"20% Talent, 80% Training" - Interview mit Maria Schöne

26.11.2009 – Maria Schöne ist eine von inzwischen vier Frauen, die derzeit in der Schachbundesliga aktiv sind. Neben Almira Skripchenko, die schon seit längerem für Werder Bremen punktet, spielen nun auch Anna Muzychuk und Elisabeth Pähtz für Eppingen. Maria Schöne stieg mit Erfurt in die erste Liga auf, konnte bisher aber noch nicht gewinnbringend eingreifen. Anlässlich ihrer Teilnahme bei der ND-Frauengala (Do, 26.11) sprach Dr. René Gralla mit der angehenden Psychologin u.a. über die unterschiedlichen Leistungen von Männern und Frauen beim Schach und auch den möglichen Einfluss von psychologischen Faktoren. Interview beim ND...Nachdruck...

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Das Interview erschien in der Tageszeitung "Neues Deutschland".

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung 

 

DR. RENÉ GRALLA: Die Öffentlichkeit hat den Eindruck, dass Schachspieler anders als der Rest der Bevölkerung ticken, dass die Brettstrategen im Grunde eine Macke haben.

MARIA SCHÖNE: Sicher gibt es einige Schachspieler, die eine „Macke“ haben, die also eigenbrötlerisch und egozentrisch wirken – wenn Sie das mit „Macke“ meinen?! Für dieses Verhalten ist Schach aber nicht die alleinige Ursache, sondern da spielen individuell immer noch viele andere Faktoren mit hinein. Und wenn Psychologen Schachspieler therapieren, dann aufgrund einer psychischen Erkrankung und nicht aufgrund des Schachs!

DR. R.GRALLA: Nehmen wir den Fall des 2008 verstorbenen Ex-Weltmeisters Bobby Fischer. War der gebürtige US-Amerikaner, der durch Verfolgungswahn  auffiel und manchmal jahrelang abtauchte, denn nicht der Prototyp des monomanischen und irren Schachspielers?
MARIA SCHÖNE: Das Wort „irre“ finde ich beleidigend – so würde ich Bobby Fischer nicht bezeichnen. Ich weiß nicht, an was für psychischen Problemen er genau gelitten hat, aber ich denke nicht, dass sich diese allein durch das Schachspiel entwickelt haben, sondern dass Schach sein schon immer etwas eigentümliches Verhalten verstärkt, aber eben nicht verursacht hat. Das ist ein gewaltiger Unterschied.

DR. R.GRALLA: Schachspieler sind aus Sicht der Laienöffentlichkeit  extrem kopfgesteuert. Ist das aus psychologischer Sicht ein Erklärungsgrund dafür, dass derart verkopfte Personen im zwischenmenschlichen Bereich auf Außenstehende oft gehemmt bis kontaktgestört wirken?

MARIA SCHÖNE:  Hä, wieso sollten Schachspieler kopfgesteuert sein?! Nur weil sie während der Partie Unmengen von Varianten berechnen, heißt das nicht, dass sie auch in allen anderen Lebensbereichen so rational vorgehen. Ich kenne viele Schachspieler, die „normal“ eine Familie gegründet haben. Leute, denen das schwer fällt, gibt’s in jeder anderen Sportart auch. Sie haben ja nichts als Vorurteile gegenüber Schachspielern. (lacht)

DR. R.GRALLA: Warum haben denn viele Schachspieler – und hier  insbesondere die Männer – offenkundige Probleme mit Beziehungen zum anderen Geschlecht?! Oder ist auch das bloß ein Vorurteil?
MARIA SCHÖNE:  Das ist meiner Meinung nach wieder ein Vorurteil. Hier spielt weniger das nichtvorhandene „Kopfgesteuertsein“ als vielmehr der unübliche Lebensstil von Schachspielern eine Rolle. Schachspieler sind Nachtmenschen und haben eine eher lockere Lebenseinstellung. Damit muss man als Partner erst mal klar kommen. Der Großteil der männlichen Schachspieler nimmt aber schon Beziehungen zum anderen Geschlecht auf. (lacht)

DR. R.GRALLA:  Trotzdem scheinen die Männer der Schachszene, was emotionale Beziehungen angeht, nach unseren Beobachtungen deutlich mehr Probleme mit Frauen zu haben, als umgekehrt die Schach spielenden Frauen  mit Männern. Wie erklären Sie diesen Unterschied?   
MARIA SCHÖNE:  Das liegt, denke ich, daran, dass es bedeutend weniger weibliche als männliche Schachspieler gibt; die Frauenquote liegt - glaube ich - bei drei Prozent. Demzufolge gibt es - absolut betrachtet - mehr Männer, die Junggeselle bleiben … und voilà, der augenscheinliche Geschlechterunterschied ist da.


Zusammen mit Sarah Hoolt

DR. R.GRALLA: Emanuel Lasker, der bisher einzige deutsche Weltmeister von 1894 bis 1921, hat behauptet, dass auch Psychologie über den Ausgang einer Partie entscheidet …
MARIA SCHÖNE: … dem stimme ich zu. Um kreative Ideen am Brett finden und verzweigte Varianten sauber durchrechnen zu können, darf man sich von nichts ablenken lassen, während man am Brett sitzt. Sprich: man muss gute Nerven haben.

DR. R.GRALLA:  Gegenüber der Position von Lasker, der - wie auch viele  nach ihm - die Bedeutung psychologischer Faktoren für den Ausgang einer Partie betont hat, bezieht der Deutsche Großmeister und einstige WM-Kandidat Dr. Robert Hübner die Gegenposition. Hübner rekurriert auf den mathematischen Charakter des Spiels und hält den Einfluss psychologischer Faktoren für gering, wenn nicht gar für zu vernachlässigen. Ihre Meinung zur Position von Hübner?

MARIA SCHÖNE:  Variantenberechnung hat zwar natürlich einen mathematischen Charakter, aber um dazu in der Lage zu sein, braucht man Motivation, Konzentrationsfähigkeit und so weiter – eben psychologische Faktoren.

DR. R.GRALLA:  Aber hat Hübner nicht vielleicht doch recht? Manche Züge sind gut, andere schlecht. Das ist rechnerisch bestimmbar, sonst würden  Computer inzwischen nicht sogar  die Topstars schlagen. Wie soll da die Psychologie zusätzlich zum Tragen kommen?
MARIA SCHÖNE:  Wenn ein Zug objektiv betrachtet schlecht ist, muss der Gegner erst mal die Widerlegung finden. Wenn dem Gegner aber der Charakter der Stellung nicht liegt, fällt ihm das umso schwerer. Deswegen ist es psychologisch schlau, eine Variante zu spielen, die der Gegner nicht leiden kann.

DR. R.GRALLA:  Laskers Kernthese war: Es sei nicht wichtig, den objektiv besten Zug zu machen. Es sei wichtig, den für den jeweiligen Gegner unangenehmsten Zug zu machen. Klingt gut - aber wie soll das funktionieren?! Okay, wenn ich Partien des Gegners studiere, sehe ich, was früher mal für den Betreffenden unangenehm gewesen war  in bestimmten, aber – sic! – bereits vergangenen Situationen. Doch die nächste Partie ist wieder neu: Wie soll ich da wissen, was in den dann anstehenden  neuen Situationen für den Gegner jeweils  unangenehm sein wird?!
MARIA SCHÖNE:  Jene Stellungstypen, die einem Schachspieler unangenehm sind, ändern sich nicht so schnell. Wenn ich weiß, gegen welche Strukturen mein Gegner bisher schlechte Ergebnisse erzielt hat, sollte ich diese anstreben.

DR. R.GRALLA:  Kann man die Spieler typisieren? So dass man denen dann auch bestimmte Stellungstypen zuordnen kann, die ihnen liegen, und andere Stellungstypen, die ihnen nicht liegen?
MARIA SCHÖNE:  Ja, zum Beispiel mögen die einen taktisch verwickelte Stellungen, wo das Brett „brennt“ und man sehr viel rechnen muss. Und andere Spieler mögen lieber ruhige Positionen, bei denen man eher ein gutes strategisches Verständnis haben muss.

DR. R.GRALLA:  Kommt denn Ihnen das Psychologiestudium zu Gute bei der Punktejagd?
MARIA SCHÖNE:  Konkret nicht, eher allgemein, weil ich mich durch das Studium ja persönlich weiter entwickele. So bin ich, denke ich, selbstbewusster geworden.

DR. R.GRALLA:  Gibt es Unterschiede in der psychologischen Beeinflussbarkeit von Frauen und Männern? Lassen sich Frauen oder Männer leichter beeinflussen?
MARIA SCHÖNE:  Ich denke, dass sich Frauen generell mehr Gedanken über alles Mögliche machen und sich demzufolge nicht so leicht ausschließlich auf die Partie konzentrieren können wie Männer. Somit lassen sie sich leichter von äußeren Einflüssen ablenken, und das kann leicht der Qualität der Partie schaden.

DR. R.GRALLA:  Wovon lassen sich denn die Männer beeinflussen?
MARIA SCHÖNE:  Natürlich haben auch Männer noch andere Sachen im Kopf als Frauen, aber sie können diese während der Schachpartie besser ausblenden, nehme ich an.

DR. R.GRALLA:  Sie sind eine der wenigen deutschen Frauen in der Schachbundesliga. Warum gibt es da so wenige heimische Vertreterinnen?
MARIA SCHÖNE:  Weil das Niveau sehr hoch ist und es in Deutschland sowie auf der ganzen Welt viel mehr Männer gibt, die stärker Schach spielen als Frauen. Letztens habe ich aber gelesen, dass das nicht daran liegt, dass Männer einfach für diese Sportart prädestiniert sind, sondern dass es viel weniger Schach spielende Frauen gibt. Demzufolge spielen Männer besser, wenn man das Ganze in absoluten Zahlen betrachtet, nicht aber relativ.

DR. R.GRALLA:  Sind die deutschen Frauen mehrheitlich wirklich schlechter als ihre Geschlechtsgenossinnen aus Osteuropa?
MARIA SCHÖNE:  Ja. Ich möchte zwei mögliche Gründe anführen. Zum einen wird Schach in Osteuropa ganz anders gefördert, da gibt es zum Beispiel mehr Trainingsangebote als in Deutschland. Zum anderen gilt auch beim Schach wie in jeder anderen Sportart: 20 Prozent Talent, 80 Prozent Training, und bei uns steht in der Regel  Schule beziehungsweise Arbeit an erster Stelle, so dass oft leider wenig Zeit für Schach bleibt.

DR. R.GRALLA:  Wie ist Ihr Start für Erfurt in die Bundesliga gewesen?
MARIA SCHÖNE:  Punktemäßig für mich persönlich nicht gut: ich habe bis jetzt null Punkte aus vier Runden. Erfahrungsmäßig dafür umso mehr, weil ich sehr viel gelernt habe. Ich hoffe aber, dass ich noch den einen oder anderen Punkt für mein Team beisteuern kann. Auf alle Fälle ist es eine große Ehre für mich, in der Ersten Männer-Bundesliga spielen zu dürfen, und ich freue mich, diese Chance bekommen zu haben.

DR. R.GRALLA:  Was war  los bei verpatzten Saisonauftakt?!
MARIA SCHÖNE:  Tja, ich war zu schlecht.

DR. R.GRALLA: Was müssen Sie besser machen?
MARIA SCHÖNE:  Ich muss mehr trainieren.

DR. R.GRALLA:  Wie schätzen Sie Ihre Chancen bei der Internationalen ND-Schnellschachgala ein?
MARIA SCHÖNE:  Durchwachsen. Mein Ziel ist es, qualitativ hochwertige und interessante Partien zu spielen, und wenn mir das gelingt, bin ich auch mit dem Ergebnis zufrieden.

DR. R.GRALLA:  Werden Sie auch Psychotricks einsetzen?

MARIA SCHÖNE:  Nein, ich konzentriere mich aufs Schach spielen.

 

 

 

 

 

 

 



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