Nachbetrachtung
der Russischen Meisterschaft
Von Misha Sawinow
Vierzehn
Tage nach Beendigung des Superfinale
der Russischen Meisterschaft
gibt es
wohl kaum einen Schachenthusiasten, der das Schlussresultat nicht kennt: Garry
Kasparov erzielte bemerkenswerte 8 aus 11 (+5) und wurde klarer Erster, einen
ganzen Punkt vor Alexander Grischuk. Alexey Dreev belegte den dritten Rang. Der
Stil von Kasparovs Sieg lässt sich vergleichen mit dem von Michael Schumacher
vor ein paar Jahren. In den seltenen Fällen, wo der Rote Baron nicht vom Start
weg einen Vorsprung herausfuhr, schlug er maximales Kapital aus seinen
Boxenstopps (sowie denen seiner Gegner). Garry Kasparov legte seinen
“Reifenwechsel ” frühzeitig ein und entwickelte ein Höllentempo genau zu dem
Zeitpunkt, als sein Hauptrivale Grischuk einen vorgesehenen Stopp in der
Boxengasse hatte.
An dieser Stelle ein Rückblick auf die letzten
Runden, zunächst in Bildern, dann in Interviews.
Runde 8

Kasparov gegen Svidler


Die gemeinsame Analyse


Kasparov und sein Sekundant Dochojan


Kasparov zeigt im Presseraum seine Partie gegen Svidler am
Demobrett

Runde 9

Artyom Timofeev

Timofeev gegen Kasparov



Alexander Motylev am Demobrett

Journalisten im Pressecenter

Kasparov und Dochojan
Habe ich die warme Atmosphäre während des Turniers
erwähnt? Keine Skandale, keine Beleidigung, und Konflikte gab es einzig und
allein auf dem Schachbrett. Und sogar die unvermeidlichen Enttäuschungen konnten
dem Geist der Freundlichkeit nichts anhaben. Weder Svidler noch Bareev waren mit
ihren gestrigen Partien zufrieden, geschweige denn mit ihrer Turnierleistung.
Und sehen sie etwa böse aus?

Bareev und Svidler
Runde 10

Alexey Dreev gewann in Runde 10 gegen Tseshkovsky

Tseshkovsky, Dreev

Der Senior des Turniers

Motylev

Kasparov spielte gegen Morozevich


Alexey Korotylev am Demobrett


Der Tisch mit den Sonderpreisen

Boris Spassky als Zuschauer

Ehrengäste: Ehepaar Smyslov
Runde 11

Evgeny Bareev

Korotylev und Bareev

Svidler gegen Dreev



Svidler demonstriert seine Partie gegen Dreev



Letzte Runden verbindet man oft mit spannungsarmen
Partien und vielen Kurzremisen. Einer meiner Kollegen vermutete, dass zumindest
zwei Partien in knapp zwei Stunden friedlich enden würden – und war so mutig,
darauf einen Geldbetrag zu setzen. Doch die Wirklichkeit meinte es schlecht mit
ihm – bzw. gut mit uns übrigen. Jede der letzten fünf Partien hatte ihre eigene
Dramatik, und keiner der Großmeister hatte die Absicht, mit Weiß eine Pause
einzulegen.
Für Grischuk war die Partie gegen Kasparov eine
seltene Herausforderung. Ein Erfolg in der Schlussrunde würde ihm keine
Titelchancen mehr einräumen, bestimmt aber Kasparovs Siegesfreude etwas trüben
und wäre darüber hinaus eine langfristige Investition in Grischuks
Glaubwürdigkeit auf Topebene, vor allem bei den Veranstaltern verschiedener
starker Turniere. Was Kasparov anging, so würde ihm jedes positive Ergebnis
erlauben, seine schwache Leistung bei der Europameisterschaft wettzumachen und
über 2800 zu bleiben. Bei einem derart hochklassigen Turnier ungeschlagen zu
bleiben, war sowieso schon Anreiz genug.

Es ist kurios, sich Erinnerung zu rufen, dass sich
nach der Eröffnungszeremonie alle Spieler mit Schiedsrichern und Organisatoren
zusammensetzen, um zu beschließen, dass im Fall der Punktgleichheit auf dem
ersten Platz der Titel nicht durch irgendeine Wertung vergeben werden sollte,
sondern in einem Match. Die Urheber dieser Initiative waren... Kasparov und
Grischuk! Aus dieser Weigerung, etwas dem Zufall zu überlassen, lässt sich
vielleicht ihr Vertrauen in die eigene Stärke ebenso deutlich ablesen wie aus
der Turniertabelle...
Im Verlauf der Schlussrunder trat ich auf einige
der Experten zu und stellte ihnen eine Reihe von Fragen zur Meisterschaft.
Evgeny Najer, Großmeister (einer von Motylevs
Sekundanten bei dieser Veranstaltung)
MS: Hast du einen derart überlegenen Sieg von
Kasparov erwartet?
EN: Nein. Er hatte natürlich per se gute
Erfolgsraussichten, aber man konnte nicht vorhersehen, dass sowohl Swidler als
auch Morozevich schlecht in Form sein würden. Sie spielten schwächer als in
Kransoyarsk 2003 (die vorherige Russische Meisterschaft, 1.Svidler 2.Morozevich
- M.S.). Wenn sowohl Kasparov als auch Morozevich und Svidler in Topform gewesen
wären, hätte es einen engen Kampf zwischen ihnen geben können.
MS: Auch Kasparov schien zu Turnierbeginn nicht in
Bestform zu sein...
EN: Es gab zwei Kasparovs. Zu Anfang war es der
Garry, an den wir uns in den letzten Jahren leider langsam gewöhnen, aber nach
der Partie gegen Tseshkovsky war er ein ganz anderer, viel stärker und
selbstbewusster. Allerdings spielte er auch vor dieser Verwandlung phasenweise
extrem gut, zum Beispiel im Mittelspiel gegen Motylev. Objektiv gesehen gingen
die meisten Favoriten mit etwas verminderter Stärke in diese Meisterschaft.
Sogar Grischuk, der gute Ergebnisse erzielt, aber bei weitem nicht in Bestform
ist. Vielleicht hat er sich nach der Olympiade erholt, mehr aber auch nicht.
Dreev sah vielleicht etwas besser aus als andere. Und Motylev konnte sich nach
ganz schwachem Start erholen.
MS: Haben dich bei dieser Meisterschaft irgendwelche
Partien besonders beeindruckt?
EN: Da muss ich mal die Kasparovsiege rekapitulieren...
Gegen Svidler war es zu einfach. Die Partie gegen Bareev ist beachtenswert,
obwohl es ein bisschen hin und her ging. Natürlich war ich mehr auf Motylevs
Partien fokussiert. Mir gefiel die Begegnung Dreev – Motylev – die war
interessant bis zum Ende. Wenn es keine Kurzremisen gibt, wenn alle kämpfen,
gibt es in den Partien immer interessante Ideen und Konzepte. Aber m.E. gab es
keine glänzenden und makellosen Siege, keine klassischen Meisterwerke. Wenn es
dazu kommen soll, müssen beide Gegner in großer Form sein und kraftvolles Schach
zeigen.
MS: Wie bist du mit Korotylevs Leistung hier
zufrieden?
EN: Ich war überrascht, dass er nichts Besonderes in
der Eröffnung vorbereitet hatte. Er wählte die gleichen Abspiele wie sonst. Den
gleichen Sizilianer, der, m.E., seinem Stil nicht liegt. Aber Alexey scheint
psychologisch gut präpariert zu sein, was gleichfalls wichtig ist. Und offenbar
ist sein allegemeines Spielniveau höher als seine Rating.
MS: Es gab einige Spekulationen bezüglich möglicher
Kurzremisen in dieser Schlussrunde. Was meinst du dazu?
EN: Ich erwarte in allen 5 Begegnungen Kampfpartien.
Svidler muss sein Ergebnis verbessern, und von Morozevich ist ein Remisangebot
ebenfalls kaum zu erwarten...
Mikhail Ulibin, Großmeister (ein Zuschauer)
MU: Vielleicht hat Kasparov einen derart klaren
Vorsprung selbst nicht erwartet! Er hatte ein schweres Jahr, in dem er bei jedem
der drei Wettkämpfe, an dem er teilnahm, nie mehr als eine Partie gewonnen hat.
Offen gestanden war ich sicher, dass er in Moskau mehr als einmal siegen würde,
aber ein derartiger Abstand ist natürlich überraschen. Andererseits, wir reden
ja über Kasparov! Von diesem großen Spieler sind immer Überraschungen zu
erwarten.
MS: Was waren für dich die kritischen Momente in
diesem Turnier?
MU: Der Sieg bereits in der Auftaktrunde hat
Kasparov sicherlich sehr geholfen. Und der Wendepunkt waren die Partien gegen
Dreev und vor allem gegen Tseshkovsky, die Garry nicht gut spielte, aber mit dem
Glück des Tüchtigen gewann. Nach dieser Begegnung konnten Kasparovs +5 niemand
mehr überraschen. Seine Stärke ist allen bekannt, und mit Selbstvertrauen und
Glück kann man Wunder vollbringen...
MS: Welche Partien haben dich am meisten beeindruckt?
MU: Hervorheben würde ich Korotylev - Grischuk.
Vielleicht spielte Weiß nicht die besten Züge, die gesamte Strategie war zu
riskant, aber ich glaube, der Hauptgrund für Grischuks Niederlage ist, dass er
einfach kein derart aggressives Spiel von Korotylev erwartete. Hochrangige
Spieler erwarten oft, dass ihre wesentlich eloschwächeren Gegner von Beginn an
auf Remis spielen, und da kam Alexeys gewagtes Spiel als unangenehme
Überraschung. Alles in allem hatte Grischuk ein ordentliches Tunier und wird
unter die ersten 3 kommen, gestern aber spielte er schwach.
MS: Was hälst du vom Format dieser Veranstaltung?
MU: Das Feld sollte anders zusammengesetzt sein. Wie
man sieht, haben drei eingeladene Spieler abgesagt. Solche Turniere haben keinen
absoluten Wert für sie, ganz im Gegensatz zu denjenigen, die eine harte
Qualifikation überstehen mussten. Ich fände es fair, die drei Sieger der
vorangegangen Meisterschaften einzuladen plus einem Elobesten, und dann den Rest
des Feldes in einer Qualifikation zu bestimmen. Ein solches System würde der
Meisterschaft nur gut tun.
MS: Wie lautet dein Score gegen Kasparov?
MU: Es steht
4-4. +1=2-1. Und... es
waren alles Simultanpartien
(lächelt).

Mikhail Ulibin, Mark Dvoretsky
Mark Dvoretsky, Trainerlegende,
Internationaler Meister (ein Zuschauer)
MD: Kasparovs Vorsprung ist deshalb so überlegen,
weil sein Hauptrivale nicht in Form ist. Ich meine Morozevich. Anfangs war
Kasparovs Spiel nicht überzeugend; er machte mehr Punkte, als seine Stellungen
eigentlich hergaben. Dann spürte er Rückenwind, der sich sowohl gegen Dreev als
auch Tseshkovsky bemerkbar machte - und darin, dass seine Rivalen Punkte
einbüssten – und war nicht mehr zu stoppen. Grischuk war Kasparov lange Zeit auf
den Fersen, wobei er ziemlich schwach spielte. Alexey Dreev war in guter Form,
aber seine Niederlage gegen Kasparov brach ihm das Genick.
Der Fehlstart von Sasha Motylev ist eine
unerklärliche Überraschung. Er ist ein wunderbarer Spieler, einer der besten
seiner Generation, sein Schach ist sehr tiefgründig und interessant, und darüber
hinaus ist auch noch ein sehr netter Mensch. Er ist, meiner Meinung nach, in der
Lage, Topresultate zu zeigen. Leider war es ihm nicht möglich, die notwendige
Vorbereitung auf die Meisterschaft abzuschließen, da er ein unwiderstehliches
Angebot hatte. Ich meine das Turnier in Korsika. Alexander zeigte eine ganz gute
Leistung, verdiente ordentliches Geld, aber er verlor natürlich eine Menge
Energie und konnte sich nicht auf das Superfinale vorbereiten. Sein Spiel zu
Beginn war fürchterlich, aber es spricht für seinen starken Charakter und sein
großes Potential, dass er sich im Verlauf der Veranstaltung vollständige erholte.
Heute wird er allerdings, glaube ich, verlieren, aber dennoch hat er ein
völliges Desaster abgewendet und gewinnt sogar ein paar Elopunkte.
MS: Wie bewertest du die kreativen Resultate des
Superfinals?
MD: Wenn die Spitzenspieler kämpfen, gibt es immer
interessante Partien... Ich habe eine Theorie, die ich in einem meiner Bücher
erklärt habe. Schachpartien sind so interessant, brillant und herausragend, wie
ein Kommentator sie macht! Es gibt immer tiefe und schöne Züge, aber ihre Tiefe
und Brillanz zu zeigen ist eine Herausforderung, das erfordert Können. Ein
Beispiel, das Kandidatenturnier in Zürich 1953 war kaum ein herausragenderer
Wettbewerb als das Kandidatenturnier 1959 in Jugoslawien.
Aber das Turnierbuch 1959 war farblos geschrieben,
schablonenhaft und konnte insgesamt nicht beeindrucken, obwohl unter den Partien
wahre Meisterwerke waren; Zürich 1953 ist dagegen ein Klassiker, den jeder kennt.
Bei dieser Meisterschaft ist es genauso – der Eindruck würde vom Kommentator
abhängen.
MS: Bücher über Turnier sind heutzutage eine
Seltenheit geworden...
MD: Leider ist das öffentliche Interesse zu sehr auf
Eröffnungen gerichtet, daher befassen sich die meisten Bücher mit der
Anfangsphase. Die Folge ist, dass jetzt fast jeder die Eröffnung spielt wie ein
Großmeister, anschließend aber viele höchsten wie Kandidaten. (wie
Hausmeister, a.d.Ü.)
MS: Meinst du, dass das Format der Meisterschaft der
Korrektur bedarf?
MD: Das ist keine prinzipielle Frage. Der Kern des
Formats ist ein Kompromiss zwischen eingeladenen und qualifizierten Teilnehmern,
und über die jeweilige Anzahl könnte man diskutieren. Ich verstehe nur nicht,
warum es keine Liste der Kandidaten gab. Das führte vor der Veranstaltung zu
einer chaotischen Situation vor der Veranstdlung. Eine Kandidatenliste sollte es
unbedingt geben, in diesem Fall würden nämlich Absagen das Turnier nicht
beeinflussen. Auch sollten die Einladungen nach einem bestimmten sportlichen
Prinzip erfolgen – entweder Elo, Zugehörigkeit zur Nationalmannschaft oder
sonstwas, aber wir sollten vermeiden, ohne ersichtlichen Grund “einen Namen”
einzuladen. Das Einladungsprinzip sollte lang im Voraus angekündigt werden.
Ich persönlich würde gern mehr Teilnehmer sehen. Zu
Sowjetzeiten gab es 16, 18 Spieler, ohne dass sich jemand über die Länge der
Veranstaltung beschwerte.
Endstand:
1.Kasparov
2.Grischuk
3.Dreev
4-7 Morozevich,
Motylev,
Svidler,
Bareev,
8-10 Epishin,
Korotylev,
Timofeev
11 Tseshkovsky
Fortschrittstabelle
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11
Kasparov 1 1,5 1,5' 2 2,5 3,5 4,5 5,5 6,5 7 7,5
Grischuk 1 1,5 2 3 3,5 4 4,5 4,5' 5,5 5,5 6
Dreev S 1,5 2 2,5 3,5 3,5 4 4,5 4,5' 5,5 5,5
Morozevich 0,5 0,5 0,5 1 1,5 1,5' 2 2,5 3,5 4 5
Motylev 0 0,5 0,5 1 1' 2 2,5 3,5 4,5 5 5
Svidler 1 1' 1 1,5 2 2,5 3,5 3,5 3,5 4 5
Bareev 0 0,5 1 1,5 2,5 3 3,5 4 4 4' 5
Epishin 0,5 1 1,5 2 2,5 2,5 2,5' 3 3,5 4 4,5
Korotylev 0' 0,5 1,5 2 2 2,5 2,5 3,5 3,5 4,5 4,5
Timofeev 0,5 1 2 2' 2,5 3 3,5 3,5 3,5 4,5 4,5
Tseshkovsky 0 0,5 1,5 1,5 1,5 2 2 2 2,5 2,5 2,5'
' – Freilos in dieser Runde
Anatoly Karpov überreichte seinem historischen Rivalen Garry
Kasparov ein einzigartiges Schachspiel aus seiner Sammlung – ein besonderes
Geschenk für den neuen Champion von Russland! Den Preis für die beste Partie
erhielt Vitaly Tseshkovsky für seine Leistung in Runde 3 gegen Morozevich. Den
Schönheitspreis bekam Morozevich - Dreev, und Dreev erhielte ebenfalls seine
Trophäe. Diejenigen, die leer ausgingen, konnten sich mit $500 für jeden
erzielten Punkt trösten.

Alexey Korotylev und Freundin

Alexey Dreev mit glänzender Bronzemedaille

Tseshkovsky und Spassky