
Das Interview erschien im Original in Neue Deutschland.
Ungekürzter Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Wimbledon des Schach am Rhein
Endlich die passende Arena für das ultimative Vereinigungsturnier
mit Kasparow & Co.?
Von Dr. René Gralla
Gut
zehn Wochen vor dem großen Duell ein Probeduell der besonderen Art. Am 22. Mai
wird in Nordrhein-Westfalen gewählt, SPD-Ministerpräsident Peer Steinbrück tritt
an gegen seinen CDU-Herausforderer Jürgen Rüttgers; dafür hat sich der
Amtsinhaber am 5. März schon mal warmgelaufen mit einem prominenten
Trainingspartner: dem Schachweltmeister Wladimir Kramnik. Der Brettprofi und der
Premier trugen publikumswirksam ein öffentliches Match aus in der
Bundeskunsthalle Bonn – und wie es zu dem Showdown um Schlag 12 Uhr gekommen
ist, das hat sich der Autor Dr. René Gralla vom Event-Direktor Stephan Andreae
(52) erläutern lassen.
Leistet die Bundeskunsthalle dem
Kandidaten Steinbrück Schützenhilfe?
Ein klares Nein! Wahlkampf muss Herr
Steinbrück schon selber machen.

Peer Steinbrück ist uns bisher aber noch
nicht als Schachexperte aufgefallen ...
... er gilt als sehr respektabler Amateur,
der, wie man hört, auch im Internet viele Partien austragen soll.
Wenn sich nun morgen Jürgen Rüttgers bei
Ihnen melden und sagen würde, "Hallo, ich kann auch Schach spielen!" ...
... dann wäre der ebenfalls herzlich
willkommen!
Trotzdem: Die ungewöhnliche Paarung
Kramnik gegen Steinbrück bleibt erklärungsbedürftig.
Seit zehn Jahren organisiere ich
Ausstellungen in der Bundeskunsthalle. Von Haus aus bin ich freier Künstler; ich
bin Maler, Dichter, Bildhauer. Als Künstler interessiere ich mich für Schach,
auch wenn meine eigenen praktischen Fähigkeiten am Brett eher bescheiden sind.
Am 2. Mai 2004 haben wir im Forum der Kunsthalle eine erste Schachaktion
gestartet. Da spielte Kramnik simultan gegen die Nachwuchsauswahl der deutschen
Damen - darunter auch Tina Mietzner und Elisabeth Pähtz - sowie gegen
Prominente, unter anderem den Schauspieler Matthieu Carrière. Peer Steinbrück
sollte gleichfalls mitmachen, musste jedoch aus Termingründen kurzfristig
absagen. Mit einem knappen Jahr Verspätung ist das ausgefallene Match jetzt
nachgeholt worden.

Das Bonner Haus wird gerne auch mit dem
Pariser "Centre Pompidou" verglichen. Was hat dann aber ausgerechnet Schach in
der Bundeskunsthalle zu suchen?
Schach hat schon immer auf dem schmalen Grat
operiert zwischen Spitzensport, Wissenschaft und phänomenalen Denkleistungen -
und eben auch Kunst. Viele Künstler offenbarten ihre Affinität zu diesem
königlichen Spiel. Marcel Duchamp gehörte der französischen
Nationalmannschaft an; ferner waren Joan Miró, Hans Arp, Max Ernst und Man Ray
begeisterte Schachspieler ...

... Man Ray hat auch Schachsets entworfen
...
... ja, gut, aber da möchte ich doch genau
unterscheiden: Die Kunst besteht eben nicht darin, schöne Schachfiguren zu
entwerfen; die Kunst besteht darin, gut Schach zu spielen. Duchamp hat einmal
die rhetorische Frage gestellt: "Und weshalb wäre es etwa keine künstlerische
Tätigkeit, Schach zu spielen?" Seine Antwort: "Ein Schachspiel ist von einer
großen Plastizität. Sie konstruieren es: Es ist eine mechanische Plastik."
Schach ist nach dieser Definition quasi
kinetische Kunst?
Ja.
Das weckt Assoziationen an das völlig
abstrakte, allein imaginierte "Glasperlenspiel" in Hermann Hesses gleichnamigem
Roman ...
... ein guter Vergleich.
Wer wie Sie, Herr Andreae, die Fertigkeit
im Schach der Kunst zuordnen möchte – samt der daraus folgenden „künstlerischen“
Produkte, sprich: der konkreten Partien - , der ignoriert dabei allerdings einen
wesentlichen Unterschied zu beispielsweise der Malerei. Selbst wenn ich
persönlich niemals etwas halbwegs Ansehnliches zu Papier oder auf die Leinwand
bringen könnte, so vermag ich dennoch ein Bild zu betrachten und visuell zu
erfassen. Andererseits, sofern ich Schachlaie bin, begreife ich rein gar nichts
beim Beobachten einer Partie - und mir bleibt verschlossen, was daran denn bloß
in aller Welt die „Kunst“ sein soll!?
Gerade damit aber steht das Schachspiel der
Kunst viel näher, als Sie vermuten. Kunst ohne Vorbildung als solche
wahrzunehmen, das ist - fast - unmöglich. Ich muss für jede künstlerische
Äußerung ein gewisses Grundgerüst haben - um zu verstehen, was der Künstler tut
und wo er hin will.
Sind nach Kramnik versus Steinbrück
weitere Schachveranstaltungen in Vorbereitung?
Für 2006 planen wir ein echtes
Masters-Turnier. Und mein Traum ist natürlich ein WM-Finale: das klassische
archaische Duell Mensch gegen Mensch. Und das auf der Bühne einer Kunsthalle:
Das ist für mich genau so logisch wie auch meines Wissens völlig neu. Ich möchte
ja nicht anmaßend sein; aber ich sehe keinen Grund, warum nicht Bonn eines Tages
das "Wimbledon" des Schachs werden könnte.
Die
Fans warten noch immer auf die ultimative Entscheidung darüber, wer
international die absolute Nr. 1 ist: der klassische Weltmeister Kramnik; der
Champ des Weltschachbundes FIDE, Rustam Kasimdschanow - übrigens sozusagen Ihr
Nachbar, als Spitzenkraft beim Zweitligaverein Bad Godesberg - ; oder der
Weltranglistenerste Garri Kasparow. Die Frage ist momentan offen; vielleicht
könnte das in der Bundeskunsthalle ausgekämpft werden?!
Wenn Garri Kasparow morgen bei mir anruft
und sagt, "Ich möchte hier gegen Wen-auch-immer spielen", kriegt er bei uns ein
Forum.
Auf Ihrem Terminplan für 2006 steht ferner
eine große Kambodscha-Ausstellung. In Südostasien äußerst populär sind zwei
historisch bedeutsame Schachvarianten: Kambodschas „Ouk Chatrang“,
außerdem
das nach denselben Regeln gespielte „Mak Rook“ aus Thailand. Das sind die
Bindeglieder zum klassischen arabischen „Shatranj“ , aus dem vor rund 500 Jahren
das moderne Schach hervorgegangen ist. Wird das entsprechend auch in die
geplante Kambodscha-Schau integriert? In Pnom Penh würde das sicher gut
ankommen, schließlich genießt dort der Staatschef Hun Sen einen legendären Ruf
als Schachspieler.
Erste Überlegungen werden bereits
angestellt. Ich könnte mir sehr gut einen Workshop zum Ouk Chatrang vorstellen.
Dresden richtet 2008 die Schacholympiade
aus. Sie, Herr Andreae, bauen die Bundeskunsthalle zum neuen deutschen
Schachzentrum auf: Wollen Sie Dresden zeigen, was eine Harke ist?
Nein, ich sehe da überhaupt kein
Konkurrenzverhältnis. Je mehr in diesem Land für Schach getan wird, um so
besser.
Interview: Dr. René Gralla