Moskau vor Turniersieg, Deutschland peilt
Silber an
Spannung pur vor der Schlussrunde der Senioren-Mannschafts-EM am Freitag in
Dresden. Favorit
Moskau führt weiterhin mit einem Punkt Vorsprung vor dem Team Deutschland, das
am siebenten Spieltag den Rückstand gern verkürzt hätte. Dazu war ein hoher Sieg
gegen die Catalonier nötig und ein Straucheln der Russen.

Das deutsche Team: Gutman, Uhlman, Hecht, Klundt (v.r)
Nach vier Stunden
zur ersten Zeitkontrolle schien alles noch völlig offen. Das Match
Moskau-Katernberg stand zwischenzeitlich 1:1, und zwei spannende Partien liefen
noch. Die Deutschen kämpften noch alle gegen Catalonien. In der Zeitnotphase
gewann Klaus Klundt, und Lev Gutman verlor durch eine taktische Kombination
gegen GM Orestes Rodriguez. Die beiden Partien von Wolfgang Uhlmann und Hajo
Hecht bargen zwar Vorteile, aber noch keine vollen Punkte. Schließlich setzte
sich nach 5 Stunden sowohl bei Moskau als auch bei Deutschland die Klasse durch
und beide Teams gewannen 3:1. Unsere Männer konnten damit keinen Boden gegenüber
Moskau gutmachen. Nach hinten allerdings ist durch die Niederlage der
Katernberger wiederum ein Punkt zu Bronze, so dass zwar Gold für Deutschland
kaum noch zuholen sein wird, aber Silber aus eigener Kraft gewonnen werden
sollte.

Lev Gutmann und Klaus Klundt

Gutmann und Wasjukov

Kortschnoi gegen Baumbach

Im Analyseraum

Heikki Westerinen
Am Rand des
Geschehens hatte Dagobert Kohlmeyer Gelegenheit zum Gespräch mit einer wahren
Schachlegende.
Bob Wade: Ein Evergreen des Schachs
Von Dagobert Kohlmeyer

Er ist so alt
wie Wassili Smyslow und wird in wenigen Wochen 85 Jahre: Robert Graham Wade aus
England. Die aus Neuseeland stammende Schachlegende begann mit acht Jahren und
sah sich nie als großes Talent. Aber die Freude am Schach führte Bob Wade dazu,
dass er dem Spiel ein Leben lang treu blieb. Jetzt setzte er schon zum vierten
Mal für das englischen Team bei der Senioren-Mannschafts-EM in Dresden die
Figuren. Von Schachmüdigkeit keine Spur bei ihm. Wade geht zwar inzwischen am
Stock, aber sein Kopf arbeitet noch vorzüglich. In der siebten Runde am
Donnerstag trennte er sich von Österreichs Schachlegende Dr. Andreas Dückstein
remis. Immer zu einem Spaß aufgelegt, antwortete er in der Hotel-Lobby gern auf
unsere Fragen.
Wie jung
fühlen Sie sich im Moment?
Gefühltes
Lebensalter 48, obwohl ich schon 84 bin.
Aber
nicht mehr lange...
Ja, im April
werde ich 85. Wassili Smyslow ist zwei Wochen älter als ich. Wir spielten zum
ersten Mal 1950 zusammen. Ich konnte ihm ein Remis abtrotzen. Später habe ich
einige Male gegen ihn verloren.
Was
zeichnete Smyslow als Weltmeister und Schachpersönlichkeit aus?
Er war ein sehr
solider Spieler, vor dem die Gegner ganz viel Respekt hatten. Smyslow arbeitete
hart am Brett. Während Botwinnik vor allem durch häusliche Vorbereitung glänzte,
hat Smyslow seine großen Züge im Kampf Mann gegen Mann gefunden. Er spielte mit
viel mehr Intuition als die meisten seiner Zeitgenossen.
Wer ist
Ihr Lieblingsspieler?

Ich mag vor
allem die Partien von David Bronstein, mit dem ich befreundet bin. Wir sehen uns
öfter. Er hat ja auch wie Smyslow gegen Botwinnik um die Schachkrone gespielt
und seinerzeit mit seinem 12:12 ganz ehrvoll bestanden.
Und wer
ist für Sie der beste Spieler aller Zeiten?
Es ist sehr
schwierig, das zu beurteilen. Einen Lieblingsweltmeister habe ich nicht. Ich
kannte alle Champions in den vergangenen 60 Jahren. Das Spiel hat sich in
jüngster Zeit sehr gewandelt. Der Computer veränderte das Schach gravierend.
Kasparow ist der letzte große Spieler gewesen.
Haben Sie
eine Lieblingsfigur?
Keine
spezielle. Man muss mit allen Steinen gut arbeiten.
Sie haben
vor kurzem sogar noch die offene Neuseeland-Meisterschaft mitgespielt, wollen
wohl niemals aufhören?
Nein, es macht
mir einfach zu viel Spaß. Ich kam down under auf insgesamt sechs Punkte. Dabei
verlor ich nur ein Spiel, gewann drei Partien und spielte sechsmal remis. Unter
anderen teilte ich mit Hajo Hecht und Murray Chandler den Punkt.
Ist es
Ihr Wille, bis zum Lebensende Schach zu spielen?
Ich hoffe sehr,
dass mir dies gelingt.
Können
Sie sich vorstellen, am Brett zu sterben?
Nette Frage.
Warum nicht.
Was tun
Sie nach der Senioren-EM in Dresden?
Natürlich
Schach spielen. Ich habe nächste Woche schon wieder einen neuen Wettkampf in
England.
Wo leben
Sie?
Im Londoner
Stadtteil Greenwich. Und das fast seit sechzig Jahren.
Haben Sie
vielleicht Einfluss auf die Zeit und das Wetter?
Leider nicht.

Dückstein gegen Wade
Mr. Wade, die erste Partie, die ich
von Ihnen kennen lernte, datiert aus dem Jahre 1946. Es war ein Franzose gegen
Keres, in dem Sie fürchterlich verloren haben.
Erinnern Sie
mich bitte nicht daran. Ich hätte den Bauern nicht annehmen sollen. Aber ich
habe in meinem Leben auch sehr schöne Partien gespielt. Weil Sie Französisch
erwähnten, verrate ich ihnen etwas. Einmal habe ich beim Turnier in Skopje gegen
den Dresdener Schachhero Wolfgang Uhlmann in seiner Spezialeröffnung schön
gewonnen.
Wir
werden gleich in der Database nachsehen und die Partie veröffentlichen. Danke
für das Gespräch und alles Gute, Mr. Wade!
Weitere Bilder vom Turnier:

Analyse, Organisator Dirk Jordan (Mitte) schaut zu

Chernikov (Russland)

Gehmann (Holstein)

Peter Hohler (Schweiz)

Svein Johannessen (Norwegen)

Viktor Kortschnoj

Littlewood (Britannien)

Keith Richardson (Britannien)

Ross McDonald (Britannien)

Nils Ake Malmdin (Schweden)
Text: Dagobert Kohlmeyer,
Fotos: Dagobert Kohlmeyer, Falk Sempert, Franz Gärtner