"All You need is luck"
Von Misha Savinov
Die erste Partie des
Wiedervereinigungswettkampfes wurde am Samstag gespielt. Unsere Arbeit begann
früh am Morgen mit einer Photosession mit dem FIDE-Präsidium. Die großen
Schachbosse sahen ein wenig schläfrig aus. Später treffen sie dann wichtige
Entscheidungen über die Organisation der Kandidatenturniere in Elista, spielen
eine Partie Fußball und verlassen die Stadt (obwohl manche Präsidiumsmitglieder
auch dageblieben sind, um ein paar Partien zu verfolgen).

Präsidiumssitzung

Maxim Dlugy
"Das Pressezentrum schwirrte wie ein
aufgescheuchter Bienenstock."
Diese Standardphrase aus den Sowjetzeiten des Journalismus wurde so oft
gebraucht, dass sie zum Klischee geronnen ist. So weit ich mich an das erinnere,
was ich über Verhaltensforschung gelernt habe, ist ein Bienenstock ein sehr gut
organisiertes Gebilde, wodurch es sich eindeutig nicht mit Pressezentren
vergleichen lässt. Außerdem summt ein Bienenstock ziemlich monoton, während
Pressezentren eher nach Verkehrsstau klingen. Sollte ich versuchen, das
Pressenzentrum in Elista mit einem Verkehrsstau zu vergleichen? Jeder ist
ungeduldig und will etwas, und es gibt viele Verkehrspolizisten, die nichts tun.
Allerdings gab es in der Sowjetunion auch mehr Bienenstöcke als Verkehrsstaus.


Dirk Jan ten Geuzendam von New in Chess



Um mit den Verkehrsstaus zu einem Ende zu
kommen (meine Güte, was für ein Thema in einem Artikel über Schach! Und ich habe
nicht einmal einen Führerschein), so gab es einen sehr aktiven, direkt unter der
Bühne, der aus Journalisten und Fotografen bestand. Die Sicherheitsleute taten
ihr Bestes, um zu verhindern, dass wir ein Foto von dem historischen Handschlag
der Spieler vor der ersten Partie machen konnten. Nur als sich Vladimir und
Veselin begrüßten und begannen, die Hände der umstehenden VIP-Gäste zu
schütteln, wurde den Medien gestattet, auf die Bühne zu kommen, zornig wie ein
aufgescheuchter Bienenschwarm ©.
Mr. Geurt Gijssen war so freundlich, uns
beinahe 7 Minuten Blitzlichtarbeit zu gestatten – vielleicht deshalb, weil die
Spieler ihre ersten Züge im Blitztempo aufs Brett feuerten und ziemlich bald die
Hälfte ihrer Figuren abgetauscht hatten, und sie so durch das, was um sie herum
geschah, nicht von der Erinnerung an ihre Vorbereitung abgelenkt werden konnten.

Vladimir Kramnik sieht einfach großartig aus. Hoch gewachsen, aristokratisch,
tadellos gekleidet, könnte er auch eine erfolgreiche Karriere als Dressman
machen. Er scheint in guter körperlicher Verfassung zu sein. Am Brett ist Vlad
entspannt und zuversichtlich.

Veselin sieht erschöpfter aus. Nach ein oder
zwei Zügen zieht er sein Jackett aus, seine Augen bewegen sich ruhelos, er
springt aus dem Sessel und eilt in seinen Ruheraum. Kramnik zieht langsamer und
bedächtiger und spielt entsprechend.
Das gleiche gilt für das Team der Spieler.
Von Topalovs Sekundanten war keiner zu sehen, während die Großmeister Illescas
und Rublevsky, sowie Doctor Krylov das Pressezentrum häufig besuchen. Der
russische Meister Sergey Rublevsky übernahm dabei die aktivste Rolle und
diskutierte die Partie mit Alexander Zhukov, dem Russischen Vize-Premierminister
und dem Präsidenten des Russischen Schachverbandes.

Rublevsky und Zhukov, dahinter Alexander Bach
Im Ernst, Zhukov ist ein starker
Meisterkandidat! Symbolisch führte er den ersten Zug 1.d2-d4 aus, ging zur
Pressekonferenz und ließ sich dann im Pressezentrum nieder, um die Partie zu
verfolgen.


Die Partie war so fesselnd, dass er sein
Programm änderte und nicht zur Eröffnung eines neuen Tenniszentrums in Elista
ging. Später nahm er an einem Fußballspiel im Uralan Stadion teil und erzielte
das Siegtor. Ja, es war ein Elfmeter, aber Evgeny Atarov, der dort die Fotos
machte, erzählte mir, dass der Elfmeter zu Recht gegeben wurde.
Da Sie wissen, wie die erste Partie verlief,
überspringe ich diesen Teil und teile einfach nur meine Eindrücke von der
anschließenden Pressekonferenz mit. Topalov sah vollkommen schockiert aus. Er
saß nach vorne gebeugt da und starrte vor sich hin.


Die Journalisten trauten sich nicht, ihn
allzu sehr zu behelligen und fragten stattdessen Vladimir. Andernfalls hätte man
denken können, beide Spieler hätten verloren – Vladimir wirkte ebenfalls
niedergeschlagen. Nur eine provozierende Frage, ob er Mitleid mit seinem Gegner
hätte, sorgte bei ihm für ausreichend Heiterkeit, um einen Witz machen zu
können...




Ich überspringe auch, wie Ernesto Inarkiev,
Evgeny Atarov und ich bis 10 Uhr morgens am ersten Turnierbulletin gearbeitet
haben. Das war ein wenig ermüdend, aber niemand hatte uns ja den Himmel auf
Erden versprochen.

Die zweite Partie begann in einer weniger
überfüllten Halle mit sehr viel weniger Sicherheitskräften. Nein, der Wettkampf
war nicht verlegt worden – die hochrangigen Funktionäre hatten einfach nur die
Stadt verlassen. Veselin kam zehn Minuten vor Beginn auf die Bühne. Er setzte
sich, rückte seine Figuren zurecht und plötzlich hörten wir alle einen
nervtötenden Piepston.

Dann wieder. Er war laut und störend.
Veselin wandte sich an Mr. Gijssen und sprach einige Sekunden mit ihm. ‘Tun Sie
alles, was Sie können, um herauszufinden, wo das Geräusch herkommt und stellen
Sie es ab!’
Der Bulgare verließ eiligst den Raum,
während Geurt, Techniker und Freiwillige hastig begannen, die Bühne abzusuchen.
Mit Erfolg – der Piepston wurde von dem Überwachungssystem ausgelöst, das die
Kameras in den Ruheräumen der Spieler steuerte. Die Kameras wurden abgestellt,
um das Problem zu beheben. Später am gleichen Tag fand man eine
Alternativmöglichkeit, um das Signal zu übertragen.
Topalov kehrte ans Brett zurück und
meditierte für eine Weile. Danach hatte er Sehnsucht nach seinem Gegner. Veselin
schaute auf seine Armbanduhr, um dann den Schiedsrichter zu rufen.

Nein, Kramnik war nicht zu spät. Er kam um
Punkt 2:59 an, stilvoll wie ein König. Vielleicht ist er ein König.

Vlad nahm im zweiten Zug nicht auf c4, womit
wir gerechnet hatten, da Rublevsky Teil seines Teams ist. Nachdem Kramnik Lg6
gespielt hatte, zog er sein Jackett aus, ohne sich aus seinem Sessel zu erheben.
Die Partie wurde heiß.


Großmeister Ernesto Inarkiev, der gerade
einen Alleinsieg in der Oberen Russischen Liga feiern konnte, ist offizieller
Wettkampfkommentator. Seine Arbeit verdient höchstes Lob. Stellen Sie sich vor:
Zusammen mit den Spielern beginnt Ernesto um drei Uhr nachmittags zu arbeiten,
er schreibt Expresskommentare für die offizielle Wettkampfseite (verfügbar im
pgn-Format) und für die Zuschauer außerhalb des Spiellokals. Dann besucht er die
Pressekonferenz und beginnt die Arbeit an detaillierten Anmerkungen. Er beendete
die Niederschrift der Analyse der zweiten Partie gegen 8 Uhr morgens.
Sie haben die Partien gesehen; denken Sie
daran, dass Ernesto Mark Dvoretsky-Schüler ist und sich deshalb nie irgendeine
Nachlässigkeit in der Analyse durchgehen lassen wird. Er arbeitet so lange, wie
es nötig ist, um qualitativ hochwertige Kommentare abzugeben. Ich möchte keine
Namen nennen, aber manche GM und IM, die Kommentare schreiben, tun das so, wie
es jeder Spieler mit 1800 Elo tun könnte: sie übernehmen die erste Variante des
Computers und verzieren sie mit allgemein nichts sagenden Kommentaren. Ich
empfehle Ihnen, einen Blick auf die Anmerkungen von Inarkiev zu werfen, damit
Sie sehen, wie hart umkämpft dieser Wettkampf ist.
‘Natürlich, für einen durchschnittlichen
Großmeister wie mich ist das Format der Knock-Out Weltmeisterschaft günstiger, –
verrät Ernesto, – aber hier erst habe ich begriffen, was ein Wettkampf um den
Titel wirklich ist. Das Niveau der Partien ist einfach unvorstellbar! Es wird
viel über Patzer geredet, aber glauben Sie mir – sie spielen phantastisches
Schach! Ich denke, der Weltmeister sollte wirklich in einem Wettkampf ermittelt
werden.’
Nebenbei bemerkt, ein paar Worte über diese
‘Patzer des neuen Jahrtausends’ (hat irgendjemand ein Copyright darauf
angemeldet?), als beide Spieler Txg4+ und Dc7 übersehen haben. Dieses Versehen
wurde von denjenigen, die eine Engine benutzten, sofort bemerkt. Allerdings gab
es eine ganze Reihe von Großmeistern, die die Partie ohne Computerhilfe verfolgt
haben, und die Dc7 ebenfalls nicht sahen – Inarkiev, Azmaiparashvili, Dlugy,
Sambuev... Wohlgemerkt, dies war nicht unbedingt ein offensichtlicher Zug,
zumindest nicht für diejenigen, die ihr eigenes Gehirn benutzten.
Nach der Partie sah Topalov enttäuscht, aber
nicht erschüttert aus. Dies war etwas ganz anderes als sein Verhalten nach der
ersten Niederlage. Die Art und Weise, wie sich beide Partien entwickelten, ist
natürlich ziemlich ermutigend für den Bulgaren, da er Kramnik überspielen konnte
und so eine gewisse psychologische Initiative gewann. Andererseits, in dem Spiel
um den Europäischen Supercup hat Barcelona Sevilla in Bezug auf Ballbesitz und
Angriffsschwung ebenfalls überspielt, aber die Spieler von Sevilla behielten
kühlen Kopf und konterten mit teuflischer Präzision. Die Partie endete 3-0 zu
ihren Gunsten...
Ein Paradox des augenblicklichen Standes von
2-0 besteht darin, dass der Wettkampf ausgeglichen wäre, wenn Kramnik in den
kritischen Momenten tiefer gerechnet hätte. In der ersten Partie unterschätzte
Vladimir die Gefahren seiner Stellung und wickelte in ein schlechteres Endspiel
ab anstatt das Remis zu forcieren. In der zweiten Partie übersah er Txg4 und
entschied sich für Lxf8, wohingegen Kxf8 Topalov wahrscheinlich gezwungen hätte,
das Remis zu forcieren, wie der Bulgare auf der Pressekonferenz einräumte…
Glück, Glück, Glück. Alles, was man braucht, ist Glück?!