"All you need is luck!"<br>

26.09.2006 – Gestern zeigte sich Ian Rogers in seinem Artikel im Syney Morning Herald literarisch beschlagen, als er mit John Lennons Songtitel "Give piece (peace) a chance!" seinen Lesern den Wettkampf um die Schachweltmeiserschaft vorstellte. Heute antwortet. Misha Savinov, der sich im Pressezentum in Elista befindet, mit einem anderen Zitat in Anspielung auf die Beatles "All you need is luck", lautet sein Fazit der Ereignisse der ersten beiden Wettkampftage. Veselin Topalov hatte sicher bisher keins und Vladimir Kramnik muss sich Sorgen machen, ob er sein Quantum an ebensolchem nicht schon komplett aufgebraucht hat. Misha Savinov gibt ein Stimmungsbild der ersten Tage, die auch für die Journalisten (Foto: Eugeny Atarov) sehr anstrengend waren. Nach dem gestrigen von vielen dringend benötigten Ruhetag, wird man in der heutigen dritten Wettkampfpartie (Beginn 13 Uhr MESZ, live auf dem Fritzserver) sehen, in welche Richtung die Dinge sich weiter bewegen. Mehr...

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"All You need is luck"
Von Misha Savinov

Die erste Partie des Wiedervereinigungswettkampfes wurde am Samstag gespielt. Unsere Arbeit begann früh am Morgen mit einer Photosession mit dem FIDE-Präsidium. Die großen Schachbosse sahen ein wenig schläfrig aus. Später treffen sie dann wichtige Entscheidungen über die Organisation der Kandidatenturniere in Elista, spielen eine Partie Fußball und verlassen die Stadt (obwohl manche Präsidiumsmitglieder auch dageblieben sind, um ein paar Partien zu verfolgen).


Präsidiumssitzung


Maxim Dlugy

"Das Pressezentrum schwirrte wie ein aufgescheuchter Bienenstock."

Diese Standardphrase aus den Sowjetzeiten des Journalismus wurde so oft gebraucht, dass sie zum Klischee geronnen ist. So weit ich mich an das erinnere, was ich über Verhaltensforschung gelernt habe, ist ein Bienenstock ein sehr gut organisiertes Gebilde, wodurch es sich eindeutig nicht mit Pressezentren vergleichen lässt. Außerdem summt ein Bienenstock ziemlich monoton, während Pressezentren eher nach Verkehrsstau klingen. Sollte ich versuchen, das Pressenzentrum in Elista mit einem Verkehrsstau zu vergleichen? Jeder ist ungeduldig und will etwas, und es gibt viele Verkehrspolizisten, die nichts tun. Allerdings gab es in der Sowjetunion auch mehr Bienenstöcke als Verkehrsstaus.

 
Dirk Jan ten Geuzendam von New in Chess



Um mit den Verkehrsstaus zu einem Ende zu kommen (meine Güte, was für ein Thema in einem Artikel über Schach! Und ich habe nicht einmal einen Führerschein), so gab es einen sehr aktiven, direkt unter der Bühne, der aus Journalisten und Fotografen bestand. Die Sicherheitsleute taten ihr Bestes, um zu verhindern, dass wir ein Foto von dem historischen Handschlag der Spieler vor der ersten Partie machen konnten. Nur als sich Vladimir und Veselin begrüßten und begannen, die Hände der umstehenden VIP-Gäste zu schütteln, wurde den Medien gestattet, auf die Bühne zu kommen, zornig wie ein aufgescheuchter Bienenschwarm ©.

Mr. Geurt Gijssen war so freundlich, uns beinahe 7 Minuten Blitzlichtarbeit zu gestatten – vielleicht deshalb, weil die Spieler ihre ersten Züge im Blitztempo aufs Brett feuerten und ziemlich bald die Hälfte ihrer Figuren abgetauscht hatten, und sie so durch das, was um sie herum geschah, nicht von der Erinnerung an ihre Vorbereitung abgelenkt werden konnten.



Vladimir Kramnik sieht einfach großartig aus. Hoch gewachsen, aristokratisch, tadellos gekleidet, könnte er auch eine erfolgreiche Karriere als Dressman machen. Er scheint in guter körperlicher Verfassung zu sein. Am Brett ist Vlad entspannt und zuversichtlich.

Veselin sieht erschöpfter aus. Nach ein oder zwei Zügen zieht er sein Jackett aus, seine Augen bewegen sich ruhelos, er springt aus dem Sessel und eilt in seinen Ruheraum. Kramnik zieht langsamer und bedächtiger und spielt entsprechend.

Das gleiche gilt für das Team der Spieler. Von Topalovs Sekundanten war keiner zu sehen, während die Großmeister Illescas und Rublevsky, sowie Doctor Krylov das Pressezentrum häufig besuchen. Der russische Meister Sergey Rublevsky übernahm dabei die aktivste Rolle und diskutierte die Partie mit Alexander Zhukov, dem Russischen Vize-Premierminister und dem Präsidenten des Russischen Schachverbandes.


Rublevsky und Zhukov, dahinter Alexander Bach

Im Ernst, Zhukov ist ein starker Meisterkandidat! Symbolisch führte er den ersten Zug 1.d2-d4 aus, ging zur Pressekonferenz und ließ sich dann im Pressezentrum nieder, um die Partie zu verfolgen.



Die Partie war so fesselnd, dass er sein Programm änderte und nicht zur Eröffnung eines neuen Tenniszentrums in Elista ging. Später nahm er an einem Fußballspiel im Uralan Stadion teil und erzielte das Siegtor. Ja, es war ein Elfmeter, aber Evgeny Atarov, der dort die Fotos machte, erzählte mir, dass der Elfmeter zu Recht gegeben wurde.

Da Sie wissen, wie die erste Partie verlief, überspringe ich diesen Teil und teile einfach nur meine Eindrücke von der anschließenden Pressekonferenz mit. Topalov sah vollkommen schockiert aus. Er saß nach vorne gebeugt da und starrte vor sich hin.

Die Journalisten trauten sich nicht, ihn allzu sehr zu behelligen und fragten stattdessen Vladimir. Andernfalls hätte man denken können, beide Spieler hätten verloren – Vladimir wirkte ebenfalls niedergeschlagen. Nur eine provozierende Frage, ob er Mitleid mit seinem Gegner hätte, sorgte bei ihm für ausreichend Heiterkeit, um einen Witz machen zu können...





Ich überspringe auch, wie Ernesto Inarkiev, Evgeny Atarov und ich bis 10 Uhr morgens am ersten Turnierbulletin gearbeitet haben. Das war ein wenig ermüdend, aber niemand hatte uns ja den Himmel auf Erden versprochen.

Die zweite Partie begann in einer weniger überfüllten Halle mit sehr viel weniger Sicherheitskräften. Nein, der Wettkampf war nicht verlegt worden – die hochrangigen Funktionäre hatten einfach nur die Stadt verlassen. Veselin kam zehn Minuten vor Beginn auf die Bühne. Er setzte sich, rückte seine Figuren zurecht und plötzlich hörten wir alle einen nervtötenden Piepston.

Dann wieder. Er war laut und störend. Veselin wandte sich an Mr. Gijssen und sprach einige Sekunden mit ihm. ‘Tun Sie alles, was Sie können, um herauszufinden, wo das Geräusch herkommt und stellen Sie es ab!’

Der Bulgare verließ eiligst den Raum, während Geurt, Techniker und Freiwillige hastig begannen, die Bühne abzusuchen. Mit Erfolg – der Piepston wurde von dem Überwachungssystem ausgelöst, das die Kameras in den Ruheräumen der Spieler steuerte. Die Kameras wurden abgestellt, um das Problem zu beheben. Später am gleichen Tag fand man eine Alternativmöglichkeit, um das Signal zu übertragen.

Topalov kehrte ans Brett zurück und meditierte für eine Weile. Danach hatte er Sehnsucht nach seinem Gegner. Veselin schaute auf seine Armbanduhr, um dann den Schiedsrichter zu rufen.

Nein, Kramnik war nicht zu spät. Er kam um Punkt 2:59 an, stilvoll wie ein König. Vielleicht ist er ein König.

Vlad nahm im zweiten Zug nicht auf c4, womit wir gerechnet hatten, da Rublevsky Teil seines Teams ist. Nachdem Kramnik Lg6 gespielt hatte, zog er sein Jackett aus, ohne sich aus seinem Sessel zu erheben. Die Partie wurde heiß.

 

Großmeister Ernesto Inarkiev, der gerade einen Alleinsieg in der Oberen Russischen Liga feiern konnte, ist offizieller Wettkampfkommentator. Seine Arbeit verdient höchstes Lob. Stellen Sie sich vor: Zusammen mit den Spielern beginnt Ernesto um drei Uhr nachmittags zu arbeiten, er schreibt Expresskommentare für die offizielle Wettkampfseite (verfügbar im pgn-Format) und für die Zuschauer außerhalb des Spiellokals. Dann besucht er die Pressekonferenz und beginnt die Arbeit an detaillierten Anmerkungen. Er beendete die Niederschrift der Analyse der zweiten Partie gegen 8 Uhr morgens.

Sie haben die Partien gesehen; denken Sie daran, dass Ernesto Mark Dvoretsky-Schüler ist und sich deshalb nie irgendeine Nachlässigkeit in der Analyse durchgehen lassen wird. Er arbeitet so lange, wie es nötig ist, um qualitativ hochwertige Kommentare abzugeben. Ich möchte keine Namen nennen, aber manche GM und IM, die Kommentare schreiben, tun das so, wie es jeder Spieler mit 1800 Elo tun könnte: sie übernehmen die erste Variante des Computers und verzieren sie mit allgemein nichts sagenden Kommentaren. Ich empfehle Ihnen, einen Blick auf die Anmerkungen von Inarkiev zu werfen, damit Sie sehen, wie hart umkämpft dieser Wettkampf ist.

‘Natürlich, für einen durchschnittlichen Großmeister wie mich ist das Format der Knock-Out Weltmeisterschaft günstiger, – verrät Ernesto, – aber hier erst habe ich begriffen, was ein Wettkampf um den Titel wirklich ist. Das Niveau der Partien ist einfach unvorstellbar! Es wird viel über Patzer geredet, aber glauben Sie mir – sie spielen phantastisches Schach! Ich denke, der Weltmeister sollte wirklich in einem Wettkampf ermittelt werden.’

 

Nebenbei bemerkt, ein paar Worte über diese ‘Patzer des neuen Jahrtausends’ (hat irgendjemand ein Copyright darauf angemeldet?), als beide Spieler Txg4+ und Dc7 übersehen haben. Dieses Versehen wurde von denjenigen, die eine Engine benutzten, sofort bemerkt. Allerdings gab es eine ganze Reihe von Großmeistern, die die Partie ohne Computerhilfe verfolgt haben, und die Dc7 ebenfalls nicht sahen – Inarkiev, Azmaiparashvili, Dlugy, Sambuev... Wohlgemerkt, dies war nicht unbedingt ein offensichtlicher Zug, zumindest nicht für diejenigen, die ihr eigenes Gehirn benutzten.

Nach der Partie sah Topalov enttäuscht, aber nicht erschüttert aus. Dies war etwas ganz anderes als sein Verhalten nach der ersten Niederlage. Die Art und Weise, wie sich beide Partien entwickelten, ist natürlich ziemlich ermutigend für den Bulgaren, da er Kramnik überspielen konnte und so eine gewisse psychologische Initiative gewann. Andererseits, in dem Spiel um den Europäischen Supercup hat Barcelona Sevilla in Bezug auf Ballbesitz und Angriffsschwung ebenfalls überspielt, aber die Spieler von Sevilla behielten kühlen Kopf und konterten mit teuflischer Präzision. Die Partie endete 3-0 zu ihren Gunsten...

Ein Paradox des augenblicklichen Standes von 2-0 besteht darin, dass der Wettkampf ausgeglichen wäre, wenn Kramnik in den kritischen Momenten tiefer gerechnet hätte. In der ersten Partie unterschätzte Vladimir die Gefahren seiner Stellung und wickelte in ein schlechteres Endspiel ab anstatt das Remis zu forcieren. In der zweiten Partie übersah er Txg4 und entschied sich für Lxf8, wohingegen Kxf8 Topalov wahrscheinlich gezwungen hätte, das Remis zu forcieren, wie der Bulgare auf der Pressekonferenz einräumte… Glück, Glück, Glück. Alles, was man braucht, ist Glück?!

 

 

 

 



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