann des Jahres 2005 gekürt. Die Sportlerwahl steht noch aus, aber auch
dort habe ich gute Chancen, ganz vorn zu landen.
- Sehen Sie sich als derzeit stärksten Schachspieler der Welt?
Ja, durchaus. Im Jahre 2005 war ich der Beste. Aber ich möchte
mich nicht auf meinen Lorbeeren ausruhen. Im Januar beginnt alles wieder von
vorn, und dann muss ich beweisen, warum ich die Weltrangliste anführe.
- Sie gelten als echter Schachprofi. Was zeichnet einen solchen aus?
Ich weiß nicht, ob ich das schlüssig beantworten kann. Meiner
Meinung nach darf er nichts dem Zufall überlassen. Ein Großmeister sollte sich
bemühen, sein Spiel in allen Stadien der Partie zu verbessern. Und er muss auch
allen anderen Faktoren die nötige Beachtung schenken. Dazu gehören eine solide
Vorbereitung, eine gute körperliche Form und psychologische Stabilität.
- Welchen Anteil hat das Team Topalow (Manager Silvio Danailow
und Sekundant Iwan Cheparinow) am Weltmeistertitel?
Sehr großen. Die beiden arbeiteten brillant und haben mir die
besten Bedingungen geschaffen. Ich brauchte nur an das Spiel zu denken und zu
kämpfen. Zudem war ich exzellent auf das Turnier vorbereitet.

Danailov, Topalov
- Vor Ihnen war Kasparow die Schachikone. Sehen Sie sich als
neuen Kasparow?
Nein, ich bin Weselin Topalow. Einen zweiten Kasparow wird es nicht geben. In
der heutigen Zeit kann kein Spieler 20 Jahre lang die Weltspitze im Schach
dominieren wie er es tat.
- Kasparow hatte Kultstatus. Ist im Schach so ein Kult um jemanden angebracht?
Personenkult muss nicht sein. Aber im Prinzip braucht es einen Superstar, der
das Schachvolk begeistert und die Aufmerksamkeit der Medien anzieht. Doch es ist
auch gut, eine Alternative zu haben. Weil es sehr gefährlich ist, wenn alles von
einem einzelnen Mann abhängt.
- Sehen Sie eine Symbolik darin, als Letzter gegen Kasparow
gespielt zu haben?
Im
gewissen Sinne schon. Ich sass ihm im März in Linares bei seiner letzten
Wettkampfpartie gegenüber, habe das Spiel gewonnen und ihn in Rente geschickt.
- Viele warten jetzt auf ein WM-Match Topalow - Kramnik. Werden
Sie gegen den Weltmeister im klassischen Schach spielen?
Ich bin zu einem Duell gegen ihn bereit, aber zu meinen Bedingungen. Weil ich
denke, dass Kramnik nicht die gleichen Rechte wie ich besitzt. Er hat es
abgelehnt, in San Luis anzutreten, obwohl er sehr genau wusste, es ist die
letzte Etappe, und aus ihr geht der neue Weltmeister hervor. Außerdem zeigen
meine Turnierergebnisse dieses Jahres, dass ich nicht zufällig Weltmeister
geworden bin.
-
Würden Sie auch gegen Kasparow antreten?
Ja, obwohl es im Moment wenig realistisch erscheint. Wie wir
wissen, ist Kasparow in die Politik gegangen. Ich würde gern gegen ihn spielen,
weil er vielleicht immer noch der beste Schachspieler der Welt ist. Und als
amtierender Weltmeister sollte ich gegen den Besten
antreten.
- Wessen Idee war es, dass jeder Spieler mit einer ELO-Zahl über 2700 Sie unter
bestimmten Bedingungen zu einem Match herausfordern kann?
Ich weiß es nicht. Ich habe mir das nicht ausgedacht. Aber ich habe nichts
dagegen. Solche Matches sind auch gut für die Popularisierung des Schachs. Und
ich möchte dazu beitragen, dass Schach noch beliebter wird.
- Wie sollte der Schachkönig ermittelt werden: in einem Match oder in einem
Turnier wie in Argentinien?
Ich
war immer der Meinung, dass es ein ideales System nicht gibt.
Das Einzige was mir wichtig erscheint, ist, dass der amtierende Weltmeister
keinen Bonus haben darf, also bei Gleichstand in einem Match einfach den Titel
behält. Er sollte seine Überlegenheit gegenüber den anderen am Brett beweisen.
In dieser Hinsicht war das Turnier in San Luis richtungweisend und sehr
attraktiv. Ich hoffe, dass es beim nächsten WM-Turnier im Jahre 2007 genauso
wird.
- Wie begehen Sie Weihnachten und Silvester?
Ganz ruhig in meiner Wahlheimat. Ich wohne seit etlichen Jahren im spanischen
Salamanca.
- Welche Pläne haben Sie für das kommende Jahr?
Als Weltmeister werde ich mich der Konkurrenz stellen und sehr
viel spielen, zum Beispiel bei den Top-Turnieren in Wijk aan Zee, Linares und
Mexiko, Monte Carlo,
in
Sofia sowie in
Leon. Außerdem spiele ich
ein 4-Partien-Match
gegen Europameister Liviu-Dieter Nisipeanu. 2006 wird für mich ganz sicher
wieder ein sehr aufregendes Jahr.
Danke für
das Gespräch!