Vladimir Kramnik: My Path to the Top
Rezension von FM Matthias Krallmann
Die DVD hat eine Spieldauer von mehr als sechs Stunden, in
denen der Ex-Weltmeister seine Schachkarriere von den Anfängen bis zur
Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft 2007 Revue passieren lässt. Zusätzlich
enthält sie noch ein dreiviertelstündiges Interview, in dem Kramnik sich unter
anderem deutlich zu den Betrugsvorwürfen beim Vereinigungswettkampf in Elista
äußert. Inhaltlich erinnert die DVD mich an ein Buch, nämlich an Band 7 von
Kasparows Serie „Meine großen Vorkämpfer“. In beiden Werken wird die moderne
Schachgeschichte lebendig, kompetent und mit sehr vielen
Hintergrundinformationen versehen nacherzählt.

Im ersten Teil spricht der 1975 geborene Kramnik über seine
Kindheit in Tulapse. Als Beleg dafür, dass er eine ganz normale Schule
besuchte, gibt er an, dass einige seiner Klassenkameraden nach der Schule ins
Gefängnis kamen. Sein erstes Schachbuch war eine Sammlung mit den besten
Partien von Karpow und natürlich hatte dies großen Einfluss auf die Entwicklung
seines Schachstils. 1986 rief ein Schachliebhaber aus Kramniks Heimatort Botwinnik
an um ihm Kramnik für dessen neu gegründete Schachschule zu empfehlen. „Der
Patriarch“ spielte zwei Kramnik-Partien nach, da wusste er mit welch
außergewöhnlichem Talent er es zu tun hatte und lud ihn ein. In Botwinniks
Schachschule sah Kramnik zum ersten Mal Kasparow und war im „Nirwana“.
Der zweite Teil setzt mit dem legendären Dortmunder Turnier
im April 1992 ein. Kramnik hat als Sechzehnjähriger bereits eine Elo-Zahl von
2590, er gewinnt das stärkste deutsche Open aller Zeiten bei einem Elo-Schnitt
seiner Gegner von 2570 mit plus 6. Doch er interessiert sich viel mehr für die
Partien Kasparows, der im Rundenturnier am gleichen Ort spielt. Kasparow
erkennt viel eher als andere, dass Kramnik bereits jetzt zu den stärksten
russischen Spielern gehört und setzt gegen großen Widerstand der Funktionäre
durch, dass dieser in die Nationalmannschaft berufen wird und bei der
Schacholympiade in Manila spielt. Kramnik ist sehr glücklich, dass er der
Mannschaft angehört, er spielt wie im Rausch und macht 8,5 Punkte aus 9
Partien. Er lernt von seinen älteren Mannschaftskameraden wie man Gin-Tonic
trinkt und Karten spielt. Für die Nachhilfe im Kartenspiel muss er am Ende 500
Dollar bezahlen, doch er bereut die Investition nicht. Kasparow gefällt das
nicht, aber da die Mannschaft einen hohen Sieg an den anderen reiht, ist er in
Argumentationsnöten. Die erste Partie, die Kramnik kommentiert, stammt von
dieser Olympiade. Der Zuschauer erfährt, dass sie in der letzten Runde gespielt
wurde, nach der Siegesfeier der russischen Mannschaft, deren Erfolg bereits
eine Runde vor Ende des Turniers feststand. Kramnik hatte bis sieben Uhr
morgens gefeiert und doch zerschmetterte er John Nunn in einer sehenswerten
Partie, für die er nur 40 Minuten Bedenkzeit verbrauchte. Als der Organisator Rentero
ihn zum Turnier nach Linares einlädt, ist Kramnik in der Weltelite angekommen.

Der dritte Teil behandelt die beiden Turniere in Linares
1993 und 1994. Mit 17 Jahren gewinnt Kramnik bereits mit Schwarz gegen Karpow
und spielt gegen Kasparow remis. Ausführlich wird der erste Sieg gegen Kasparow
1994 besprochen. Doch trotz aller Erfolge bleibt Kramnik objektiv und
selbstkritisch. Er weiß, was ihm noch fehlt. Den Unterschied zwischen einem
starken Großmeister und einem absoluten Weltklassespieler sieht er vor allem in
der Fähigkeit sich in kritischen Situationen optimal zu verteidigen.
Im vierten Teil analysiert Kramnik seinen ersten Schwarzsieg
gegen Kasparow in Dos Hermanas 1994. Es ist eine fantastische
Kombinationspartie, die Figuren fliegen in der Analyse nur so über das Brett,
auch so viele Jahre danach ist Kramnik die Freude über diesen Sieg gegen seinen
Lehrmeister anzumerken.

Die Teile fünf, sechs und sieben bestehen aus Analysen der
Siege gegen Karpow 1997 in Dortmund, Kasparow 1997 in Nowgorod und Topalov 1997
in Linares. Ende der neunziger Jahre ändert sich Kramniks Stil unter dem
Einfluss seines neuen Trainers Dolmatow, der sehr viel Wert auf eine gute Verteidigung
legt.
Ein Höhepunkt der DVD ist das achte Kapitel, in der Kramnik
erklärt, wie er es schaffte gegen den im Zenit seines Könnens stehenden
Kasparow (Elo 2849) zu gewinnen. Obwohl die beiden Kontrahenten eine
ausgeglichene Bilanz vorwiesen, war Kramnik vor dem Weltmeisterschaftskampf in
London 2000 klarer Außenseiter. Doch hat der Herausforderer immer einen
psychologischen Vorteil, schließlich hat er nichts zu verlieren und alles zu
gewinnen. Kramnik dachte jedoch vor dem Kampf nicht an das Endergebnis, er
wollte vor allem zeigen, was er kann. Als eine Grundlage seines Erfolgs
bezeichnet er die positive Aura, die sein Team (Lautier, Illescas und Barejew)
ausstrahlte. Auch die Erfahrungen, die er sammelte, als er Kasparow bei der
Vorbereitung auf das Match gegen Anand 1995 in New York half, waren für den
Herausforderer sehr nützlich. Sie kumulieren in dem Satz: „Wenn Garry Blut
riecht, beißt er zu und niemand kann ihn stoppen.“ Die größte Herausforderung
bestand darin mit Schwarz zu überleben und so wurde die „blutleere“ Berliner
Verteidigung in der Spanischen Partie als Hauptwaffe (und einzigen Waffe) gegen
den Aufzug des Königsbauern vorbereitet. Kramnik befürchtete, dass Kasparow
gegen Russisch und die Sweschnikow-Variante starke Neuerungen vorbereitet
hätte. Für die Berliner „Mauer“ sprachen gleich fünf Gründe: 1. Sie führt
forciert ins Endspiel 2. Es gibt kaum Taktik 3. Computer sind hier keine große
Hilfe 4. Kasparow hatte kaum Erfahrung darin 5. Kasparow hatte sie
höchstwahrscheinlich nie für einen anderen Matchgegner vorbereitet.
Die Kapitel neun und zehn thematisieren die Berliner
Verteidigung. Wie anschaulich Kramnik die höchstkomplizierten strategischen
Probleme dieser Variante erläutert, mag die folgende Sequenz verdeutlichen:
Wenn man alle vier Türme vom Brett nimmt, steht Schwarz laut Kramnik besser. Das
Hauptaufgabe besteht für Schwarz darin, seine Türme ins Spiel zu bringen.
Im elften Teil geht es um die Matchstrategie mit Weiß. Kramnik
kennt Kasparow sehr gut und er weiß, dass „der stärkste Spieler aller Zeiten“ (Kramnik)
eins hasst wie die Pest: leicht schlechtere Endspiele zu verteidigen. Diese
Erkenntnis ist die Basis für den Sieg in der zweiten Matchpartie in London. Kramnik
glaubt, dass Kasparow außerdem den Fehler gemacht hat, während des Matchs zu
viel an seinen Eröffnungen zu arbeiten. Gegen Ende des Matchs habe er ihm in
die Augen gesehen und erkannt, dass Kasparow völlig erschöpft gewesen sei.
Im zwölften und dreizehnten Kapitel erläutert Kramnik, wie
er eine völlig anderen Aufgabe bewältigte, nämlich den Titel zu verteidigen. Er
hat Leko keineswegs unterschätzt, er wusste, dass der Ungar besonders in einem
Match seine Stärken ausspielen kann. Leko ist physisch stärker als Kramnik, er
ist jünger und ein sehr zäher Verteidiger, der nur selten verliert. Diese
Faktoren spielen in einem Wettkampf eine viel größere Rolle als in einem
Turnier. Kramnik hatte sich darauf eingestellt, doch mit zwei Dingen hatte er
nicht gerechnet, nämlich damit, dass Leko 1.d4 zieht und dass er die Sweschnikow-Variante
vermeidet. Sehr interessant sind die Passagen, in denen Kramnik beschreibt, wie
er sich psychologisch auf die „must-win-situation“ vor der letzten Runde
einstellte: Er stellte sich vor, was alles positiv wäre, wenn er den Titel
verlieren würde! Sportpsychologen würden hier die Hände über dem Kopf
zusammenschlagen, aber der Erfolg gibt dem Sieger Recht.

In den Kapiteln 14-19 widmet sich Kramnik dem
Wiedervereinigungsmatch gegen Topalov. Obwohl seine Bilanz gegen Topalov
ausgesprochen positiv war, sah ihn die Schachöffentlichkeit aufgrund der
jüngsten Erfolge Topalovs als Außenseiter. Seine Matchstrategie war ähnlich wie
die gegen Kasparow sehr bescheiden: mit Schwarz auf Halten spielen und mit Weiß
eine normale Position mit etwas Druck anstreben. Kramnik sah Vorteile für sich
im strategischen Verständnis und in der Endspielbehandlung. Als Vorbereitung
auf den Wettkampf löste der Weltmeister 1000 Studien, um schwierige Positionen
besser meistern zu können. Aus dem Wettkampf werden die zweite und zwölfte
Partie sowie die zweite und vierte Stichkampfpartie analysiert.
Kramnik wollte nicht nur den Titel gewinnen, sondern er
wollte auch wegen des Benehmens seines Gegners siegen. Topalov ist nach seinen
Attacken eine persona non grata für Kramnik.
Die DVD wurde produziert, kurz bevor Kramnik mit seinen
Vorbereitungen für das WM-Turnier begann. Das 20. Kapitel enthält einen kurzen
Ausblick auf Mexiko. Nachdem Kramnik dort seinen Titel verlor, wirkt die DVD
nun beinahe wie ein schachliches Vermächtnis. Doch wer weiß, vielleicht ist Kramniks
Weltmeistergeschichte noch nicht zu Ende. Es wäre eine Ironie der
Schachgeschichte, wenn Kramnik das Gleiche schaffen könnte wie sein Entdecker Botwinnik:
einen verlorenen Weltmeistertitel zurückgewinnen und das alte Boxergesetz „They
never come back“ ein weiteres Mal widerlegen.
Fazit: eine ausgezeichnete DVD, die die jüngste
Schachgeschichte aus der Sicht eines ihrer Protagonisten in ihren prägnantesten
Augenblicken schildert und dem Zuschauer einen Blick hinter die Kulissen
erlaubt
Zum Schluss noch ein Tipp: Wem die Figuren in Kramniks
Analysen zu schnell über die Felder huschen und wer die Partien noch einmal in
Ruhe nachspielen möchte, findet die meisten älteren in den folgenden Büchern: Kramnik – My Life and Games, Vladimir Kramnik&
Iakov Damsky, Everyman Chess, London 2000. The Brain Games World Chess Championship,
Raymond Keene and Don Morris, Everyman Chess, London 2000. Kramnik vs Leko, Martin Breutigam, Chessgate, Nettetal
2004.
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