Überraschung verpasst
Von Anna Dergachova-Daus

Einladung zum Schach
Nun ist auch der Europapokal
Geschichte. Die Ergebnisse sind bekannt, die Partien waren teilweise live im
Internet zu sehen, komplett stehen sie auch zum runterladen bereit. Sie zu
analysieren übersteigt meine Kompetenz, die besten davon werden schon
rechtzeitig in Schachmagazinen und Büchern von weit stärkeren Schachspielern
kommentiert. Was bleibt dann noch übrig? Ich weiß, ich könnte euch die Gefühle
der Akteure vermitteln, die ich in vielen Einzelngesprächen und auch auf Video
für die Zukunft festgehalten habe (auf mein Gedächtnis ist nämlich kein großer
Verlass). Wie ihr wisst, sind die meisten Schachspieler sehr abergläubisch und
vor Turnierende nicht bereit, ihre Überlegungen und Eindrucke mit jemanden
auszutauschen – das Glück kann ja so leicht wegfliegen... Doch wenn alles vorbei
ist, dann atmen sie tief durch und werden redselig.

Der Sieger NAO Chess Club mit Sponsorin Nahed Ojjeh
Am
glücklichsten waren natürlich die Schachfreunde von NAO, dem großen Gewinner des
Pokals. Ihr Sponsor, Madam Ojeeh, kam am Abend zuvor und drückte ihrem Team in
der letzten Runde ganz fest die Daumen.

Obwohl schon
am Tag zuvor alles für das französische Team klar war, wollten die Spieler noch
keine Interviews geben. Und so konnte ich Peter Svidler erst am Abend, kurz vor
der Siegerehrung, erwischen und ihn über das Turnier befragen. Peter meinte,
dass dieser Europapokal der Stärkste für ihn war (er hat 4 oder 5 Mal in solchen
Turnieren mitgespielt).
Er spielt für NAO weil es ihm Spaß macht, da die Atmosphäre im Klub großartig
ist (was auch sein Mannschaftskamerad Fressinet empfindet) und natürlich, weil
er dort als Profispieler gute Konditionen bekommt. (Natürlich würde Peter jede
Mannschaft schmücken, besonderes nachdem er vor kurzem die russischen
Meisterschaft gewonnenen hat.) Zurück zu NAO und ihrem Weg zum Erfolg. Trotz
ihrer Favoritenrolle (der Eloschnitt der gemeldeten Spielern lag nur 2 Punkten
unter der magischen Grenze 2700!) mussten sie für Platz 1 natürlich hart
kämpfen. Ladia Kazan mit Garry Kasparov an 1 war auf keinen Fall zu
unterschätzen. Alle anderen Spieler und Mannschaften meinten nämlich während des
Turniers, dass es in diesem Jahr eigentlich nicht besonderes spannend wird, und
das die beide Teams NAO und Ladia den Pokal untereinander ausmachen würden, also
ging es für sie (egal mit wem ich auch sprach, sei es Bosna, Norilsk oder Tomsk)
bestenfalls um Platz 3.

Grischuk, Kasparov
Deshalb versammelten sich alle Fotografen gespannt um die Paarung
Kasparov-Grischuk und schossen viele Bilder, von denen eins auf den Titelbild
erscheinen sollte, falls es eine Überraschung geben würde. Mit Überraschung
meine ich natürlich einen eventuellen Sieg des Jüngeren, was der Garant des
Sieges der französischen Mannschaft sein könnte. Aber so kam es nicht. Garry
gewann diese Partie und NAO ist im Kampf gegen Ladia Kazan nur hauchdünn der
Niederlage entgangen.


Kasparov-Bezwinger Alexander Huzman
Dafür verpassten die Journalisten die Überraschung am nächsten Tag. Wer hätte
gedacht, dass Garry gegen Alexander Huzman verlieren würde. Derselbe Kasparov,
der schon im Simultan gegen das israelischen Team denselben Gegner zweimal
geschlagen hatte, verlor nach nur knapp 1,5 Stunden die Partie. Anscheinend
keiner, da am gleichen Abend einige Redakteure krampfhaft und vergeblich das
digitalisierte Bild des Siegers suchten. Ich gebe zu, dass in diesem Augenblick
auch meine Intuition versagt hat. Der historische Moment war vorbei gegangen.
Für Ladia bedeutete dieses Match die Aufgabe alle Hoffnungen auf den
Pokalgewinn. Später gelang es mir mit Kasparov zu sprechen.
Das war am Abend der Siegerehrung, als der Saal voll mit Schachspieler war und
Garry nicht dorthin wollte - verständlicherweise. Es gab keinen Preis für sein
Team.

Er saß dort
mit Emil Sutovsky und rechnete im Kopf eine Aufgabe. Als er damit fertig war
(Matt in 4, diese Aufgabe konnte nach Angaben von Emil sogar Alexander Grischuk
nicht meistern, Kasparov aber sehr wohl), nahm ich meinen ganzen Mut zusammen
und sagte zu Garry, dass ich wahrscheinlich die Erste sein werde, die ihn nach
einem Turnier, dass er nicht gewonnen hat, interviewen möchte.
Ich habe mit dem Schlimmsten gerechnet, doch Kasparov war sehr freundlich und
beantwortete meine Fragen geduldig und sogar gut gelaunt.

Kasparov gut gelaunt
Er meinte,
dass er mit allen Ergebnissen für sein Team gerechnet hatte, von Platz 1 bis
Platz 7. Das ihm in seiner Partie gegen Huzman ein schrecklicher Einsteller
unterlief. In einer Stellung, wo er eigentlich nichts zu befürchten hatte,
bestimmt ausgeglichen, wenn nicht schon etwas besser gestanden hatte.
Und das NAO
völlig verdient gewann. „Das ist der Altersunterschied“, sagte er. „Bei den
Bedienungen, mit denen wir gespielt haben, ist es sehr wichtig lange fit zu
bleiben.“ (Mit fit bleiben hatte er Recht. Sehr gut spielte das jüngste Team mit
Gennadi Kuzmin als Trainer, Spieler an Brett 1 und Betreuer für seine Schüler
und Ekaterina Lahno an 4, auch das junge Team aus Georgien mit Jobava an 1 hielt
gut mit den Supergroßmeistern mit).

Ekaterina Lahno
Die 7stündige Zeitkontrolle war gerade hier auf Kreta, bei der Hitze und wenig
Luft und Platz im Spielsaal, seiner Meinung nach, nicht angebracht.

Große Enge im Spielsaal
Sonst
propagiert er bekanntlich immer die langen Zeitkontrollen, wegen des
Qualitätsverlust in den Partien. Hier aber konnte und sollte eine Ausnahme
gemacht werden. Die Frauen haben ja schließlich auch mit der neuen
FIDE-Kontrolle gespielt.

Polonia Warschau
Den zweiten
Platz belegte das polnische Team. Nicht sehr überraschend, da sie erstens, wenn
man die Tabellen der 5 letzten Europapokale betrachtet, immer mit einer Medaille
nach Hause zurück kamen. Und zweitens gerade in Kreta hoch verdient, da die
Mannschaft gegen alle starken Teams kämpfen musste. Ich sprach mit Macieja,
auch er war nach der letzten Partie gegen Sergey Rublevsky superzufrieden. „Ich
machte einen Fehler in der Eröffnung, und stand klar schlechter. Die einzige
Kompensation für meine Stellung war mein heutiger Geburtstag. Und irgendwann im
58. oder 59. Zug hatte ich dann Glück, eine Figur gewonnen und damit auch die
Partie.“
Den dritten
Platz belegte die Mannschaft von Azmaiparaschvili. Wie das geschah, war mir
nicht ganz klar. Dieses Team hat es im Gegensatz zu den beiden anderen wirklich
geschafft, gegen keine Mannschaft von den ersten 10 nach der Elo-Rangliste zu
spielen. Doch die Auslosung wurde ja mit einem Computerprogramm gemacht. Also in
diesem Fall kann man wirklich von Glück reden, oder?
Für den Sieger
des Vorjahres, das Team Bosna, blieb nur der 18. Platz, natürlich eine große
Enttäuschung.

Bei den Damen
gab es vor der letzten Runde noch 5 Mannschaften mit der selben Punktzahl. Eine
einmalige Konstellation. Doch gewinnen kann bekanntlich nur eine. Dieses Team
unterstrich und verstärkte ihren Teamgeist noch durch die äußerliche Komponente,
sie spielten immer in Rot. Vielleicht hat das die entscheidende Rolle gespielt.

Svetlana Matveeva
Svetlana Matveeva war auch nach dem Turniersieg bestens gelaunt. „Anna du weißt,
wenn die Mannschaft gewinnt, ist es viel wichtiger, als wenn du nur allein
gewinnst, oder das beste Ergebnis an deinem Brett zeigst, für mich zumindest.“
Die Georgerinnen, die fast das gesamte Turnier vorne waren, mussten sich mit
Platz 2 zufrieden geben.

Almira Skripchenko und Antoaneta Stefanova

Maria Kouvatsou

Elisabeth Pähtz mit Vater Thomas
Auf die meisten Spieler
warten schon die nächsten Turniere. Rückflug nach Hause, Wäsche waschen, zwei
Tage Erholung und weiter geht es nach Plovdiv. Ich dagegen blieb noch ein wenig
auf dem Insel. Ich bin ja noch kein Profi. (An dieser Stelle Seufzen oder
Erleichterung?)
Anna Dergachova

Hahn Emil im Korb

