03.01.2022 – Nach der Weltmeisterschaft im klassischen Schach sorgten drei Turniere zum Jahresende für viel Aufmerksamkeit: Das Sunway Chess Festival in Sitges und die beiden Weltmeisterschaft auf den kurzen Distanzen, im Schnellschach und im Blitzschach. Die Sieger waren zum Teil die selben, die Tiebreakregeln verschieden. Eine schachliche Nachlese von Thorsten Cmiel. | Fotos: Turnierseite FIDE
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Was von 2021 übrig bleibt
Die wichtigsten Trends für das kommende Jahr setzen in der Regel drei Turniere: Zum einen ist das ein Turnier in der Nähe von Barcelona, in Sitges, und zum anderen sind es traditionell die Blitz- und Schnellschach-Weltmeisterschaften. Ein kleiner subjektiver Rückblick.
In Sitges wird das Turnier nach der Sofia-Regel ausgetragen, also kommt es zum Remis nur bei dreifacher Stellungswiederholung oder nach Angebot ab dem dreißigsten Zug. Die Sofia-Regel ist wegen der großen Rating-Unterschiede bei den Paarungen in dem Turnier vermutlich nicht der einzige Grund für längere Partien gewesen. In jedem Fall kam es immer wieder zur Entscheidung in einer späteren Spielphase.
Entscheidungen nach Wertung oder Stichkämpfe?
Die Preisvergabe an den vorderen Brettern in Sitges erfolgte nach Stichkämpfen, die mit Blitzpartien (5+3) ausgetragen wurden. Man kann diesen Trend der Organisatoren nach Drama gutheißen oder für überzogen befinden. Die Frage ist, ob Stichkämpfe leistungsgerechte Preisvergaben ermöglichen, denn die Spieler hatten bereits nach Wertung eine Reihenfolge bestimmt und Wertungen wie Buchholz, Sonneborn-Berger-Wertung oder Summen- oder Fortschrittswertung sind anerkannte Regeln, die ihre innere Logik haben verlieren scheinbar in der Turnierpraxis ihre Bedeutung bei Open-Turnieren mit Medienaufmerksamkeit. Zudem geht der Trend von der „Regel Hort“, die eine zumindest teilweise Preisteilung vorsieht, hin zu dem Motto: The winner takes it all. In Sitges jedenfalls tauschten nach dem Stichturnier der Erste (Kollars) und Zweite, der spätere neue Rapid-Weltmeister (Abdusattorov) sowie der Dritte (Abhimanyu) und Vierte (Cheparinov) nach dem Stichkampf die Plätze und das Preisgeld. Die Spieler auf den Plätzen Fünf bis Acht spielten ebenfalls das Preisgeld neu aus.
Diese Diskussion ging weiter bei der Schnellschach- und Blitz-Weltmeisterschaft. Dort waren nur die beiden Besten nach Wertung in die Stichkämpfe einbezogen. Während bei der Schnellschach-Weltmeisterschaft eine Diskussion aufkam, weil Magnus Carlsen betroffen war und im norwegischen Fernsehen dazu im Anschluss kritische Anmerkungen machte, schien das zweite Turnier harmonischer zu enden. Bei der Blitz-Weltmeisterschaft war es so, dass Alireza Firozja durch einen beeindruckenden Schlussspurt noch zu den zwei Führenden aufschloss, aber die deutlich schlechtere Wertung aufwies.
Eröffnungen
Natürlich kam es immer wieder zu spannenden Eröffnungsduellen. Als Beispiel soll uns die Blitzpartie zwischen Alireza Firouzja und seinem ehemaligen Landsmann Parham Maghsoodloo dienen. Dort brachte Parham ein deutschen Schachfans inzwischen bekanntes Springeropfer auf f7, welches er schnell vortrug. Diese „Remis-Variante“ hatten Vincent Keymer und Jonas Buhl Bjerre erst kürzlich gespielt. Entscheidend ist, dass man nach 16….Kxf7 17.Db3 den Zug 17...c4! kennt. Danach sollte die Partie Remis enden. Allerdings sind die Dinge doch nicht so einfach bei bester Verteidigung, wie Vincent später in seiner Partie feststellen musste. Alireza verzichtete auf die Annahme des Springeropfers und geriet sofort in eine schlechtere Stellung. Sein Gegner gab ihm eine Chance, diese aber konnte der sichtlich konsternierte Neu-Franzose nicht nutzen.
Partie Maghsoodloo – Firouzja
Jeder findet sicherlich zu seinen Lieblingseröffnungen einige interessante Partien, aber der Trend zu immer kürzeren Bedenkzeiten – erst kürzlich spielten zwei Spieler mit beneidenswert üppiger Zeitausstattung noch um den WM-Titel – macht eine andere Partiephase wichtiger. Das Endspiel. Einige Beispiele dazu sollen für praktische Fragen in Turnierpartien stehen und dazu dienen, vorhandenes Wissen etwas aufzufrischen. Neben theoretischen Endspielen kamen sowohl in Sittges als auch in Warschau viele spannende Endspiele auf den Tisch.
Rechenaufgaben
Ein überraschender Unfall ereignete sich in der siebten Runde in Sittges. Der 17-jährige Inder Nihal Sarin spielte ein Bauernendspiel zunächst hervorragend und sollte gewinnen. In der entscheidenden Stellung zog er jedoch zu schnell und hätte das entstehende Endspiel sogar fast noch verloren, da sein Gegner einen nicht mehr aufzuhaltenden Freibauern bilden konnte. Nach seinem Fehler gelang es Nihal jedoch sehenswert die Partie zu halten. Das Endspiel eignet sich sicherlich zum Rechentraining und dient als Warnung.
Partie Nihal Sarin – Kacharava
Entscheidungspartien im Endspiel
Dem späteren Turniersieger und Spieler der Stunde, Nodirbek Abdusattorov (17), gelang in der Schlussrunde gegen den Inder Pranav ein überzeugender Endspielvortrag in einem Endspiel mit Türmen und gleichfarbigen Läufern. Das war jedoch erst der Auftakt an dem Tag.
Nodirbek Abdussatorov
Partie Abdusattorov – Pranav
Als entscheidend für den Turnierausgang erwies sich ein Turmendspiel zwischen Nodirbek Abdusattorov und Dmitrij Kollars. Das Endspiel verlief bei knapper Bedenkzeit nicht fehlerfrei und enthielt so einige nicht nur für Amateure lehrreiche Momente. Dass man in einer anderen Disziplin (Blitz) das Preisgeld für ein 10-tägiges Turnier vergibt, ist zumindest aus meiner Sicht nicht sehr glücklich.
Partie Abdusattorov – Kollars
Auswahl Turmendspiele
Sogar talentierte junge Meister können unter Zeitdruck irren. In einer theoretisch bekannten Stellung passierten dem 18-jährigen Alireza Firouzja und seinem ein Jahr älteren Gegner bei der Rapid-WM mehrfach Fehler. Weiß muss hier seinen König nach h6 transferieren, um seinen g-Bauern zu unterstützen. Wer sich für den Endspiel-Typ mit abgeschnittenem König interessiert, der kann sich die Partien Vallejo Pons gegen Ganguly, Bangkok 2016, und Sasikiran – Aronian, Bursa 2010, anschauen.
Alireza Firouzja
Partie Firouzja – Shevchenko
In einer anderen Partie in Sitges gelang es dem Angreifer ein Turmendspiel mit vier gegen drei Bauern auf einem Flügel zu gewinnen. Dabei spielte Ermüdung bei knapper Bedenkzeit eine wichtige Rolle. Der 16-jährige Verteidiger aus Aserbaidschan agierte lange Zeit souverän, ihm unterlief allerdings im 99. Zug ein grober Fehler. Sein Landsmann Mahammad Muradli (18) verlor einige Tage später gegen Timur Gareyev bei der Schnellschach-Weltmeisterschaft nach einem völlig missglückten Gewinnversuch. Ein anderes Endspiel, das durch die knappe Zeit entschieden wurde, stammt ebenfalls aus der Schnellschach-WM. In diesen drei Partien gewann übrigens jeweils der ältere Spieler.
Der erste Teil von Karsten Müllers Trainingsreihe kann ganz ohne Endspielvorkenntnisse in Angriff genommen werden, nur die Beherrschung der Schachregeln wird vorausgesetzt. Aber auch für manch einen Vereinsspieler wird dieser Kurs eine willkommene Auffrischung bedeuten, was ein Blick in den Inhalt belegt. Das Themenspektrum reicht vom Mattsetzen mit der Dame, dem Turm oder zwei Läufern bis hin zum Matt mit Läufer und Springer. Dazu werden die Grundlagen der Bauernendspiele sowie der Endspiele Springer gegen Bauern, Läufer gegen Bauern, Läufer gegen Springer, Dame gegen Bauern, der Springer- und Läuferendspiele sowie der gleichfarbigen und ungleichfarbigen Läuferendspiele vermittelt. Über 5 Stunden Videospielzeit.
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Turmendspiele mit Freibauern auf einer Seite enden oft in spannenden Rennen. Die materiell angeschlagene Seite opfert dabei den Turm für den letzten Freibauern und setzt auf seine Bauern auf der anderen Seite. Die Aufgabe des Spielers mit dem Mehrturm besteht dann darin, seinen König schnellstmöglich heranzuführen und die gegnerischen Bauern am Vormarsch zu hindern. Dabei kommt es oft auf Details an. Murali Karthikeyan gelang es in Sitges nicht gegen zwei verbundene Bauern zu gewinnen. Kürzlich hatte Jorden Van Foreest ein wichtiges Endspiel mit Turm gegen drei verbundene Bauern gespielt und letztlich gewonnen. Die dritte Partie, diesmal mit zwei Bauern gegen den Turm stammt ebenfalls von der Schnellschach-Weltmeisterschaft.
Partie Rios - Karthikeyan
Partie Van Foreest – Borisek
Partie Szpar – Vakhidov
Die betrachteten Endspiele zeigen wie schwierig es ist, die letzte Partiephase fehlerfrei zu meistern. Die Mischung aus Wissen und der Notwendigkeit lange Varianten unter Zeitdruck zu berechnen sollten der Schreiber dieser Zeilen und vermutlich viele Leser zu mehr Aufmerksamkeit in Endspielen motivieren. Karsten Müller wird es freuen.
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